Dienstleistungsterror

27.
Feb..
2010

Dienstleistungsterror

Wie schön war das doch früher. Da schlappte man als nicht therapierwilliger chronischer Morgenmuffel einfach kurz zum Bäcker, legte formlos etwas Kleingeld auf den Tresen und erhielt dafür das gewünschte Backwerk ohne grössere Konversation. Ein kurzes „Danke“ von der ebenfalls noch leicht verschlafenen Backwarenfachverkäuferin, und schon war man wieder draussen. Danach konnte man seiner schlechten Laune in aller Ruhe so lange weiter frönen, bis Frühstück und Morgenzeitungslektüre verdaut waren und einen langsam in die Lage versetzten, mit seinen Mitmenschen in Kommunikation zu treten. Heute backe ich die Brötchen lieber selber im Backofen auf. Nein, nicht weil die Bäckerei geschlossen hätte. Sondern weil ich es nicht mehr aushalte. Vor allem beim Bäcker. Gerade hat man die Brezel verstaut und ist im Begriff, die Ladentür zu öffnen, da trifft es einen. Unvorbereitet und meistens unfair von hinten. „Und ich wünsche Ihnen noch einen wunderschönen Tag“ schallt es lautstark und wie aus der Pistole geschossen. Schon schwer angeschlagen, sacke ich dann innerlich zusammen. Mein Großhirn müht sich verzweifelt, Wortfetzen zu möglichen Sätzen zu formen, und unter größter Pein stammele ich so etwas wie „….danke, wünsch ich auch“. Und taumle aus dem Laden. Das ist er, der moderne Dienstleistungsterror. Und es gibt kaum ein Entkommen. Geradezu flächendeckend haben ehrgeizige Filialleiter ihre Belegschaften zu erbarmungslosen Gute-Wünsche-Verteilern geschult. Ohne Rücksicht auf Kundenfrequenz sind seitdem nicht nur alle Drogeriemarktverkäuferinnen dazu verdammt, jeden einzelnen Erwerber von Taschentüchern oder Duschgel auf keinen Fall ohne eine solch gutgemeinte Botschaft wieder auf die Strasse zu lassen. Und so wird gewünscht, was das Zeug hält. Freilich: Spätestens beim zweihundertsten „Einen schönen Abend noch…“ erlahmt auch die Emphase des Gutwilligsten und die Sentenz klingt so überzeugend wie die Zeitansage der Telekom. Doch selbst wenn man den Laden verlassen hat, ist man noch nicht sicher. Das Auto in irgendeine Werkstatt gebracht, klingelt mit Sicherheit zwei Wochen später das Telefon und ein reizendes Fräulein läßt anfragen, ob man denn auch mit der Inspektion zufrieden war. Bald wird der Metzger anrufen und sich erkundigen, ob der Rostbraten gemundet hat. Ganz schlimm wird es am Geburtstag. Dann platzt der Briefkasten schier über vor Geburtstagsgrüssen. Aber nicht von lieben Freunden und Angehörigen, sondern von jeder einzelnen Pension, in der man irgendwann mal nächtigte und den Fehler beging, seine Daten zu hinterlassen. Der neue Hausprospekt mit dem Ersuchen, doch mal wieder vorbeizuschauen liegt selbstredend bei. Wenn das so weiter geht, wandere ich aus. Vielleicht in die neuen Bundesländer. Da sollten sich doch noch Relikte aus alten Planwirtschaftszeiten erhalten haben. „Ham wa´ nich!“. Wie schön!

(Stuttgarter Zeitung)

