20
Nov

Das RSO Stuttgart mit Vilde Frang

Formel Eins und Zaubergarten

Ob da jemand den Hahn nicht zugedreht hat? Irgendwie erinnert das leise Geräusch im Beethovensaal an das Rauschen einer Wasserleitung, obwohl es offenbar die Cellisten des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR sind, die da in höchster Lage Saiten streichen – oder sind es doch die Posaunen, die Luftgeräusche machen? Irritationen solcher Art gehören essentiell zum Werk von Helmut Lachenmann, dem Stuttgarter Komponisten, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert und dessen Werke aus diesem Anlass derzeit öfters als sonst zu hören sind. Das RSO hatte sich als Eröffnungsstück des von Michel Tabachnik geleiteten dritten Abokonzerts das Orchesterwerk „Schreiben“ ausgesucht, das Lachenmann 2004 komponiert hat – ein Meisterwerk, das die Ausnahmestellung Lachenmanns jenseits der im Programmheft ausgebreiteten etymologischen Spitzfindigkeiten rein klingend belegt. Mit sanften Luftgeräuschen öffnet sich zephyrhaft der Lachenmannsche Zaubergarten, beginnt die Expedition in das unbekannte Reich der Klänge und Geräusche, die ein großes Sinfonieorchester im Verbund mit zwei Pianisten erzeugen kann, wobei – siehe oben – die Urheber der Klänge nicht immer zweifelsfrei ermittelt werden können. Das faucht und fächelt, säuselt und summt, knistert und knattert, das es eine Freude ist, zwischendurch heult ein Formel-1- Motor auf (waren´s die Posaunen?) und dann nimmt das Ganze auch rhythmisch mächtig Fahrt auf, ehe am Ende der Stöpsel gezogen und die Luft abgelassen wird. Das ist nicht nur von erheblichem sinnlichen Reiz, denn so ganz nebenbei werden dabei auch die Grenzen zwischen Geräusch und Ton, Alltag und Kunst, Maschine und Mensch ausgelotet – und vielleicht auch ein bisschen verschoben, was wohl durchaus im Sinne von Helmut Lachenmann wäre, der beim Konzert anwesend war.
Ein Ohrenputzer, der – zumindest vorübergehend – die Rezeptoren auch für bekannte sinfonische Kost wie Mozarts fünftes Violinkonzert A-Dur neu kalibrierte. Als Solistin hatte man die norwegische Geigerin Vilde Frang verpflichtet, die in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt hat. Und das – wie man hören konnte – zurecht: anders als ihre Förderin und Mentorin Anne Sophie Mutter nimmt sie mit einem ungemein persönlichen Spiel gefangen, dessen Charakteristikum man als nervöse Sensibilität bezeichnen könnte. Bei jeder Phrase ringt die elfengleich zarte Norwegerin um distinkten Ausdruck – am eindringlichsten im Adagio, das sie mit wunderbar innigen, ausgesungenen Linien und einem feinen, wandlungsfähigen Ton adelt. Doch wenn nötig, kann sie – wie in den Kadenzen – auch virtuos zulangen, und so wollte sie das Publikum nicht ohne Zugabe – Bjarne Brustads „Veslefrikk“ – gehen lassen.
Bis dahin hatte Michel Tabachnik das Orchester gut im Griff, und auch in Schumanns vierter Sinfonie setzte er auf Emphase und Spannung, betonte die dramatischen Aspekte vor allem in den Ecksätzen, die er mit mächtig Druck vorantrieb. Das RSO folgte seinen raschen Tempovorgaben nach Kräften, und hätte sich Tabachnik noch ein wenig mehr um klangliche Proportionierung und das Strukturieren der Stimmverläufe gekümmert, wäre diese Aufführung vielleicht sogar geeignet gewesen, Skeptiker von der Qualität der Schumannschen Sinfonik überzeugen zu können.  (StZ)

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