Beiträge der Kategorie ‘Tonträger’

8
Jan

Preziosen mit Stil

Vilde Frang zählt sicher zu den interessantesten unter den jungen Geigerinnen. Einige der großen Violinkonzerte und Sonaten hat die 31-jährige Norwegerin bereits formidabel eingespielt, auf ihrer neuen CD „Homage“ nun widmet sie sich den Preziosen des Repertoires – Zugabenstücke, wie sie große Geiger wie Jascha Heifetz oder Fritz Kreisler geliebt haben, von denen auch einige Bearbeitungen auf dieser CD stammen. Dazu zählen Dvoráks „Slawischer Tanz“ op. 46/2, „Sevilla“ von Isaac Albéniz` oder Manuel Ponces zuckersüße „Estrellita“, ergänzt durch virtuose Kabinettstückchen von Wieniawksi oder Bazzini. Bewunderungswürdig, mit welcher Stilsicherheit Vilde Frang jede dieser Petitessen in ihrem Charakter trifft, ohne sie übermäßig mit Bedeutung aufzuladen. Leichtigkeit, Anmut und Farbigkeit zeichnen dabei ihr Spiel vor allem aus, Virtuosität drängt sich nie in den Vordergrund, sondern bleibt Mittel zum Zweck. José Gallardo am Flügel entspricht ihrem einfühlsamen Musizieren ideal. Eine der schönsten Violinplatten der letzten Zeit.

Homage. Vilde Frang, José Gallardo. Warner Classic 0190295805326.

18
Dez

Chopin Evocations mit Daniil Trifonov

Berückende Klangfantasie

Frédéric Chopin gilt als der Klaviermusikkomponist par excellence. Keiner hat die Grenzen des Klaviers derart geistreich ausgelotet, und dass ihn (fast) alle Pianisten lieben liegt mit daran, dass auch kniffligste Passagen nie gegen das Instrument geschrieben sind: Chopins Musik ist immer eminent pianistisch. Daniil Trifonov begibt sich auf seiner neuen CD auf Spurensuche, indem er chopinsche Originalwerke solche anderer Komponisten an die Seite gestellt hat, die sich direkt oder indirekt auf Chopin beziehen. Dazu zählen Griegs flirrende Etüde „Hommage à Chopin“, Tschaikowskys „Un poco di Chopin“, vor allem aber die Variationen des hierzulande wenig bekannten katalanischen Komponisten Federico Mompou über Chopins Prélude No. 7 A-Dur. Welch subtile Facetten Mompou dem schlichten Stück abgewinnt ist dabei ebenso berückend wie Trifonovs Klangfantasie und sein überlegenes Formbewusstsein. Das Spiel des hypersensiblen Russen ist von ungeheurer Leichtigkeit und Delikatesse, wobei er Extreme nicht scheut. In der Introduktion zu Chopins Variationen über „La ci darem la mano“ treibt er die Rubati auf die Spitze, ohne je geschmacklos oder gar sentimental zu werden, in den folgenden Variationen brennt er ein pianistisches Feuerwerk nach dem anderen ab. Nur vordergründig überraschend, dass er in den beiden von Mikhail Pletnev dezent neu orchestrierten und auch dirigierten Klavierkonzerten keine Temporekorde aufstellt: das mögen andere schneller spielen – belebter, sprechender, inspirierter als Trifonov und das Mahler Chamber Orchestra aber nicht.

 

Chopin Evocations 
Daniil Trifonov. Mahler Chamber Orchestra, Ltg. Mikhail Pletnev.
Deutsche Grammophon028947975182. 2 CDs.

15
Okt

Jérémie Rhorer und „Le cercle de l´harmonie“ mit Mozarts Don Giovanni

Ungemütlich

 

