Beiträge im Archiv Juli 2012

27
Jul

Mozarts „Don Giovanni“ am Opernhaus Stuttgart

Foto: A.T. Schaefer

Weiße Fahne aus dem Souffleurkasten

Oper goes Gesamtkunstwerk: nicht im wagnerschen, sondern im medialen Sinne wagte die Stuttgarter Staatsoper im Verbund mit dem SWR am Mittwoch den Schritt zur Totalvermarktung. Die Premiere von Mozarts Don Giovanni wurde auf allen nur denkbaren Wegen unters Volk gebracht: mit einem Public viewing auf dem Schlossplatz, Livestream im Internet und einer Liveübertragung auf 3sat und im SWR-Fernsehen. Dazu hatte man den Berufsspötter Harald Schmidt als Moderator eingekauft, der in der Pause einige Interviews mit Besuchern und Vertretern aus Kultur und Politik führte. Wer da nicht aufpasste lief Gefahr, gehörig veräppelt zu werden: auch der Stuttgarter OB Wolfgang Schuster zählte zu Schmidts Opfern.

Im Opernhaus selber merkt man von dem ganzen Medienhype wenig, außer den beiden Kameras an den Bühnenseiten ist alles wie bei einer normalen Aufführung.
Heute ist hier Ausverkauf in der Don Giovanni-Boutique, der Chef gibt persönlich den Gastgeber. Prosecco gibt´s umsonst, und so kommen auch die Unterschichtler gern: wann darf man schon mal teure Pelze Probe tragen. Geld bedeutet Macht und Macht taugt zur Verführung, Don Giovanni weiß das ganz genau.
Viel mehr als Geld und ein bisschen Sexappeal ist Don Giovanni in Andrea Moses´ Inszenierung von Mozarts Oper, einer Übernahme vom Theater Bremen, die dort 2010 Premiere hatte, nicht geblieben. Aufrührerisches, Dämonisches gar umgibt ihn nicht – aus dem spanischen Edelmann ist ein Aufschneider geworden, dessen Lebensinhalt darin besteht, mit coolen Sprüchen und reichlich Chuzpe Frauen rumzukriegen. Immerhin kann er mit seinen Dandyklamotten und seiner protzigen Uhr bei einer Softpunkgöre wie Zerlina noch Eindruck schinden.

Das Sujet ist zeitlos: Verführer und Verführte wird es immer geben. Zu Mozarts Zeiten war das Neue am Don Giovanni, dass die Ruchlosigkeiten des Verführers Konsequenzen hatten. So war Don Giovanni eine Oper des Umbruchs: mit dem Tod des adligen Unholds kündigt sich auch das Ende einer Epoche an.

Hier endet dagegen nur das Leben eines Schwerenöters. Am Ende der Oper stehen alle wieder vor der tristen Bar herum, möbliert in jenem austauschbaren Businessdesign, wie man es global in Budgethotels finden kann. Die Bar liegt im Erdgeschoss des DG Star Hotels, dessen Besitzer offenbar Don Giovanni ist. Christian Wiehle hat dafür einen drehbaren Komplex auf die Bühne gebaut, mit Apartments für die Besserverdiendenden im Obergeschoss, unten sind Garagen, in denen das Prekariat seine Grillfeste feiert. Ob die Frauen reich oder arm sind, ist Don Giovanni ohnehin gleichgültig, er will jede verführen. Leporello belegt das in seiner Registerarie, wo er die Verflossenen seines Herrn via Smartphone auf eine Leinwand projiziert.

Aber was finden diese Frauen bloß an Don Giovanni?

Donna Anna benutzt ihn als Vehikel für ihre unerfüllten erotischen Sehnsüchte, dabei passen sie und Don Ottavio äußerlich doch bestens zusammen: ein modernes Upperclass-Paar, wie man es auf Vernissagen oder im Opernhaus treffen könnte. Aber selbst wenn ihre Persönlichkeitsprofile von Parship abgeglichen worden sind: sie findet ihn einfach nicht sexy. Scharf wird sie bei halbseidenen Mackern wie Don Giovanni. Und so wird die Gretchenfrage jeder Don Giovanni-Inszenierung – ob Donna Annas Verführung in gegenseitigem Einvernehmen geschah – hier gleich zu Beginn beantwortet: Donna Anna lockt Don Giovanni mit eindeutigen Gesten ins Zimmer nach oben, während Don Ottavio, von Leporello abgelenkt, in der Bar döst.

