Verdis „Il trovatore“ an der Staatsoper Stuttgart

01.
Juni.
2024

Wie soll man diese Oper schlüssig inszenieren? In Giuseppe Verdis „Il trovatore“ gibt es im Grunde keine durchgängige Handlung. Was geschehen ist, wird meist im Rückblick erzählt: Eine Zigeunerin wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil sie den jüngeren Sohn des Grafen Luna verhext haben soll. Ihre Tochter Azucena übt Rache, indem sie den Jungen entführt, im Wahn aber statt ihn ihren eigenen Sohn in die Flammen wirft. Das Kind des Grafen zieht sie als Manrico auf, der von seiner Herkunft nichts weiß und später zum Rivalen seines älteren Bruders im Werben um die schöne Leonora wird. Rache, Ehre, Eifersucht und Begehren sind die Triebfedern der Figuren, die von ihrer Vergangenheit nicht loskommen. Am Ende sind fast alle tot. Das Fehlen einer stringenten Handlung hat der Regisseur Paul-Georg Dittrich in seiner Neuinszenierung für die Staatsoper Stuttgart zum Anlass genommen, das Stück als (Alb)-Traumvision des Grafen Luna auf die Bühne zu bringen. Dabei werden die Zeitebenen genauso wild durcheinandergeworfen wie die Szenen, die mitunter filmschnittartig wechseln. So beginnt das Stück nicht, wie im Libretto vorgesehen, in einem Soldatenlager, sondern auf einem Spielplatz: die herumtollenden Kinder verwandeln sich dann schlagartig in Soldaten, die Folterpraktiken und Hinrichtungsmethoden üben. Horror und Gewalt als traumatische Erfahrungen sind allgegenwärtig. Und immer wieder findet Dittrich verstörend eindringliche, surreal zugespitzte Bilder für Lunas Schreckensvisionen. Im ersten Akt etwa, wo er als Cowboy, unter der meterlangen Schleppe von Leonoras Kleid (s)ein totes Pferd entdeckt. Oder im dritten Akt, vor dem geplanten Angriff auf die Festung Castellor, in der sich die Kämpfer seines Rivalen Manrico verschanzt haben, und Lunas Soldaten als irre, paralysierte Zombies in Fantasiekostümen herumtorkeln.
Damit aber nicht genug. Der Regisseur zieht auch noch eine zusätzliche Eebene vor der Hauptbühne ein, als eine Art Außenperspektive, die Luna immer wieder betritt – als wolle er darüber nachdenken, was da eigentlich in seinem Kopf passiert. Und es wird gar noch komplexer, indem zwischen den Szenen Texte von Heiner Müller gelesen werden, die allesamt um Tod, Unterdrückung und Verderben kreisen. Das klingt kompliziert? Leider ist es das auch. Denn selbst wenn man sich darauf konzentriert, das Geschehen auf der Bühne zu dechiffrieren, so stellt sich angesichts der Fülle der Bilder und der möglichen Assoziationen irgendwann der Punkt ein, wo man nicht mehr schauen, sondern eigentlich nur noch hören möchte. Das gilt vor allem für den vierten und letzten Akt, in dem das Geschehen kulminiert: Luna hat Manrico in den Kerker gesperrt und will ihn samt seiner Mutter Azucena töten, da bietet sich ihm Leonore um den Preis von Manricos Freiheit an, hat aber zuvor schon Gift genommen. Musikalisch sind diese inneren Dramen von Verdi mit ungeheurer emotionaler Wucht gestaltet, und eigentlich bräuchte es dazu keinerlei szenische Kommentare. Doch gerade in diesen hochexpressiven Momenten meint die Regie, eine Art Breakdance-Ensemble auf die Bühne bringen zu müssen, das um die Sänger herumwuselt und Körperkunststücke macht. Schwer zu sagen, ob da pure Eitelkeit des Regisseurs oder bloß mangelnde Sensibilität dahintersteckt, aber spätestens zu diesem Zeitpunkt bemerkt man erste genervte Reaktionen des Publikums. Am Ende wird dem Regieteam ein in Stuttgart selten gehörter Buhsturm entgegenschlagen.
Die Sänger dagegen werden gefeiert, und das zu Recht. Denn das Quartett der vier Protagonisten ist ganz exquisit besetzt. Das gilt vor allem für Kristina Stanek, die die Rolle der traumatisierten Zigeunerin Azucena mit ungeheurer Dringlichkeit ausfüllt. Präzise geführt ist ihr farbenreicher Mezzo, dem sie in der Höhe die passende Schärfe verleihen kann, wenn es darum geht, seelische Grenzzustände auszudrücken. Selene Zanettis dramatischer Sopran besitzt für die technisch anspruchsvolle Rolle der verzweifelt liebenden Leonora die nötige Wärme und Durchschlagskraft. Ernesto Petti singt den Grafen Luna mit fein differenziertem, kraftvollen Bariton, Atalla Ayan gibt einen tenoral hinreißenden Manrico mit der richtigen Prise Italianità. Und perfekt zusammengehalten wird das Ganze durch den Dirigenten Antonello Manacorda, der das Gespür und das richtige Händchen hat für den Melodien- und Farbenreichtum von Verdis Musik. Ein Besuch in Stuttgart ist diese Produktion auf jeden Fall wert. Wem’s szenisch zu viel wird: einfach Augen schließen und die Musik genießen.

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