Auf zu neuen Ufern
Lange Zeit stand es nicht gut um das Stuttgarter Kammerorchester. Versuche mit historischer Aufführungspraxis blieben fruchtlos, interne Querelen resultierten in Dienst nach Vorschrift. Weder peppige Werbekampagnen („Schwabenstreicher“) noch öffentliche Aktionen wie Musizieren in der Fußgängerzone konnten kaschieren, dass das Traditionsensemble künstlerisch stagnierte.
Doch nun geht es wieder voran. Das Orchester hat eine neue Intendanz und mit Matthias Foremny auch einen neuen Chefdirigenten – und der scheint verstanden zu haben, dass ein Kammerorchester, das zur Spitze gehören will, sich nicht nur programmatisch, sondern vor allem künstlerisch profilieren muss. Was das bedeutet, konnte man beim vierten Abokonzert im Mozartsaal hören. Die kurze Sinfonie B-Dur KV 22, ein Geniestreich des gerade mal neunjährigen Mozart, muss man nicht unbedingt spielen – aber wenn sie derart frisch und pointiert musiziert wird wie hier, ist das Hören ein Vergnügen. Foremnys Dirigierstil ist körperbetont, plastisch, in jeder Phrase ringt er um distinkten Ausdruck: Bloss keine Routine! Dass sich das Orchester davon derart anstecken lässt, dürfte auch mit dessen personeller Runderneuerung zusammenhängen. An vielen Pulten sitzen mittlerweile junge, engagierte Musiker, die den Ensembleklang merklich verändert haben. Und eine klangliche Signatur ist das, was dem Kammerorchester mit am dringlichsten gefehlt hat. Griffig, kompakt, im Vergleich zu früher deutlich brillanter – in Bernd Alois Zimmermanns reizvoll historisierendem „Konzert für Streichorchester“ zeigten sich schon einige Facetten dieses neuen Klangs.
Gespannt war man auf den jungen, vielfach mit Preisen ausgezeichneten Pianisten Alexej Gorlatch. Der enthielt sich in Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271 aller Manierismen, bemühte sich um schlüssiges Phrasieren und konnte gleichwohl den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit nicht ganz verhindern: an artikulatorischer wie klanglicher Vielfalt ginge da noch mehr.
Zum Schluss Peteris Vasks Streichersinfonie „Balsis“ („Stimmen“). Der am Konzertabend anwesende Komponist wollte in dem knapp halbstündigen Werk vom Universum über die Schöpfungsgeschichte bis zum humanen Appell an die Menschheit viele große Themen in allgemeinverständlicher Weise abhandeln, was dem Stück nicht gut bekommt: vieles wirkt da einfach platt. Große Kunst bewahrt sich immer eine Aura, einen Rest von Geheimnis. (StZ)
Lust an der eigenen Virtuosität

Nicholas Angelich
Es gibt kaum Heikleres für einen Hornisten als den Beginn von Ravels „Pavane pour une infante défunte“. Nicht nur, dass mit seinem Einsatz das Stück beginnt, die Melodie muss auch gleichzeitig im Pianissimo und mit betont weicher Tongebung gespielt werden. Ein Kiekser, und die Aura ist dahin. Der Solohornist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR freilich meisterte all das bravourös. Ganz ruhig und konzentriert entwickelte sich das elegische Thema, das die Holzbläser hernach mit derselben Intensität aufnahmen, die Streicher umhüllten es mit duftigem Timbre. Der Chefdirigent des RSO, Stéphane Denève behielt alles im Blick, und so entwickelte sich diese sinfonische Preziose wie traumverloren, als Vision eines von Zeit und Raum entrückten Tanzes.