Andrea Moses entwirft hier mit großer Genauigkeit das Psychogramm einer Beziehung, die vor allem auf gegenseitigen Täuschungen basiert: am frappierendsten in der Rache-Arie, wenn Donna Anna mit kleinen Gesten klar macht, dass ihre Empörung über die angeblichen Zudringlichkeiten Don Giovannis wie über den Tod des Komturs nur gespielt sind.

Donna Elvira dagegen will einfach nur geheiratet werden. Statt Don Giovanni könnte es wohl auch ein anderer sein, Hauptsache, sie ist versorgt. Rebecca von Lipinski singt ihre Verzweiflung und aufgestaute Wut in ihrer Arie „Mi tradi quell´alma ingrata“ ergreifend aus, das Rezitativ davor lässt der Dirigent Antony Hermus vom Staatsorchester wie ein barockes Lamento spielen, fahl und vibratolos.

Die Charakterisierung der Protagonisten und ihrer Beziehungen ist die Stärke der Inszenierung. Jede Geste erscheint dramaturgisch motiviert, wobei Andrea Moses kein grundsätzlich neues Licht auf den Don Giovanni wirft – wenn man mal vom Finale mit der Höllenfahrt Don Giovannis absieht, wo sie für die Rolle des Komturs eine verblüffend schlüssige Lösung findet (und gleichzeitig einige dramaturgische Klippen umschifft). Die Aktualisierung gelingt ihr weitestgehend reibungslos im Einklang mit Libretto und Musik. Ein neuralgischer Punkt ist nur die Szene gegen Ende des zweiten Aktes, wenn beim Fest die drei Kapellen gleichzeitig spielen: die Inkongruenz von Bühne und musikalischem Stil wird hier zum Problem, kein Mensch mehr tanzt im 20. Jahrhundert Menuett. Moses versucht sich damit zu behelfenes, dass sie das Menuetttanzen als Schrulle Don Giovannis interpretiert, der die anderen Folge zu leisten haben. So richtig überzeugend ist es gleichwohl nicht. (Man könnte sich an dieser Stelle natürlich fragen, warum es keine zeitgenössischen Komponisten gibt, die aktuelle Stoffe so vertonen können, dass man ihnen mit ähnlicher Begeisterung lauscht wie den Opern Mozarts, aber das ist eine andere Geschichte..)

Ironische Zuspitzungen gibt es bei Andrea Moses jedenfalls zuhauf: dazu zählen kleine Scherze mit der Souffleuse (die nach einem Schlag auf ihren Kasten mit der weißen Fahne winkt), aber auch die umgangssprachlich zugespitzten Übersetzungen. Das geht manchmal schwer in Richtung Klamotte, wird aber wieder abgefangen durch die Musik.

Denn gesungen und musiziert wird famos.

Simone Schneider ist eine Donna Anna von Weltniveau, in der Intensität ihrer Darstellung ebenso grandios wie Rebecca von Lipinski (Donna Elvira). Shigeo Ishino singt die Titelrolle so profund wie kantabel, rollengerecht etwas voluminöser angelegt als André Morsch (Leporello). Atalla Ayan gestaltet auch die gefürchtete „Il mio tesoro“-Arie sicher, ein Tenor von Format wie auch Ronan Collett (Masetto). Nur bei Pumeza Matshikizas (Zerlina) kehlig-belegtem Sopran muss man einige Abstriche machen. Der Chor erledigt seine wenigen Einsätze tadellos. Getragen werden die Sänger vom umsichtigen Dirigenten Antony Hermus, der immer in Kontakt mit der Bühne steht und auch drohende Inkongruenzen meist rechtzeitig abfangen kann. Wo nötig, setzt er das glänzende Staatsorchester mächtig unter Strom, lässt aber auch Raum für die vielen dialogisierenden Passagen von Vokal- und Bläserstimmen, dazu phrasiert er erzmusikalisch. Am Ende Ovationen für die Mitwirkenden, freundlicher Beifall für die Regie. (Stuttgarter Zeitung)

23
Jul

Das Eröffnungskonzert von „Der Sommer in Stuttgart“ im Theaterhaus mit Werken junger Komponisten

Bei Regen nur mit Hut

Der Gitarrist reibt den Boden seines Instruments, es quietscht. Der Posaunist produziert Luftgeräusche. Der Perkussionist hat einige Blätter Papier vor sich aufgehängt, die er zart mit dem Klöppel anschlägt, es tönt filigran. Später wird das Papier eingenässt, worauf es die meisten Obertöne einbüsst. Geräusche und instrumententypische Töne formen ein lockeres Kontinuum, innnerhalb dessen gelegentlich eine Art rhythmisches Muster aufscheint. Hörbare Strukturen scheinen sich aus den Klängen, die die sieben Musiker des Ensemble ascolta laufend produzieren, nicht herauszubilden.

