28
Feb

Khatia Buniatishvili spielte in Stuttgart

Formlos zerfließend

Vor knapp fünf Jahren kam Khatia Buniatishvilis Debüt-CD mit Werken von Franz Liszt auf den Markt: eine in ihrem Feuer und ihrer kompromisslosen Hingabe beeindruckende Talentprobe der jungen Georgierin, die manche schon mit Martha Argerich verglichen. Auch die nächste CD mit Chopin kletterte in den Klassikcharts weit nach oben und versprach auch künstlerisch einiges. Damit einher ging eine von ihrer Plattenfirma gesteuerte, an den Vermarktungsstrategien der Popmusik orientierte Kampagne, die Khatia Buniatishvili konsequent als Glamourgirl und Vamp in Szene setzte. Schwarze Mähne, knallroter Mund und spektakuläre Konzertkleider wurden zum Markenzeichen der ECHO-Preisträgerin: Würde man allein das Foto auf dem Programmheft ihres Klavierabends im Stuttgarter Mozartsaal sehen – schulterfrei mit halb geöffnetem Mund und laszivem Augenaufschlag – man dächte an alles Mögliche, aber nicht an eine klassische Pianistin.
Nun könnte man dies als Äußerlichkeiten abtun: letzendlich zählt nur die Kunst. Doch wenn der Eindruck nicht täuscht, dann hat Khatia Buniatishvili mittlerweile auch ihr Klavierspiel ihrem Image und den Hörerwartungen des avisierten Publikums angepasst. Vereinfacht auf den Punkt gebracht, bedient sie nur zwei Kategorien des Ausdrucks: ein überzuckertes, rubatogesättigtes Espressivo und ein entfesseltes Wüten. Exemplarisch können dafür ihre drei Zugaben stehen. Debussys „Clair de lune“ aus der Suite bergamasque zerfließt formlos in Einzelklänge, bar jeder rhythmischen Kontur. Ebenso Händels Menuett g-Moll. Das Precipitato-Finale aus Prokofieffs siebter Sonate ist dagegen eine Fortissimoorgie vom ersten Ton an, höllisch schnell, aber weitgehend undifferenziert und ohne dramaturgische Entwicklung. Wieviel spannungsvoller und soghafter hat das die junge Martha Argerich gespielt!
Auch der Musik von Modest Mussorgsky bekommt zuviel Subjektivität nicht gut, das gilt gerade auch für die „Bilder einer Ausstellung“, die Khatia Buniatishvili in der ersten Programmhälfte spielt. Die verbindenden Promenaden zelebriert sie wie romantische Rührstücke, und schon hier fällt ihre Neigung auf, Pianissimopassagen über Gebühr mit dem linken Pedal zu spielen. „Bydlo“ mit dem übers Feld rumpelnden Ochsenkarren erinnert an einen chopinschen Trauermarsch, das stolze, männliche Thema des großen Tors von Kiew zerbröckelt in ausgedehnten Rubati.
Das wird nach der Pause bei fünf Stücken von Franz Liszt und drei aus Strawinskys Petrouchka nicht grundsätzlich anders, wobei Khatia Buniatishvil nicht nur in der f-Moll Etüde „La Leggierezza“ ihr enormes pianistisches Potential zeigt: derart flüssig laufen die Finger bei wenig anderen. Es wäre dieser eminent Begabten zu wünschen, sie würde sich weniger um ihr Image und mehr um ihre künstlerische Entwicklung kümmern. (StZ)

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