Philipp Scharri im Theaterhaus

31.
Jan..
2010

Kochen bei Kants

Es wird heute ja viel gemeckert darüber, dass es keine geistreiche Unterhaltung mehr gebe, was ja auch stimmt: dass Dumpfbacken wie Mario Barth ganze Stadien füllen, zeigt das klägliche Niveau, auf das sich der Massengeschmack in puncto Humor eingependelt hat. Umso schöner, dass es junge Künstler gibt, die nicht die üblichen Klischees bedienen wie der gebürtige Rheinländer Philipp Scharri, der seine Zelte mittlerweile in Stuttgart aufgeschlagen hat. Er wurde bekannt als Poetry Slammer, 2009 gewann er darin sogar die deutsche Meisterschaft. Sein Programm „Der Klügere gibt Nachhilfe“, das er nun im Theaterhaus zum Entzücken eines begeisterten Publikums gegeben hat, geht aber weit darüber hinaus: denn auf der einen Seite ist Scharri ein brillanter Zeitgeistdiagnostiker, der in seinen im Balladenton vorgetragenen, zum Teil selbst am Klavier begleiteten Suaden manches von dem auf die Pointe bringt, was uns an alltäglichem Wahnsinn so passiert: ob es nun um Twittern geht, Beziehungsmissverständnisse oder den Zwang zur Originalität, mit der Friseure ihre Betriebe titulieren. Ähnliches machen andere zwar auch, aber kaum einer mit einer derartigen Virtuosität: denn Scharri ist ein Verseschmied von Wilhelm-Busch-Format, der Tinnituspfeifen auf Minibusreifen reimt und auch noch inhaltlich schlüssig zusammenkriegt. So richtig brillant wird der studierte Germanist Scharri aber, wenn er mit Bildungsgut jongliert. In „Kochen bei Kants“ etwa lässt er die Philosophen von Platon bis Wittgenstein zum Gockelbraten antreten, worauf Fragen von beträchtlicher Relevanz aufgeworfen werden: schmeckt auch ein Huhn, wenn es keiner probiert?

Wolken-Cocktail

01.
Apr..
2009

Geschüttelt, nicht gerührt, so ordert James Bond seinen Martini. Das ist traditionell so seit jenen seligen Zeiten, wo die Kriege noch kalt und die Bräute dafür umso heißer waren. Auf jeden Fall kommt es bei besagtem Getränk entscheidend auf die Mischung zwischen Wodka und Vermouth an – mit der Marke Martini, die Möchtegern-Agenten wie wir gerne konsumieren, hat der Drink sowenig zu tun wie ein Polo mit einem Aston Martin. Es gibt also Dinge, die sich trotz dramatischer Verschiebung der geopolitischen Großwetterlage offenbar niemals ändern. Das ist nicht nur irgendwie tröstlich, sondern damit haben wir auch schon pfeilgenau unser Stichwort angesteuert: Den Wetterbericht.

Es verhielt sich in jenen seligen Zeiten nämlich so, dass man sagte, wenn weder Dauerregen noch ungetrübte Azurbläue anstand, es werde „heiter bis wolkig“. Das verstand ein jeder sofort. Ein paar Wölkchen vielleicht, damit musste man bei dieser Auskunft rechnen, aber die bedrohlichen Tiefs, die blieben da, wo sie hingehörten: in der finsteren Sowjetunion oder meinetwegen auch über Ostberlin, wo sie abregnen konnten, soviel sie wollten und wo auch ein James Bond nur so lange blieb, wie es zu Erledigung seines Auftrags unbedingt nötig war. Ansonsten bevorzugte der bekanntlich wärmere Regionen wie die Cote d´Azur: Da ist es in der Regel sonnig, oder doch zumindest heiter bis wolkig.

Doch nicht nur die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Auch Formulierungen wie „heiter bis wolkig“, die uns in all den Jahren lieb geworden waren, scheinen aus dem Sprachschatz unserer Wetterberichtler getilgt. Heutzutage wollen uns stattdessen fuchtelnde Kommentatoren in schlecht sitzenden Sakkos weismachen, es gebe morgen „einen Mix aus Sonne und Wolken“. Das muss man sich mal wörtlich vorstellen. Vermouth und Wodka lassen sich ja trefflich mixen, aber Sonne und Wolken? Wie soll das gehen? Man nehme 3cl Sonne auf 4cl Wolken, rühre, pardon, schüttle…

Für stilbewusste Nostalgiker ist das fast so schlimm, wie es für James Bond gewesen sein muss, als er in „Golden Eye“ seinen Aston mit einem Z3 des Sponsors BMW tauschen musste. Er hat das zum Glück hinter sich. Uns bleiben bloß Martinis.

(Stuttgarter Zeitung)

Geheimzahl bitte!

01.
März.
2009

Neulich im Restaurant. Der letzte Schluck vom guten Barbera ist weggetrunken, Espresso und Grappa haben ebenfalls noch ihr Plätzchen gefunden. Man winkt dem Ober.

„Zahlen bitte!“ Die Rechnung kommt, man zückt sein Portemonnaie und legt zur Begleichung der Schuld locker eins der bunten Plastikkärtchen aufs Tablett. Die Bedienung dankt und entfernt sich. Und kehrt kurz darauf zurück. Ein ernster Blick. Räuspern.