Im Programmheft des von Musik der Jahrhunderte konzipierten Minifestivals „Der Sommer in Stuttgart“ kann man dazu lesen, dass sich die Komponistin Manuela Kerer für ihr Stück „Ixodoo“ mit den zerebralen Voraussetzungen von Menschen beschäftigt hat, die nach einer Gehirnverletzung amusisch wurden, also Musik nicht mehr begreifen können. Nicht ganz klar wird, ob Kerer in ihrem Stück die Hörerfahrung von amusischen Menschen beschreiben, also quasi das Nichtverstehenkönnen von Musik klingend ausdrücken will. Das wäre ihr nämlich durchaus gelungen, wenngleich man auf diese Erfahrung auch gut hätte verzichten können.

Stefano Gervasoni dagegen, so kann man weiter lesen, befasst sich in seinem Werk „nube obbediente“ für Posaune und Schlagzeug mit dem Wetter und seinen Konsequenzen. Das „Erlernen von Regeln“, so Gervasoni, geschehe „angesichts des Wetters spontan“: man ziehe sich wärmer an, wenn es kalt werde, bei Regen nehme man einen Regenschirm mit. Oder einen Hut. Wenn diesen Gedankengängen eine gewisse Stringenz nicht abzusprechen ist, so blieb gleichwohl im Nebel, was diese mit dem Duostück zu tun haben könnten, das daraufhin zu hören war.

Doch bevor man allzusehr ins Grübeln darüber kommen konnte, mit was sich junge Komponisten heutzutage so zu beschäftigen pflegen, war die Pause schon vorbei und man lauschte Giovanni Bertellis „autoritratto in tre passaggi“. Hier versucht der Komponist „aus verschiedenen Hörwinkeln“ zu schildern, wie in einem „abgelegenen Dorf“ gleichzeitig eine Beerdigung und eine Kirchweih stattfinden, und tatsächlich ließen sich dank dieser Information einige Klangfragmente der von Michael Alber dirigierten Partitur – Trauermusikfetzen, vorüberfahrene Autos, Vogelstimmen – kontextuell verorten.

Manuel Rodriguez Valenzuela verzichtet bei seinem Stück „Spuren“ gleich auf größere Erklärungen. Mittels Ohrenkitzlern wie Minisirenen, Fahrradklingeln und auf den Boden geschmissene Becken veranstaltet er ein buntes Klanghappening, bei dem es groovte, schepperte und bimmelte wie auf einem Jahrmarkt. Das war wenigstens unterhaltsam.

(Stuttgarter Zeitung)

 

 

14
Jul

Terri Lyne Carrington und Dianne Reeves bei den Jazz Open Stuttgart

Frauen von Format

Frauenbands haben nicht den besten Ruf, weder im klassischen noch im populären Genre. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich die meisten der swingenden, rockenden oder streichquartettspielenden Ladies mehr über eine vorteilhafte äußere Erscheinung denn über musikalische Qualitäten zu vermarkten pflegen, was natürlich legitim ist. Sex sells. Es gibt aber freilich Ausnahmen, und dazu zählt auf jeden Fall das Mosaic Project der amerikanischen Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington, die am Donnerstag abend im Rahmen der Jazz Open Stuttgart im Mercedes Forum ein begeisterndes Konzert gegeben hat. Mit den üblichen Vermarktungsklischees hat Carrington nichts am Hut, und dazu passt, dass sie das Wort „Lady“ in diesem Zusammenhang gar nicht schätzt: es bezeichne „in erster Linie eine Frau in einer bestimmten gesellschaftlichen Position“. Für Carrington ist eher wichtig zu zeigen, dass die im Jazz (mit Ausnahme der Sängerinnen) immer noch stark unterrepräsentierten Frauen mit ihren männlichen Kollegen durchaus mithalten können.

