5
Jun

András Schiff spielte in Stuttgart beim Meisterpianistenzyklus

 

Historische Aura

 

 

Nehmen wir mal an, von einem Geiger würde verlangt, bei einer Tournee jeden Abend auf einem anderen Instrument spielen zu müssen: Eine Zumutung? Sicherlich, aber genau das zählt für Konzertpianisten zum Berufsalltag. Die müssen nehmen, was in den Konzerthallen eben steht – im besten Fall haben sie dann die Auswahl zwischen zwei oder drei Steinway-Flügeln (im Beethovensaal sind es zwei), eventuell kommt noch ein Bösendorfer dazu. Es gibt deshalb Pianisten, die mit ihren eigenen Flügeln im Gepäck auf Konzertreise gehen. Vladimir Horowitz hatte immer seinen Steinway dabei, Krystian Zimerman macht es heute ebenso. Auf die Spitze hatte es einst Arturo Benedetti Michelangeli getrieben: der Hochsensible reiste gar mit zwei Flügeln, die ständig von Technikern nachjustiert werden mussten, doch wenn dann am Konzertabend irgendein Parameter dennoch nicht stimmte, sagte er schon mal ein ausverkauftes Konzert kurzfristig ab.

 

Auch András Schiff brachte anlässlich seines Klavierabends gleich zwei seiner Flügel mit in den Beethovensaal: Einen Steinway und einen alten Bechstein von 1921. Letzerem gab er schließlich den Vorzug – eine Wahl, die entscheidend dazu beitrug, dass dieser zehnte und letzte Klavierabend des laufenden Meisterpianistenzyklus´ zu einem der – im Wortsinne – merkwürdigsten wurde. Zunächst war man irritiert von dem ungewohnt harten, in den Höhen gedämpften und manchmal fast rumpeligen Klavierklang, der ganz anders ist als man ihn von den gestählten Steinways gewohnt ist. Ähnlich wie bei einem Hammerflügel verfügen die einzelnen Register des Bechstein über distinkte Schattierungen: in manchen Lagen leuchtend und weit ausschwingend, in anderen eher fahl und verhangen, mitunter auch klirrend, fast scheppernd. Jedenfalls legte das alte Instrument, auf dem einst schon Wilhelm Backhaus konzertiert hat, eine Art historische Aura um die Werke, die mit zunehmender Dauer des Abends auch zunehmend faszinierte.

 

Das Programm des Abends mit Werken von Schumann und Mendelssohn war von Schiff dramaturgisch stringent konzipiert. Zwei Variationenwerke, Mendelssohns „Variations sérieuses“ und Schumanns „Sinfonische Etüden“ op. 13, umrahmten Schumanns Sonate fis-Moll und die Fantasie Mendelssohns in derselben Tonart. Nun mag es Pianisten geben, die das romantisch Drängende etwa der schumannschen fis-Moll Sonate leidenschaftlicher, ungezügelter zum Ausdruck bringen. Schumann schrieb das Werk mit Anfang Zwanzig, als er rettungslos in Clara Wieck verliebt war, und sein emotionaler Ausnahmezustand spiegelt sich auch in den rhythmischen und harmonischen Verrückungen dieser Musik, ihren vielfältigen Brüchen und Abgründen. Diese stellte Schiff auch in selten gehörter Deutlichkeit dar, doch lieferte er sich dabei dem Gefühlsüberschwang nicht aus: statt mit heißem Herzen spielte Schiff mit äußerster Reflektiertheit und Sensibilität – mehr vorgeführt als miterlebt. Ähnliches gilt auch für die fis-Moll Fantasie Mendelssohns, derer dritter Satz zudem etwas das Spukhaft-Irrlichternde vermissen ließ – was auch damit zu tun hatte, dass Schiff den Presto überschriebenen Satz zwar rasch, aber keineswegs sehr schnell nahm.

 

Dafür dürfte es wenig Pianisten geben, die große Variationszyklen mit einer derartigen Übersicht und Gestaltungskraft spielen wie András Schiff. Sowohl in den „Variations sérieuses“ als auch den „Sinfonischen Etüden“ erwies sich Schiff als Meister sowohl formaler Disposition als auch der Ausleuchtung von Nuancen: vor allem in den „Sinfonischen Etüden“ gab es Stellen klanglicher Erlesenheit, dass man den Atem anhielt. Und wer bis dahin noch zweifelte, ob die Wahl des alten Bechstein eine glückliche war, der ließ spätestens bei der ersten Zugabe alle Vorbehalte fahren, als Schiff den 3. Satz aus der Fantasie C-Dur op. 17 mit einer Palette  herbstlicher Farben malte, wie sie kein moderner Flügel hervorbringen könnte. Mit leisem Humor gab Schiff noch das mendelssohnsche „Spinnerlied“ zu und setzte mit Brahms Intermezzo op. 117 den Schlusspunkt. Ovationen.(StZ)

 

 

 

 

 

 

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