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Apr

Die Swing-Legenden Greger, Strasser und Kuhn spielten mit der SWR-Big-Band in Stuttgart

Keine Zigaretten, kein Alkohol, dafür Wandern und Radfahren – so beschreibt Hugo Strasser sein persönliches Gesundheitsprogramm. Neben dem Musizieren, natürlich. Das mag etwas langweilig klingen, scheint bei ihm selber aber gewirkt zu haben. 90 Jahre alt ist er am vergangenen Samstag geworden, und Strasser ist nicht bloß als rüstig zu bezeichnen – nein, wie er da tadellos gekleidet auf der Bühne des ausverkauften Beethovensaals steht, wirkt er wie ein eleganter Herr in den besten Jahren- fast wie zu seinen Zeiten als Leiter seines legendären Tanzorchesters, das jahrzehntelang den Ton angab auf den Tanzbällen der alten Bundesrepublik. Mit 65 Jahren gründete Strasser das Quintett Hot-Five, mit dem er bis heute unterwegs ist, und seit nunmehr zwölf Jahren tourt er mit seinen Kollegen Max Greger und Paul Kuhn als Swing-Legende durchs Land.

Meist war es Max Greger, der dabei den ersten Auftritt hatte, an diesem Abend ist es das Geburtstagskind Strasser, dem zu Ehren die SWR-Bigband zunächst mal eine kleines Ständchen spielt. Er sei froh, meint Strasser, dass er immer noch dabei sei, und fange deshalb auch gleich an zu spielen: „Danny Boy“, „Bei mir bist du schön“, der Ton mag etwas brüchig sein, aber das Timing, wie man die Synkopierungen setzt, das hat er noch immer drauf. Und das ist schließlich das Wichtigste beim Swing.

Dann kommt Max Greger. Wie Strasser ist auch er in München geboren, doch im Gegensatz zum Gentleman Strasser hat er in diesem Trio die Rolle des Entertainers übernommen. Der 86-jährige ist immer noch eine Rampensau, die das Publikum braucht, um zur Hochform aufzulaufen. Die meisten seiner Sprüche kennt man schon – „Wie kann ein Mensch so schön Saxofon spielen?!“ – aber das Publikum quittiert sie dankbar mit Applaus. Greger trägt ein weinrotes Sakko zur dunklen Hose, scherzt ein wenig über sein nachlassendes Kurzzeitgedächtnis und gibt der SWR-Bigband den Einsatz zu Sidney Bechets Klassiker „Petite Fleur“. Er spielt mit dem bekannt rotzigen Ton: alles ein wenig übertrieben, die Backen aufgeblasen, den Oberkörper soweit nach hinten gebeut, wie es die Wirbelsäule noch zulässt. Dazwischen stellt er sich fingerschnippend vor die brillante SWR-Bigband und dirigiert mit, eine alte Bandleadergewohnheit. Die lassen es gerne geschehen, denn ihre Liaison mit dem Altherrentrio ist eine Verbindung zum gegenseitigen Nutzen: eine ausverkaufte Tournee durch große deutsche Konzertsäle wäre für sie ohne die betagten Zugpferde kaum realistisch.

Sogar Paul Kuhn ist in Stuttgart wieder mit dabei. 2008 musste er absagen, und viele haben nicht daran geglaubt, dass der 84-jährige, schon seit langem gesundheitlich angeschlagene Kuhn jemals wieder mit auf Tour gehen könnte. Man erschrickt auch zunächst ein wenig, so schmächtig und blass wirkt Paul Kuhn, als er da von links, ganz langsam und vorsichtig, die Bühne betritt. Fast hat man Angst, die geballte Kraft der Bigbandbläser würde ihn gleich wegfegen. Das Klavier lässt er zunächst links liegen und greift zum Mikrofon. Und es hat etwas ungemein Berührendes, wie dieser alte kleine Mann, einer des Pioniere des deutschen Jazz, mit zunächst etwas wackliger, aber dann doch immer klangvoller werdenden Stimme „Come fly with me“ anstimmt, einer der großen Hits Frank Sinatras. Bei „You don´t mean a thing“ leistet sich Kuhn sogar eine Scateinlage – aber was da, angesichts seiner eingeschränkten vokalen Fähigkeiten zunächst tollkühn anmutet, das biegt der alte Fuchs souverän um ins Humoristische, indem er das Scatten ins Brabbeln und das in ein trocken hingelegtes „Haben Sie eigentlich schon was gegessen?“ münden lässt. Er ist und war kein Sinatra, und das weiß er ganz genau. Aber dass er noch immer ein guter Pianist ist, beweist er gleich darauf in einem entspannten Duett mit Greger zu „In a Sentimental Mood“.

So geht der Abend aufs Kurzweiligste dahin. Die Musiker der SWR-Big-Band setzen die solistischen Highlights, die drei Herren zeigen in verschiedenen Besetzungen bei Klassikern wie „Honeysuckle Rose“, „Tequila“ oder „Moonlight Serenade“ ihr immer noch beträchtliches Können, und am Ende klatschen zu „O when the Saints“ alle mit. Von einer „Abschiedstournee“ ist übrigens, anders als vor vier Jahren, überhaupt keine Rede mehr. „Wir kommen wieder!“ Aber gerne. (Stuttgarter Zeitung)

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