Dafür ist sie selbst der beste Beweis. Carrington galt als Wunderkind, trat schon als Elfjährige mit Jazzgrößen wie Clark Terry auf und spielte als Teenager mit Dizzy Gillespie und Oscar Peterson. Heute zählt sie längst zu den weltbesten Drummern, die Liste ihrer berühmten Mitmusiker von Pat Metheny bis Herbie Hancock, von Stevie Wonder bis Joni Mitchell ist lang – fast leichter zu sagen, mit wem sie noch nicht gespielt hat. Und so legt sie, als zweiter Act nach dem zwar atmosphärischen, musikalisch aber eher belanglosen Auftritt der Sängerin Lizz Wright, auch an diesem kühlen Abend in Stuttgart los: mit ungeheurem Drive, rhythmisch immer auf dem Punkt, bildet sie von Beginn an das Kraftzentrum ihrer sechsköpfigen Band. Ja, man hätte damit zufrieden sein können, während des 90-minütigen Sets alleine ihr grandioses Schlagzeugspiel zu verfolgen: sich an den polyrhythmischen Einwürfen zu delektieren, die sie immer wieder en passant einstreut, sich ganz ihrer vibrierenden Energie auszuliefern. Aber das wäre ungerecht gewesen gegenüber ihren ebenfalls erstklassigen Mitmusikern, allen voran der Pianistin Helen Sung und der Saxofonistin Tineke Postma, die die mitunter ziemlich komplizierten Arrangements mit mitreißenden Soli bereichern. Aber auch der junge Gitarrist Nir Felder (ja, es waren auch zwei Männer in der Band: Carrington ist keine Dogmatikerin) zeigt, dass er durchaus mit den Großen seines Fachs mithalten kann. Und da ist ja noch Dianne Reeves.

Die 55-jährige Sängerin ist fast schon eine Legende – viele Besucher dürften überhaupt nur wegen ihr gekommen sein – und es ist nicht nur ihre charakteristische Stimme, die fasziniert: die Frau hat einfach Klasse. Allein die Art, wie sie das Mikrofon hält, die Eleganz, mit der sie sich auf der Bühne bewegt, dabei über Musik, das Leben und Gott und die Welt plaudert: das vermittelt den Zuhörern das Gefühl, man befände sich hier nicht vor einem profanen Automuseum, sondern an einem Ort mit Bedeutung. Dem Village Vanguard vielleicht. Sie singt einige Titel aus dem Mosaic Project Album – darunter auch eine hinreißende Version des Beatles-Klassikers „Michelle“ – sie scattet, improvisiert, zieht alle Register ihres Könnens, und macht aus der obligatorischen Vorstellung der Bandmitglieder eine Performance der besonderen Art: jedem widmet sie quasi eine kleine Arie. Es ist dann nach elf, als sich das derart reich beschenkte Volk wieder auf den Heimweg macht. Sogar der Himmel hat ein Einsehen gehabt. Die Regenschirme wurden nicht gebraucht. (Esslinger Zeitung)

4
Jul

Jean-Philippe Rameaus „Platée“ am Opernhaus Stuttgart

„Fließt, kostbare Säfte, fließt im Übermaß, ihr seid die Quelle aller Freuden“, so singt Satyr im Prolog zu Jean-Philippe Rameaus Oper „Platée“, und das darf man hier ruhig wörtlich nehmen. Denn die Neigung des französischen Adels im 18. Jahrhundert zu frivolen Ausschweifungen ist ja bekannt, und so lässt der katalanische Regisseur Calixto Bieito, der das ballett bouffon nun an der Stuttgarter Staatsoper neu inszeniert hat, auch wenig aus an drastischer sexueller Metaphorik. Bieito hat das Stück um die hässliche Sumpfnymphe Platée, den liebestollen Jupiter und seine eifersüchtige Frau Junon in das cool-schicke Ambiente der New Yorker Disco 54 verlegt, wo das Partyvolk sich allen nur denkbaren Lustbarkeiten hingibt. Da gibt es Penisse in allen Größen (echte wie falsche) zu bewundern, Bacchus zeigt als XXL-Rubensdame ihre Riesenbrüste. Dekadenz ist allerorten angesagt, und so wird nach Kräften herumgefummelt- und gerammelt, auch die Dialoge sind oft mehr gekichert als gesungen. So weit, so lustig, schließlich entspricht das durchaus der Vorlage, und auch dass Bieito die Hauptfigur Platée, im Original als Hosenrolle angelegt, als Transvestiten deutet, wirkt im Kontext einer allgemeinen sexuellen Libertage stimmig.

