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Jul

Das Sommerprogramm von Wommy Wonder in der Spardabank

Einfach die Sau rauslassen

Es ist was los im Bankenviertel. Neben der Spardabank stehen Tischchen draußen, gut gelaunte Menschen trinken Apero und genießen den lauen Sommerabend. Drinnen, im sogenannten SpardaWelt EventCenter (muss es eigentlich immer gleich eine ganze Welt sein?), wird Michael Panzer alias Wommy Wonder an dem Abend sein neues Programm „Wonder-Bar 3D – jetzt auch mit Anfassen!“ vorstellen, wo es bis einschließlich 31. August täglich außer Montag zu sehen sein wird. Im Saal sitzt das Publikum an kleinen Tischen, ein bisschen wie im früheren Renitenztheater. Auf der Bühne steht ein Flügel für den Begleiter Tobias Becker, rechts ist die schillernde Wonder-Bar aufgebaut.
An der steht die meiste Zeit des Abends Fräulein Wommys Bühnenassistentin: Schwester Bärbel nennt sich die schrille Kunstfigur mit den schlechten Zähnen, hinter der sich Marcelo Pivoto verbirgt. Nach Angaben im Programmheft ist der ein ausgebildeter Artist – Fähigkeiten, von denen er im Wonder-Programm aber wenig zeigen kann, denn viel mehr als umherschlurfen und Grimassen schneiden darf er nicht. Dabei würde dem Programm ein bisschen handwerkliche Grundkompetenz ganz gut tun. Denn wer sich als Conférencier auf die Bühne stellt, sollte wenigstens gut sprechen können. Und schon damit hapert es bei Michael Panzer, der sich immer wieder im Redefluss verstolpert, nuschelig artikuliert und damit manchen Gag, sofern es einer ist, leichtfertig versenkt. Aber Panzer singt auch, und das ziemlich häufig. Nicht dass Travestiekünstler professionelle Sänger sein müssen (auch wenn es die gibt) – aber auch Sprechgesang sollte gelernt sein. Dass Tobias Becker beim Singen genauso selten die Töne trifft, macht es nicht besser. Wenigstens ist der aber ein zuverlässiger Pianist.
Nun weiß, wer zu Wommy Wonder geht, in der Regel, worauf er sich einlässt.
Umgangsformen und Kultur sind eine Frage von gesellschaftlich verbindlichen Vereinbarungen. Die Wonder-Show nun lebt davon, dass sie es dem Publikum erlaubt, für einen Abend über Kategorien wie guten Geschmack oder political correctness hinwegzusehen. Michael Panzer provoziert die Enthemmung sehr geschickt: man mag sich fragen, wo Panzer in seinem engen Paillettenkleid wohl sein primäres Geschlechtsteil versteckt hat. Indem Panzer diese Frage aber direkt ins Publikum richtet, signalisiert er mit einem verschwörerischen Zwinkern: Ich weiß, was Ihr denkt. Lasst sie einfach raus, die Sau.
Beim ersten anzüglichen Witz – und daraus besteht der Großteil des Programms – mögen sich einige noch genieren, beim dritten aber lachen dann die meisten mit. Und es wird immer zotiger: „Willst Du dass die Liebe glückt, suche jemand, der sich bückt“, sagt Panzer in so einer „Huch, ist mir jetzt rausgerutscht“-Attitüde. Als das Wort „französisch“ fällt, leckt er mit der Zunge, und was man bei „Eiern“ denken soll, wird auch schnell klar.
Da der Reiz der Tabuverletzung mit der Zeit nachlässt, erhöht Panzer nach der Pause die Dosis. Die Schwäbische-Hausfrau-Nummer als Elfriede Scheufele mit Morgenrock und einer nochmal drastisch aufgerüsteten Oberweite ist ein Dauerkokettieren um Sex, Aussehen und Gewicht, bei der die Ankündigung im Programmtitel („mit Anfassen“) denn auch tatkräftig umgesetzt wird.
Mit der Kunst der Travestie hat das alles wenig zu tun. Die spielt mit geschlechtlichen Rollen und Definitionen, lebt von der Irritation und davon, dass Männer – wie etwa Conchita Wurst – weiblich-erotische Anziehungskraft haben. Davon kann bei Wommy Wonder keine Rede sein. Die monströse Plastikfrisur, die sein Markenzeichen ist, die gigantisch ausgestopfte Oberweite – das bedient eher die Ästhetik des Rummelplatzes.
Doch wie immer lädt Michael Panzer sich zu seinem Sommerprogramm auch Gäste ein, an diesem Abend war es der Heidelberger Kabarettist Thomas Schreckenberger. Und der zeigte in seinem kurzen, aber mitreißenden Auftritt, wie Pointen zünden können, wenn sie auf Intelligenz, Sprachwitz und scharfer Beobachtung der Realität gegründet sind. Bis einschließlich Sonntag ist er noch im Wommy Wonder-Programm dabei. Am 10. August tritt er im Renitenztheater auf. (StZ)

