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Mrz

Hans Werner Henzes Oper „Der Prinz von Homburg“ an der Staatsoper Stuttgart

Ein Träumer ist dieser Prinz Friedrich von Homburg. Ein (Schlaf-)wandler zwischen den Welten, der nicht immer unterscheiden kann zwischen Fantasie und Realität und sich damit auch schon mal gegen die staatliche Autorität stellt – in diesem Fall gegen den preußischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, dessen Autorität in militärischen Angelegenheiten der somnambule Prinz mit seinem eigenmächtigen Angriff auf das schwedische Heer in der Schlacht bei Fehrbellin beschädigt. Und weil sich das ein preußischer Herrscher nicht bieten lassen kann, verurteilt der Kurfürst den Prinzen wegen Disziplinverweigerung zum Tode.
In Hans Werner Henzes Oper„Der Prinz von Homburg“ nach dem gleichnamigen Drama von Heinrich von Kleist, die nun an der Staatsoper Stuttgart neu inszeniert wurde, geht es um den Gegensatz von Staatsräson und subjektiver Empfindung, Gehorsam und Freiheit. Dass am Ende die Freiheit siegt – der Kurfürst hat ein Einsehen mit dem Prinzen und begnadigt ihn – dürfte mit dazu beitragen haben, dass der Komponist Hans Werner Henze von dem Stoff fasziniert war, den ihm die befreundete Dichterin Ingeborg Bachmann zum Libretto umgearbeitet hat. Denn wie Kleist war auch Henze, der mit 17 Jahren eingezogen wurde, vom Krieg traumatisiert: er habe sein ganzes Leben unter der Zeit gelitten, in der „Uniformträger und Schiesseisenbenutzer“ war, schrieb Henze später, der es bekanntlich im Nachkriegsdeutschland nicht aushielt und nach Italien emigrierte.
Nun zählt Henze zu den meistgespielten Komponisten der Nachkriegszeit. Dass „Der Prinz von Homburg“ auf deutschen Bühnen gleichwohl ein Schattendasein fristet, könnte mit der für Henzes Verhältnisse relativ sperrigen Musik zu tun haben, die Zwölftönigkeit und freitonale Harmonik kontrapunktisch hochkomplex zusammenführt und an Sänger wie Orchester höchste Anforderungen stellt. Die nun werden in Stuttgart grandios erfüllt. Musikalisch ist es ein beglückender Abend, was vor allem an dem von GMD Cornelius Meister geleiteten Staatsorchester liegt. Wie schon bei seinem Debut zu Beginn der Spielzeit mit Wagners „Lohengrin“ lotet Meister auch hier die Partitur in ihrem ganzen Spektrum aus. Kammermusikalische Finesse hat da ebenso ihren Platz wie orchestrale Wucht. Rhythmisch ist alles auf dem Punkt, nichts wird pauschal dahingespielt, jedes Motiv auf seinen Ausdrucksgehalt abgeklopft. Eine Unbedingtheit, der sich sich auch die Sänger verpflichtet fühlen, allen voran Robin Adams als Prinz von Homburg und Vera-Lotte Böcker als Prinzessin Natalie, die ihre extremen Intervallsprünge ebenso locker bewältigt wie Helene Schneiderman als Kurfürstin.
Der differenzierten sinnlichen Präsenz der Musik entspricht die verkopfte Inszenierung von Stephan Kimmig freilich nur bedingt. Kimmig, der ja in erster Linie Theaterregisseur ist und am benachbarten Schauspielhaus bereits häufig inszeniert hat, verlegt die bei Kleist im 17. Jahrhundert spielende Handlung in die bundesrepublikanische Nachkriegszeit der 50er Jahre. Die Bühne (Katja Haß) ist eine Art weiß gekachelte Laderampe, einer Mischung aus Schlachthaus und Hinterhof von ausgesuchter Tristesse, und auch das Personal hat so gar nichts Aristokratisches mehr an sich, selbst wenn die Herren Anzüge und die Damen Kostüme tragen. Das Militär absolviert seine Übungen in roten Trainingsanzügen und schmiert sich vor dem Waffengang mit Blut aus Eimern ein. Dieses System, so will uns Kimmig zeigen, ist längst kaputt und existiert nur noch als Fassade, und so ist er nur konsequent, dass der Kurfürst (Stefan Margita), der mit der Begnadigung Friedrichs letzlich die selbst gesetzten Regeln bricht, hier ein abgerissener Typ mit Türkentasche ist, der hosenlos herumschlurft und auf dessen Sweatshirt „Freiheit“ steht: „Gammler“ hätte man damals zu solchen Systemverweigerern gesagt.
Die Botschaft ist also recht schnell klar, der Vielschichtigkeit der Oper wird die Inszenierung aber dann doch kaum gerecht, vor allem was die Charakterisierung des Protagonisten Friedrich von Homburg anbelangt. Die Aspekte des Nächtlichen, Unbewussten, die Vermischung der Ebenen, die den Prinzen als zutiefst romantische Figur definieren und auch in Henzes Musik immanent sind, blendet Kimmig aus, der, politisch korrekt, dafür im Schlussbild die Sänger Fanschals mit lauter schönen Aufdrucken in die Luft halten lässt: „Zartheit“, „Phantasie“, „Empfindung“, “Toleranz“, „Freiheit“ steht darauf. Alles gut gemeint.

Südkurier

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