Es sind dies Stimmungen, wie sie nur die Musik evozieren kann, die ja eigentlich nur aus (Klang-)Farben, Melodien und Rhythmen besteht. Und doch können daraus Bilder, ja, ganze Welten entstehen – sofern es dem Dirigenten gelingt, die Zeichen der Partitur richtig zu deuten. Nun liegt Stéphane Denève speziell die französische, von Farben und Atmosphären dominierte Musik besonders am Herzen, was sich an seinen Programmen ablesen lässt – im fünften Abokonzert hörte man neben Ravel vor der Pause noch Dutilleux´ erste Sinfonie, in der zweiten Hälfte folgten mit Rachmaninovs viertem Klavierkonzert und Strawinskys Ballettsuite „Der Feuervogel“ ebenfalls dezidiert klangbetonte Werke. Es mag ja Konzertgänger geben, die dabei das klassische Repertoire etwas vermissen. Doch zum einen wurde das in den Jahren mit Roger Norrington ausgiebig gepflegt. Zum anderen hat sich das Orchester, gerade was den Klang anbelangt, nicht zuletzt durch Denèves Repertoireauswahl auf dramatische Weise entwickelt. Aus dem monochromen, aseptischen Stuttgart Sound ist mittlerweile ein flexibler, sinnlicher Klang geworden, wie er von einem Toporchester erwartet wird – und man braucht entsprechende Stücke, um diesen auch zu pflegen.
Wie Henri Dutilleux´ erste Sinfonie. Das Werk des im letzten Jahr verstorbenen Komponisten bildet einen roten Faden innerhalb des Saisonprogramms des RSO, und auch die Interpretation dieser Sinfonie darf man als weiteres Plädoyer für Dutilleux´ Werk betrachten. Auch dieses Stück entwickelt sich quasi organisch, aus einer inneren, verborgenen Logik heraus. Wie ein Vogelkonzert muten etwa die kurzen Einwürfe der Holzbläser im ersten Satz an, dabei wandern immer wieder perkussive Erschütterungen durch das Orchester, als klopfe jemand mit einem großen Hammer. Im zweiten Satz vernimmt man pulsende, rhythmische Akzente wie pochende Herzen, das groovende Finale schließlich erschüttert den Hörer mit mächtigen Klangeruptionen.
Die Wendigkeit und Schnelligkeit, mit der das RSO diese hoch komplexe Musik umsetzte, sind bestechend, man spürte geradezu die Lust der Musiker an der eigenen Virtuosität. Das zu hören machte ungeheuren Spaß.
Den hatte auch Nicholas Angelich, der Solist in Rachmaninovs viertem (und letztem) Klavierkonzert. Das Stück steht im Schatten der anderen Klavierkonzerte, was vermutlich an der irritierenden Melange aus russischer Tradition und jenen Jazzelementen liegt, die Komponist nach seiner Emigration in den USA kennengelernt hatte. Dafür bietet es rhythmische Finessen und melodische Einfälle zuhauf, und wenn es mit derart stupender Fingerfertigkeit und energetischem Elan gespielt wird wie von Nicholas Angelich ist es ein veritabler Kracher.
Zum guten Schluss ließ das Orchester Strawinskys betagten Feuervogel zu einer hinreißenden Flugschau aufsteigen: auch das blitzend virtuos, rhythmisch konzis, aus einem Guss. (StZ)

Kit Armstrong
So ein bisschen wirkt dieser Kit Armstrong, als wäre er aus der Welt gefallen. Mit seinem scheuen Lächeln, dem braven Anzug und dem immer noch etwas kindlichen Gesichtsausdruck lässt sein Erscheinungsbild eher an einen Klavierschüler als an einen gefeierten Klassik-Star denken. Dabei hat er vor kurzem seine erste Solo-CD herausgebracht und bereits eine typische Wunderkindkarriere hinter sich: mit sieben komponierte er seine erste Sinfonie, als 16-Jährigen nahm ihn der große Alfred Brendel als Meisterschüler auf. Kit Armstrong, so teilte Brendel der Musikwelt mit, sei die größte Begabung, der er in seinem ganzen Leben begegnet sei. Ein Satz, der Armstrong seitdem begleitet – als Bürde wie als Versprechen.
