16
Jul

Jazz Open Stuttgart

Es konnte einem schon etwas bang werden, als sich am Donnerstag abend eine tiefdunkle Wolke wie ein riesiger Keil über den Stuttgarter Talkessel schob, während das Publikum im Ehrenhof des Neuen Schlosses den Auftritt von Gregory Porter erwartete. Doch irgendein wohlmeinender Windgott blies das finster dräuende Gebilde dann rechtzeitig wieder weg.
Open air Veranstaltungen bergen eben ein gewisses Risiko, das die Veranstalter der Stuttgarter Jazz Open nun seit vielen Jahren in Kauf nehmen – man erinnert sich an Konzerte in den vergangenen Jahren, die man unter ganzkörperkondomartigen Regencapes verfolgte. In diesem Jahr aber hatte man nicht nur mit dem Wetter Glück, denn neben der Qualität stimmte auch der Publikumszuspruch: mit insgesamt 29.000 Besuchern während der zehn Festivaltage gab es einen neuen Rekord. Dazu trug auch das Konzert mit Gregory Porter bei, dem derzeit weltweit wohl angesagtesten Jazzsänger, der zusammen mit dem 50-köpfigen holländischen Metropole Orchestra einen fulminanten Auftritt hinlegte. Porter sang vor allem Titel aus seiner Erfolgsplatte „Liquid Spirit“, holte sich für Bill Withers´ „Grandma´s Hands“ aber auch noch einmal Diane Reeves, die zuvor das erste Konzert des Abends bestritten hatte, zu einem mitreißenden Duett auf die Bühne. Porter, der Mann mit der Mütze, hat seine Wurzeln sowohl im Soul wie im Gospel, wobei es zu seiner Popularität beitragen dürfte, dass er sich mit seiner Musik ziemlich unverhohlen an Vorbildern wie Nat King Cole oder Marvin Gaye anlehnt. Aber er schreibt eben starke Songs. Den Rest macht sein charakteristischer Bariton.
Innovativen, zeitgenössischen Jazz gab es freilich auch bei den Jazz Open. Etwa beim Konzert des Brad Mehldau Trios im Event Center des Hauptsponsors Sparda Bank. Zusammen mit seinem fantastischen Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Jeff Ballard hat Mehldau das Zusammenspiel im Trio auf ein neues Niveau gehoben, das selbst große Vorbilder wie das Bill Evans Trio altbacken wirken lässt. Frappierend, mit welcher Selbstverständlichkeit dabei das Mehldau Trio verschiedenste Elemente in sein Spiel integriert und dabei immer den Eindruck absoluter Freiheit erweckt. Komplexe rhythmische Verschachtelungen münden in modale Flächen, innerhalb derer sich die drei Musiker in freier Improvisation in regelrechte Grenzzustände spielen, um plötzlich in einen Uptempo-Groove abzubiegen. Meist kauert Mehldau dabei mit geschlossenen Augen am Klavier, riskiert kaum mal einen Blick zu seinen Mitspielern. Das nennt man „blindes Verständnis“. Aber auch „konventionelle“ Stücke wie Edu Lobos „Valsa Brasileira“ oder Sidney Bechets „Si Tu vois Ma Mère“ zeigen die immensen Möglichkeiten dieses Trios.
Dieses Konzert zählte zu den Höhepunkten der Jazz Open wie der Auftritt der französischen Sängerin Zaz, die wie Gregory Porter auf der großen Open-air-Bühne im Schlosshof auftrat. Zaz ist ja das Kunststück gelungen, das nach Patricia Kaas und Georges Moustaki lange Zeit brach liegende Feld der französischen Chansontradition wieder neu mit Inhalt zu füllen. Zwar wird sie gern mit der legendären Edith Piaf verglichen, was ihr freilich nicht gerecht wird. Anders als die scheue Pariserin ist Zaz ein Energiebündel, das mit ihrer Mischung aus Giypsy-Jazz und Chanson das Publikum innerhalb kürzester Zeit in Hochstimmung versetzte. Die erste Hälfte ihrer Auftritts bestritt sie mit ihrer eigenen, hochkarätig besetzten Band und sang dabei überwiegend Titel ihres aktuellen Albums „Paris“, deren Texte von auffallend vielen im Publikum mitgesungen wurden. Als dann die Herren der SWR-Bigband auf der Bühne Platz nahmen, nahm der ohnehin schon mitreißende Abend noch zusätzlich Fahrt auf und mündete in ein triumphales, fast hymnisch zelebriertes „Oh, Champs Elysees“, zu dem sich auch die Hörer auf den teuren Tribünenplätzen erhoben. Es folgte Zaz´ Hit „Je veux“, nach dem der Beifall keine Grenzen mehr kannte. Weitere Zugaben verhinderte – es war 23.15 Uhr, akustische Sperrstunde – das Ordnungsamt. Stuttgart ist halt doch nicht Paris. (Südkurier)

 

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