17
Jan

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR im 5. Abokonzert

Lust an der eigenen Virtuosität

Nicholas Angelich

Nicholas Angelich

Es gibt kaum Heikleres für einen Hornisten als den Beginn von Ravels „Pavane pour une infante défunte“. Nicht nur, dass mit seinem Einsatz das Stück beginnt, die Melodie muss auch gleichzeitig im Pianissimo und mit betont weicher Tongebung gespielt werden. Ein Kiekser, und die Aura ist dahin. Der Solohornist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR freilich meisterte all das bravourös. Ganz ruhig und konzentriert entwickelte sich das elegische Thema, das die Holzbläser hernach mit derselben Intensität aufnahmen, die Streicher umhüllten es mit duftigem Timbre. Der Chefdirigent des RSO, Stéphane Denève behielt alles im Blick, und so entwickelte sich diese sinfonische Preziose wie traumverloren, als Vision eines von Zeit und Raum entrückten Tanzes.
Es sind dies Stimmungen, wie sie nur die Musik evozieren kann, die ja eigentlich nur aus (Klang-)Farben, Melodien und Rhythmen besteht. Und doch können daraus Bilder, ja, ganze Welten  entstehen – sofern es dem Dirigenten gelingt, die Zeichen der Partitur richtig zu deuten. Nun liegt Stéphane Denève speziell die französische, von Farben und Atmosphären dominierte Musik besonders am Herzen, was sich an seinen Programmen ablesen lässt – im fünften Abokonzert hörte man neben Ravel vor der Pause noch Dutilleux´ erste Sinfonie, in der zweiten Hälfte folgten mit Rachmaninovs viertem Klavierkonzert und Strawinskys Ballettsuite „Der Feuervogel“ ebenfalls dezidiert klangbetonte Werke. Es mag ja Konzertgänger geben, die dabei das klassische Repertoire etwas vermissen. Doch zum einen wurde das in den Jahren mit Roger Norrington ausgiebig gepflegt. Zum anderen hat sich das Orchester, gerade was den Klang anbelangt, nicht zuletzt durch Denèves Repertoireauswahl auf dramatische Weise entwickelt. Aus dem monochromen, aseptischen Stuttgart Sound ist mittlerweile ein flexibler, sinnlicher Klang geworden, wie er von einem Toporchester erwartet wird – und man braucht entsprechende Stücke, um diesen auch zu pflegen.
Wie Henri Dutilleux´ erste Sinfonie. Das Werk des im letzten Jahr verstorbenen Komponisten bildet einen roten Faden innerhalb des Saisonprogramms des RSO, und auch die Interpretation dieser Sinfonie darf man als weiteres Plädoyer für Dutilleux´ Werk betrachten. Auch dieses Stück entwickelt sich quasi organisch, aus einer inneren, verborgenen Logik heraus. Wie ein Vogelkonzert muten etwa die kurzen Einwürfe der Holzbläser im ersten Satz an, dabei wandern immer wieder perkussive Erschütterungen durch das Orchester, als klopfe jemand mit einem großen Hammer. Im zweiten Satz vernimmt man pulsende, rhythmische Akzente wie pochende Herzen, das groovende Finale schließlich erschüttert den Hörer mit mächtigen Klangeruptionen.
Die Wendigkeit und Schnelligkeit, mit der das RSO diese hoch komplexe Musik umsetzte, sind bestechend, man spürte geradezu die Lust der Musiker an der eigenen Virtuosität. Das zu hören machte ungeheuren Spaß.
Den hatte auch Nicholas Angelich, der Solist in Rachmaninovs viertem (und letztem) Klavierkonzert. Das Stück steht im Schatten der anderen Klavierkonzerte, was vermutlich an der irritierenden Melange aus russischer Tradition und jenen Jazzelementen liegt, die Komponist nach seiner Emigration in den USA kennengelernt hatte. Dafür bietet es rhythmische Finessen und melodische Einfälle zuhauf, und wenn es mit derart stupender Fingerfertigkeit und energetischem Elan gespielt wird wie von Nicholas Angelich ist es ein veritabler Kracher.
Zum guten Schluss ließ das Orchester Strawinskys betagten Feuervogel zu einer hinreißenden Flugschau aufsteigen: auch das blitzend virtuos, rhythmisch konzis, aus einem Guss. (StZ)

Keine Kommentare vorhanden

Sagen Sie Ihre Meinung, schreiben Sie einen Kommentar!