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Die deutsche Uraufführung von Christian Josts „Rumor“ am Heidelberger Theater

Mord aus Überredung

RUMOR01

Foto: Florian Merdes

Zeitgenössischen Werken ist oft bloß ein kurzer Ruhm vergönnt: nach der Uraufführung verschwinden viele davon wieder in der Schublade. Das gilt auch für Werke des Musiktheaters, und so darf sich der Komponist Christian Jost schon mal glücklich schätzen, dass seine Oper „Rumor“ nach ihrer Premiere vor zwei Jahren in Antwerpen nun in Heidelberg seine deutsche Uraufführung erfahren hat. Freilich ist Jost nicht irgendwer: mit der Opernadaption von Schimmelpfennigs „Die arabische Nacht“ und dem „Hamlet“ hat der gebürtige Trierer schon achtbare Erfolge an Opernbühnen gefeiert.
Die Vorlage für „Rumor“ ist der Roman „Der süsse Duft des Todes“ des mexikanischen Autors Guillermo Arriaga. Im Zentrum der Handlung steht der Mord an der jungen Adela. Wer sie getötet wird, bleibt unklar, die Männer des Dorfes jedenfalls haben einen Fremden im Visier, der sich mit Vorliebe in den Betten ihrer vernächlässigter Ehefrauen herumzutreiben pflegt. Anstatt den Eindringling aber selber zu liquidieren, versucht man dem jungen Ramón – der Adela oberflächlich kannte – einzureden, diese habe ihn geliebt. Also müsse er – Stichwort Mannesehre – Rache üben. Ramón weigert sich zunächst, gibt am Ende aber dem Drängen nach und ersticht den Fremden. So bildet der Kriminalfall den Rahmen der Geschichte, in der es um Stolz, Eifersucht und verdrängte Sexualität geht – Triebstrukturen einer archaischen Gesellschaft, wie es sie in der mexikanischen Provinz noch geben mag.
Schwierig wird es, wenn man, wie der Regisseur Lorenzo Fioroni in Heidelberg, diesen Plot in das Grillfestambiente einer prolligen Vorstadtsiedlung verlegt, wo Frauen schrill-billige Klamotten und Cowboystiefel tragen und die Männer Pistolengurt und Sheriffhut. Ha, wo man so wenig Geschmack hat, müssen doch Gewalt und Perversion blühen! Ein Klischee, das auch dadurch nicht gemildert wird, als die Geschichte nicht linear erzählt, sondern mittels Rückblenden und Schnitten gebrochen wird. Die Zeitebenen werden hier durcheinander geworfen, sogar die tote Adela taucht wieder auf. Das wirkt modern und verrätselt, hübsch surreal irgendwie. Wirklich besser wird es aber dadurch nicht.
Und die Musik? Christian Jost ist handwerklich sehr versiert: seine Musik besitzt dramatische Kraft, die Orchesterbehandlung ist differenziert, und das von Yordan Kamdzhalov dirigierte Heidelberger Orchester setzt die komplexe Partitur mit Präzision und Emphase in Klang. Nervig wirkt eine gewisse Dauererregtheit: ein ständiges Tosen, Rauschen und Lärmen drängt da aus dem Graben, das auch die gutwilligsten Hörnerven in die Verweigerung treiben kann. Und leider ist der Komponist kein guter Librettist. Seine Sprache ist steif und unpoetisch, manche Sätze klingen, als stammten sie aus einem schlechten Tatort-Drehbuch. Gesungen geht das richtig schief: denn auch ein Melodiker ist Jost nicht.
Dabei ist das vokale Niveau insgesamt hoch. Überzeugen können vor allem Irina Simmes als Adela,  aber auch James Homann (Fremder) und Namwon Huh (Ramón), der nur etwas Probleme mit der deutschen Diktion hat. Ob „Rumor“ es ins Opernrepertoire schaffen wird? Man muss es bezweifeln.

Ein Kommentar vorhanden

  • David F
    18. Mai 2014 19:38

    sehr gute Kritik, leider hätte ich sie vorher lesen sollen – konnten SIe die Übertitel lesen? Vor lauter Nebel ging der Text unter, das ist bei mangelnder Dramaturgie in dieser allein auf diesem basierenden Stück wirklich ein Problem – rein semantisch, nicht ästhetisch, denn: „Seine Sprache ist steif und unpoetisch, manche Sätze klingen, als stammten sie aus einem schlechten Tatort-Drehbuch. Gesungen geht das richtig schief: denn auch ein Melodiker ist Jost nicht.“…

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