Zusammen mit Teodor Currentzis zählt der Franzose Jérémie Rhorer derzeit zu den angesagtesten Mozartdirigenten. Beide sind gleich alt, und beide eint ein historisch informierter Ansatz, der auf Dramatik und klangfarbliche Kontraste setzt und jeden Anflug von Gemütlichkeit zu vermeiden trachtet. Wie Currentzis mit seiner „MusicAeterna“ verfügt auch Rohrer über ein eigenes Ensemble, das sich „Le cercle de l´harmonie“ nennt und exquisit besetzt ist – was auch nötig ist, denn Rohrer legt es in seiner Einspielung des „Don Giovanni“ mit forschen Tempi und blitzsauberer Artikulation merklich darauf an, verbliebenen Staub aus der Partitur zu fegen – wenngleich er dabei nicht ganz so radikal vorgeht wie Currentzis, der Sänger wie Musiker gern mal an ihre Grenzen (und darüber hinaus) treibt.
Keine Überraschung, dass diese Aufnahme ihre Stärken in der dramatischen Zuspitzung hat. Gleich in der Ouvertüre wird der Ton vorgegeben, vermittelt sich mittels kompakter Klanglichkeit und trocken dreinfahrenden Schlägen die Dringlichkeit dieser düstersten aller Mozartopern. Vom Pulsschlag des unter Hochspannung musizierenden Orchesters wird so die Handlung über drei Stunden weiter vorangetrieben, bis zum grandiosen, rückenschauererregenden Finale mit Don Giovannis Höllenfahrt. Das ist in jedem Moment spannend und schlüssig musiziert und dürfte vielen gefallen, selbst wenn die Sängerbesetzung nicht durchweg dem orchestralen Niveau entspricht: vor allem Julie Boulianne (Donna Elvira) passt mit ihrem vibratosatten Sopran nicht so recht zu den anderen wendig-schlanken Stimmen. Aufgenommen wurden die CDs live bei Aufführungen im Pariser Théatre des Champs-Èlysées, einschließlich dem Applaus am Ende der Akte und einzelner Arien – was für den einen Hörer vielleicht das Gefühl verstärkt, live dabeizusein, andere aber ebenso irritieren könnte wie der hörbare Umstand, dass sich die Sänger im Raum umher bewegen.

 

Mozart: Don Giovanni. Le cercle de l´harmonie, Ltg. Jérémie Rhorer. Alpha 379. 3 CDs.

25
Aug

Bernsteins Gesamtaufnahme der Mahlersinfonien

Fest für Vinylliebhaber


„Mahler: His Time Has Come.“ So lautete der Titel eines Essays, den Leonard Bernstein 1967 für das Magazin High Fidelity verfasste – und dass Mahlers Zeit damals gekommen war,
dafür hatte Bernstein selbst gesorgt. Für Bernstein bedeutete Mahlers Werk eine Mission, und die Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien mit dem New Yorker Philharmonic und dem London Symphony Orchestra,
die er Ende der 60er Jahre vorlegte, läutete nicht nur die bis heute ungebrochene Renaissance eines Komponisten ein, dessen Werke nach seinem Tod zunächst kaum mehr aufgeführt wurden.
Mit der etwa zeitgleich zur Praxisreife entwickelten Stereofonie bildet diese Sammlung auch einen Markstein in der Geschichte der Tonwiedergabe.
Dass nicht nur ihr künstlerischer Rang, sondern auch ihre Aufnahmequalität bis heute konkurrenzfähig sind, beweist nun diese audiophile Wiederauflage mit insgesamt 15 LPs in einer Box.
Nicht nur findet man darin die originalen, sehr originell gestalteten Covers, die Sony-Techniker haben auch die originalen Masterbänder von Columbia remastered und die Takes dann auf 180g-Vinyl gepresst.
Das Resultat ist ein Fest für Vinylliebhaber. Abgesehen von dynamischen, der Analogtechnik geschuldeten Limitierungen und einigen aufnahmetechnischen Merkwürdigkeiten – bei den ebenfalls enthaltenen
Kindertotenliedern ist die Harfe akustisch vor den Streichern platziert – besticht die Edition durch eine exzellente Tiefenstaffelung des Orchesters und einen direkten, unmittelbar ansprechenden Klang.
Analogfans dürfte das den mehrfachen Preis der (auch schon sehr guten) CD-Box wert sein.

 

Bernstein conducts Mahler. The Vinyl Edition. Symphonies 1-9, Kindertotenlieder. Sony Classical 15 LPs.

16
Jul

Von Liebe und Schmerz

„Airs de cours“ heißen die Strophenlieder, die ihre Blütezeit im 17. Jahrhundert hatten, wo sie am französischen Hof von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. intensiv gepflegt wurden. Begleitet von der Laute, handeln sie meistens von der Liebe, die hier selten glücklich, dafür in ihrer Klage umso beredter ist. Komponisten wie Michel Lambert, Kapellmeister am Hof Ludwigs XIV., aber auch Gabriel Bataille und der berühmte Jean-Baptiste Lully übten sich in dieser feinen Kunst, die im Vergleich zum italienischen Madrigal diskreter und weniger direkt erscheint, was die Darstellung von Affekten anbelangt. Heute sind die höfischen Gesänge weitgehend vergessen, doch damit dies nicht so bleibt, haben die französische Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis und der italienisch-schweizerische Lautenist Luca Pianca einige der schönsten aufgenommen. „Sous l´empire d´ Amour“, („Unter der Herrschaft der Liebe“) ist dabei ein treffender Titel für diese Lieder, die das Duo stilistisch profund und klanglich delikat eingespielt hat. Für Kenner und Liebhaber.