Was aber etwas zu kurz kommt, ist der Aspekt der Tragödie, die hinter der entfesselten Farce lauert. Der charakterlich vielschichtig angelegten Platée nämlich wird nämlich übel mitgespielt: sie wird als Werkzeug in einer fingierten Hochzeit missbraucht und am Ende ausgelacht. Der ansonsten fulminant spielende und singende Thomas Walker bringt diese Ambivalenz nur ansatzweise zum Ausdruck, anders als die neue Primadonna am Stuttgarter Haus, Ana Durlovski. Ihren Auftritt als La Folie ist der einsame Höhepunkt des Abends.  Mit aufgerissener Frisur stakst die Durlovksi wie eine derangierte Rockröhre auf Stöckelschuhen herein, schon merklich angeschickert. Sie schrubbt kurz ein paar Akkorde auf ihrer E-Gitarre und lässt dazu einige Koloraturen wie Laserstrahlen durch die Disco blitzen, sie röchelt, lacht und und gurrt, und man spürt: diese Frau ist eigentlich am Ende. Sie will es nur nicht wahrhaben.

Gesungen wird ohnehin prima an diesem Abend, wenn man mal von Cyril Auvity (Mercure) absieht, der anfänglich doch einige Probleme mit den Höhen seiner Partie hat. Und auch das von dem Barockspezialisten Christian Curnyn geleitete Staatsorchester macht seine Sache so gut, wie es ohne Originalinstrumente eben geht: rhythmisch (meistens) auf dem Punkt, sprechend artikuliert und immer in Kontakt mit der Bühne.  (Mannheimer Morgen)

 

3
Jul

Was ist Audiophilie?

Über die Freude am Hören

Die folgenden Seiten sind meinem Hobby Audiophilie gewidmet, also der Leidenschaft für technische reproduzierte Musik auf hohem Niveau. Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen, die ich im Verlauf von vielen Jahren gemacht habe wie die Vorlieben, die sich dabei herauskristallisiert haben. Mein Zugang zu dem Metier ist dabei das eines Musikers und passionierten Musikhörers, d.h. technische Grundlagen interessieren mich in diesem Zusammenhang nur begrenzt. Was für mich allein zählt, ist das klangliche Ergebnis, das ich am Original messe: da ich in der Regel etwa zweimal die Woche Konzerte besuche, sind meine Ohren auf natürlichen Klang geeicht. Aus diesem Grund fallen für mich mindestens 90% aller Lautsprecher von vornherein unter den Tisch – Tonalität lässt sich durch nichts kompensieren.

 

Wie alles anfing

Ein PE-Plattenwechsler: so ähnlich sah er damals aus

Musik und deren Wiedergabe fasziniert mich seit meiner Kindheit , und immer, wenn ich es mir leisten konnte, habe ich meine Anlage weiter verbessert. Ich erinnnere mich noch genau daran, wie sehnlich ich mir als Zehnjähriger einen Plattenspieler der Firma PE zum Geburtstag wünschte – und wie großartig es war, als ich ihn dann auch bekam. Vorausgegangen waren eingehende Prospektstudien, nach denen ich mich dann  für ein Wunschmodell entschieden hatte. Der PE war ein Kompaktspieler inklusive Verstärker, in dem abnehmbaren Deckel war der (Mono!) Lautsprecher eingebaut, das Finish war Holzimitat. Immerhin hatte er ein Stereo-Tonabnehmersystem!