Vor zwei Jahren hatte Armstrong bereits ein Konzert in der Meisterpianistenreihe im Stuttgarter Beethovensaal gegeben, damals begann er mit Präludien und Fugen aus dem zweiten Band von Bachs Wohltemperiertem Klavier. Dieses Mal eröffnete er den Abend mit den Präludien und Fugen Fis-Dur, fis-Moll und G-Dur aus dem ersten Band – und im Vergleich zu damals erscheint die Luzidität seines Spiels noch einmal deutlich gesteigert. Ungeheuer leicht und schwebend klingt sein Spiel, organisch und völlig schlackenlos. Armstrong phrasiert mit viel Atem, ohne je zu romantisieren. Doch das Verblüffendste ist die totale Kontrolle, was die polyfone Durchgestaltung des Stimmverlaufs anbelangt: Gerade in den Fugen lassen sich die Stimmen völlig mühelos verfolgen, ohne dass Armstrong die Themeneinsätze – wie das viele tun – überdeutlich herausstellen würde. Man spürt, dass er beim Spielen jede Note mit nachvollzieht, gar nicht so einfach in drei- oder vierstimmigen Fugen.
Auch die anderen Werke der ersten Programmhälfte kreisten um Bach. In seiner Fantasie nach J. S. Bach BV 253 hüllt Ferruccio Busoni Fragmente aus bachschen Orgelwerken in ein spätromantisch verhangenes Licht – ein heikles, schwierig zu treffendes Stück, das einen so geschmacksicheren und reflektierten Interpreten braucht wie Kit Armstrong.
Wie Busoni hat auch Armstrong einige Orgelwerke Bachs für Klavier bearbeitet. Zwölf der Choralvorspiele finden sich auf seiner neuen CD, sieben davon spielte er an diesem Abend – und die Vielfalt an Ausdruckscharakteren, die Palette an Farben und Texturen, die Armstrong diesen Stücken entlockte, war schier ungeheuerlich. Vielleicht war das der Höhepunkt des Abends, auch wenn es nach der Pause noch einiges zu bestaunen gab: die Anschlagsnuancierungen in Mozarts Fantasie für eine Orgelwalze KV 608 etwa. Oder, in Schuberts Sonate c-Moll D 958, die unaufdringliche, maßvolle Natürlichkeit, mit der Armstrong hier den schubertschen Lyrismen nachspürte. Am Ende große Begeisterung im Saal, zwei Zugaben: Kaikhosru Sorabjis Nocturne „Im Treibhaus“ und Mozarts Gigue G-Dur KV 574.
Begnadeter Entertainer
Nein, von seiner Sorte gibt es sonst kaum noch welche in Deutschland. Mit dem Niedergang des Unterhaltungsfernsehens ist auch die Spezies der Entertainer so gut wie ausgestorben, jener moderierenden Multitalente, die auch singen und musizieren konnten. Beim Konzert von Ulrich Tukur und den Rhythmus Boys im ausverkauften T1 des Stuttgarter Theaterhauses waren zwar die meisten Besucher im fortgeschrittenen Alter, gleichwohl dürfte kaum einer davon jene goldene Zeit der Unterhaltungsmusik erlebt haben, aus deren Fundus Tukur und seine Begleitband an diesem Abend schöpften. Die Lieder von Komponisten wie Friedrich Hollaender oder Peter Kreuder sind in den 1920er bis -50er Jahren entstanden – also in einer Zeit, in der man noch nicht über political correctness diskutierte: man konnte damals noch Witze über Randgruppen machen, ohne dafür einen Shitstorm befürchten zu müssen. Insofern war dieses Konzert auch eine Art eskapistische Reise in eine Zeit, in der nicht nur die Unterhaltungsmusik besser, sondern auch das Leben insgesamt weniger kompliziert war. Zumindest denkt man sich das heute so.
Vor allem wurde man an diesem Abend ganz einfach glänzend unterhalten. Ulrich Tukur ist nicht nur ein hinreißend charmanter Conferencier und Witzeerzähler, dem man auch derbere Zoten nachsieht. Auch musikalisch übernimmt er meist die Führung, und auch wenn er als Sänger nicht ganz so überzeugend ist wie als Klavier- und Akkordeonspieler, so sind sein Charisma und seine Bühnenpräsenz wohl ohne Vergleich. Ganz klar, Tukur ist das Herz des von ihm bereits 1995 gegründeten Quartetts. Doch die Rolle der Rhythmus Boys, der „ältesten Boygroup der Welt“, ist nicht zu unterschätzen.
