Beiträge im Archiv Januar 2014

17
Jan

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR im 5. Abokonzert

Lust an der eigenen Virtuosität

Nicholas Angelich

Nicholas Angelich

Es gibt kaum Heikleres für einen Hornisten als den Beginn von Ravels „Pavane pour une infante défunte“. Nicht nur, dass mit seinem Einsatz das Stück beginnt, die Melodie muss auch gleichzeitig im Pianissimo und mit betont weicher Tongebung gespielt werden. Ein Kiekser, und die Aura ist dahin. Der Solohornist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR freilich meisterte all das bravourös. Ganz ruhig und konzentriert entwickelte sich das elegische Thema, das die Holzbläser hernach mit derselben Intensität aufnahmen, die Streicher umhüllten es mit duftigem Timbre. Der Chefdirigent des RSO, Stéphane Denève behielt alles im Blick, und so entwickelte sich diese sinfonische Preziose wie traumverloren, als Vision eines von Zeit und Raum entrückten Tanzes.
Es sind dies Stimmungen, wie sie nur die Musik evozieren kann, die ja eigentlich nur aus (Klang-)Farben, Melodien und Rhythmen besteht. Und doch können daraus Bilder, ja, ganze Welten  entstehen – sofern es dem Dirigenten gelingt, die Zeichen der Partitur richtig zu deuten. Nun liegt Stéphane Denève speziell die französische, von Farben und Atmosphären dominierte Musik besonders am Herzen, was sich an seinen Programmen ablesen lässt – im fünften Abokonzert hörte man neben Ravel vor der Pause noch Dutilleux´ erste Sinfonie, in der zweiten Hälfte folgten mit Rachmaninovs viertem Klavierkonzert und Strawinskys Ballettsuite „Der Feuervogel“ ebenfalls dezidiert klangbetonte Werke. Es mag ja Konzertgänger geben, die dabei das klassische Repertoire etwas vermissen. Doch zum einen wurde das in den Jahren mit Roger Norrington ausgiebig gepflegt. Zum anderen hat sich das Orchester, gerade was den Klang anbelangt, nicht zuletzt durch Denèves Repertoireauswahl auf dramatische Weise entwickelt. Aus dem monochromen, aseptischen Stuttgart Sound ist mittlerweile ein flexibler, sinnlicher Klang geworden, wie er von einem Toporchester erwartet wird – und man braucht entsprechende Stücke, um diesen auch zu pflegen.
Wie Henri Dutilleux´ erste Sinfonie. Das Werk des im letzten Jahr verstorbenen Komponisten bildet einen roten Faden innerhalb des Saisonprogramms des RSO, und auch die Interpretation dieser Sinfonie darf man als weiteres Plädoyer für Dutilleux´ Werk betrachten. Auch dieses Stück entwickelt sich quasi organisch, aus einer inneren, verborgenen Logik heraus. Wie ein Vogelkonzert muten etwa die kurzen Einwürfe der Holzbläser im ersten Satz an, dabei wandern immer wieder perkussive Erschütterungen durch das Orchester, als klopfe jemand mit einem großen Hammer. Im zweiten Satz vernimmt man pulsende, rhythmische Akzente wie pochende Herzen, das groovende Finale schließlich erschüttert den Hörer mit mächtigen Klangeruptionen.
Die Wendigkeit und Schnelligkeit, mit der das RSO diese hoch komplexe Musik umsetzte, sind bestechend, man spürte geradezu die Lust der Musiker an der eigenen Virtuosität. Das zu hören machte ungeheuren Spaß.
Den hatte auch Nicholas Angelich, der Solist in Rachmaninovs viertem (und letztem) Klavierkonzert. Das Stück steht im Schatten der anderen Klavierkonzerte, was vermutlich an der irritierenden Melange aus russischer Tradition und jenen Jazzelementen liegt, die Komponist nach seiner Emigration in den USA kennengelernt hatte. Dafür bietet es rhythmische Finessen und melodische Einfälle zuhauf, und wenn es mit derart stupender Fingerfertigkeit und energetischem Elan gespielt wird wie von Nicholas Angelich ist es ein veritabler Kracher.
Zum guten Schluss ließ das Orchester Strawinskys betagten Feuervogel zu einer hinreißenden Flugschau aufsteigen: auch das blitzend virtuos, rhythmisch konzis, aus einem Guss. (StZ)

15
Jan

Kit Armstrongs Klavierabend im Beethovensaal

Kit Armstrong

Kit Armstrong

 

