Beiträge im Archiv Mai 2018

25
Mai

Das London Symphony Orchestra unter Michael Tilson Thomas mit Jan Lisiecki

Jeder Ton mit Bedeutung

Jan Lisiecki, so kann man im Programmheft der SKS Russ lesen, sei „ein Pianist, der jeder Note Bedeutung verleiht“. Die New York Times hat dies über den 23-jährigen Kanadier mit polnischen Wurzeln geschrieben, der bereits mit 15 Jahren Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon wurde und seitdem eine beachtliche Karriere hingelegt hat. Zusammen mit dem London Symphony Orchestra unter Michael Tilson Thomas spielte er nun beim achten (und letzten) Meisterkonzert der Saison Beethovens drittes Klavierkonzert – und als müsse er seinem Image gerecht werden, spürte man dabei Lisieckis Absicht, jeden Ton mit Bedeutung aufzuladen. Fortissimo lässt er die oktavierten Tonleitern bei seinem ersten Einsatz nach oben rauschen, markant hämmert er das Thema heraus. Wo immer es geht, setzt er auf dynamische Kontrastierungen, und in den Kadenzen legt er mit einem Furor los, als handle es sich nicht um Beethoven, sondern um ein spätromantisches Virtuosenkonzert. Dass er hernach Rachmaninovs Prelude cis-Moll op.3 No.2 als Zugabe spielt ist wohl kein Zufall, denn in dieser Welt fühlt sich der Jungstar merklich zuhause. Und auch wenn es als Vorrecht der Jugend gelten kann, zu übertreiben – stilistisch bleibt sein pointiertes, auf den Moment fixiertes Beethovenspiel fragwürdig.
Dass musikalische Spannung auch anders zu vermitteln ist, nämlich durch eine an der musikalischen Struktur orientierte, großbögig disponierte Dramaturgie, vermittelte Michael Tilson Thomas nach der Pause bei den letzten beiden Sinfonien von Jean Sibelius. Mit welcher Ruhe er die Anlage der grandiosen, einsätzigen Siebten entfaltete, dabei den Klang als konstituierendes Element immer wieder neu formte, das können derzeit nur wenige Dirigenten. Das London Symphony Orchestra war ihm dabei ein flexibles, in allen Gruppen formidabel besetzes Instrument, das schon beim Eingangsstück, Berlioz „Le carnaval romain“, präzise wie ein Uhrwerk spielte in dem alle Teile reibungslos ineinandergreifen: so muss ein Spitzenorchester klingen.

Frank Armbruster

22
Mai

„Kashimoto, Bohórquez & Friends“ bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Zum Luftanhalten

Eigentlich ist so ein Streichoktett ja fast ein Orchester. Jede Stimme ist doppelt besetzt, da fehlt eigentlich nur noch der Kontrabass. Im Ludwigsburger Ordenssaal nun hatten sich unter dem Titel „Kashimoto, Bohórquez & Friends“ acht Weltklassestreicher zusammengetan, die kein festes Ensemble bilden und sich vielleicht auch deshalb bei Schostakowitschs „Zwei Stücken für Streichoktett“ und dem Oktett von Niels Wilhelm Gade sehr engagiert ins Zeug legten. Nun ist man in kaum einem anderen Saal dichter an den Musikern dran als im Ordenssaal, der gerade bei Kammermusik seine akustischen Qualitäten ins beste Licht rücken kann. Und da die Musiker nicht nur auf der sprichwörtlichen Stuhlkante musizierten, sondern auch noch über exquisite Instrumente verfügen, war diese erste Programmhälfte ein Genuss für Liebhaber erlesenen Streicherklangs: in üppigsten Farben leuchtend das hochromantische, orchestral angelegte Trio von Gade, mit Hochspannung ausmusiziert die Stücke von Schostakowitsch.
Den Kontrapunkt zum romantischen Überschwang bildete nach der Pause Schnittkes „Hymnus II“ für Cello und Kontrabass. Musik der größtmöglichen Reduktion, die den Fokus auf den einzelnen Ton und dessen expressives Potential richtet und sich am Ende quasi ins Jenseits auflöst: immer kürzer wird der Abstand des Cellistenfingers zum Steg und immer höher das Flageolett, bis am Ende nur noch der Bogen dazwischenpasst. Zum Luftanhalten.
Ein eher konventionelles Vergnügen danach Schuberts Forellenquintett, zumal die Musiker den Dauerbrenner zwar erneut mit großer Emphase und technisch profund, aber auch ein wenig pauschal musizierten. Umso spannender geriet dafür das nicht programmierte Encore: Dem Festivalmotto „Ins Ungewisse…“ entsprechend waren dies drei Stücke für Cello und Violine von Jörg Widmann, die Claudio und Oscar Bohórquez in ihrem anspielungsreichen Schalk grandios auf den Punkt brachten. Dem Applaus nach zu urteilen, hat´s auch dem Publikum gefallen.