6 Kommentare vorhanden

  • Ralph Baumann
    26. Juli 2014 09:08

    Schon in der Schule haben wir gelernt dass unsere Auffassung dessen was diverse Autoren geschrieben haben so gar nicht mit dem übereinstimmt, was die Lehrerschaft am Ende wissen wollte. Heute ist es so, dass die Leserschaft sicher nicht mit dem übereinstimmt was ein Mensch, der Negativlastig ist (nicht nur in dieser Beweertung wohl angemerkt) über ein wunderbar inszeniertes und facettenreich dargebotenes Programm schreibt. 30 Jahre Wommy Wonder – genau so wie wir sie kennen und schon jahrelang unterstützt von Tobias Becker und Schwester Bärbel – so wie das Publikum und alle sie mögen. Genau das ist es was das Publikum fasziniert und selbst in einer so stockkonservativen Stadt wie Stuttgart – wo Stuttgart 21 noch immer wichtiger ist als mancher Konflikt im nahen Ausland. Wommy macht kein Programm von der Stange und auch nicht auf eine Art welche vorgefertigte Erwartungen erfüllt. Genau das ist es, was dieses Programm ausmacht. Aber auch ein „Kulturjournalist“ muß sich Kritik gefallen lassen, denn wenn er sich fachlich präsentieren will, sollte er von der Materie Ahnung haben. Das hat Herr Armbruster offenbar nicht – genauso wenig wie die restliche Deutsche Presse, welche sich an einem ausgelassenen Ausdruck der Freude wieder einmal international von ihrer Humorlosesten negativen Seite gezeigt hat. Es ist wie es ist – auch nicht jeder Mechaniker taugt was – wäre Herr Armbruster einer – er wäre arm dran !

  • Marcel
    26. Juli 2014 10:58

    Guten Tag,

    lieber Kritiker vielleicht sollten Sie mal ihre Augen öffnen um das Programm von Wommy Wonder und ihren Gästen zu verstehen! Sicherlich ist Kritik ein wichtiges Augenmerk dem Künstler gegenüber zu bringen, so dass dieser seine Erfahrungen damit entwickeln kann. Was aber rein gar nicht, einen Artikel zu verfassen – wo es ausschließlich nur um Kritik geht! Können sich so viele Menschen irren die Wommy Wonder besuchen und tobend applaudieren? Ich glaube nicht. Ich glaube eher das Sie mit dem Begriff Travestie und der Darbietung von Wommy nichts anfangen können. Vielleicht sollten Sie dann einfach diese Art der Veranstaltungen meiden – wenn Sie selbst mit sich nicht im Grünen sind.

    Wommy hat es nicht verdient durch ihre Art der Schreibführung so durch den „Dreck“ gezogen zu werden. Im gegenteil Stuttgart sollte froh sein – über Menschen wie Wommy! Die den tristen Alltag vergessen lässt und jedem ein lachen ins Gesicht zaubert.

    Lieber Herr Armbruster – können Sie mit der Kritik umgehen? Lassen Sie die Menschen leben wie Sie sind, lassen Sie die Menschen ihre Künste auf der Bühne zeigen und anderen vorstellen. Nur weil es Ihnen nicht gefällt – muss man nicht alles in den Graben fahren was sich ein Künstler in all den Jahren aufgebaut hat!

    Wommy Wonder und ihre Gäste sind einzigartig – und das ist genau das wir alle wollen. Wir wollen nicht so sein wie andere uns gerne hätten – wir sind so wie wir sind. Aber so dermaßen kritisiert zu werden ist kein feiner Zug von Ihnen!

    P.S. wenn Ihnen sowieso dies im vornherein nicht gefällt – besuchen Sie doch einfach nicht diese Art der Veranstaltungen.

    In diesem Sinne.

    Wommy bleib wie du bist! Du bist einzigartig!

  • Ursula Becher
    26. Juli 2014 11:02

    Sehr geehrter Herr Armbruster;

    Kritik ist bekanntlich da um sie zu äussern,aber wie wäre es mal damit die Kirche im Dorf zu lassen.Seit vielen Jahren besuche ich regelmässig die Premieren von Frl.Wommy Wonder und muss leider feststellen das immer viel zerredet wird.Jeder hat seine Meinung,aber irren sich immer so viele Menschen? Kann es sein das es nur ihnen nicht gefällt weil sie vielleicht nichts mit Travestie anfangen können.Es sollten erst einmal einige das erreichen was Herr Panzer so alles erreicht hat.
    Wenn man das Feedback in Facebook liest und sich umhört
    so viele Menschen können sich nicht irren und die Fotos sprechen für sich! Es tut weh – wenn es Menschen gibt die einem das zu Nichte tragen wofür man seit Jahren kämpft und an sich immer weiter arbeitet….auch sie treffen mich persönlich da ich das ganze Team sehr schätze.Ein paar kleine Patzer zur Premiere wenn man über nervös ist weil man weiss man kann machen was man will,ist so wieso falsch,dass ist doch verständlich.
    Gehen sie doch später noch mal hin und stellen fest das alles nicht so ernst ist denn es soll Spass und Freude bereiten was auch für viele Menschen zu trifft.

