11
Sep

Was kann denn der Fernseher dafür?

Die neuen Flat-TVs können ein noch so gutes Bild haben. An ihrem Image in bestimmten Schichten ändert das nichts.

Vielleicht ist ja jener Marshall McLuhan, der diese Tage hundert Jahre alt geworden wäre, auch ein bisschen daran schuld. Sein berühmtes Motto „Das Medium ist die Botschaft“ trägt nämlich schon den Keim für das grottenschlechte Image in sich, das der Fernsehapparat im allgemeinen unter kultur- und bildungsbeflissenen Menschen besitzt. „So, habt ihr jetzt auch einen Hartz-4-Altar!“ frotzelte unlängst ein promovierter Bekannter, als er den neuerworbenen HDTV-40-Zöller in unserem Wohnzimmer bemerkte. Nun mag es ja durchaus stimmen, dass Bildschirmdiagonale und Bildungsgrad bei einigen Bevölkerungsschichten in einem umgekehrten Verhältnis stehen. Ein befreundetes Lehrerehepaar pflegte seinen betagten Mini-Schwarzweißfernseher im Bücherschrank zu verstecken und nur bei Wahlsendungen verschämt in Betrieb zu nehmen. Dabei schauten sie beide gerne Filme – aber nur im Kino. Nun könnte man durchaus verstehen, wenn Cineasten für das grobkörnige Geflimmer der alten Röhrenkisten nicht viel Begeisterung aufgebracht haben – doch ich fürchte, darum geht es nicht. Denn obwohl heutige hochauflösende TV-Geräte Kinoqualität nicht mehr viel nachstehen, hat sich am Image des Fernsehers selbst nicht viel geändert. Ich dagegen finde, man sollte einfach zwischen Hard- und Software unterscheiden: Niemand würde eine Hifi-Anlage dafür verantwortlich machen, dass es massenweise Schund gibt, der sich darauf abspielen lässt, doch dem armen Fernseher wirft man genau das vor. Wie ungerecht! Dabei schauen wir doch nur Arte und 3Sat!
(Stuttgarter Zeitung, Wochenendbeilage)

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