26
Mai

Das Staatsorchester Stuttgart unter Daniele Rustioni mit Elisabeth Brauß

Man nehme: einen charismatischen Dirigenten, eine hochbegabte junge Pianistin, ein tipptopp präpariertes Orchester sowie eine schlüssige Programmdramaturgie – und herauskommt ein Sinfoniekonzert, das man in seiner Wirkung als beglückend bezeichnen darf. So geschehen beim 6. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters am Sonntagmorgen im Beethovensaal mit dem Dirigenten Daniele Rustioni und der Pianistin Elisabeth Brauß. Der 36-jährige Rustioni hat seine Qualitäten schon bei Gastdirigaten am Stuttgarter Opernhaus und einem Sinfoniekonzert gezeigt: eine ansteckende Musizierfreude vor allem, verbunden mit eleganter Dirigiertechnik und eminentem Klangempfinden. Mit Jean Sibelius´ zweiter Sinfonie bewies er nun, dass er auch in der Lage ist, einen Spannungsbogen über ein groß angelegtes Werk wie diese populäre Sinfonie des finnischen Nationalkomponisten zu wölben. Deren am Ende mit Ovationen gefeierte Aufführung kann als Musterbeispiel eines von Emphase wie Partiturkenntnis getragenen Musizierens gelten, das weder das heroische Pathos des Werks noch seinen Reichtum an motivischen Entwickungen und klanglichen Texturen unterschlägt.
Begonnen hatte das Konzert mit György Ligetis in all ihren Verästelungen luzide ausgeleuchteten Orchesterstudie „Lontano“, die wiederum die Hörnerven sensibilisierte für Edvard Griegs a-Moll Klavierkonzert mit Elisabeth Brauß als Solistin. Die 24-Jährige gilt als eine der vielversprechendsten jungen Pianistinnen – nicht nur weil sie technisch bereits praktisch alles kann: die manuellen Herausforderungen des melodiensatten, hochromantischen Konzerts bewältigt sie souverän, ja fast lässig – fulminant hingelegt nicht nur die Kadenz. Aber vor allem besitzt sie ein poetisches Empfinden für die lyrischen Zwischentöne von Griegs Musik, ihren folkloristisch geprägten Zauber, die sie mit enormer Klangdelikatesse umsetzt. Das Publikum wollte sie so erst nach einer Zugabe – Robert Schumanns „Von fremden Ländern und Menschen“ – von der Bühne lassen.

 

12
Mai

Das Collegium Vocale Gent mit Philippe Herreweghe in Ludwigsburg

Schönheit des Leidens

Das Publikum, so schrieb Claudio Monteverdi 1638 im Vorwort zu seinem achten und letzten Madrigalbuch, habe bei dessen Aufführung geweint, so sehr sei es vom Affekt des Mitleidens bewegt gewesen. Einen derartigen Gesang habe es zuvor noch nie gehört. Und selbst wenn heutige Zeitgenossen vermutlich etwas abgestumpfter sind als die Menschen des Frühbarock, so dürfte das Konzert des Collegium Vocale Gent in derEvangelischen Stadtkirche im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele doch bei einigen Besuchern ähnlich intensive Reaktionen ausgelöst haben. Nein, berührender und ans Herz gehender kann Musik kaum sein als in diesen Madrigalen, anhand derer sich der stilistische Wandel von der Vokalpolyphonie der Renaissance zu einem am Wortausdruckaus orientierten Deklamationsstil beispielhaft ablesen lässt.
Meist handeln die Madrigaltexte von Leidenden, von Göttern und Nymphen, unglücklichen Hirten und vergeblich Liebenden – und was Leid bedeutet, wusste Monteverdi, dessen Frau 1607 starb; nur ein Jahr später folgte ihr die hoch begabte Sängerin Caterina Martinelli, die er in sein Haus aufgenommen hatte, mit erst 17 Jahren ins Grab.
Der überwältigende Eindruck dieses am Ende mit Ovationen im Stehen bejubelten Konzerts verdankte sich vor allem der Qualität von Herreweghes handverlesenem Ensemble, das in seiner klanglichen Differenziertheit vielleicht einzigartig auf der Welt ist. Herreweghe hat es nicht mit typischen „weißen“ Chorstimmen, sondern mit Charakterstimmen besetzt, die auch solistische Aufgaben übernehmen können. Das war an diesem Abend vor allem die Sopranistin Kristen Witmer mit einer hinreißenden Darstellung des „Lamento della Ninfa“: plastisch wie in einer Opernszene wird hier Klage der Nymphe beschrieben, die über einem absteigenden Lamentobass den Liebesgott Amor anruft, weil ihr Geliebter sie verlassen hat und dabei drei Hirten immer tiefer in ihr Leid hineinzieht. Manche Konzerte sind wie ein Geschenk. Dies war eines davon.