Drei Jahre später stand die Konfirmation an, und das Verlockendste  für die Konfirmanden war der als Geschenk von Verwandten zu erwartende Geldsegen, der alles übertraf, womit man als Jugendlicher sonst so rechnen konnte. 1500 Mark – das war die für damalige Verhältnisse ungeheure Summe, die ich als Wiedergutmachung für monatelanges Ertragen eines handgreiflichen Pfarrers und ödes Liedersingen endlich  in richtiges Hifi  investieren konnte. Nun gab es zu dieser Zeit, Anfang der 70er Jahre, noch keine Hifi-Studios wie heute. Man kaufte im örtlichen Elektrofachhandel  – und musste nehmen, was dort zu kriegen war. In meinem Fall war das ein Receiver samt Kassettendeck von ITT-Schaub Lorenz und Boxen der schon damals recht renommierten Firma BRAUN – es waren flache Zweiwegeboxen mit sehr ordentlichem Klang, die ich an die Wand meines Jugendzimmers hängte. Als Plattenspieler musste weiterhin der PE herhalten, immerhin kam nun das Stereosystem zu Ehren. Ich hörte damit die Popheroen der 70er:  Beatles, Deep Purple, später Genesis und Yes. Irgendwann kamen die ersten Klassikplatten: Chopin-Préludes, die Rachmaninov-Klavierkonzerte, Beethovensinfonien mit Karajan, Tschaikowski-Sinfonien.

Auch das Geld, das ich nach dem Abi mit Jobben verdiente, floss wieder in Hifi, dessen technische Entwicklung damals Riesensprünge machte. Vor allem japanische Hersteller mischten den Markt mit hervorragenden Produkten auf, und so wich der Schaub-Lorenz einem Vollverstärker von ONKYO, der PE machte einem DUAL-Direkttriebler mit AKG-System Platz. Dazu kam ein Paar OHM L:  eine Lautsprecherlegende bis heute, die schon richtig hochwertige Chassis besaß und sehr neutral klang. Da ich mir eine Komponente nach der anderen kaufte, konnte ich jeden Klangfortschritt richtig auskosten.

Und so der Schaub-Lorenz: mit Schiebereglern.

Nicht verschweigen werden soll, dass es in meiner Hifi-Evolution auch Rückschritte gab. Dazu zählt der Erwerb eines Pärchens HECO-Standlautsprecher, die ich mir im Rahmen einer Rabattaktion der Stuttgarter Elektrokette  Lerche gekauft hatte: nach nur kurzem Hören im (lauten) Laden, hauptsächlich aufgrund von Testberichten von Stereoplay & Co.,  die die schrecklichen Klötze  in eine „Spitzenklasse“-Rubrik eingeordnet hatten.  Ein Fehler, aus dem ich fürs Leben  gelernt habe: Traue niemals Testberichten!! Der Direktvergleich mit meinen OHM L verlief denn auch ernüchternd für die HECO, aber da ich die OHM schon vorab jemandem versprochen hatte, konnte ich nicht mehr zurück. Der künstliche Klang wurde noch verschärft durch einen der ersten damals erhältlichen CD-Spieler, ein billig gemachter SONYfür etwa 300 Mark. Dazu muss ich sagen, dass ich von Anfang an ein Fan der digitalen Musikaufzeichnung war (und es bis heute bin). Ich habe mich immer geärgert, wenn auf meinen geliebten Schallplatten wieder ein neuer Kratzer auftauchte, und das Reinigen der empfindlichen Rillen mittels Bürsten und diverser Tinkturen erschien mir damals schon antiquiert. Ich gebe aber gerne zu, dass die ersten CD-Spieler, trotz der Absenz von Störgeräuschen, künstlich und kalt klangen. Das hat sich zum Glück mittlerweile geändert.

 

Eine Legende: die OHM L

 

Der Anfang vom High End

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die HECO weichen mussten, was aber aufgrund mangelnder pekuniärer Verhältnisse (Studium, Umzüge, viel Üben, aber wenig Honorar …) viel länger dauerte, als gewünscht.
Mitte der 90er Jahre war es dann soweit, dass ich mir ein Paar Dynaudio Contour 3.3 kaufen konnte, als Vorführmodelle eines Kasseler Händlers für 6500 Mark. Die hatte ich mir denn auch vor dem Kauf ausführlich angehört, und als dann noch ein Accuphase Vollverstärker E-210 und ein SONY CDP 50 ES dazu kam, war das High End-Glück erstmal perfekt. Viel besser, so meinte ich damals, kann es nicht mehr klingen.  Damit waren dann auch meine beiden Lieblingsmarken ACCUPHASE und DYNAUDIO etabliert, denen ich lange die Treue gehalten habe.  Beide eint guter Klang, handwerkliche Perfektion und ein sehr ansprechendes Äußeres: ich gebe gerne zu, dass ich größte Probleme damit hätte, etwa Lautsprecher von WILSON oder Endstufen von KRELL im Wohnzimmer stehen zu haben.  Ganz zu schweigen von ADAM AUDIO! Ich bin nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenmensch.