Denn die drei soignierten Herren im Smoking sind nicht nur solide Musiker, sondern auch begnadete Faxenmacher. Günter Märtens dürfte mit 2,05 Meter nicht nur einer der weltweit größten Kontrabassisten sein, sondern vermutlich auch der einzige, der die Kunst des Bauchtanzes beherrscht. Grade mal halb so groß ist Kalle Mews, der Schlagzeug spielt und ganz famos Tierstimmen imitieren kann. Größenmäßig genau dazwischen liegt Ulrich Mayer, der Minimalgitarrist mit Schmalzhaar und Kassenbrille: mit weniger Tönen lässt sich schwerlich mehr Eindruck schinden. Am nachhaltigsten dürften freilich die Auftritte der Drei als dänische Kraftsportgruppe „Die drei Pölser“ in Erinnerung bleiben: sich posierend derart lächerlich zu machen – Chapeau!
Klar, dass Zugaben verlangt wurden: zunächst eine zwerchfellerschütternde Version von „Old Mac Donald“, dann, bei verdunkelter Bühne, „La Paloma“ mit herzzerreißend schluchzendem Akkordeon. Bye bye, Rhythmus Boys! (StZ)
Anarcho am Klavier
Als der Beifall nach der ersten Zugabe nicht enden will, setzt sich Wolfgang Dauner allein an den Flügel und spielt „Drachenburg für R.“. Das Stück hat er früher in seinem Trio mit Charlie Mariano und Dino Saluzzi oft gespielt, doch auch in der Soloversion entfaltet es seinen kontemplativen Zauber. Über dem repetierten Motiv der linken Hand breitet Dauner arabeskenhafte Melodien aus, manchmal ein wenig formelhaft, aber immer im Timing. Fast zehn Minuten geht das so. Langweilig ist es nie.
Das kann man durchaus über das ganze Konzert sagen, das Wolfgang Dauner zusammen mit seinem Sohn Florian am Schlagzeug und Dieter Ilg am Kontrabass am Neujahrsabend im ausverkauften T2 des Theaterhauses gegeben hat. Bekanntermaßen war Dauner immer ein Grenzgänger zwischen den Genres, der sich um Dogmen und Reinheitsgebote wenig geschert hat. Mit Rockmusik hat er ebenso wenig Berührungsängste wie mit klassischer Musik, sogar für Sinfonieorchester hat er Werke geschrieben. Dass er nun ein Konzert mit einem Klaviertrio gibt – also jener Gattung, die Pianisten wie Bill Evans, Brad Mehldau oder Keith Jarrett zur Vollendung getrieben haben – ist also zunächst einmal bemerkenswert.
Die drei beginnen mit einem relativ neuen Daunerstück, „2012+1“. Der Titel mag etwas kryptisch sein, das Stück aber ist in jenem rhythmisch vertrackten Stil, wie ihn Dauner liebt. Energetisch legt der Altmeister los, seine Mitmusiker steigen darauf ein, das hat Wucht und Drive, und allenfalls der etwas schlagzeuglastige Sound irritiert zunächst. Weiter geht’s mit zwei Stücken von Jerome Kern: der Ballade „Yesterdays“ und „All the things you are“, beides Jazzklassiker und unzählige Male eingespielt. Nun kommt es gerade beim Triospiel auf Kommunikation an: darauf, die Impulse und Ideen der Mitmusiker aufzunehmen, auf sie zu reagieren und sie weiterzuentwickeln, ohne dass der Spannungsbogen reißt. Eine heikle Balance zwischen improvisatorischer Freiheit und Bewahrung der Form, bei der man spürt, dass das Verständnis innerhalb dieses Trios noch wachsen kann: etwas schematisch wirken bei den beiden Standards die solistischen Einwürfe, etwas routiniert auch Dauners eigene Improvisationen.