„Die nehmen wir nicht!“

Die Gespräche am Nachbartisch verstummen. Fremde Blicke mustern uns diskret. „Aber an der Tür steht doch…“ will man schon protestieren, betrachtet aber zuvor noch einmal das beanstandete Objekt. AOK – ihre Gesundheitskasse. „Ach so, ja, Entschuldigung…“

Man muss aber auch verflixt aufpassen. Schließlich sehen die Dinger alle irgendwie ähnlich aus. Und die für die Plastikformate vorgesehenen Fächlein in der Brieftasche müssten eigentlich schon längst wegen Überbelegung vor weiterem Zuwachs geschützt werden. Doch doch von wem?

Mit Kreditinstituten hatte es einmal ganz harmlos angefangen. Wie war man entzückt, als man zum ersten Mal Bares aus einem Automaten zog. Wie fortschrittlich und bequem! Auch die erste Telefonkarte begrüßte man noch freundlich. Doch dann: Telefonkarten, Büchereiausweise, VVS-Jahreskarte, Versicherungskarten, Kundenkarten, Kantinenkarten. Alles musste plötzlich maschinenlesbar sein. Dazu kommen jetzt noch diverse wechselnde Tagesgäste von Parkhäusern, Schwimmbädern oder anderen Institutionen, die sich ebenfalls in der Geldbörse breitzumachen pflegen.

Doch das schlimmste sind die Geheimzahlen. Schon ein Tankstopp kann da ein nervenaufreibendes Unterfangen werden. Da steht man dann an der Kasse, steckt das Kärtchen ins Lesegerät und gibt mutig seine Zahl ein. „Geheimzahl falsch“ meldet trocken das Display. Da fällt´s einem wieder ein. Siedendheiß. Kam nicht kürzlich ein Brief von der Hausbank mit dem Hinweis, dass sich aus technischen Gründen mit der neuen EC-Karte auch die Geheimzahl geändert habe? Wer dann seine Schuld nicht mit Barem begleichen kann, kann nur auf die Milde des Tankwarts hoffen. Oder seine teure Schweizer Uhr als Pfand hinterlegen. Und wenn man gar keine teure Uhr besitzt, vielleicht noch nicht eimal eine Schweizer?

Auch dann gibt es gibt eine Lösung: Verschlüsselungen.

Das ist dann ganz einfach. Also zum Beispiel: Die Geheimzahl minus des Datums seines Hochzeitstages auf der Karte notieren. 3498 minus den vierundzwanzigsten Juni macht….acht minus sechs behalte null… Oder war das plus der Jahreszahl? Oder geteilt durch den Geburtstag der Schwägerin? Geheimzahl bitte!

(Stuttgarter Zeitung)

Ernst Mantel

28.
Jan..
2008

Der Komiker Ernst Mantel tanzt auf verschiedenen Hochzeiten – doch zuhause ist er auf der Ostalb.

Die meisten dürften ihn als Mitglied der „Kleinen Tierschau“ kennen, seit über 25 Jahren eine Institution in Sachen Comedy zwischen Stuttgart und Bodensee. Doch mittlerweilse tourt er auch in anderen Besetzungen durchs Ländle. Der Weg zu ihm führt auf die Ostalb.

Wer ihn dort aufspüren will braucht, sofern er kein Navigationssystem besitzt, wenigstens gute Landkarten. Grobrichtung Aalen, das findet man noch, aber wo es dann ab geht nach Heuchlingen und Holzleuten wissen sonst nur Ortskundige. Zwischen Aalen und Abtsgmünd liegt das 150-Seelen-Dorf Laubach, der Weg dahin führt über enge, gewundene, von Bauernhöfen gesäumte Landstraßen. Eine Gegend, in der der sprichwörtliche Hund begraben liegt. Aber dann, kurz hinter dem Ortsschild von Mögglingen, fällt der Blick auf ein Plakat. Ein typisches Dorf-Event wird angekündigt, eine „Kleintierschau“. Und schlagartig wird einem klar, wie die Comedytruppe „Die kleine Tierschau“, als deren Mitglied Ernst Mantel bekannt geworden ist, auf ihren Namen gestoßen sein muss.

