Grigory Sokolov spielte in der Meisterpianistenreihe der SKS Russ im Beethovensaal Stuttgart
Es ist nur noch eine halbe Stunde bis zum Konzertbeginn. Doch die Türen zum Beethovensaal bleiben noch verschlossen, denn drinnen nimmt der Klavierstimmer letzte Korrekturen am dem Steinwayflügel vor, an den sich gleich der vielleicht bedeutendste Pianist der Gegenwart setzen wird: Grigory Sokolov.
Dessen Anspruch an das Instrument ist ebenso hoch wie der an sein Spiel. Denn wo es um die perfekte Durchformung des Klanges geht, muss auch der Flügel in perfektem Zustand sein.
Die totale klangliche Kontrolle ist nur eines der Markenzeichen, die Sokolov zu einem Solitär in der Musikwelt machen. Seine Auftritte haben in mancherlei Hinsicht etwas Ritualhaftes. Erst wird das Licht im Saal zu einem weihevollen Halbdunkel gedimmt, ehe der Meister forschen Schrittes, den Blick geradeaus, zum Flügel eilt und nach einer angedeuteten Verbeugung zu spielen beginnt.
Diesmal ist die erste Programmhälfte einem Komponisten gewidmet: Beethoven. Und zwar keinem der bekannteren Werke, sondern der eher selten gespielten frühen Sonate Nr. 4 Es-Dur op. 7, der Sokolov ohne Unterbrechung die Sechs Bagatellen op. 126 folgen lässt. Insgesamt eine knappe Stunde, in der man auch als Hörer durchaus gefordert ist – denn op. 7 ist nicht nur die zweitlängste Beethovensonate überhaupt, sie bietet auch relativ wenig prägnante Thematik. Ihre Qualitäten liegen in der Dichte der motivischen Arbeit und, vor allem im Largo, einer Größe und Ernsthaftigkeit des Ausdrucks, die über alles Äußerliche hinausreichen. Den Kopfsatz nimmt Sokolov moderat im Tempo, spielt dafür jede Phrase, jeden Übergang mit großer Deutlichkeit aus. Das Largo ist ein Mirakel an subtilster Gestaltungskunst, und in den Bagatellen legt Sokolov neben dem beethovenschen Witz auch die hier bruchstückhaft aufscheinenden Merkmale (Triller!) des Spätwerks frei.
Nach der Pause ein weiteres langes, völlig anders geartetes Werk: die B-Dur Sonate D 960, Schuberts pianistischer Schwanengesang, mit dem er sich endgültig von den
dialektischen, auf der Spannung zwischen Themen gebauten Gestaltungsprinzipien verabschiedet.
Dieses Gipfelwerk der Klaviermusik wird häufig als resignatives Drama gespielt, und auch bei Sokolov klingt es wie ein Weltabschied – allerdings ein tröstlicher und einer, in dem die herkömmlichen Zeitdimensionen aufgehoben erscheinen. Musik, angesiedelt irgendwo zwischen Erde und Himmel, die Sokolov in all ihren Stimmungswechseln ergreifend gestaltet.
Am Ende Ovationen und, wie immer, exakt sechs Zugaben: drei Mazurken von Chopin, je eine Ballade und eine Rhapsodie von Brahms und, als Schlusspunkt, ein Skrjabin-Prélude.
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