Viel überzeugender ist das Trio bei Dauners Eigenkompositionen. Wie in „Hong Kong Fu“, wo Dauner mal den Anarcho raushängen lässt und die Klaviatur in Kampfsportmanier bearbeitet. Oder beim „Wendekreis der Steinbocks“, einem der bekanntesten Daunerstücke, das vom Publikum bereits nach den ersten Takten beklatscht wird. Überhaupt geht es nach der Pause deutlich gelöster zu. Vor allem Dieter Ilg zeigt, warum er zu den besten Jazzbassisten Europas gezählt wird, und auch Florian Dauner bekommt in „Trans Tanz“ noch einmal die Gelegenheit zu einem ausgiebigen Solo. Vater-Sohn-Beziehungen können schwierig sein. Diese scheint – zumindest auf der Bühne – zu funktionieren.(StZ)
Weihnachtliches, einmal anders
Christentum und Kapitalismus, das bedeutet beim Weihnachtsfest einen Widerspruch: war die Adventszeit früher eine Fastenzeit, in der nicht gefeiert werden durfte, so sind heute die Wochen vor dem Fest der größte Umsatzbringer. Mehr gekauft wird nie. Mehr gefeiert auch nicht.
Auch die Flut von (vor)weihnachtlichen Konzerten kann man als Teil dieser Kommerzialisierung betrachten, und wohl deshalb hatte die Bachakademie im Rahmen des zweiten Konzerts der Reihe Sakral Modern eine kleine Podiumsdiskussion über das Thema „Konsumwahn“ angesetzt. Moderiert von der SWR-Redakteurin Ursula Nusser sprachen der Theologe Wolfgang Huber und der Unternehmer Götz Werner über das Verhältnis von Kommerz und christlicher Tradition. Dass Werner dabei kaufmännische Interessen stärker gewichtete als Huber liegt auf der Hand. Einig waren sich aber beide darüber, dass durch die Kommerzialisierung das Bewusstsein für die ursprüngliche Bedeutung der Adventszeit verloren zu gehen droht. Falls es – ein Gang über den Weihnachtsmarkt legt diesen Schluss nahe – nicht schon längst verloren ist.
Vorweihnachtlicher Terminstress dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass an diesem Abend nur wenig Zuhörer den Weg in den Beethovensaal gefunden haben – was schade war, entsprach doch das Projekt von Bachakademie und SWR so gar nicht den üblichen Klischees. Der Chefdirigent des RSO, Stéphane Denève, dirigierte drei selten zu hörende weihnachtliche Werke: Arthur Honeggers „Une cantate de Noel“, das mit seiner aufwendigen Besetzung mit Orchester nebst Orgel (RSO), Chor (Gächinger Kantorei), Kinderchor (Südwestpfälzer Kinderchor Münchweiler) und Solist (Jean-Sébastien Bou) die Ressourcen der meisten Veranstalter sprengen dürfte. Seine Vision des Weihnachtsfestes als weltumspannender froher Botschaft wurde hier mit großer Emphase und Können umgesetzt. Demgegenüber besteht der Reiz von Ottorino Respighis „Lauda per la Natività del Signore“ in einem eher ruhigen, von Betrachtung und Reflexion geprägten Duktus, der im großen Beethovensaal nicht so recht zur Wirkung kam. Kompositorisch überzeugend in seiner zeitgemäßen Anverwandlung barocker Techniken, aber ebenfalls selten gespielt, sind Strawinskys Bearbeitungen bachscher Choralvariationen über „Vom Himmel hoch“. Vor allem die Blechbläser des RSO konnten sich hier ins beste Licht rücken. Nein, es muss nicht immer das Weihnachtsoratorium sein.
Orchestrales Farbenspiel
Ewig dankbar müssen die Klarinettisten Mozart sein, dass er ihnen dieses Konzert geschrieben hat. Es mag noch andere Klarinettenkonzerte geben – Stamitz, von Weber – aber keines reicht an jenes A-Dur-Meisterwerk heran, an dem eben keine Note zuviel ist und keine zu wenig.