Sous l´empire d´ Amour. Marie-Claude Chappuis (Mezzosopran). Luca Pianca (Laute).

Deutsche Harmonia Mundi 88985452312.

15
Jun

Das Werk von Enrique Granados auf sieben CDs

Zwischen Sentiment und Strenge

Auch Debussy und Ravel liebten das spanische Kolorit, einige ihrer bedeutendsten Werke sind davon inspiriert. Klassische Musik aus Spanien findet gleichwohl nur selten den Weg auf unsere Konzertprogramme, obwohl es mit Isaac Albéniz und Enrique Granados zumindest zwei Komponisten gibt, deren Musik sich qualitativ mit der ihrer mitteleuropäischen Kollegen messen kann. Das liegt vermutlich daran, dass der spezifische Tonfall spanischer Musik schwer zu treffen ist: wer sich mit der nationalen Volksmusik, auf die sich viele Werke dieser Komponisten beziehen, nicht auskennt, tut sich schwer damit. Das merkt man auch an dieser CD-Kompilation mit Werken von Enrique Granados, wo sich auf der letzten der insgesamt sieben CDs berühmte Musiker wie Artur Rubinstein oder Jascha Heifetz an „Andaluza“ versuchen, dem bekanntesten Stück aus den „Danzas Espanolas“ – mit mäßigem Erfolg. Wie es klingen muss, zeigt uns dagegen die große Pianistin Alicia de Larrocha. Auf vier der sieben CDs hat sie praktisch Granados gesamtes Klavierwerk eingespielt, von den „Goyescas“ über die „Danzas Espanolas“ bis zu weniger bekannten Sammlungen wie den „Escenas romanticas“ oder „Bocetos“, dem spanischen Pendant zu Schumanns „Kinderszenen“. Die 2009 verstorbene Pianistin bringt sowohl die technische Kompetenz für die zum Teil hoch virtuosen Stücke mit, vor allem aber besitzt sie das Gespür für das typisch spanische, auf einer Balance zwischen Strenge und Sentiment beruhende Idiom. Auf einer weiteren CD ist die junge Montserrat Caballé mit Granados´Orchesterliedern zu hören.

Enrique Granados. The Collection. RCA/Sony. 88985396972. 7 CDs.

1
Jun

Michael Korstick spielt Ginastera

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unseres Musikbetriebs, dass der 62-jährige Kölner Pianist Michael Korstick trotz erstklassiger, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Aufnahmen – vor allem die Gesamtaufnahme der Beethovensonaten machte Furore – immer noch ein Geheimtipp ist. Korstick beherrscht das Klavier wie wenig andere und meistert nicht nur das klassische Repertoire, sondern wird auch immer wieder an dessen Rändern fündig – wie auf dieser sensationellen CD mit dem Klavierwerk von Alberto Ginastera. Der 1982 gestorbene Ginastera gilt als Doyen der argentinischen Musik. Weit davon entfernt, ein bloßer Folkloreveredler zu sein, bildet für Ginastera die Volksmusik seines Landes ähnlich wie bei Béla Bartòk nur den Humus für Kompositionen, die sich künstlerisch auf der Höhe ihrer Zeit befinden. Viele dieser Werke, die Einflüsse von Prokofjew, Ravel und Debussy zeigen, sind pianistisch überaus anspruchsvoll – doch Korstick kommt dank überlegener Technik und Gestaltungskraft nirgendwo an seine Grenzen. Preisverdächtig!

Michael Korstick plays Ginastera. cpo 555 069-2.