 

 

 

 

 

10
Mai

Mit Schostakowitschs 13. Sinfonie wurden die Ludwigsburger Schlossfestspiele eröffnet

Hoffnung auf bessere Zeiten

Thomas Wördehoff wäre nicht Thomas Wördehoff, wenn er nicht auch zur Eröffnung seiner letzten Saison als Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele seinem Credo treu geblieben wäre: Musik, davon hat er sein Publikum im Laufe der vergangenen neun Jahre überzeugt, dient nicht (allein) der Unterhaltung und (noch weniger) der Repräsentation, sondern kann uns neben ästhetischem Wohlgefallen Erkenntnisse über uns und unsere Welt vermitteln. Und für wenige Werke gilt dies mehr als für die von Dmitri Schostakowitsch: er, der gesagt hat, dass Kunst nicht der Schönheit, sondern der Wahrheit zu dienen habe, hat mit der 13. Sinfonie „Babi Jar“ nach Gedichten des 2017 verstorbenen Dichters Jewgenj Jewtuschenko eines der eindringlichsten Orchesterwerke der gesamten Literatur geschaffen. Der erste Teil thematisiert den globalen Antisemitismus anlässlich des Massakers von Babi Jar, bei dem die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 innerhalb von 36 Stunden über 33 000 Juden erschossen hat, die anderen vier Sätze beleuchten das (Über-)Leben in der Sowjetunion: die zersetzende Angst der Bevölkerung im Stalinismus, die Schostakowitsch selbst erlitten hat, die Tapferkeit der russischen Frauen, die subversive Kraft des Humors.

Dass das Werk selten aufgeführt wird, hängt auch mit den besetzungstechnischen Anforderungen zusammen: neben einem groß besetzten Orchester braucht man einen stimmstarken Männerchor und einen Basssolisten, der die vokalen Anforderungen des Soloparts zu stemmen weiß – und all dies war bei der Aufführung im Ludwigsburger Forum in idealer Weise gegeben. Die jungen Herren des finnischen Chors Ylioppilaskunnan Laulajat, die das Konzert mit einigen nordischen a cappella-Chorwerken eröffnet hatten, bildeten zusammen mit dem fabelhaften Bass René Pape den vokalen Gegenpart zum beherzt aufspielenden Orchester der Schlossfestspiele. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Pietari Inkinen gelingt, die Musiker des projektweise arbeitenden Orchesters zu einem Ensemble zusammenzuschweißen. Die drastisch-grellen, an Mahler gemahnenden Zuspitzungen von Schostakowitschs Orchestersatz realisierte das Orchester ebenso schlüssig wie die fragilen Passagen: Beklemmend der Beginn des vierten Satzes „Angst“ mit dem chromatischen Umherirren der Solotuba, entrückt das zarte, von Celesta und Glöckchen bekränzte Ende des Werks, das zumindest Hoffnung macht auf eine bessere Zukunft der Menschheit. Am Ende Ovationen.