Dass dieses Konzert zum Kernrepertoire jedes Klarinettisten zählt, macht die Interpretation insofern nicht leichter, als eigentlich alles dazu gesagt ist. Der Klarinettist Jörg Widmann nun spielte bei seinem Auftritt mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR im Stuttgarter Beethovensaal auf unprätentiöse Art einfach alles so, wie es sein sollte: mit Geschmack, Stilbewusstsein und instrumentaler Kompetenz. Auffällig war die Liebe zum Detail. Jedes noch so kleine Motiv war sorgfältigst ausprasiert, alles besaß Kontur und Form, und vor allem in dem berühmten Adagio verzückte Widmann mit einem konzentrierten, substanzreichen Ton, der ihn auch in die Lage versetzte, sich jederzeit gegenüber dem Orchester durchzusetzen. Dass ihm dies leicht gemacht wurde, lag aber auch am Dirigenten Dima Slobodeniouk. Der hatte das RSO zum einen recht klein besetzt, bemühte sich zum anderen vorbildlich um ein ausgewogenes Kräfteverhältnis und hielt das Orchester dynamisch immer im Zaum. Und wie Widmann kann auch Slobodeniouk in Strukturen denken, besitzt er ein Gefühl für Phrasierung und rhythmische Innenspannung. Das Orchester dankte es ihm mit einem leichten, kompakten, federnden Klang, sodass es eine einzige Freude war, dieses wohlbekannte Klarinettenkonzert zu hören. Das Publikum im fast voll besetzten Saal empfand es wohl genauso und feierte den Solisten am Ende mit Ovationen.
Die hatten aber vermutlich nicht nur dem Klarinettisten, sondern auch dem Komponisten Jörg Widmann gegolten. Denn begonnen hatte das Konzert mit Widmanns 2006 geschriebenem „Armonica“ für Glasharmonika, Akkordeon und Orchester. Christa Schönfeldinger spielte die auf Konzertbühnen heute eher selten anzutreffende Glasharmonika, die sich bis zur Romantik einiger Beliebtheit erfreute und für die schon Mozart zwei Werke komponiert hatte. Ihr sphärischer, quasi aus dem Nichts anschwellender Ton bildet dabei so etwas wie die Grundidee für Widmanns Konzert: ein schillerndes orchestrales Farbenspiel, ein beständiges Zerfließen der Klänge in organischer Bewegung, das in seinem irisierenden Ohrenreiz etwas sehr Französisches hat. Das von Teodoro Anzellotti gespielte Akkordeon bringt mit seinem atemähnlichen Duktus ein weiteres organisches Element hinein, und auch wenn man sich bei einigen Stellen an Filmmusik erinnert fühlte, besitzt das Stück ingesamt doch eine starke suggestive Kraft.
Gab es bis dahin wenig auszusetzen, was Präzision und Klanggestaltung anbelangt, so blieben bei Prokofjews siebter Sinfonie einige Wünsche offen – was insofern schade war, als Slobodeniouk den Charakter der vier Sätze, ihre divergenten Haltungen, sehr präzise auf den Punkt brachte. Großartig ausgespielt der an Schostakowitsch gemahnende Sarkasmus, der sich hinter dem salonesken Walzertreiben im zweiten Satz versteckt, auch das Finale besaß Drive und Wucht. Wer weiß – ein paar Probentage mehr, dann hätte da vielleicht etwas Großes entstehen können. (StZ)
Was soll´s bloß bedeuten?