(STZN)

16
Mai

Das Königliche Philharmonie Flandern in der Reihe Faszination Klassik

Liebeserklärung in Tönen

Es gibt klassische Werke, denen durch ihre Verwendung als Filmmusik quasi eine neue Bedeutungsebene eingeschrieben wurde. Wer Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen hat, der dürfte fürderhin Johann Strauss´ „An der schönen blauen Donau“ mit fliegenden Raumschiffen in Zusammenhang bringen, während es beim Hören des Adagiettos aus Mahlers 5. Sinfonie die morbiden Bilder aus Luchino Viscontis cineastischer Version von Thomas Manns Roman „Tod in Venedig“ sind, die vors geistige Auge treten: Aschenbach im Liegestuhl am Lido von Venedig, sein Sterben am Strand mit dem flirrenden Meer im Hintergrund, der letzte Gruss des Knaben Tadzio. Dass das Adagietto hernach zur Schnulze verkommen ist, auf zahlreichen Best-of-Klassik-Samplern zur Gemütserweichung diente, kann man Visconti kaum vorwerfen, hat er doch die erotische Aufgeladenheit dieses Stücks – das durchaus als Liebeserklärung Mahlers an seine Frau Alma gedeutet werden kann – verstanden. Richtig zu begreifen – nämlich als metaphysisch verklärter Ruhepol vor dem Jubel des Finales – ist das Adagietto freilich nur im Kontext der kompletten Sinfonie, und so durfte man nun froh sein, die Fünfte beim Konzert der Königlichen Philharmonie von Flandern im Beethovensaal in einer stimmigen Aufführung hören zu können. Zwar ließ sich der Dirigent Edo de Waart gerade im Adagietto ein wenig zu sehr zu Rubati und Sforzatiseufzern hinreißen. Die Dramaturgie der Sinfonie, bei der Mahlers fiktiver Held, nach den Schrecknissen der Welt in den ersten beiden Sätzen und deren Zuspitzung im Scherzo, im Adagietto-Liebestraum den Mut gewinnt für den Weg zurück ins Leben, in diesem Fall das Rondo-Finale, vermittelten die emphatisch spielenden Belgier aber überzeugend. Dass sie ein gutes, aber mitnichten ein Spitzenorchester sind, fiel allenfalls durch die insgesamt etwas grob ausgearbeitete Klangbalance und die vergleichweise raue Tongebung speziell der Holzbläser negativ ins Gewicht.
Zuvor bot der leicht gedeckte Orchesterklang in Mozarts Klavierkonzert Nr. 13 C-Dur KV 415 einen reizvollen und auch stilistisch durchaus passenden Kontrast zum leuchtenden Klavierklang der Solistin Alice Sara Ott. Die 29-Jährige ist eine Mozartspielerin par excellence, die in ihrem Spiel Grazie und Kontur, kristalline Schönheit und eine lebendige, vom Atem getragene Phrasierungskunst vereint. Von festlichem Glanz überstrahlt das Allegro, klar und rein ausgespielt das Andante, zeichnete sie im dritten Satz die Seitenwege, die Mozart hier in einem nur vordergründig konventionell anmutenden Rondo anschlägt, atmosphärisch mit größter Sensibilität nach.
Viel schöner kann man das nicht spielen – genausowenig wie die Zugabe: Frédéric Chopins Walzer No. 17 a-Moll op. posth.   (STZN)