 

4
Mai

George Aperghis „Rotkäppchen“ am JOIN im Nord

Das Märchen vom „Rotkäppchen“ kennt wohl jedes Kind. „Großmutter, warum hast Du so große Zähne?“ fragt es seine (vermeintliche) Oma, nachdem es sich zum Wolf ins Bett gelegt hat. Was folgt ist bekannt, doch geht es ja am Ende gut aus – allerdings nur in der Fassung der Gebrüder Grimm, wo dem Wolf der Bauch aufgeschitten wird, aus dem dann Kind nebst Omi wieder putzmunter herauskrabbeln. In der Urfassung des Märchens von Charles Perrault freilich bleiben beide verspeist, denn Perrault sollte die Geschichte zur Abschreckung dienen, als Erziehungsmärchen: wer die Weisungen seiner Eltern mißachtet, so seine Moral von der Geschichte, kann leicht einem Bösewicht zum Opfer fallen.
Diese Urfassung hat auch der Komponist George Aperghis für seine Musiktheaterversion von „Rotkäppchen“ verwendet, die nun in der Jungen Oper JOIN im Nord Premiere hatte. Sechs Musiker (Olga Wien und Markus Hein, Klavier, Andrea Nagy und Adam Ambarzumjan, Klarinetten, Mark Lorenz Kysela, Saxophon sowie Lisa Kuhnert, Violine) sind daran beteiligt, die allesamt auch szenische Aufgaben haben und diese Doppelfunktion bewundernswert souverän ausfüllen. Denn allein die Musik von des Griechen Aperghis, der stark von musikalischen Querdenken wie John Cage und Maurizio Kagel beeinflusst wurde, ist alles andere als simpel. Tonale Strukturen, Kindermusik gar sucht man hier vergebens, dafür hört man das gängige atonale Klangvokabular neuer Musik einschließlich erweiterter Spieltechniken – die hier freilich unterhaltsam eingesetzt werden, wenn sich etwa zwei Bassklarinetten zuprusten. Was die dramaturgischen Mittel betrifft (Regie: Elena Tzavara und Guillaume Hulot), so könnte man das Stück als Vorbereitungskurs für Kinder zur Rezeption performativer zeitgenössischer Theaterformen sehen. Die Geschichte wird nicht linear erzählt, sondern Bausteine des Perraultschen Text werden mehrfach in verschiedenen Konstellationen wiederholt, wobei die Akteure immer wieder die Rollen tauschen. Die Grenzen zwischen Musizieren und Bühnenaktion sind dabei weitgehend aufgelöst, und dieser nichtillusionistischen Grundhaltung entsprechen auch die Kostüme: ein bärtiger Brillenträger wird da zum Rotkäppchen, indem er sich ein rotes Tuch über den Kopf wickelt, der Wolf trägt ein silbern glitzerndes Cape wie aus einer Fernsehshow. Das soll wohl Verführung symbolisieren.
Das ist alles gut durchdacht und konsequent umgesetzt. Was dem Stück aber schmerzlich fehlt – und was Kinderstücke – ab sechs Jahren soll dieses geeignet sein – dann doch haben sollten, sind Spannung und Witz. Zwar gibt es ein paar halbwegs lustige Szenen, an denen dann auch dankbar gelacht wird. Insgesamt aber überwiegt der Eindruck, dass sich hier Erwachsene etwas ausgedacht haben, was Kindern gefälligst gefallen soll. Vielleicht hätte man die vorher fragen sollen.

