11
Jul

Henning Kraggerud und Bugge Wesseltoft spielten bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

 

Schlichte Schönheit

 

 

Foto:CF Wesenberg

Foto:CF Wesenberg

Das Bild, das man sich von fremden Ländern macht, speziell von solchen, die man nie bereist hat, ist zwangsläufig medial geprägt. Im Falle Norwegens imaginiert man Bilder von Fjordlandschaften, grünen Bergketten und einsamen Seen, was die Musik betrifft, so kommen einem Edvard Grieg und Jan Garbarek in den Sinn. Beim Nachdenken fallen einem noch der Jazzer Nils Petter Molvaer, der Pianist Leif Ove Andsnes und die Geigerin Vilde Frang ein. Und sonst?
Norwegen hat aber musikalisch noch mehr zu bieten: etwa den Geiger Henning Kraggerud und den Pianisten Bugge Wesseltoft. Die haben vor einem Jahr mit „Last Spring“ ein erfolgreiches Album mit Improvisationen über vorwiegend norwegisches Liedgut herausgebracht, aus dem sie nun bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen im Ordenssaal einige Stücke vorgestellt haben. Das Duo ist insofern ungewöhnlich, als Kraggerud ein klassisch ausgebildeter Geiger ist, der bereits mit renommierten Orchestern gespielt hat, Wesseltoft aber eher im Jazz zuhause ist. Doch Kraggerud kann auch improvisieren, und skandinavischer Jazz ist ohnehin ist ein eigenes Genre: mit Swing und Blues hat er wenig zu tun. Norwegische Jazzer mögen zwar von der amerikanischen Tradition beeinflusst sein, ihre musikalischen Wurzeln suchen (und finden) sie aber in der Volksmusik ihres Heimatlandes.
Und die beruht überwiegend auf alten, über Generationen überlieferten Melodien, die, wie die Musiker erzählen, ihnen als Kinder von ihren Müttern vorgesungen wurden. Schlichte, eingängige Weisen, die in ihrer Ruhe und Kontemplation von jenen fernen Zeiten berichten, als das Leben noch nicht so hektisch war wie heute.

Meist beginnen die Stücke im Ordenssaal mit dem Klavier, das einige Akkorde ausbreitet, in einem entspannten, von keinem strengen Metrum im Zaum gehaltenen Erzählton. Dann intoniert die Geige die Melodie und spinnt sie weiter, während Wesseltoft Harmonien unterlegt, die er immer wieder dezent mit Dissonanzen schärft. Seine harmonischen Abweichungen bringen immer wieder Spannung in das ansonsten meist sehr getragene Musizieren: dass Kraggerud dagegen kein gelernter Jazzer ist, merkt man daran, dass sich seine Improvisationen in tonal übersichtlichen Gefilden bewegen, Varianten setzt er allenfalls klanglich, indem er seine Guarneri auch mal in höchsten Flageolettlagen aussingen lässt. Man muss sich einlassen auf diese Musik, die Zeit hat, viel Zeit, die ihre melodienselige Schönheit ungeschützt ausstellt und dabei riskiert, auch mal die Kitschgrenze zu streifen.
Bei diesen Klängen scheiden sich, je nach Temperament und Anspruch, schlicht die Geister. Wer in der Musik Entspannung und Seelenmassage sucht, wer sich in schönen Klägen einfach treiben lassen möchte, für den dürfte das Konzert die reine Labsal gewesen sein. Andere könnten die Musik nicht grundlos als weichgespülten Wellness-Jazz bezeichnen. Aber die dürften sowieso nicht in den Ordenssaal gekommen sein. (StZ)

 

 

 

 

 

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