27
Jul

Mozarts „Don Giovanni“ am Opernhaus Stuttgart

Foto: A.T. Schaefer

Weiße Fahne aus dem Souffleurkasten

Oper goes Gesamtkunstwerk: nicht im wagnerschen, sondern im medialen Sinne wagte die Stuttgarter Staatsoper im Verbund mit dem SWR am Mittwoch den Schritt zur Totalvermarktung. Die Premiere von Mozarts Don Giovanni wurde auf allen nur denkbaren Wegen unters Volk gebracht: mit einem Public viewing auf dem Schlossplatz, Livestream im Internet und einer Liveübertragung auf 3sat und im SWR-Fernsehen. Dazu hatte man den Berufsspötter Harald Schmidt als Moderator eingekauft, der in der Pause einige Interviews mit Besuchern und Vertretern aus Kultur und Politik führte. Wer da nicht aufpasste lief Gefahr, gehörig veräppelt zu werden: auch der Stuttgarter OB Wolfgang Schuster zählte zu Schmidts Opfern.

Im Opernhaus selber merkt man von dem ganzen Medienhype wenig, außer den beiden Kameras an den Bühnenseiten ist alles wie bei einer normalen Aufführung.
Heute ist hier Ausverkauf in der Don Giovanni-Boutique, der Chef gibt persönlich den Gastgeber. Prosecco gibt´s umsonst, und so kommen auch die Unterschichtler gern: wann darf man schon mal teure Pelze Probe tragen. Geld bedeutet Macht und Macht taugt zur Verführung, Don Giovanni weiß das ganz genau.
Viel mehr als Geld und ein bisschen Sexappeal ist Don Giovanni in Andrea Moses´ Inszenierung von Mozarts Oper, einer Übernahme vom Theater Bremen, die dort 2010 Premiere hatte, nicht geblieben. Aufrührerisches, Dämonisches gar umgibt ihn nicht – aus dem spanischen Edelmann ist ein Aufschneider geworden, dessen Lebensinhalt darin besteht, mit coolen Sprüchen und reichlich Chuzpe Frauen rumzukriegen. Immerhin kann er mit seinen Dandyklamotten und seiner protzigen Uhr bei einer Softpunkgöre wie Zerlina noch Eindruck schinden.

Das Sujet ist zeitlos: Verführer und Verführte wird es immer geben. Zu Mozarts Zeiten war das Neue am Don Giovanni, dass die Ruchlosigkeiten des Verführers Konsequenzen hatten. So war Don Giovanni eine Oper des Umbruchs: mit dem Tod des adligen Unholds kündigt sich auch das Ende einer Epoche an.

Hier endet dagegen nur das Leben eines Schwerenöters. Am Ende der Oper stehen alle wieder vor der tristen Bar herum, möbliert in jenem austauschbaren Businessdesign, wie man es global in Budgethotels finden kann. Die Bar liegt im Erdgeschoss des DG Star Hotels, dessen Besitzer offenbar Don Giovanni ist. Christian Wiehle hat dafür einen drehbaren Komplex auf die Bühne gebaut, mit Apartments für die Besserverdiendenden im Obergeschoss, unten sind Garagen, in denen das Prekariat seine Grillfeste feiert. Ob die Frauen reich oder arm sind, ist Don Giovanni ohnehin gleichgültig, er will jede verführen. Leporello belegt das in seiner Registerarie, wo er die Verflossenen seines Herrn via Smartphone auf eine Leinwand projiziert.

Aber was finden diese Frauen bloß an Don Giovanni?

Donna Anna benutzt ihn als Vehikel für ihre unerfüllten erotischen Sehnsüchte, dabei passen sie und Don Ottavio äußerlich doch bestens zusammen: ein modernes Upperclass-Paar, wie man es auf Vernissagen oder im Opernhaus treffen könnte. Aber selbst wenn ihre Persönlichkeitsprofile von Parship abgeglichen worden sind: sie findet ihn einfach nicht sexy. Scharf wird sie bei halbseidenen Mackern wie Don Giovanni. Und so wird die Gretchenfrage jeder Don Giovanni-Inszenierung – ob Donna Annas Verführung in gegenseitigem Einvernehmen geschah – hier gleich zu Beginn beantwortet: Donna Anna lockt Don Giovanni mit eindeutigen Gesten ins Zimmer nach oben, während Don Ottavio, von Leporello abgelenkt, in der Bar döst.

