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Aug

Richard Wagners „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen

Klassik und Kompression

Der erste Durchlauf des neu inszenierten „Rings der Nibelungen“ ist absolviert, für die kommende Wochen stehen in Bayreuth nun erst einmal Wiederaufnahmen an: Mit der des„Fliegenden Holländers“ hatten die Festspiele begonnen, danach folgten „Tannhäuser“ und „Lohengrin“.

 Bayreuth zur Festspielzeit, das bedeutet eine Stadt im Ausnahmezustand. Die vierzig Taxis sind im Dauereinsatz, Restaurants bieten Festspielmenüs an, im Hotel „Rheingold“ grüßt gar eine Richard-Wagner-Plastik in Lebensgröße den Gast. Präsent ist Wagner auch in der Innenstadt, wo viele Schaufenster festspielaffin dekoriert sind. Eine Großoffensive der örtlichen Gewerbetreibenden, die im Jubiläumsjahr offenbar noch verstärkt wurde mit dem Vorsatz, auch entlegene Artikel und Dienstleistungen irgendwie in einen Festspielkontext zu stellen. So bietet die Lohengrin-Therme das „Wohlfühlpaket Nibelungenschatz“ inklusive einer Massage mit Blattgold (!) und Kokosöl, ein Friseurbetrieb wirbt mit dem Meistersinger-Zitat „Verachtet mir die Meister nicht“. Den Vogel schießt freilich die Firma Medi ab, „Partner des Wagnerjahres 2013“: es sei nun, so lässt die Stützstrumpffirma in der Festspielzeitung verlauten, „der richtige Zeitpunkt, Klassik und Kompression enger zusammenzuführen“. Vor allem bei Werken Wagners, die fünf Stunden und länger dauern könnten, könnten Kompressionsstrümpfe „nicht nur für die Darsteller, sondern auch für die Zuschauer wohltuend sein“. Selbst Katharina Wagner, so erfährt der staunende Leser weiter, sei begeistert von den medi-Produkten: die Festspielleiterin lässt sich mit den Worten zitieren, die Strümpfe hätten nicht nur „eine ideale Passform und trügen sich wunderbar“, sondern hätten auch ein „tolles Design“. Sich wohlfühlen und gut aussehen – das könnte durchaus als Motto für die Festspiele insgesamt taugen. Ins Bild passt da, dass die ersten fünf Seiten der Festspielzeitung Fotos von mehr oder weniger prominenten Premierengästen zeigen. Ob die unter den Roben Kompressionsstrümpfe tragen, erfährt man leider nicht.

 Ausschließen kann man das wohl für den Chor der Bayreuther Festspiele in der Lohengrin-Inszenierung von Hans Neuenfels: schwer vorstellbar, dass sich bei den in Rattenkostümen ständig auf der Bühne hin- und herwuselnden Sängern das Blut in den Beinen stauen könnte. Ach ja, die Ratten. Gab es vor drei Jahren bei der Premiere noch massive Proteste der Wagnerianer ob der im Allgemeinen übel beleumundeten Nager, so scheint sich der Großteil des Publikums mittlerweile damit arrangiert zu haben. Zwar sah man noch das ein oder andere verächtliche Kopfschütteln im Saal, wenn mal wieder eine Rattenschar über die Bühne trippelte, doch irgendwie findet man die Tierchen mit ihren roten Äuglein und putzigen Schnäuzchen mittlerweile wohl ganz possierlich – zumal im dritten Akt, wenn die rosa Babyrättchen bei der Hochzeit von Elsa und Lohengrin Spalier stehen.

 Dass sich der provokante Effekt derart schnell abgenutzt hat, dürfte vermutlich nicht im Sinne von Hans Neuenfels sein. Denn der Regisseur hatte die Rattenmetapher nicht zuletzt deshalb gewählt, um die Autoritätshörigkeit des auf seinen Führer wartenden Volkes von Brabant zu problematisieren. In einer Zeichentrickeinspielung zeigt er das explizit: Zu den „Heil“-Rufen des Volks, mit denen Lohengrin als Retter von Brabant gefeiert wird, sieht man eine Horde Ratten, die wie Lemminge einem Schäferhund folgen und am Ende mit diesem zu Staub zerfallen. Der latente Chauvinismus des Stücks ist Neuenfels jedenfalls zutiefst suspekt, und so hat er ihm mit der Verlegung des Plots in das klinische Ambiente eines (Ratten-)Versuchslabors auch jegliche Nähe zu mythischen Heilsversprechen gründlich ausgetrieben. Dass sich aus dem Kontrast zwischen der expressiv aufgeladenen Musik Wagners und der kalten, sezierenden Bühnenatmosphäre dennoch so wenig Spannung ergibt, liegt auch an der mangelnden Personenführung: Da wird einfach zu viel herumgestanden und gemessen geschritten auf der Bühne.

 Auch die Sänger müssen sich immer wieder mit Standardgesten behelfen, was vor allem für Lohengrin, den am Ende umjubelten Klaus Florian Vogt, gilt. Der ist ein stimmliches Mirakel – eine derart schwerelos geführte Tenorstimme mit einem solch verführerischen, fast femininen Timbre hat man kaum einmal gehört. Ja, diese Stimme klingt fast wie aus einer anderen Welt, und so löst Vogt den Aspekt des Jenseitig-Verklärten, den die Regie verweigert, stimmlich ein, selbst wenn er darstellerisch eher eindimensional bleibt. Im Gegensatz zu Klaus Florian Vogt (er ersetzte Jonas Kaufmann) sang Annette Dasch als Elsa ihre Partie schon bei der Premiere. Neuenfels zeigt Elsa, die zunächst Pfeile im Rücken hat, als eine verwundete, gebrochene Frau, und Annette Dasch singt sie auch so: ihre nicht eben große Sopranstimme klingt in dem riesigen Festspielhaus mitunter überfordert, mit verhangenen, gefährdeten Spitzentönen. Dafür verfügt sie mittleren Registern über warme, leuchtende Töne, und die Intensität ihrer Darstellung wiegt manch sängerisches Manko auf. Ansonsten stechen noch Wilhelm Schwinghammer als König Heinrich und Samuel Youn als Heerrufer positiv heraus – Petra Lang (Ortrud) übertreibt es bisweilen mit hysterischem Furor, und auch Thomas J. Mayers Auffassung der Rolle des Telramund als Quasi-parlando-Partie kann nicht recht überzeugen.

Uneingeschränktes Festspielniveau, wenn man diesen Begriff verwenden will, hatte nur das, was aus dem Orchestergraben tönte. Dass der Lette Andris Nelsons als Rattle-Nachfolger für die Berliner Philharmoniker gehandelt wird, kann nicht verwundern, wenn man diesen eminent runden, organisch phrasierten und klangfarblich bis ins Detail ausgearbeiteten Lohengrin gehört hat. Dass es in manchen Chorszenen Koordinationsprobleme gab, dürfte weniger an ihm als an den Kostümen gelegen haben. Mit dem Rücken zum Dirigenten und Rattenmaske auf dem Kopf kann man schon mal einen Einsatz verpassen. (StZ)

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