Subtext des Grauens

16.
Feb..
2026

Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ an der Staatsoper Stuttgart

Worin besteht es, das typisch Deutsche? Für Richard Wagner verkörperte sich es in der Kunst: „Zerging in Dunst/das Heil´ge Röm´sche Reich/uns bliebe gleich/die heil´ge deutsche Kunst!“ singt Hans Sachs in seinem Schlussmonolog in „Die Meistersinger von Nürnberg“. In der Neuinszenierung an der Staatsoper Stuttgart beginnt dabei ein Kinderwagen an zu brennen: Es ist nur ein schmaler Grat zwischen Heil und Horror, zeigt diese Szene einer insgesamt überragenden Aufführung, die am Ende mit Ovationen gefeiert wird. Und das zu Recht. Denn der Regisseurin Elisabeth Stöppler gelingt das Kunststück, die Oper aus ihrer festgefahrenen Rezeptionsgeschichte zwischen Mittelalterromantik, Vereinnahmung im Dritten Reich und anschließender „Entnazifizierung“ zu lösen und dabei noch einmal neu zu denken: Was passiert da eigentlich? Und warum?
Dieser Ansatz zeigt sich gleich im ersten Bild. Ein weißer Raum (Bühne: Valentin Köhler) ist die Schusterwerkstatt des Hans Sachs, der während des Vorspiels vor einem Blatt Papier sitzt und zwei Worte kritzelt: Fanget an. Jeder der drei Akte beginnt in diesem Raum, der als eine Art Reflexionsraum dient für das, was nach dem Hochziehen der Rückwand auf der Szene passiert. Der erste Akt spielt vor einem Holzgerüst samt Treppe, aus dem im zweiten ein gemauerter Bau und im dritten eín Monument wird, das an das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg erinnert. Dabei werden die Motivationen der Protagonisten, das Geflecht ihrer Beziehungen mit einer Akribie ausgeleuchtet, wie das auf Opernbühnen selten der Fall ist. Man erlebt in Stuttgart Schauspielertheater par excellence, das ganz ohne jene pauschalen Gesten auskommt, mit denen Regisseure häufig Gesangspassagen überbrücken. So erfährt man einiges über die Figuren: Etwa, dass die als Hauptgewinn ausgelobte Eva Pogner nicht nur in den Ritter von Stolzing verliebt ist, sondern auch Hans Sachs begehrt und am Ende auf der Festwiese den Moment spürt, wo das Pathos ins Totalitäre umschlägt – und dann Sympathien entwickelt für jenen rebellischen Stadtschreiber Beckmesser, der zuvor wegen seines missglückten Gesangsvortrags gedemütigt wurde.
Dabei geht die Prägnanz der Psychologisierung mit Subtilität der Symbolik einher. Diese zeigt sich etwa in den Vogelfiguren (Kostüme: Gesine Völlm), die die Szene ins Surreale ausweiten und Assoziationen an Shakespeares „Ein Sommernachtraum“ wecken. Oder, vielleicht am eindringlichsten, bei der Präsentation des Preislieds auf der (Führer-)Tribüne: Stolzings Seitenscheitel und der graue Mantel mit Revers sind kaum mehr als Andeutungen von Nazichiffren, reichen aber aus, um der Faszination seines heldischen Gesangs einen Subtext des Grauens zuzufügen. Manch einer mag die vor dem dritten Akt eingespielte Tonbandaufnahme von Paul Celans „Todesfuge“ unangemessen finden, in der Premiere (wir besuchten die zweite Vorstellung) gab es gar Buhrufe. Bedenkt man aber, dass „Meister“ das vermutlich am häufigsten vorkommende Wort in Wagners Libretto ist, so unterlegt Celans Gedichtzeile „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ den positiv konnotierten Begriff mit einem Subtext, der auch schon Gehörtes im Nachhinein in Anführungszeichen zu setzen vermag. Und überhaupt: hat dieser ganze Meisterkult mit seinem verknöcherten Regelwerk nicht ebenso etwas zutiefst Rigides, Reaktionäres wie das objekthafte Verfügen der Meistergilde über Frauen?
Der Überzeugungskraft der szenischen Darstellung entspricht in Stuttgart die musikalische. Da ist der bald scheidende GMD Cornelius Meister, der schon beim Vorspiel ein Zeichen setzt und den musikalischen Fluss über die gesamte Distanz von viereinhalb Stunden imponierend wahrt. Dramatik und Wucht verbindet er mit kammermusikalische Detailarbeit, getragen von einem blendend aufspielenden Staatsorchester und gestützt vom auch szenisch hellwach agierenden Staatsopernchor. Das Sängerensemble entspricht diesem Niveau ganz und gar. Textverständlichkeit und vokale Präsenz zeichnen Martin Gantner als Sachs ebenso aus wie Björn Bürger als Beckmesser, die in puncto Strahlkraft nur noch übertroffen werden von dem fabelhaften Tenor Daniel Behle als Walther von Stolzing. Esther Dierkes leuchtet nicht nur das Rollenprofil der Eva facettenreich aus, sondern sorgt am Ende mit einem Zitat der mit Paul Celan eng befreundeten Nelly Sachs gar für einen nachwirkenden Appell: „Völker der Erde/zerstört nicht das Weltall der Worte/Zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses/den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde.“

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