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Mrz

Die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Renitenztheater

Sprungbrett nach Mekka

 

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Fatih Cevikkollu

Für einen Moment kann man da schon ins Schwitzen kommen. Eben hat Fatih Cevikkollu noch deutsch gesprochen, da erhebt er die Stimme unvermittelt auf türkisch und nestelt dabei an dem Kabel unter seinem Sakko herum. Eine „Botschaft an seine Glaubensbrüder“ sei das eben gewesen, klärt er auf, während man sich langsam entkrampft, und diese Kabel am Körper – nun ja, man wisse eben nicht genau, wo die hinführten. Mit Provokationen dieser Art trifft der Kölner Kabarettist genau den wunden Punkt im aktuellen Verhältnis von Deutschen und Türken im Besonderen und Muslimen im Allgemeinen: mancher dürfte sich ja fragen, inwieweit man Selbstmordattentäter an ihrer Physiognomie erkennen kann. Dass dabei auch Türken unter Generalverdacht geraten, die zum Teil in Deutschland geboren sind, entbehrt nicht einer gewissen Absurdität, zumal ja auch die Türkei von den Attentaten betroffen ist. Interessant auch, wie Cevikkollu unser Mitgefühl mit den Opfern analysiert. Mitgefühl setze nämlich Zugehörigkeit voraus – weswegen wir uns von den Anschlägen in Paris weitaus stärker betroffen zeigten als von jenen in Ankara.

Seit letztem Freitag läuft nun schon die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Renitenztheater, und gerade der Kölner Cevikkollu, der in Diktion und Körpersprache etwas an Dieter Nuhr erinnert, machte mit seinem Auftritt am Dienstagabend deutlich, dass sich das türkische Kabarett in Deutschland längst über die Ethnocomedy im Stil von Kaya Yanar oder Bülent Ceylan hinaus zu einer gesellschaftlich relevanten Form hinaus entwickelt hat. Zwar nimmt auch Cevikkollu Klischees aufs Korn, wie die Körperform türkischer Muttis, die er als „Hüpfburgen“ bezeichnet („mit buntem Kopftuch, damit man weiß wo oben ist“). Doch dringt er mit seinen Beobachtungen tief in unterbewusste Bereiche des deutsch-türkischen Selbstverständnisses vor. Deutsche, so meint er, fühlten sich einfach besser, wenn ihre türkischen Gemüsehändler schlechtes Deutsch sprächen, sie könnten sich dann leichter als Wohltäter fühlen, die Unterprivilegierte unterstützten. Das Gemüse könne man ja waschen…. Viele Türken könnten sich dagegen selber nicht leiden und würben für ihre Wohnanlage mit dem Argument, dass sie die einzigen Türken wären, die darin wohnten.

Neben Cevikkollu, der am Samstagabend im Rahmen des Festivals auch sein Soloprogramm „Emfatih“ präsentiert, traten an diesem Abend noch Özcan Cosar und Ozan Akhan auf, die eher in der Tradition klassischer Türk-Comedians stehen. Hinreißend Akhans Auftritt als Bademeister („Das Sprungbrett habe ich nach Mekka ausgerichtet“), während der in Stuttgart aufgewachsene Cosar seine Erfahrungen als Schwabentürke in lustige Szenen einband, sehr eindrucksvoll auch seine Ballett-Breakdanceperformance. Deutsche und Türken jedenfalls, das hat der Abend gezeigt, können noch allerhand lernen. Von- und übereinander.

(StZ)

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