So ein bisschen wirkt dieser Kit Armstrong, als wäre er aus der Welt gefallen. Mit seinem scheuen Lächeln, dem braven Anzug und dem immer noch etwas kindlichen Gesichtsausdruck lässt sein Erscheinungsbild eher an einen Klavierschüler als an einen gefeierten Klassik-Star denken. Dabei hat er vor kurzem seine erste Solo-CD herausgebracht und bereits eine typische Wunderkindkarriere hinter sich: mit sieben komponierte er seine erste Sinfonie, als 16-Jährigen nahm ihn der große Alfred Brendel als Meisterschüler auf. Kit Armstrong, so teilte Brendel der Musikwelt mit, sei die größte Begabung, der er in seinem ganzen Leben begegnet sei. Ein Satz, der Armstrong seitdem begleitet – als Bürde wie als Versprechen.
Vor zwei Jahren hatte Armstrong bereits ein Konzert in der Meisterpianistenreihe im Stuttgarter Beethovensaal gegeben, damals begann er mit Präludien und Fugen aus dem zweiten Band von Bachs Wohltemperiertem Klavier. Dieses Mal eröffnete er den Abend mit den Präludien und Fugen Fis-Dur, fis-Moll und G-Dur aus dem ersten Band – und im Vergleich zu damals erscheint die Luzidität seines Spiels noch einmal deutlich gesteigert. Ungeheuer leicht und schwebend klingt sein Spiel, organisch und völlig schlackenlos. Armstrong phrasiert mit viel Atem, ohne je zu romantisieren. Doch das Verblüffendste ist die totale Kontrolle, was die polyfone Durchgestaltung des Stimmverlaufs anbelangt: Gerade in den Fugen lassen sich die Stimmen völlig mühelos verfolgen, ohne dass Armstrong die Themeneinsätze – wie das viele tun – überdeutlich herausstellen würde. Man spürt, dass er beim Spielen jede Note mit nachvollzieht, gar nicht so einfach in drei- oder vierstimmigen Fugen.
Auch die anderen Werke der ersten Programmhälfte kreisten um Bach. In seiner Fantasie nach J. S. Bach BV 253 hüllt Ferruccio Busoni Fragmente aus bachschen Orgelwerken in ein spätromantisch verhangenes Licht –  ein heikles, schwierig zu treffendes Stück, das einen so geschmacksicheren und reflektierten Interpreten braucht wie Kit Armstrong.
Wie Busoni hat auch Armstrong einige Orgelwerke Bachs für Klavier bearbeitet. Zwölf der Choralvorspiele finden sich auf seiner neuen CD, sieben davon spielte er an diesem Abend – und die Vielfalt an Ausdruckscharakteren, die Palette an Farben und Texturen, die Armstrong diesen Stücken entlockte, war schier ungeheuerlich. Vielleicht war das der Höhepunkt des Abends, auch wenn es nach der Pause noch einiges zu bestaunen gab: die Anschlagsnuancierungen in Mozarts Fantasie für eine Orgelwalze KV 608 etwa. Oder, in Schuberts Sonate c-Moll D 958, die unaufdringliche, maßvolle Natürlichkeit, mit der Armstrong hier den schubertschen Lyrismen nachspürte. Am Ende große Begeisterung im Saal, zwei Zugaben: Kaikhosru Sorabjis Nocturne „Im Treibhaus“ und Mozarts Gigue G-Dur KV 574.

6
Jan

Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys im Theaterhaus

Begnadeter Entertainer

Ulrich-Tukur-Die-Rhythmus-Boys-3-Nein, von seiner Sorte gibt es sonst kaum noch welche in Deutschland. Mit dem Niedergang des Unterhaltungsfernsehens ist auch die Spezies der Entertainer so gut wie ausgestorben, jener moderierenden Multitalente, die auch singen und musizieren konnten. Beim Konzert von Ulrich Tukur und den Rhythmus Boys im ausverkauften T1 des Stuttgarter Theaterhauses waren zwar die meisten Besucher im fortgeschrittenen Alter, gleichwohl dürfte kaum einer davon jene goldene Zeit der Unterhaltungsmusik erlebt haben, aus deren Fundus Tukur und seine Begleitband an diesem Abend schöpften. Die Lieder von Komponisten wie Friedrich Hollaender oder Peter Kreuder sind in den 1920er bis -50er Jahren entstanden – also in einer Zeit, in der man noch nicht über political correctness diskutierte: man konnte damals noch Witze über Randgruppen machen, ohne dafür einen Shitstorm befürchten zu müssen. Insofern war dieses Konzert auch eine Art eskapistische Reise in eine Zeit, in der nicht nur die Unterhaltungsmusik besser, sondern auch das Leben insgesamt weniger kompliziert war. Zumindest denkt man sich das heute so.
Vor allem wurde man an diesem Abend ganz einfach glänzend unterhalten. Ulrich Tukur ist nicht nur ein hinreißend charmanter Conferencier und Witzeerzähler, dem man auch derbere Zoten nachsieht. Auch musikalisch übernimmt er meist die Führung, und auch wenn er als Sänger nicht ganz so überzeugend ist wie als Klavier- und Akkordeonspieler, so sind sein Charisma und seine Bühnenpräsenz wohl ohne Vergleich. Ganz klar, Tukur ist das Herz des von ihm bereits 1995 gegründeten Quartetts. Doch die Rolle der Rhythmus Boys, der „ältesten Boygroup der Welt“, ist nicht zu unterschätzen.
Denn die drei soignierten Herren im Smoking sind nicht nur solide Musiker, sondern auch begnadete Faxenmacher. Günter Märtens dürfte mit 2,05 Meter nicht nur einer der weltweit größten Kontrabassisten sein, sondern vermutlich auch der einzige, der die Kunst des Bauchtanzes beherrscht. Grade mal halb so groß ist Kalle Mews, der Schlagzeug spielt und ganz famos Tierstimmen imitieren kann.  Größenmäßig genau dazwischen liegt Ulrich Mayer, der Minimalgitarrist mit Schmalzhaar und Kassenbrille: mit weniger Tönen lässt sich schwerlich mehr Eindruck schinden. Am nachhaltigsten dürften freilich die Auftritte der Drei als dänische Kraftsportgruppe „Die drei Pölser“ in Erinnerung bleiben: sich posierend derart lächerlich zu machen – Chapeau!
Klar, dass Zugaben verlangt wurden: zunächst eine zwerchfellerschütternde Version von „Old Mac Donald“, dann, bei verdunkelter Bühne, „La Paloma“ mit herzzerreißend schluchzendem Akkordeon. Bye bye, Rhythmus Boys!    (StZ)