Gemütlich ist es in Ernst Mantels Küche, die Zimmerdecke ist tief, das Mobiliar rustikal, typisch Bauernhaus eben. Das einzig auffallend Moderne ist die chromblitzende Espressomaschine, denn Ernst Mantel trinkt gerne Cappuccino. Vor zwölf Jahren hat er das Haus gekauft. Es sei schon immer sein großer Traum gewesen, irgendwann ein altes Bauernhaus zu haben, erzählt Mantel, obwohl das Haus ein „Sparkässle“ ist: Ständig müsse man was reinstecken. Jetzt wird grade das Dach saniert, das bedeutete nochmal einen Kredit in Höhe eines kleinen Einfamilienhauses, denn das Haus ist groß. Und das Dach erst recht. Eigentlich wollte er nicht nach Laubach ziehen. Liegt das Dorf doch nur drei Kilometer weg von seinem Heimatort Heuchlingen, „zu dicht drauf“ war ihm das zunächst. Aber das Haus wollten sie haben, und an das Leben im Dorf war Ernst Mantel gewohnt. „Ein bekennendes Landei“ sei er. Natürlich hat er als Künstler eine Sonderrolle. Aber wenn man sich an die Gepflogenheiten des Dorflebens halte, sei das kein Problem. Man müsse die Leute eben grüßen, Kontaktpflege sei wichtig, sonst habe man es schwer. Vor allem aber genießt er die Nähe zur Natur. Wenn er mit seinem Hund Wenzel, einem Airdale-Terrier, aus dem Haus geht, ist er sofort im Grünen.

Freilich ist er nicht so oft zuhause. An die 170 Auftritte hat er im Jahr, davon mittlerweile die meisten mit seinem Duo Ernst & Heinrich, der Rest mit der kleinen Tierschau, dazu kommen ein paar Soloauftritte. Wenn es geht, fährt er abends nach den Konzerten wieder nach Hause, aber oft geht es halt nicht. Dann müssen seine Frau und seine vier Kinder ohne ihn klarkommen. Mit seiner Frau Irene ist er seit 19 Jahren verheiratet, kennengelernt haben sich die beiden schon in der Schule. Nach dem Abitur folgte Ernst ihr nach München, wo sie beide Kunstgeschichte studierten, dann wechselten sie nach Tübingen. 1986 brachen sie das Studium ab, kurz vor dem Examen. Denn damals ging es plötzlich steil aufwärts mit der Kleinen Tierschau. Fernsehauftritte bei Alfred Biolek und eine Eurovisionssendung („am Wörthersee“) brachten bundesweite Aufmerksamkeit, die Kleine Tierschau füllte plötzlich große Hallen. Dabei hatte bis dahin keiner an eine Profikarriere als Bühnenkünstler gedacht.

Die Kleine Tierschau, das sind Michael Schulig, Michael Gaedt und Ernst Mantel. Die drückten auf dem Gymnasium in Heubach gemeinsam die Schulbank und verkehrten in der gleichen Clique. Musik machten sie auch zusammen: zunächst nur aus Spaß, dann folgten erste kleine Auftritte in Kneipen mit Songs aus den 30er- und 40er Jahren, „im Stil der Comedian Harmonists“ – ziemlich skurril sei das damals gewesen, meint Ernst Mantel. 1981 nannten sie sich dann „Die kleine Tierschau“: ein spontaner Einfall von Michael Gaedt, nachdem ein Veranstalter gedroht hatte, sie auf dem Plakat als „Die Grashoppers“ anzukündigen, wenn sie keinen eigenen Namen hätten. Mit dem neuen Namen zogen sie dann durch regionale Jugendzentren und Clubs, ein Highlight war ein selbst organisierter Auftritt im evangelischen Gemeindehaus Heubach. „Da hatten wir schon ein echtes Programm mit Abläufen“, sagt Mantel mit ironischem Unterton, wobei das Repertoire noch überwiegend aus Covernummern bestand – Selbstkomponiertes war die Ausnahme. Es sei damals ohnehin eine ganz andere Zeit gewesen, erzählt Mantel, die ganze Comedyszene steckte noch in den Kinderschuhen; Schobert & Black, Insterburg & Co., das war so die Konkurrenz. Mit ihrer anarchischen Mischung aus Musik und Blödeltheater war die Kleine Tierschau damals fast allein auf weiter Flur.

