Das Dilemma der Audiomagazine

01.
Mrz.
2015

Eigentlich ist es ja toll, dass es sie gibt: denn auch die Hifi-Welt braucht schließlich Fachblätter, in denen Audiophile Infos über neue Produkte finden, wichtige Termine mitbekommen, Fachartikel über Hifi-Themen lesen können. Denn der Markt ist heutzutage völlig unübersichtlich geworden: die Hersteller weiten ihre Portfolios ständig weiter aus, neben den etablierten Gerätegattungen drängen Medienserver; DACs und DSP-Geräte auf den Markt. Noch extremer ist es auf dem Zubehörsektor, wo selbst Profis mittlerweile keinen Überblick mehr haben.

Viele Hifi-Fans (ich eingeschlossen) haben in ihrer Jugend  Audio, Stereoplay oder Stereo gekauft. Selbst wenn (oder gerade weil?) die meisten der darin vorgestellten Geräte und Lautsprecher nicht erschwinglich waren, bekam man große Augen angesichts wattstarker Monoblöcke oder riesiger Hornlautsprecher, für zuhause mussten es vorläufig der Dual-Plattenspieler und ein Paar Braun-Boxen tun. Dann kamen, euphorisch begrüßt, die ersten CD-Spieler, womit sich ein ganz neuer Markt auftat (ich erinnere mich, dass ein Magazin – war es Stereoplay? – eine ganze Zeitlang sämtliche CD-Player in die Rubrik „absolute Spitzenklasse“ einsortierte, das hat man dann irgendwann gelassen…), andere Gattungen, wie Cassettenrecorder, verschwanden vom Markt. Für mich zumindest besaßen die Magazine damals noch eine erhebliche Glaubwürdigkeit: selbst wenn man wusste, dass sie sich überwiegend durch Anzeigen finanzierten, nahm ich die Tests doch weitgehend für bare Münze.

Doch auch wenn das Internet die Printmagazine mittlerweile einiges an Auflage gekostet hat, so spielen die Audiomagazine nach wie vor eine wichtige Rolle in der Szene – vor allem wegen der Testberichte, von denen sich der Leser Orientierungshilfen erwartet. Bei mir freilich ist es mittlerweile so, dass mein Misstrauen gegenüber den Audiomagazinen in den letzten Jahren beständig gewachsen ist. Das liegt sicher daran, dass ich mittlerweile einen ganz guten Überblick über die Szene habe und viele der getesten Geräte schon selbst gehört habe. Und leider kann ich vieles von dem, was die Audioblätter so schreiben, nicht mehr nachvollziehen.

Es ist ganz egal, welches Heft man durchblättert, ob AUDIO, STEREO, Stereoplay oder Fidelity. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass Testberichte  immer mehr im Stil von Werbeanzeigen verfasst werden. Die Produktbeschreibungen werden immer ausführlicher, die Klangcharakterisierungen dagegen immer knapper. Und am Ende findet sich in der Regel das Resumee, was für ein tolles Gerät das doch ist. Wenn überhaupt noch Kritik geübt wird, dann durch die Blume. Ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen hat sich eine Art sprachliche Camouflage etabliert, bei der man zwischen den Zeilen lesen muss, um die versteckte Botschaft zu entschlüsseln. Ein „zurückhaltender Hochtonbereich“ etwa heißt: das Ding klingt matt, eine „angenehm warme Grundtonfärbung“ lässt auf tonale Unausgewogenheit schließen.

Aber ehrlich: muss das sein? Kann man als Leser nicht erwarten, dass, zumindest in gewissem Rahmen, Klartext gesprochen wird? Dass man für den Heftpreis ehrliche Informationen bekommt?

Aus dem Heftpreis freilich wären die Magazine nie und nimmer zu finanzieren. Denn die Verlage verdienen ihr Geld in erster Linie über die Anzeigen – würde man auf diese verzichten, wäre der Preis für ein Heft so hoch, dass es keiner kaufen würde. Die Hersteller und Vertriebe aber, die pro Heft mehrere Seiten für Zigtausende Euros buchen, machen das nicht ohne Gegenleistung: sie erwarten dafür wohlwollende Testberichte. Und die bekommen sie.

Denn ihre Macht ist groß, schließlich geht es um jährliche Anzeigenbudgets im sechsstelligen Bereich. Mit denen kann man den Verlagen mächtig Druck machen. Im Ergebnis bedeutet das, dass es kein Tester mehr wagen kann, ein Produkt von einer der teuer beworbenen Marken ernsthaft zu kritisieren. Bloß: will man das noch lesen?

