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Das Royal Concertgebouw Orchestra mit Andris Nelsons in Stuttgart

Gespannte Erwartung am Montagabend im Beethovensaal – zählt das Royal Concertgebouw Orchestra doch nicht nur zu den besten der Welt, sondern ist auch ein seltener Gast in Stuttgart: sage und schreibe 26 Jahre sind seit seinem letzten Konzert hier vergangen, danach folgte nur noch ein Gastspiel 1996 in Ludwigsburg im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele, ebenfalls unter seinem damaligen Chefdirigenten Riccardo Chailly. Der Auftritt im Rahmen der Meisterkonzertreihe war nun auch insofern von aktuellem Interesse, als mit Andris Nelsons einer der Kandidaten für die Nachfolge von Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am Pult stand. Würde Nelsons am 11. Mai tatsächlich gewählt, wäre es die Krönung einer steil verlaufenden Karriere: 2009 war der Lette noch Orchesterleiter in Herford, mittlerweile dirigiert der 36-jährige in aller Welt und ist seit der letzten Saison Chef der Sinfoniker in Boston. Klappte es nun auch in Berlin, dann hätte er alles erreicht.
Viel erreicht hat auch Anne-Sophie Mutter, die, anders als das Orchester aus Amsterdam, regelmäßig in Stuttgart zu hören ist. Auch mit Andris Nelsons hat sie schon vor einem Jahr hier gespielt, damals mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra – und das klappte gut, sehr gut sogar: in Brahms´ Violinkonzert ergänzten sich Nelsons Temperament und Mutters Perfektion aufs Schönste. Nun stand mit dem Violinkonzert von Sibelius ein anderer Klassiker auf dem Programm, doch statt der etwas matt klingenden Engländer hatte Mutter den Luxussound des Concertgebouw Orchestra an ihrer Seite. Und den nutzte sie. Leise, sehr leise, aber doch mit betörender Strahlkraft erhebt sich Mutters Geigenton zu Beginn über den tremolierenden Streichern des Orchesters, ehe sich das thematische Material in einem lang gezogenen Crescendo auszuformen beginnt. Das hat Spannung und ist der Auftakt zu einer musikalischen Reise durch Sibelius´ (Innen-)Welt: pathosgetränkt, aber nie sentimental, schmerzlich, aber auch mit Zuversicht. Wenn man Anne-Sophie Mutter vorwerfen kann, dass sie sich manchmal zu sehr auf ihre technische Brillanz und die pure Schönheit ihres Tons verlässt, so überrascht sie hier mit einer Fülle an klanglichen Abtönungen: vom fahl-verhangenen Espressivo über dunkelbunt strahlende Kantilenen bis zu jenen gleißenden Spitzentönen, für die sie berühmt ist. Die Kadenzen im ersten Satz geht sie mit Risiko und Verve an, im zweiten reizt sie die Sonorität ihrer G-Saite bis in extreme Lagen aus. Überhaupt ist das alles geigerisch von frappierender Perfektion: Doppelgriffpassagen, Sprünge, Arpeggien bewältigt sie mit nonchalanter Souveränität, und auch die heiklen Punktierungen zu Beginn des dritten Satzes bringt sie rhythmisch auf den Punkt.
Es ist freilich auch Andris Nelsons Verdienst, der hier das Beste aus der Geigerin herauskitzelt, indem er sich jegliche Routine versagt. Keine Phrase ist da ohne Bedeutung, alles ist Ausdruck, und vielleicht kann man Mutters klangliche Vielfalt auch als Reflex auf die Farbpalette deuten, die Andris Nelsons den Königlichen aus Amsterdam entlockt. Warm und dunkel – nußbaumfarben? – ist der Grundton, dem aber speziell die Holzbläser immer neue Nuancen beimischen. Der Beifall im vollen Saal ist entsprechend, als Zugabe spielt Anne-Sophie Mutter die Gigue aus Bachs Partita d-Moll: perfekt. Wie sonst?
Nach der Pause taucht man mit Schostakowitschs zehnter Sinfonie in eine andere Welt. Der Komponist schrieb sie als Reaktion auf Stalins Tod, und auch wenn Schostakowitsch selbst den zweiten Satz als „Stalins schreckliches Gesicht“ beschrieb, so entzieht sich das Werk doch – wie jede wirklich große Musik – platter Hermeneutik. Es kann kaum Zweifel daran bestehen, dass Schostakowitsch der größte Sinfoniker nach Gustav Mahler ist, und wie dessen Musik ist auch die von Schostakowitsch prinzipiell doppelbödig – nicht immer ist alles so, wie es scheint. Manchmal prallen unterschiedlichste Charaktere wie in einer Art Schnittästhetik unvermittelt aufeinander, und Nelsons setzt auch hier auf extreme Zuspitzung, gestisch wie klanglich. Nach dem erschöpften Beginn der tiefen Streicher rufen im ersten Satz Trommelkaskaden Assoziationen an Maschinengewehrsalven wach. Holzbläserfarben erscheinen bis ins Fratzenhafte geschärft, Motive ritzen das Trommelfell. Den zweiten Satz peitscht Nelsons wie eine gespenstische Danse macabre voran, maschinenhaft drängend, während im Hintergrund das Blech einen finsteren Choral bläst, dass einem angst und bange wird. Himmel und Hölle, Fest und Beinhaus liegen nah beieinander. Musik als existenzielle Erfahrung, großartig gespielt. Am Ende ist man betroffen und beglückt. Großer Applaus. (StZ)

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