29
Apr

Glucks „Iphigenie auf Tauris“ an der Staatsoper Stuttgart

Dass Gewalt weitere Gewalt gebiert, bestätigen die Nachrichten täglich aufs Neue – die Anschläge in Indonesien sind nur das jüngste Beispiel dafür. In der antiken Sagenwelt ist es die Sippe der Atriden, deren Geschichte Aischylos als eine von Mord und Rache fast bis zur totalen Auslöschung erzählt hat: Für den Kriegserfolg ist König Agamemnon zur Opferung seiner ältesten Tochter Iphigenie bereit, worauf er von seiner Frau Klytemnästra getötet wird, deren Sohn Orest wiederum den Vater rächt. Euripides dann hat das Schlusskapitel des blutigen Dramas neu geschrieben, indem er Orest und die totgeglaubte Iphigenie auf der Insel Tauris zusammenkommen ließ, wo Iphigenie als Priesterin den Eindringling Orest opfern müsste. Doch sie widersetzt sich dem Ritual. Die Spirale der Gewalt wird unterbrochen.
In seiner vorletzten Oper „Iphigenie auf Tauris“ hat Christoph Willibald Gluck die inneren Kämpfe von Iphigenie und Orest, ihre Verzweiflung wie ihre Hoffnung auf geniale Weise in Musik gesetzt. Dabei durchdringen sich beständig Realität und Traum, bricht die Erinnerung in die Gegenwart ein. Die Protagonisten werden von Furien heimgesucht – so wird Orest an das Trauma des Muttermordes erinnert, das ihn fast in den Wahnsinn treibt. Für die Neuinszenierung an der Staatsoper Stuttgart, die bereits vor 13 Jahren an der Pariser Oper Premiere hatte, hat der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski die Bühne durch eine Plexiglaswand in zwei Räume geteilt. Traum und Handlung, Außen- und Innenwelt lassen sich so bildmächtig verschränken, wobei eine Art Seniorenresidenz den Rahmen bildet, in der die schon greise Iphigenie das Geschehen quasi als Flashback nacherlebt. Dass die neun alten Damen, die ihr dabei als stumme Rollen Gesellschaft leisten, persönlich traumatische Erfahrungen von Krieg und Vertreibung haben, lässt sich allerdings nur dem Programmheft entnehmen. Szenisch vermittelt sich das nicht, was dann aber wiederum auch keine Rolle spielt, werden sie doch von der Regie klug eingebunden in ein eminent suggestives Spiel mit Perspektiven.
Dass die Inszenierung am Ende derart bejubelt wurde, lag allerdings auch an der großartigen musikalischen Umsetzung. Wann hat man das Staatsorchester schon einmal derart farbenreich gestaltend und nuancenreich phrasierend gehört wie hier? Stefano Montanari am Pult arbeitet die dramatische Wucht dieser Partitur ebenso heraus wie ihre Feinheiten, und auch die kleine Sängerriege genügt allerhöchsten Ansprüchen: allen voran Amanda Majeski, als Iphigenie eine veritable Tragödin mit einem Sopran aus Stahl und Seide. Jarrett Ott (Orest), Elmar Gilbertsson (Pylades) und Gezim Myshketa (Thoas) stehen ihr nicht nach. Dass letzterer in der Proszeniumsloge effektvoll gemeuchelt wurde – ebenso geschenkt wie die überflüssigen Videoeinspielungen im letzten Akt. Insgesamt vielleicht die stärkste Produktion der aktuellen Spielzeit.

Südkurier

19
Apr

Gilbert O´Sullivan in Stuttgart

Zugaben? Gab´s keine beim Konzert von Gilbert O´Sullivan im Mozartsaal, obwohl das Publikum beim letzten Stück, dem Hit „Get Down“ so richtig in Stimmung gekommen war und einige sogar zu tanzen begannen. Doch O´Sullivan und sein Mitmusiker winkten noch einmal freundlich in den Saal, dann wurde das Licht angeknipst und die Musikberieselung hochgefahren: The Beatles, „With a little help from my friends“.
Klar, kann man so machen. Es wäre aber auch ein etwas liebevollerer Umgang mit dem Publikum denkbar gewesen, das viele Liedtexte des irischen Barden mitsingen kann – „Matrimony“, „Alone again“, und natürlich „Clair“, eine Liebeserklärung an die damals dreijährige Tochter seines Managers, die heute wahrscheinlich unter Pädophilieverdacht geraten würde. Alles Songs aus den siebziger Jahren, als Gilbert O´Sullivan neben Elton John als größte britische Musikexporthoffnung galt und mit „Alone again“ sogar einen Nr. 1 Hit in den USA landete. Was seine Alben damals durchweg auszeichnete, waren neben O´Sullivans samtig-gepresster Stimme – sie erinnere an „ein Kornett aus den 20er Jahren, das man auf einem Trichtergrammophon hört“, schrieb das Rocklexikon – die ausgesprochen interessanten Arrangements mit einem breiten Spektrum an Instrumenten.
Davon blieb bei seinem Konzert rein gar nichts übrig, hatte O´Sullivan doch außer seinem sehr versierten Gitarristen Bill Shanley keine weiteren Mitmusiker dabei und begleitete sich selbst auf einem billig klingenden Keyboard. Das erinnerte an einen Alleinunterhalter und war schon allein eigentlich eine Zumutung, doch spätestens als bei einigen rhythmisch bewegteren Songs noch Schlagzeugsamples und künstliche Bässe dazukamen, konnte man sich fragen, ob man nicht lieber zuhause geblieben wäre und eine von O´Sullivans tollen Platten gehört hätte. Nach einem Konzert, so erzählte Gilbert O´Sullivan, hätte ihm einmal ein Zuschauer erzählt, er hätte zwar seinen Lieblingssong gespielt, diesen aber ruiniert. Vielleicht hätte er auf ihn hören sollen.