Accuphase

Meine letzte Accuphase-Anlage

Meine letzte Accuphase-Anlage

Lange Jahre war meine Elektronik eine reine Accuphase-Monokultur. Accuphase war immer ein Hifi-Traum meiner Jugend, sodass ich glücklich war, als ich mir diese Geräte dann irgendwann wirklich leisten konnte ( auch optisch sind die Geräte einfach wunderschön).
Beginnend mit dem E-210 habe ich mich dann über einen E-406 zu diversen Vor-Endstufenkombinationen hochgearbeitet: am Anfang stand eine Kombi aus einer P-450 mit einer C-2400, später folgten die Vorstufen C-2800 und schließlich die sündteure C-3800 (die habe ich direkt aus Japan importiert). Die P-450 wurde erst durch eine P-650 ersetzt, der folgte eine P-1000 und schließlich die mächtigen M-2000 Monoblöcke. Das klang im Verbund mit den Brodmann VC7 auch wirklich gut, allerdings habe ich irgendwie auch gespürt, dass das nicht das Ende der Fahnenstange sein konnte – ein bisschen verhangen war das Klangbild auch mit den Spitzenprodukten des Accuphase-Portfolios noch immer, es fehlte der letzte Rest an Auflösung (auch die schweineteuren Class-A Monos A-200, die ich einige Zeit testete, brachten da nicht mehr). Allerdings wusste ich nicht, wie ich hier wirklich weiterkommen könnte, denn auch was ich von anderen Fabrikaten bei diversen Messen und Händlervorführungen hörte, erschien mir nicht besser. Also blieb ich erst mal bei meiner (bis dahin) heiß geliebten Champagnermarke.

Neue Dimensionen

Auf der High End in München 2013 war es dann soweit: die Vorführung der deutschen Firma TIDAL hatte mich so stark beeindruckt, dass ich mich mit deren Verstärkern näher beschäftigte. Tatsächlich ließ der Hörvergleich des Vorverstärkers TIDAL Preos D meine Accuphase C-3800 derart alt aussehen, dass diese kurze Zeit später einen neuen Besitzer hatte – und ich den Preos D, der außer einer Supervorstufe auch einen Weltklasse-DAC und eine ebenso gute Phonovorstufe an Bord hat – und das für deutlich weniger Geld.
Dieses Upgrade brachte das entscheidende Mehr an Auflösung und Neutralität! Auch die Endstufe TIDAL Impulse schlug die M-2000 deutlich. Doch entschied ich mich dann nach längeren Hörvergleichen für die fantastischen Röhrenmonos von New Audio Frontiers, einer kleinen italienischen Verstärkermanufaktur, die das letzte aus dieser Technik herauskitzelt.
Im Verbund mit einer erstklassigen Verkabelung und Stromversorgung habe ich nun einen Klang, der in puncto Dynamik, Auflösung und Klangfarbenreichtum besser ist als ich es mir jemals hätte träumen lassen.

Allerdings ist auch dies nicht das Ende des Weges. Denn wenn ich eines gelernt habe ist es, das es immer noch besser geht. Manchmal reicht ein neues Netzkabel aus, um wieder einen Schleier aus dem Klangbild zu entfernen, von dem man bis dahin noch gar nicht wusste, dass er existiert. Das Ziel der ultimativen Musikwiedergabe wird man wohl nie erreichen. Aber der Weg dahin bleibt spannend.

Ich wünsche mir diesen Blog ausdrücklich als Forum, in dem Gleichgesinnte ihre Erfahrungen austauschen können. Auch ich habe nur einen minimalen Bruchteil dessen gehört, was auf dem Markt ist und bin dankbar für Tipps und Hinweise.

Zäsur

Brodmann, New Audio Frontiers, Tidal, Jorma Design – diese vier von mir hoch geschätzten Firmen und die Tatsache, dass es für deren Produkte in Deutschland entweder keine oder fast keine Händler gibt, veranlassten mich Ende 2013, mein eigenes Wohnraumstudio mit High End Produkten zu eröffnen. Seitdem gibt es also, mit wachsendem Portfolio, concert audio. Da nun eine Vermischung von privaten mit geschäftlichen Interessen nicht auszuschließen ist, habe ich mich daher entschlossen, diesen privaten Audiophilie-Blog ab 2014 auf allgemeine Themen zu beschränken, d.h. es gibt von mir keine weiteren Beiträge über Produkte mehr  – diese stehen ab jetzt auf meinem Blog auf concert audio.
Kommentare von Lesern können natürlich weiterhin gepostet werden.

