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Mrz

Mireille Mathieu im Stuttgarter Beethovensaal

Nicht alles „C´est si bon“

Was macht sie bloß mit all den Blumen? Nach jedem Lied bekommt Mireille Mathieu Sträuße auf die Bühne gereicht, an die dreißig, vierzig Bukette dürften es wohl sein im Lauf des Abends. Viele davon von gereiften Herren, manchmal zusammen mit einem Umschlag oder einem Geschenk. Auch rote Rosen sind darunter. Ach ja, l´amour! Die 68-jährige Mireille Mathieu singt viel von der Liebe an diesem Abend. „Es geht mir gut, merci, chèrie, das macht die Liebe!“ heißt es in einem ihrer bekanntesten Schlager, “Taratating, Taratatong“ beschwört das Glück der jungen Liebe ebenso wie „Martin“. Doch auch wenn die Zeiten junger Liebe für die meisten Besucher an diesem Abend im gut besuchten, aber nicht ausverkauften Beethovensaal ebenso passé sind wie für die Sängerin selbst, so wird man doch beim Hören dieser alten Schlager von einem nostalgisch-sehnsüchigen Gefühl erfasst – was auch damit zu tun hat, dass sich Mireille Mathieu weder optisch noch stimmlich sehr verändert hat. Die Pagenkopffrisur ist noch ebenso gut in Form wie ihre Stimme mit dem hellen, charakteristischen Timbre, fast alterslos wirkt sie in ihrem schwarzen Kleid. Und so fühlt man sich zurückversetzt in die siebziger Jahre, als Dieter Thomas Heck allwöchentlich im Zett-De-Eff die Hitparade moderierte. Es war die Zeit nach dem Wirtschaftswunder, als der Wohlstand etabliert war und man sich in Deutschland zunehmend für die Reize fremder Länder zu interessieren begann – sofern sie nicht gar zu fremd waren. Besonders Griechenland stand damals hoch im Kurs, Nana Mouskouri, Vicky Leandros oder Demis Roussos waren Dauergäste bei Heck. Caterina Valente vertrat Italien, für Mexico stand Rex Gildo, der zwar Deutscher war, was aber nicht weiter störte, und in die französische Lücke stieß – Mireille Mathieu. Der „Spatz von Avignon“ entsprach dem Typ der süßen kleinen Französin. Sie sah gut aus und sang toll, und vor allem machte es ihr nichts aus, auch auf deutsch und vor allem Schlager zu singen, was sie von den Diven des französischen Chansons unterschied. Denn eigentlich war die große Edith Piaf Mathieus Vorbild gewesen: 1964, nachdem sie einen Gesangswettbewerb in Avignon gewonnen hatte, kaufte der Bürgermeister ihr, die aus bitterarmen Verhältnissen stammte, eine Fahrkarte nach Paris, um sich mit anderen Amateurkünstlern in einer Sendung zu messen. Sie sang „Jezebel“ von Edith Piaf, danach durfte das Publikum abstimmen. Mireille Mathieu gewann. Es war der Auftakt zu einer Karriere, in deren Verlauf sie aber nie in die Fußstapfen der zwei Jahre zuvor verstorbenen Piaf zu treten vermochte – zu unterschiedlich waren ihre Charaktere. Die Piaf lebte ein ein gefährliches Leben mit vielen Liebschaften und Alkoholexzessen. Mireille Mathieu war tugendsam, katholisch und sehr diszipliniert.
Doch nicht zuletzt deshalb singt sie noch immer – den „Pariser Tango“ zum Beispiel, einer ihrer größten Hits, zu dem sie mit Tangoschritten von einem Ende der Bühne zur anderen schreitet. Ihre wirken Gesten etwas einstudiert: mit der rechten hält sie das Mikro, während die linke beschwörerisch durch die Luft fährt. Außer „Merci“ und „Danke“ sagt sie nicht viel, braucht sie auch nicht. Es reicht, dass sie da ist. Ihre elfköpfige Band mit den drei Backgroundsängern hält sich meist im Hintergrund und macht ansonsten einen guten Job, nur einmal an diesem Abend setzt sie sich lautstark in Szene: bei „Ce n´est rien“, einem der wenigen neuen Songs an diesem Abend, wo die Bassdrum poltert und Laserblitze durch den Saal zucken. Das Rockige aber passt irgendwie nicht recht zu ihr, es wirkt aufgesetzt. Die alten Schlager hört man zwar gern, bei „Santa Maria“ wird kräftig mitgeklatscht. Am authentischsten aber ist Mireille Mathieu, wenn sie echte Chansons singt. „Un dernier mot d´amour“ entstand 1978, und darin ist eben nicht alles „si bon“. Das Lied erzählt von der Bitternis einer vergeblichen Liebe, und mit jedem Vers bohrt sich der Stahlkern von Mathieus Stimme tiefer ins Herz, spürt man, dass diese kleine, tapfere Frau mehr zu erzählen hat als Schlagerweisheiten. Hätte man doch auch Blumen mitgebracht. (StZ)

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