Freilich stiegen mit den Gagen auch die Ansprüche an Qualität. Irgendwann merkten die Drei, dass sie professioneller werden mussten, charmanter Dilettantismus reichte auf Dauer nicht. Also nahmen sie Stepunterricht und lernten weitere Instrumente, sogar nach New York jetteten sie regelmäßig, zur „innerbetrieblichen Weiterbildung“: „Wir wohnten 14 Tage im YMCA, guckten uns abends am Broadway die großen Shows an und gingen tagsüber in die Tanzschulen. Da gehst du rein, zahlst 10 Dollar und darfst bei den größten Cracks mitmachen.“

Wer die Kleine Tierschau kennt, der kennt auch deren Arbeitsteilung: Michael Gaedt ist die Rampensau, Michael Schulig der Multiinstrumentalist und Ernst Mantel der Wortkünstler – zuständig für die Zwischentöne im ansonsten auch mal recht derben Tierschau-Humor.

Eine Aufteilung, die bis heute bestens funktioniert, die aber bei Ernst Mantel irgendwann den Wunsch aufkommen ließ, seine eigenen Ideen stärker verwirklichen zu können – gerade auch was schwäbische Stücke anbelangt, die ihm leichter aus der Feder fließen. Außerdem wollte er wirtschaftlich nicht völlig von der kleinen Tierschau abhängig bleiben, zumal er eine wachsende Familie zu ernähren hatte. Ein Soloprogramm auf schwäbisch, das bot sich an. Dass es dann ein Duoprogramm wurde, war mehr oder weniger Zufall. Den Musiker Heiner Reiff hatte Mantel zunächst nur als Produzenten engagiert, doch schon bei den Proben für die Premiere seines Soloprogramms im Tübinger Zimmertheater, das war 1998, hatte sich das ganze zum Duo entwickelt.

Dabei bedeutete es durchaus ein Wagnis, ein rein schwäbisches Programm zu machen, besaß das Schwäbische als Humorträger doch nicht gerade den besten Ruf. Umso erstaunlicher, wie es Ernst und Heinrich gelungen ist, dem als provinziell verschrieenen Idiom neue humoristische Aspekte abzutrotzen. Da wird internationales Liedgut gnadenlos eingeschwäbelt wie bei dem Türkpopverschnitt „Dürdsu“ oder der Zeitgeist aufs Korn genommen („Feng shui“). Am eindrücklichsten zeigt sich der spezifisch mantelsche Humor aber in den Szenen, bei denen er mittels Videoeinspielungen mit sich selber in Dialog tritt. Wie bei „Knoschpt´s?“: als kittelschürzbewehrte Hausfrau untersucht Mantel hier den Vorgarten auf erste Frühlingszeichen, dabei dient ihm eine signifikante schwäbische Lautbildung als Ausgangsmaterial für zwerchfellerschütternde Satzkonstruktionen.

Heute hat er mehr Auftritte mit Ernst und Heinrich als mit der Kleinen Tierschau. Auch über mangelnde öffentliche Anerkennung können sich die beiden nicht beklagen. 2006 erhielten sie den Sebastian Blau-Preis für Schwäbische Mundart, 2007 den renommierten Deutschen Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. Der Laden brummt, wenngleich sie keine großen Hallen füllen. Aber das war von vornherein auch nicht geplant, lebt der Ernst und Heinrich-Humor doch auch von der Nähe zum Publikum. Der intelligente Witz ist den beiden wichtiger als die brachiale Pointe.

Seit über 25 Jahren ist Ernst Mantel mittlerweile im Geschäft, diverse CDs sind auf dem Markt, und ständig müssen neue Programm erarbeitet werden. Ob einem da nicht irgendwann mal einfach nichts mehr einfällt? Nein, sagt Mantel, an mangelnder Inspiration leide er definitiv nicht. Oft kommen ihm bei langen Autofahrten gute Ideen, das kann zunächst eine Textzeile oder ein Melodieschnipsel sein. Wichtigstes Utensil ist ihm ein Diktiergerät, das er überall mit dabei hat. „Ich darf eher mein Handy vergessen, als mein Diktiergerät“, sagt Mantel, „das darf auch nie jemand in die Hände bekommen, denn da ist soviel Kruschd drauf“. Kruschd bedeutet soviel wie unbrauchbares Zeug. Was kein Kruschd ist, wird dann zuhause weiterentwickelt, wobei das Urteil seiner Familie die erste Messlatte dafür ist, ob etwas ins Programm aufgenommen wird oder nicht.