Fast ein wenig verloren wirkte Hans-Christoph Rademann, wie er da vom Bühnenrand des Beethovensaals dirigierte, nur flankiert von einem Cembalisten, einer Akkordeonistin und einem Organisten. Der Rest der Musiker war im Saal verteilt: Gruppen von Bläsern, Streichern und Perkussionisten, die sich gelegentlich in Form von Clustern, Glissandi oder rhythmischen Einwürfen zu Wort meldeten. Der Dresdner Komponist Jörg Herchet hat sich für seine Kantate „Die Geburt der Zeit“ aus dem Materialfundus der neuen Musik bedient und noch einige Performanceelemente beigefügt, wie man sie ebenfalls aus der zeitgenössischen Musik kennt: etwa den Auftritt der Choristen, die während des Stücks zwischen den Reihen ausschwärmten und merkwürdige Laute von sich gaben. „Ich weiß nicht, was das bedeutet“ repetierte da ein Bassist – und dürfte damit den meisten Zuhörern aus dem Herzen gesprochen haben, die in großen Teilen ziemlich ungläubig dreinschauten. Waren sie wirklich in einem Konzert der Bachakademie mit dem Titel „Weihnachtsmusiken“? Von dem eher äußerlichen, substanzarmen Stück blieb so als Gesamteindruck wenig zurück – außer vielleicht, dass man sich als Hörer mittels lauten Vorlesens der Weihnachtsgeschichte und einer konsumkritischen Reflexion über selbige an der Aufführung beteiligen durfte. Viel Aufwand, wenig Wirkung.
Ganz im Gegensatz zur Aufführung der ersten drei Teile von Bachs Weihnachtsoratorium, die man klugerweise nach der Pause angesetzt hatte – sonst hätten womöglich noch mehr Zuhörer während des Herchet-Stücks den Saal verlassen. Hier aber hatte keiner Grund zu gehen, denn Rademann gelang eine schlüssige Deutung des Klassikers. Großen Anteil daran hatte die Gächinger Kantorei, die vor allem in den Chorälen mit klanglicher Flexibilität und einem natürlich fließenden Duktus weitab von klangsatter Statik überzeugte. Auch das Bach-Collegium Stuttgart entsprach Rademanns energetischem Zugriff mit einem sehr transparenten, beweglichen Klang. Dazu kamen einige herausragende solistische Leistungen. Wie die von Gaby Pas-van Riet, die die Figurationen ihrer (Holz)flötenstimme in der Tenorarie „Frohe Hirten, eilt, ach eilt“ förmlich um die Koloraturen von Daniel Behle schmiegte. Nachhaltig berührend auch die herbe Melancholie, mit der Konzertmeister Gernot Süßmuth die Altistin Anke Vondung in der Arie „Schlafe, mein Liebster“ begleitete. Wie man überhaupt selten ein derart homogenes Solistenquartett hören kann wie dieses, das von Sarah Wegener (Sopran) und Roderick Williams (Bass) vervollständigt wurde. Statt Herchet einfach das komplette Weihnachtsoratorium – das wär´s gewesen! (StZ)
Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Und hinter den Türchen der Adventskalender warten allerlei vorweihnachtliche Freuden.
Nur noch einmal schlafen, dann ist es wieder soweit. Dann beginnt für Millionen von Kindern der Tag damit, zum Adventskalender zu stürmen und sich das hinter den nummerierten Türchen versteckte Schokoladenstück in den Mund zu stecken. Aus meiner eigenen Kindheit weiß ich noch, dass diese Schokolade besser schmeckt als jede andere, auch wenn es ganz billige ist. Ja, damals hat für mich mit dem Öffnen des ersten Kalendertürchens die Weihnachtszeit eigentlich erst so richtig begonnen. Ich hatte auch immer einen Kalender mit Schokolade, was durchaus nicht selbstverständlich war, denn es gab auch welche nur mit bunten Bildchen. Wahrscheinlich wurden die extra für Anhänger genusskritischer Religionen hergestellt.