  • Frl. Wommy Wonder
    27. Juli 2014 09:53

    Lieber Herr Armbruster,
    getroffene Hunde bellen, insofern dürfte ich mich zu der „Kritik“ nicht äußern, weil es das Geschmäckle von Selbstverteidigung hat, aber nachdem Ihre „Kritik“ keine Kritik ist, darf ich dazu auch was sagen. Unter Kritik verstehe ich die Beschreibung eines Abends mit kleinen Wertungen, einer umfassenden Gesamtbetrachtung unter Einbeziehung des Publikums (und in diesem Falle evt auch Theater, Ausstellung und Catering) und einer abschließenden und als persönlicher Meinung gekennzeichneten subjektiven Gesamtbewertung – alles immer unter der Prämisse, dem Künstler seine Würde zu lassen und nicht geschäftsschädigend zu sein.
    Leider trifft in Ihrem Fall davon nichts zu, Sie zitieren (falsch), stellen Zusammenhänge her, die es im Programm nicht gibt, blenden 95 Prozent der Show aus, unterschlagen alle weiteren Sachen vor Ort, haben von „Travestie“ eine so enggefasste Meinung, dass es – um im Tenor Ihrer Überschrift zu bleiben – „der Sau graust“ und registrieren noch nicht einmal, dass knapp 200 Menschen um Sie herum minutenlang stehend applaudieren. Was das mit Fairness zu tun hat, bleibt zur Beantwortung offen. Kompetenz sieht anders aus. Wenigstens zum 30jährigen Bühnenjubiläum hätte man sich ein bisschen mehr Objektivität gewünscht.
    Schön zu lesen, dass wenigstens die Stuttgarter Nachrichten jemanden geschickt haben, der fähig ist, den Abend so wiederzugeben, wie er stattgefunden hat. Sie haben mit Ihrem Geschreibsel auf der nach unten offenen Peinlichkeits-Skala noch eine gehörige Schippe draufgepackt. Das muss man auch erstmal können.
    Freundliche Grüße von jemandem, dem es Freude macht, anderen Menschen Freude zu bereiten – auch wenn Sie das nicht nachvollziehen können.
    Wommy

  • Dennis Scheck
    28. Juli 2014 09:12

    Werter Herr Armbruster,
    leider muß ich Ihnen attestieren, dass Sie von der Show rein gar nichts verstanden haben können. Denn in Ihrem Artikel werfen sie sozusagen einem Apfelbaum vor, dass er keine Tomaten trägt.
    Schade nur, dass dann gerade ihre nicht mehrheitsfähige Meinung (und meiner Meinung nach komplett falsche Darstellung des Abends) durch die Veröffentlichung in der Stuttgarter Zeitung weite Verbreitung findet.
    Und ehrlich gesagt frage ich mich mittlerweile „Cui bono?“, also, wem nützt ihr Artikel? Die Antwort finde ich auch in Ihren Zeilen – da Sie ja aber Profi sind, gehe ich wohlwollend davon aus, dass mich mein Gefühl trügt und Sie die Punkte 7 und 15 des Pressekodexes nicht verletzt haben.
    Meinen offenen Leserbrief zu Ihrem Artikel finden Sie unter http://rian.de/blog/stuttgart-buehne-rant/offener-leserbrief-stuttgarter-zeitung

  • LUTZ WEBER LANDGREBE
    2. August 2014 14:26

    WENN HERR ARMBRUSTER EINEN LITERARISCHEN ABEND FÜR DAS GEHOBENE
    INTELLEKTUELLE BÜRGERTUM ERWARTET HAT WAR ER HIER SICHER AM FALSCHEN PLATZ.
    WIR FANDEN UND DAS GALT FÜR UNSEREN GANZEN TISCH , DAS MICHAEL PANZER SEHR
    GEKONNT MANCHMAL AN DER GRENZE ZUR ZOTIGKEIT, DIE ER ABER NICHT
    ÜBERSCHRITTEN HAT, MIT VIEL GEIST UND HUMOR MODERIERT HAT.
    ES GAB VIELES FÜR STUTTGART IRONISCH ZUTREFFENDES NICHT NUR DIE VIEL UND
    OFT ZITIERTE KEHRWOCHE.
    WIR WAREN BEGEISTERT DAS GEGENTEIL DER KRITIK ZU ERLEBEN.
    BRIGITTE UND LUTZ WEBER LANDGREBE

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