Ernst Mantel ist ein Familienmensch. Seine Töchter sind 8, 13 und 17, sein Sohn ist 15, da ist eigentlich immer was los im Bauernhaus, auch wenn Papa nicht zuhause ist. Es gibt Zeiten, da hat er wenig von seinen Kindern: wenn er nachts nach Hause kommt, sind sie schon im Bett, wenn er morgens aufsteht, in der Schule. Nur beim Mittagessen, das er meistens kocht, findet die Familie zusammen. Allerdings gebe es auch Zeiten, wo er spielfrei hat, dann ist er mehrere Tage am Stück zuhause. Früher, so Mantel, hätte er immer gedacht, dass er ja jederzeit aufhören könnte mit der Bühne, als Beruf habe er das lange nicht gesehen.Aber mit vier Kindern ist eben alles ganz anders, zumal, wenn man eine Immobilie am Hals hat. Einfach aufhören kann Ernst Mantel also längst nicht mehr, und das will er auch gar nicht. Gibt es doch noch viele Projekte, die er verwirklichen möchte. Sein Soloprogramm „Ernst-Unernst“ etwa, das er weiter voranbringen will. Das ist ihm auch deshalb wichtig ist, weil er es als eine persönliche Herausforderung begreift: denn eigentlich, so Mantel, sei er eher ein zurückhaltender Typ. In der Schule sei er komplett ruhig und verschwiegen gewesen, „man musste alles aus mir rauskitzeln“.

Doch Menschen entwickeln sich. Heute steht Ernst Mantel auch regelmäßig solo auf der Bühne und bestreitet die Moderationen alleine. Dabei legt er Wert auf eine gute Vorbereitung. Praktisch, dass er vor einem wichtigen Auftritt seine neuen Programme im geschützten Umfeld seiner Hausbühne erstmal ausprobieren kann. „Käser´s Stall“ nennt er den ausgebauten ehemaligen Stall, mit immerhin 70 Sitzplätzen eine richtige Kleinkunstbühne, die auch der „Kleinen Tierschau“ als Probebühne dient. Bald ist in der heimeligen Lokalität wieder was los: vom 15. bis zum 17. Februar tritt dort Ernst Mantel mit seinem Soloprogramm auf, bevor er damit im Stuttgarter Renitenztheater zu Gast sein wird. Auch eine kleine Bewirtung gibt´s dazu in Laubach, und zwar so, wie es sich für richtige Schwaben gehört: mit Schmalzbroten und belegten Seelen.

(Stuttgarter Zeitung)

Michael Bublé in der Porsche-Arena Stuttgart

19.
Okt..
2007

Ironie ist nicht seine Stärke. „I´m a seller“, gesteht Michael Bublé gegen Ende seines Konzerts in der mit 4500 Besuchern gut gefüllten Porsche-Arena – was angesichts von mehreren Millionen verkaufter CDs ja so falsch nicht ist – und schaut dabei betont verwegen. Außerdem sei er gar nicht nett, eher ein Kotzbrocken, und singe ohnehin nur für die Mädels. Die jedenfalls kommen nach Michaels Bemerkung, dass zwei Stunden auf dem Hintern sitzen wohl reichen würde, in Scharen nach vorne an die Bühne gestürmt, um bei Klassikern wie „That´s life“ kollektiv ihre Fotohandys zu zücken.

Man kann sich fragen, was die Renaissance des Swing ausgelöst hat, der – siehe Roger Cicero – mittlerweile sogar Popdomänen wie die des Grand Prix d´ Eurovision erreicht hat. Ob es die Sehnsucht nach den goldenen Zeiten ist, als die Entertainer noch Stil und Charisma hatten?

Michael Bublé jedenfalls hat sie alle studiert, die Frank Sinatras und Bobby Darins. Jede Geste ist perfekt antrainiert, und sein kerniger Bariton sorgt im Verbund mit der glänzenden Big-Band dafür, dass Titel wie „ I´m your man“ oder „Me and Mrs. Jones“ tatsächlich fast so klingen wie die Originale. Der Sound in der Halle ist akzeptabel, Bublé schlittert elegant über den polierten Boden und singt überwiegend Titel aus seinem aktuellen Album „Call me irresponsible“, darunter auch seinen selbst komponierten Hit „Lost“. Der hat zwar mit Swing wenig zu tun, zeigt aber gerade deshalb einen authentischeren Michael Bublé als jenen, der sich sonst mitunter etwas aufgesetzt bemüht, ein cooler, großer Entertainer zu sein. „My English is not so good!“. Ironie ist nicht seine Stärke. (Stuttgarter Zeitung)