Was es damals noch nicht gab, waren Adventskalender für Erwachsene. Heute aber sind vor allem für Männer allerlei Produkte auf dem Markt, die auch dem schokoladeresistenten Herrn das Warten aufs Fest versüßen können. Wie etwa der Schnaps-Adventskalender „Wunderbar“ mit 24 x 0,02 Liter Edelbränden und Likören (36,95€), oder der Bier Adventskalender „Welt“ mit 24 Flaschen Bier inkl. 24x Pfand (79,95€). Während die Kinder ihre Schokoplätzchen lutschen, kann sich Papi schon mal sein erstes Pils genehmigen. Für Alkoholabstinente bietet sich der „Snack-Adventskalender“ mit Chips, Fischlis und Brezlis an (17,99€). Aber auch wer es nicht so mit leiblichen Genüssen hat, kann adventskalendermäßig auf seine Kosten kommen: mit dem „Wera Werkzeug-Adventskalender 2013“ mit Doppelmaul-Schlüssel „Joker“, Schraubendrehern, Bit-Halter Rapidaptor, Bit-Check, Mini-Check, Schraubkralle und Schraubendreher mit Lasertip-Spitze ist man für eventuelle vorweihnachtliche Reparaturfälle gerüstet. Ein Flaschenöffner ist für alle Fälle auch dabei.(StZ)
Kampf mit Chopin
Eine Zugabe gibt er nicht, da mag das Publikum im ausverkauften Beethovensaal noch so lautstark applaudieren. Allenfalls zu einer weiteren, allerletzten Verbeugung kann sich Ivo Pogorelich durchringen, und auch dieser Auftritt scheint schon an die Grenze seiner Kräfte zu gehen: betont langsam trottet er an den Bühnenrand und blickt noch einige Male scheu in den Saal. Die Botschaft ist deutlich: Er mag nicht mehr.
Und das kann man gut nachvollziehen. Denn abgesehen davon, dass man gute Gründe haben kann, die üblichen Zugabenrituale kritisch zu sehen, scheint das Konzertieren für Ivo Pogorelich in zunehmendem Maße eine existenzielle, ihn bis an die Grenzen fordernde Anstrengung zu sein. Die Anspannung, unter der der 55-jährige mit dem Mönchshaarschnitt beim Spielen steht, ist förmlich mit Händen zu greifen: immer wieder presst er die Lippen aufeinander, greift nervös an die Verstellknöpfe seines Stuhls. Da kämpft einer mit sich und der Musik.
Nun galt Pogorelich schon immer als Exzentriker, der im Zweifel Ausdruck über Treue zum Notentext stellte. Schon bei seinem Auftritt vor zwei Jahren mit den Stuttgarter Philharmonikern, als er das erste Klavierkonzert spielte, hatte der damalige Chefdirigent Gabriel Feltz alle Hände voll zu tun, dass das Orchester angesichts der agogischen Eigenwilligkeiten des Solisten nicht aus der Spur getragen wurde. Das war nun beim zweiten Klavierkonzert f-Moll nicht anders, das der Franzose Olivier Tardy anstelle des erkrankten Vladimir Fedoseyev leitete: er musste mächtig auf der Hut sein, wenn Pogorelich mal wieder ein Ritardando bis an die Grenze zum Stillstand dehnte. Meistens ging das gut.
Nun zählt Chopin schon immer zu Pogorelichs Lieblingskomponisten. Viele seiner Aufnahmen sind legendär – nicht zuletzt, weil Pogorelich in Chopins Werken mitunter eine verstörende Tiefenschicht weitab von salonesker Eleganz freilegte. Auch das zweite Klavierkonzert spielte Pogorelich nun mit einer fast manisch-depressiven Grundhaltung: mit hart einschlagenden Akkorden und einem meist rauen, manchmal gläsernen, aber kaum singenden Klang, dem jede Espressivosüße ausgetrieben war. In seiner Konsequenz hatte das durchaus etwas Überzeugendes, wobei man sich fragen kann, ob gerade dieses Klavierkonzert einen solchen Interpretationsansatz wirklich durchgehend trägt: der dritte Satz wirkte in seiner Emphase doch sehr gebremst.
Nach der Pause dann Schuberts große C-Dur-Sinfonie. Olivier Tardy tat sein Möglichstes, um die Längen dieser Sinfonie, ihre wechselnden Haltungen herauszuarbeiten und zu strukturieren. Doch mehr als ein Versuch war es nicht – vor allem der diffuse, kaum differenzierte Gesamtklang mit denn dominanten und matt klingenden Streichern stand einer überzeugenden Interpretation im Wege. Der neue Chefdirigent hat da noch einiges zu tun. (StZ)