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Apr

Lang Lang in Stuttgart

Überspielt

Lang Lang im Beethovensaal

Vor ziemlich genau zwei Jahren gab Lang Lang im Beethovensaal einen Klavierabend, der die durch den Medienhype genährten Zweifel, dass hier ein ernstzunehmender Pianist in den Fokus der Musikwelt getreten war, erst einmal zerstreute. Jetzt war Lang Lang erneut am selben Ort zu Gast, und die einstigen Bedenken melden sich mit verstärkter Dringlichkeit zurück. Lang Lang wiederholte das Programm, das er vor einem Jahr im Wiener Musikvereinssaal auf CD einspielte – und in dem Umstand, dass er diese Stücke einfach zu oft gespielt hat, könnte auch ein Grund für den insgesamt enttäuschenden Eindruck dieses Abends liegen.

Schon bei Beethovens C-Dur-Sonate op.2/3 wirkte Lang Lang merkwürdig unkonzentriert, fast innerlich abwesend. Gleich das Eingangsmotiv wirkte rhythmisch unstet, die Durchführung verstärkte den Eindruck einzelner, unzusammenhängender Stellen. Besonders das Adagio litt unter Lang Langs selbstverliebter, willkürlich wirkender Agogik – als hätte er sein Gespür für klassische Periodik und Phrasierung in der Garderobe vergessen. In der „Appassionata“ op. 57 , wo es weniger um Klassizität als um Entfesselung und Verdichtung geht, ließ Lang Lang etwas von der Hingabe spüren, die man von seinem letzten Auftritt noch in Erinnerung hatte. Doch aller pianistischen Grandiosität zum Trotz, mit der er in der Durchführung des ersten Satzes die Themen auftürmte oder den Prestoteil des Finales herunterdonnerte – es blieb ein Rest von Distanz, von Unbeteiligtheit. Dazu passte auch Lang Langs manierierte Gestik, die immer so wirkte, als müsse er für eine imaginäre Fernsehkamera posieren.

Nun wurde Lang Lang wie kein anderer Pianist vor ihm zu einem Medienstar aufgebaut, der auch jenseits der klassischen Musikszene vermarktet wird – es gibt da wenig, was er nicht macht, sein jüngster Coup ist die Musikeinspielung zu „Gran Turismo 5“: einer Playstation-Rennsimulation. Dass er kraft seiner Popularität auch Publikum für seine Auftritte zu interessieren vermag, das nicht zum üblichen Klassikklientel zählt, war daran abzulesen, dass immer wieder zwischen den Sätzen applaudiert wurde. Ungewöhnlich.

Ungewöhnlich ist auch, dass sich Pianisten nichtspanischer Provenienz an der Musik von Isaac Albéniz versuchen – verdankt sich die Idiomatik dieser Musik den Formen spanischer, speziell andalusischer Volksmusik wie Seguidilla, Polo oder Bulerias. Wer deren Rhythmik nicht gut kennt, verfehlt leicht den Kern auch der „Iberia“-Suite – so wie Lang Lang, der die einleitende „Evocación“, in der sich ein sanft schwebender Fandanguillo mit einer Solea mischt, in manierierte Klangflächen ohne inneren Zusammenhang auflöste. Ryhthmisch verwaschen der Polo in „El Puerto“, und in dem imaginierten Prozessionszug des „El Corpus en Sevilla“ traf Lang Lang weder dessen Marschcharakter noch den festlich-hymnischen Tonfall.

Zum Abschluss Prokofjews infernalische siebte Sonate: auch ein Stück, das Lang Lang schon lang, aber eben nicht mehr kurzweilig spielt. Pianistisch untadelig, aber über weite Strecken ausdrucksarm, die extremen Gefühlszustände dieser Musik nur streifend, verpuffte auch die Wirkung der Schlussapotheose nach wenigen Sekunden. Großer Beifall, zwei Chopin-Etuden als Zugabe.

(Stuttgarter Zeitung)

Ein Kommentar vorhanden

  • Andreas Neumann
    17. April 2011 05:18

    Der Abend war traumhaft. Das einzig Schlimme war das Publikum, für welches ich mich geschämt habe. Statt mit dem Pianisten mitzuatmen wurde fleißig gehustet und geschwätzt und zwischen den einzelnen Sätzen applaudiert.
    Ich finde gerade an diesem Abend, gelang es Lang Lang mich auf eine schlichte Art und Weise auf eine wunderbare musikalische Reise mitzunehmen. Lang Lang ist nunmal kein Sokolov, aber für sein Alter ist er ganz weit oben und das nicht nur wegen den Medien. Diese Kritik hat fast schon boshaften Charakter.
    Die zwei wunderbar gespielten Chopin-Etuden haben sich zum Schluss wie ein sanfter Schleieir über das Programm gelegt.

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