Andrea Moses entwirft hier mit großer Genauigkeit das Psychogramm einer Beziehung, die vor allem auf gegenseitigen Täuschungen basiert: am frappierendsten in der Rache-Arie, wenn Donna Anna mit kleinen Gesten klar macht, dass ihre Empörung über die angeblichen Zudringlichkeiten Don Giovannis wie über den Tod des Komturs nur gespielt sind.

Donna Elvira dagegen will einfach nur geheiratet werden. Statt Don Giovanni könnte es wohl auch ein anderer sein, Hauptsache, sie ist versorgt. Rebecca von Lipinski singt ihre Verzweiflung und aufgestaute Wut in ihrer Arie „Mi tradi quell´alma ingrata“ ergreifend aus, das Rezitativ davor lässt der Dirigent Antony Hermus vom Staatsorchester wie ein barockes Lamento spielen, fahl und vibratolos.

Die Charakterisierung der Protagonisten und ihrer Beziehungen ist die Stärke der Inszenierung. Jede Geste erscheint dramaturgisch motiviert, wobei Andrea Moses kein grundsätzlich neues Licht auf den Don Giovanni wirft – wenn man mal vom Finale mit der Höllenfahrt Don Giovannis absieht, wo sie für die Rolle des Komturs eine verblüffend schlüssige Lösung findet (und gleichzeitig einige dramaturgische Klippen umschifft). Die Aktualisierung gelingt ihr weitestgehend reibungslos im Einklang mit Libretto und Musik. Ein neuralgischer Punkt ist nur die Szene gegen Ende des zweiten Aktes, wenn beim Fest die drei Kapellen gleichzeitig spielen: die Inkongruenz von Bühne und musikalischem Stil wird hier zum Problem, kein Mensch mehr tanzt im 20. Jahrhundert Menuett. Moses versucht sich damit zu behelfenes, dass sie das Menuetttanzen als Schrulle Don Giovannis interpretiert, der die anderen Folge zu leisten haben. So richtig überzeugend ist es gleichwohl nicht. (Man könnte sich an dieser Stelle natürlich fragen, warum es keine zeitgenössischen Komponisten gibt, die aktuelle Stoffe so vertonen können, dass man ihnen mit ähnlicher Begeisterung lauscht wie den Opern Mozarts, aber das ist eine andere Geschichte..)

Ironische Zuspitzungen gibt es bei Andrea Moses jedenfalls zuhauf: dazu zählen kleine Scherze mit der Souffleuse (die nach einem Schlag auf ihren Kasten mit der weißen Fahne winkt), aber auch die umgangssprachlich zugespitzten Übersetzungen. Das geht manchmal schwer in Richtung Klamotte, wird aber wieder abgefangen durch die Musik.

Denn gesungen und musiziert wird famos.

Simone Schneider ist eine Donna Anna von Weltniveau, in der Intensität ihrer Darstellung ebenso grandios wie Rebecca von Lipinski (Donna Elvira). Shigeo Ishino singt die Titelrolle so profund wie kantabel, rollengerecht etwas voluminöser angelegt als André Morsch (Leporello). Atalla Ayan gestaltet auch die gefürchtete „Il mio tesoro“-Arie sicher, ein Tenor von Format wie auch Ronan Collett (Masetto). Nur bei Pumeza Matshikizas (Zerlina) kehlig-belegtem Sopran muss man einige Abstriche machen. Der Chor erledigt seine wenigen Einsätze tadellos. Getragen werden die Sänger vom umsichtigen Dirigenten Antony Hermus, der immer in Kontakt mit der Bühne steht und auch drohende Inkongruenzen meist rechtzeitig abfangen kann. Wo nötig, setzt er das glänzende Staatsorchester mächtig unter Strom, lässt aber auch Raum für die vielen dialogisierenden Passagen von Vokal- und Bläserstimmen, dazu phrasiert er erzmusikalisch. Am Ende Ovationen für die Mitwirkenden, freundlicher Beifall für die Regie. (Stuttgarter Zeitung)

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