Für die Redaktionen ist es ein Spagat: auf der einen Seite steht der Leser, der seriöse und ehrlich recherchierte Berichte erwartet. Auf der anderen Seite stehen die Firmen, die mit guten Tests werben wollen und dafür eine Menge Geld in Anzeigen stecken. Bleiben die Leser weg, verpuffen auch die Anzeigen, bleiben die Anzeigen weg, geht das Blatt pleite. Eine verfahrene Situation, die auch für jene Hersteller von großer Bedeutung ist, die sich diesem Spiel verweigern wollen: Denn wer in den Magazinen gar nicht inseriert, wird entweder gar nicht „getestet“ oder läuft – noch schlimmer – Gefahr, bei Vergleichstests mit renommierteren Konkurrenten als Kanonenfutter zu dienen. Und dann wird es besonders schwer, gerade auf dem dicht besetzten deutschen Markt. Denn auch die Händler nehmen lieber Produkte ins Programm, die bekannt sind: „Vorverkauft“ lautet der Fachterminus für Geräte, die vom Kunden nach vorausgegangenen, massiven Joint Ventures von Audiopresse und Hifi-Firmen quasi blind gekauft werden. Für Händler wie Hersteller der Idealzustand.

Immerhin: es gibt Magazine wie etwa „Fidelity“, denen man zugutehalten muss, dass sie wenigstens den Unsinn mit den Bestenlisten nicht mitmachen. Und auch wenn sich Kritik in deren Tests nur in homöopathischen Dosen findet so spüre ich in deren Berichten doch eine fundiertere Beschäftigung mit der Materie. Das gilt auch für Onlinemagazine wie fairaudio oder hifistatement, selbst wenn diese grundsätzlich den gleichen Zwängen unterliegen wie ihre Printkollegen. 

 

 

 

7 Kommentare vorhanden

  • Micha
    10. Juni 2015 18:20

    Hallo Frank,
    kann die Kritik nachvollziehen. Gerade der Hype um Streaming ist mir ein wenig schleierhaft, denn ich habe bis jetzt Streaming noch nicht auf dem Niveau von CD gerhört – gerade die Bühnendarstellung finde ich reduziert und der glanz und Zauber – das live-haftiger ist auch „weg“. Deshalb auch an der Stelle die Frage ob der Aurender auf CD-Niveau spielt ?
    Danke, Grüße Micha

  • Frank Armbruster
    11. Juni 2015 10:06

    Hallo Micha,

    ja, der Aurender spielt auf CD-Niveau, egal ob von Festplatte oder via TIDAL-Streaming.

    Grüße, Frank

  • Martin Ziegler
    10. September 2015 09:45

    Hallo Herr Armbruster,

    es gibt aber auch noch HiFi-Zeitschriften bei diesen der Anteil der Anzeigen sehr klein ist. Diese kosten ca 12€ und erscheinen meistens 4x jährlich.

    Hier zu gehören:
    hifi & records aus dem monomedia Verlag (www.monomedia.de)
    image hifi aus dem IMAGE Verlags GmbH (image-hifi.com)
    und auch das Magazin hörerlebnis (http://www.hoererlebnis.de)
    etc.

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Ziegler

  • Frank Armbruster
    10. September 2015 09:51

    Hallo Herr Ziegler
    das stimmt. Allerdings ist das Geschäftsprinzip das gleiche, oder haben Sie dort schon mal einen kritischen Bericht über ein Produkt gelesen?
    Das dort weniger Anzeigen stehen ist mit Sicherheit keine redaktionelle Entscheidung sondern liegt daran dass es einfach weniger Anzeigenkunden gibt.
    Viele Grüße
    Frank Armbruster

  • Peter Heustroh
    6. März 2017 12:33

    Den Online Magazinen muss man allerdings zu Gute halten, dass man sie „kostenlos“ lesen kann.
    i-fidelity – wird immer am ende alles gut getestet. Trotzdem lesenswert.

    fairaudio – Tests der etwas anderen art im Wohnzimmer. Ebenfalls am ende immer alles gut bewertet. Dafür immer sehr informativ, anschaulich, mit bewusstem Versuch einer klanglichen Beschreibungserklärung. Mit veröffentlichter Leserbriefseite.

    hifistatement – rühriger Internet Auftritt von Dirk Sommer. Tests von meist High End Geräten, mit meist genauso hohem Preisanspruch, gespickt mit Werbung, die sich ja irgendwie auch finanzieren muss; die website.