Blut am Flügel/Thomas Larcher im Theaterhaus Stuttgart

19.
Jan..
2004

Dunkel ist´s im T2 des Theaterhauses, man sieht kaum die Hand vor Augen, bloß der Steinway da unten auf der Bühne glänzt schwarz im Spot des Scheinwerfers. Man hört Schritte, irgendwo scheint einer im Hintergrund umherzutapsen, der den Eingang zur Bühne nicht findet, doch dann kommt er rein, der Pianist: ein Lulatsch in Straßenklamotten, über die er einen abgetragen aussehenden Frackblazer gezogen hat – schräg sieht das aus, clochardmäßig irgendwie. Einen ehrwürdigen Tastenkünstler stellt man sich anders vor. Doch der Mann kann Klavier spielen. Stürzt sich gleich auf das bleckende Gebiß des Steinway, dem er die seltsamsten Klänge entlockt; man hört bekannte Muster heraus, mal klingt´s nach Stomp-Piano, dann kreisen rhythmisch ostinate Minimal-Music-Patterns um sich selber, alles zusammen wirkt wie eine manische Improvisation, bei der es so, aber jederzeit auch ganz anders weitergehen könnte. Zwischendurch leckt der Pianist seine Fingerkuppen ab, dann kommt plötzlich eine ganz vertraut klingende, tonale Stelle, idyllisch fast, bis die Motive wieder weiter ziellos im Raum mäandern. Dann ist das (Musik-)Stück aus, doch das Stück geht weiter. Der Pianist ruft nach dem Klavierstimmer, da er sich den Finger verletzt habe und das wertvolle Instrument nun in Gefahr sei, blutig inkrustriert zu werden. Eine ganz in rot gewandete Dame stürzt auf die Bühne und wischt mittels Handtuch auf den Tasten rum, ein junger Asiate löst sie ab, da tritt schon wieder der Pianist dazu, und nun putzen sie gemeinsam das Blut von den Tasten. Eine Performance, das alles? Ein unbekanntes Stück von Thomas Bernhard, eine musikalisch-theatralische Handlungsanweisung des Wiener Aktionskünstlers Hermann Nitsch?

(Stuttgarter Zeitung)

Ach was. Bloß ein von Musik der Jahrhunderte veranstaltetes Konzert mit dem österreichischen Pianisten und Komponisten Thomas Larcher, der im ersten Teil des Abends hier sein Werk Noodivihik spielte, was Notenheft heißt, auf estnisch freilich. Kleine Verfremdungen, die auch zu Larcher passen, der überhaupt ein rechter Sonderling in der Szene der neuen Musik ist. Auf Rituale pfeift er – der schäbige Frack ist ihm ironisches Zitat – aber mit der Kunst ist es ihm ernst. Seinen Adorno hat er wohl noch gelesen, dessen Berührungsängste mit dem Populären aber sind ihm schnurzegal. Glass und Cage, Feldman und Techno amalgamiert er in seiner eigenen Musik, und von den alten Komponisten, da liegt ihm der Schubert Franz besonders. Der versetze ihn, so erzählt Larcher später im Gespräch mit Hans-Peter Jahn, in eine andere Zeitzone und belegt es nachhaltig mit Schuberts Klavierstück Es-Dur D 946 und dem Allegretto c-moll D 915, das er ganz auratisch und versunken spielt. Seelenverwandte, ohne Frage.

Nun hätte der Abend ja eigentlich ergänzt werden sollen durch eine Lesung von Klaus Wagenbach, der über die Zukunft der Bücher sprechen sollte, doch der Fluglostenstreik in Italien verhinderte dessen Abheben nach Stuttgart. So wurde es halt eine Veranstaltung über die Zukunft der Töne. Die kann auch in Kieselsteinen liegen. Die sind in der Lage, Musik zu machen, wenn man sie nämlich in den Bauch des Flügels legt und in seinen Eingeweiden ins Schwingen bringt. Der Pianist als Saitenbeschwerer: Auch diesen Job erledigt Larcher ohne jeden Anflug von Ironie, auch wenn es wieder schwer nach Theater aussieht. Doch wer danach genau hinhört, der kann die Steine wirklich singen hören. Bleibt zum Schluss die Frage nach der angeblichen Fingerverletzung und der Putzerei: Blut oder Bluff, echt oder getürkt? Man könnte ja die Spurensicherung kommen lassen.