1
Jul

Restaurantkritik Campioni in Ostfildern-Kemnat

Von üblicher Vereinsgastronomie weit entfernt: das Campioni in Kemnat orientiert sich an gehobener italienischer Küche

Nein, per Zufall kommt man nicht ins „Campioni“. Am Rande des Kemnater Industriegebiets, nahe an den Feldern liegt das italienische Restaurant, das zusammen mit der Kemnater Tennishalle im letzten Herbst neu eröffnet hat. Die neuen Betreiber Gabriele Pontillo und Christian Volpe haben das Lokal von Grund auf renoviert, und die Einrichtung ist nun eine gelungene Mischung aus deutscher Gemütlichkeit mit italienischem Charme: das Zentrum des Raums bildet eine große Theke, die rustikalen Holzbalken an der Decke bilden einen Kontrast zu den schön eingedeckten, dunklen Holztischen. Im Sommer kann man auf der Terrasse draußen sitzen, der große offene Kamin dürfte seine Vorzüge eher in der Wintersaison ausspielen. Durch eine Glasscheibe blickt man direkt auf die Tennisplätze – wer das nicht schätzt, kann sich aber einfach in eine andere Ecke setzen. Wer nun meint, dass im „Campioni“ simple Sportlerkost angesagt ist, der täuscht sich. Was hier serviert wird, kann durchaus mit den sehr guten Italienern in Stuttgart mithalten. Und das ist kein Zufall: Denn der Mitinhaber und Koch Gabriele Pontillo hat bereits in renommierten Restaurants wie Oggi, da Maurizio oder La Scala gekocht und will auch in Kemnat diesen Anspruch aufrechterhalten. Tatsächlich gab es nicht einen einzigen Ausfall bei den von uns bestellten Gerichten. Vitello Tonnato (9,50 Euro) ist ein Klassiker, den man fast überall bekommt, aber derart zartes Kalbfleisch mit einer solch perfekt abgestimmten Sauce muss man lange suchen. Der Meeresfrüchtesalat (10,50 Euro) könnte intensiver mariniert sein, die Frische aber ist tadellos: man meint fast das Meer zu schmecken. Natürlich muss es in einem italienischen Vereinsrestaurant auch Pizza geben, und die ist im „Campioni“ ein Gedicht: die Pizza Calabrese (7,50 Euro) hat einen dünnen Boden mit knusprigem Rand und feinem Belag.

Der filetierte Wolfsbarsch vom Grill an Gemüse (18,50 Euro) ist tadellos, die Kräuterwürzung deckt dabei das feine Fischaroma nicht zu. Noch nachhaltiger blieben uns die Tagliatelle mit Rinderfiletspitzen an Kirschtomatensauce (9,50 Euro) in Erinnerung: ein perfekter Dreiklang von zartem Fleisch, Nudeln und einer wunderbar konzentrierten Tomatensauce.

Auch die Nachspeisen halten das hohe Niveau. Sowohl die Cassata Siciliana (4,50 Euro), vor allem aber die Crème brulée mit Orangen (5,50Euro), auch wenn das eine Anleihe aus der französischen Küche ist. Die Freude am guten Essen wird moch gesteigert von einem aufmerksamen und freundlichen Service. Und wie es sich für einen guten Italiener gehört, gibt es sowohl eine ausreichende Auswahl an Flaschenweinen wie an glasweise ausgeschenkten Weinen, die mit Preisen zwischen 3,50 und 6,50 Euro für 0,2 l obendrein fair kalkuliert sind. Das I-Tüpfelchen ist aber der koffeinfreie Espresso (2 Euro). Den findet man nicht auch bei Edelitalienern nur selten.

 

Ristorante Campioni, Schönbergstr. 38, 73760 Ostfildern (Kemnat). Tel. 0711 / 162 205 33. Warme Küche täglich von 11.30 – 23 Uhr. Mittagskarte. www.ristorante-campioni.de

(Stuttgarter Zeitung)