22
Apr

András Schiff spielte in Stuttgart Bachs sechs Partiten

Der Mensch als Medium

Manchmal kann es ganz interessant sein, zurückzublättern. András Schiff, so schrieb der Kritiker Joachim Kaiser 1989 in seinem Buch „Große Pianisten in unserer Zeit“, sei zwar der „Durchbruch“ noch nicht geglückt, doch da er ein seriöser, eminent musikalischer und glänzend ausgebildeter Pianist sei, habe er noch Zeit. Die Zeit hat Schiff genutzt: Bescheiden, aber beharrlich hat sich der heute 61-jährige Ungar zu einem der bedeutendsten Vertreter seiner Zunft entwickelt. Die Musik von Johann Sebastian Bach zieht sich dabei wie ein roter Faden durch seine Karriere. Schon Anfang der 80er Jahre hat Schiff für Decca die Goldberg-Variationen und die sechs Partiten eingespielt, gut 20 Jahre später ein zweites Mal, nun für das Label ECM, dazu noch das gesamte Wohltemperierte Klavier. Jeden Tag beginnt er seine Arbeit am Klavier mit Bach, dessen Musik für ihn, wie er in einem Interview sagte, „wie ein Seelenbad“ sei.
Und ein Seelenbad war auch sein Recital innerhalb der Meisterpianistenreihe im Beethovensaal, wo er den kompletten Zyklus der sechs Partiten spielte, und das heißt: einundvierzig Sätze. Von denen dauern manche zwar nur eine gute Minute, viele aber auch länger als fünf, sodass der offizielle Teil – es folgten noch zwei Zugaben – erst gegen 22.45 Uhr zu Ende war. Dies bedeutete eine ungeheure Gedächtnis-und Konzentrationsleistung, die Schiff freilich mit einer Souveränität bewältigte, die Staunen machte. Sein Zugang zu den Partiten wirkt gleichermaßen profund wie spielerisch: für jeden Satz findet er eine distinkte Charakterisierung im Ganzen, innerhalb der er sich aber größtmögliche Freiheiten erlaubt. Man spürt seinen Willen, die Stücke nicht in Vitrinen zu stecken. Jede Wiederholung klingt anders, immer wieder setzt Schiff neue Akzentuierungen, variiert die Tempi, spielt mit der Artikulation – alles freilich auf der Basis eines eminenten Stilempfindens, dem alles bloß äußerlich Originelle fremd ist. Das Spektrum der Haltungen, die er in den Allemanden, Couranten oder Sarabanden freilegt, ist enorm. Frisch, heiter, wie ein Frühlingshauch weht da die Allemande der B-Dur Partita herein, ganz leicht und obertonreich klingt hier der Steinway. Die Sinfonia der Partita c-Moll dagegen spielt er mit viel Gewicht, kompakt im Klang, ruhig und ernst. In manchen Gigues spielt er sich fast in einen poyfonen Rausch, und es gibt Stellen, da fließt die Musik in einer Vollkommenheit dahin, dass man meinen könnte, nicht der Pianist spiele die Musik, sondern umgekehrt: Der Mensch als Medium. Bis zum Schluss wirkt Schiff dabei hellwach – und hätte wohl auch noch die gesamten Goldberg-Variationen als zweite Zugabe spielen können, belässt es dann aber (nach dem ersten Satz des Italienischen Konzerts) bei der Aria. Ovationen. (StZ)

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