2
Jan

Wolfgang Dauner und sein Trio im Theaterhaus

Anarcho am Klavier

daunerAls der Beifall nach der ersten Zugabe nicht enden will, setzt sich Wolfgang Dauner allein an den Flügel und spielt „Drachenburg für R.“. Das Stück hat er früher in seinem Trio mit Charlie Mariano und Dino Saluzzi oft gespielt, doch auch in der Soloversion entfaltet es seinen kontemplativen Zauber. Über dem repetierten Motiv der linken Hand breitet Dauner arabeskenhafte Melodien aus, manchmal ein wenig formelhaft, aber immer im Timing. Fast zehn Minuten geht das so. Langweilig ist es nie.
Das kann man durchaus über das ganze Konzert sagen, das Wolfgang Dauner zusammen mit seinem Sohn Florian am Schlagzeug und Dieter Ilg am Kontrabass am Neujahrsabend im ausverkauften T2 des Theaterhauses gegeben hat. Bekanntermaßen war Dauner immer ein Grenzgänger zwischen den Genres, der sich um Dogmen und Reinheitsgebote wenig geschert hat. Mit Rockmusik hat er ebenso wenig Berührungsängste wie mit klassischer Musik, sogar für Sinfonieorchester hat er Werke geschrieben. Dass er nun ein Konzert mit einem Klaviertrio gibt – also jener Gattung, die Pianisten wie Bill Evans, Brad Mehldau oder Keith Jarrett zur Vollendung getrieben haben – ist also zunächst einmal bemerkenswert.
Die drei beginnen mit einem relativ neuen Daunerstück, „2012+1“. Der Titel mag etwas kryptisch sein, das Stück aber ist in jenem rhythmisch vertrackten Stil, wie ihn Dauner liebt. Energetisch legt der Altmeister los, seine Mitmusiker steigen darauf ein, das hat Wucht und Drive, und allenfalls der etwas schlagzeuglastige Sound irritiert zunächst. Weiter geht’s mit zwei Stücken von Jerome Kern: der Ballade „Yesterdays“ und „All the things you are“, beides Jazzklassiker und unzählige Male eingespielt. Nun kommt es gerade beim Triospiel auf Kommunikation an: darauf, die Impulse und Ideen der Mitmusiker aufzunehmen, auf sie zu reagieren und sie weiterzuentwickeln, ohne dass der Spannungsbogen reißt. Eine heikle Balance zwischen improvisatorischer Freiheit und Bewahrung der Form, bei der man spürt, dass das Verständnis innerhalb dieses Trios noch wachsen kann: etwas schematisch wirken bei den beiden Standards die solistischen Einwürfe, etwas routiniert auch Dauners eigene Improvisationen.
Viel überzeugender ist das Trio bei Dauners Eigenkompositionen. Wie in „Hong Kong Fu“, wo Dauner mal den Anarcho raushängen lässt und die Klaviatur in Kampfsportmanier bearbeitet. Oder beim „Wendekreis der Steinbocks“, einem der bekanntesten Daunerstücke, das vom Publikum bereits nach den ersten Takten beklatscht wird. Überhaupt geht es nach der Pause deutlich gelöster zu. Vor allem Dieter Ilg zeigt, warum er zu den besten Jazzbassisten Europas gezählt wird, und auch Florian Dauner bekommt in „Trans Tanz“ noch einmal die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Solo. Vater-Sohn-Beziehungen können schwierig sein. Diese scheint – zumindest auf der Bühne – zu funktionieren.(StZ)