    LowBeats – von Holger Biermann, Raphael Vogt – geht’s dabei (nicht nur) um HiFi.

    hifi-ifas – das Blog von Usern ehemals des audio/stereoplay Forums. Lockerer Informationsgehalt.

    fidelity-magazin – geht hierbei sehr großzügig mit seinen Veröffentlichungen Online.

    Ab und zu leiste ich mir auch noch den Luxus(?) einer Zeitschrift in Papierform zu kaufen. Dies geschieht meist, wenn die stereoplay wieder eine CD als Heftbeilage veröffentlicht.

    hifi-museum – Eine interessante Betrachtungsseite über all die Jahrzehnte vergangener und noch bestehenden (nicht nur) deutsche HiFi – Zeitschriften.

    alle genannten Namen lassen sich über Suchmaschinen finden.

    Neben dem Niedergang des Hifi am Ende der achtziger / neunziger Jahre haben m.M.n. nicht nur das Computer Zeitalter, nicht nur das gedankenlose downloaden von .mp3 files, oder der Heimkino – Hype zur Reduktion der HiFi Zeitschriften beigetragen. Auch das ewige „Schön schreiben“ eines Tests, das fortlaufende hypen immer gleicher Hersteller tat bei den kommerziellen Testpublikationen, hierzu das übrige bei. Umso teurer das Gerät, umso höher die nichtssagende Punkteanzahl.
    Am Ende mussten sich alle vom Kuchen ein kleineres Stück abschneiden.

  • Gert Redlich
    15. Juli 2018 21:17

    Hallo an alle,
    nur als ergänzende Information, das Hifi-Museum ist finanziell völlig unabhängig, ich kann also schreiben, was Sache ist . . . . . und habe zum Glück eine sehr fähige Wiesbadener Anwaltskanzlei mit im Boot, sodaß Klagen über Rufschädigung oder Geschäftsschädigung mit Freuden beantwortet werden.

    Der Chefredakteur von Steroplay hat zu meinen gnadenlosen Beurteilungen im November 2015 dazu folgenden geschrieben :

    http://www.hifimuseum.de/stereoplay-00.html

    Grüsse aus Wiesbaden und viel Spaß beim Lesen
    Gert Redlich

  • Gunther G.
    25. Juli 2020 16:32

    Jahre später gebe ich auch meinen Senf dazu: Schon vor gut zehn Jahren hatte ich mal bei der Stereo angefragt, ob es denn sein müsse, jeden fünften Satz mit einem (begeisterten) Ausrufezeichen zu beenden. Die Reaktion war durchaus freundlich (Sind wir denn so schlimm?), denn die Jungs und wenigen Mädels leben halt damit, dass sie für Geld schreiben und die goldenen Zeiten der Branche lange vorbei sind. Bei den „Edelblättern“ ist es übrigens nicht besser, die Image Hifi zum Beispiel ist vor Euphemismen und pseudotechnischer Philosophie strotzendes Hochglanz-Geschwafel. Von Autozeitschriften weiß ich übrigens ganz konkret, dass zum Teil Sachverhalte komplett falsch dargestellt werden, wenn ein Sponsor nur genügend „rüber wachsen lässt“. Das läuft durchaus subtil ab, so manche Redakteure merken nicht einmal, was für ein Unsinn ihnen eingeflößt wird. Zurück zu Hifi, wo die Mechanismen ähnlich sein dürften: Dem Leser bleibt erstens eigentlich nur, zwischen den Zeilen zu lesen. Einfach ist das nicht, denn nicht bei jedem gehören Disziplinen wie Hermeneutik zum Handwerkszeug; übrigens auch nicht bei einer großen Anzahl von Special-Interest-Journalisten, die ihre Berufsbezeichnung eigentlich nicht verdient haben. Wie auch immer: Regelmäßige große Anzeigen und tolle Ergebnisse bestimmter Hersteller sind Anlass zu ebenso großer Skepsis. Zweitens: Dem Hifi-Fan (oder besser Musik-Fan) hilft letztlich nur ein guter Händler mit Vergleichsmöglichkeiten, von denen es leider nicht mehr viele gibt.

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