22
Mai

Mikko Franck dirigiert Werke von Ravel und Debussy

Zauberoper und verlorener Sohn

Selbst wenn beide Werke auf dieser Doppel-CD „Enfant“, also „Kind“ im Titel haben, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Debussy komponierte „L´Enfant prodigue“ als 22-jähriger Student des Pariser Conservatoire, um damit ím zweiten Anlauf den Prix de Rome zu gewinnen. Wer es nicht weiß, würde allerdings kaum Debussy als Komponisten vermuten. Denn der pathossatte Ton der gut halbstündigen Kantate über das Thema des verlorenen Sohns erinnert mehr an Massenet, wenngleich Mikko Franck am Pult des fabelhaften Orchestre Philharmonique de Radio France das ansatzweise vorhandene debussysche Parfum im Orchestersatz herauszuarbeiten weiß. Interessant ist das Stück aber gleichwohl, nicht zuletzt wegen der exzellenten Vokalsolisten.
Demgegenüber ist die Märchenoper „L´Enfant et les Sortilèges“ eines von Ravels Meisterwerken, in dem der Komponist die Welt der Kindheit auf eine höchst artifizielle Art beschwört: Tiere können sprechen, Gegenstände erwachen zum Leben, Spuk, Traum und Albtraum durchdringen sich auf poetische Weise, wobei es die Musik ist, die dies alles ausdrückt – szenisch wird das Stück deshalb selten aufgeführt. Der Finne Mikko Franck, sicher einer der interessantesten Dirigenten seiner Generation, entwirft auf dieser Neueinspielung Ravels Zauberwelt mit enormer Imaginationskraft und zeigt, wieviel Skurrilität, Witz und Finesse in Ravels Musik stecken. Und da auch seine Sängergarde, allen voran Nathalie Stutzman und Sabine Devieilhe, höchsten Ansprüchen gerecht wird, kann man diese Neuaufnahme allen Ravel-Liebhabern nur empfehlen.

 

Debussy. L´Enfant Prodigue, Ravel. `L´Enfant et les Sortilèges. Orchestre Philharmonique de Radio France, Ltg. Mikko Franck. Erato 9029 58969-2.

3
Apr

Musik mit Wellnessfaktor

Die erfreuliche Entwicklung, die das Stuttgarter Kammerorchester in den letzten Jahren gemacht hat lässt sich auch an dieser neuen CD mit Werken dreier russischer Komponisten festmachen. Die 2006 verstorbene Galina Ustvolskaya schrieb ihr Konzert für Klavier, Streichorchester und Pauken 1946 in Leningrad, und die Schrecken des Krieges sind noch präsent in dem herb-resignativen, gelegentlich dumpf auffahrenden Leidenston dieses Stückes. Das Thomas Sanderling geleitete SKO und die Pianistin Elisaveta Blumina spielen diese so ungemütliche wie eindringliche Musik mit einer konzisen, der Atmosphäre des Werks angemessenen Klanglichkeit. Im Gegensatz zu Ustvolskaya haben sich Valentin Silvestrov und Giya Kancheli von jeglichem musikästhetischen Imperativ freigemacht. Silvestrovs hier erstmals eingespielte „Vier Postludien“ könnten in ihrer gefälligen Harmonik und dem entspannten Fließen ebenso Filmmusik sein wie Kanchelis stark folkloristisch gefärbtes „Sio“. Musik mit hohem Wellnessfaktor, die eben deshalb vielen gefallen dürfte.

Frank Armbruster

Ustvolskaya.Silvestrov. Kancheli. Works for Piano and Orchestra.

Grand Piano GP 678

20
Mrz

Chopin: „Late Works“ mit Maurizio Pollini

Maurizio Pollini und die Musik von Frédéric Chopin – das gehört zusammen. Der Gewinn des Chopin-Wettbewerbs 1960 bildete einst das Sprungbrett für Pollinis Weltkarriere, in deren Verlauf der gebürtige Mailänder fast alles von Chopin eingespielt hat, vor allem seine Aufnahmen der Etüden besitzen bis heute Referenzstatus. Dabei war Pollinis Zugang zu Chopin immer betont formbewusst und unsentimental – Rubatoverliebtheit pflegte er nie, und das gilt auch für diese neue CD mit einer Auswahl aus Chopins späten Werken. Man findet darauf die Barcarolle Fis-Dur op.60, die Mazurken op. 59 und op. 63, dazu drei Walzer op. 64, zwei Nocturnes op. 62 und, quasi als Epilog, die posthum veröffentlichte Mazurka op. 68 No.3. Das einzige größere Werk ist die Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61, und gerade hier kann man durchaus zu der Auffassung kommen, dass er diese in seiner Aufnahme von 1975 packender gespielt hat – vermutlich muss der 75-Jährige technisch dem Alter doch etwas Tribut zollen. Im Vergleich zu seinen früheren EInspielungen erscheint sein Spätstil noch gemessener, emotionale Ausbrüche sucht man hier vergebens. Gleichwohl – die Lauterkeit und Würde, die apollinische Klarheit, mit der sich vor allem der späten Mazurken und Nocturnes annimmt, heben sich wohltuend ab von dem Manierismus, mit dem gerade mancher seiner jüngeren Kollegen Chopins Musik als Mittel zur Selbstdarstellung missbrauchen. Der Eindruck der Distanziertheit wird noch verstärkt durch die Tontechnik, die den Flügelklang mit viel Raumanteilen aus einiger Entfernung eingefangen hat.

Chopin: Late Works. Maurizio Pollini. DG 4796127.

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