9
Apr

Das Russian National Orchestra Mit Jérémie Rhorer und Mikhail Pletnev

Opulente Tongemälde

 

Wann hat man zum letzten Mal ein Orchester mit einem derart betörend schönen Klang gehört wie das Russian National Orchestra? Ein Klang zum sprichwörtlichen Hineinlegen, substanzreich auf den tiefen Streichern und Blech aufgebaut, süffig und rund in den Mittenlagen und nach oben sanft abgerundet – ziemlich anders als die Brillanz, die man von europäischen Toporchestern gewohnt ist.
Mit Mussorgskys Vorspiel zur Oper „Chowanschtschina“ hatte das Konzert in der Meisterkonzertreihe der SKS Russ begonnen, einem opulent instrumentierten Tongemälde, das Jérémie Rhorer am Pult des Orchesters in dunkelbunten, dezent abgetönten Farben zeichnete. Im folgenden 2. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninov setzte sich dann der Gründer des Orchesters Mikhail Pletnev höchstselbst ans Klavier – und zwar nicht an einen der allgegenwärtigen Steinwayflügel, sondern an ein Modell SK-EX von Shigeru Kawai, das Pletnev wegen seines weicheren, runderen Klangs bevorzugt. Dabei harmonierten Solist und Orchester nicht nur klanglich, sondern vor allem in der nostalgisch verklärten, aber reflektierten Sicht auf dieses häufig als Virtuosenfutter missdeutete Konzert, das die zu seiner Entstehungszeit schon untergegangene Zeit der Romantik noch einmal in all ihrem morbiden Zauber beschwört. Wer dabei angenommen hatte, dass der seit 1990 vor allem als Dirigent aktive Pletnev nur einen Deut seiner pianistischen Fähigkeiten eingebüßt hätte, sah sich aufs Angenehmste getäuscht: was der äußerlich immer etwas distanziert wirkende Pletnev hier an pianistischer Differenzierungskunst demonstrierte, gehört in die alleroberste Kategorie.
Dass der zurzeit sehr angesagte Jérémie Rhorer beileibe kein bloßer Schönklangdirigent ist, bewies er nach der Pause mit einer fesselnden, in der Stringenz und Konsequenz der eingesetzten orchestralen Mittel nachhaltig beeindruckenden fünften Sinfonie Schostakowitschs. Deren Tschingderassa-Fanfaren im Finale arbeitete er als das heraus, was sie sind: erzwungener Jubel.

 

4
Apr

Olga Scheps: Melody

 

Bitte nicht stören! Das könnte die Vortragsanweisung an Olga Scheps für diese CD gewesen sein, wenn man mal von dem Schlusskracher, Volodos´ Bearbeitung von Mozarts alla turca Satz aus der A-Dur Klaviersonate KV331 absieht, wo sie ihre Virtuosität wenigstens einmal unter Beweis stellen kann. Ansonsten dominiert hier ein diskretes, pianistische Fortebereiche sorgsam meidendes Klavierspiel, das nicht nur bei Beethovens „Für Elise“ mitunter die Grenze zur Langeweile streift. Weitere Indizien dafür, dass dieses Album wohl eher zum Einsatz als dezente Hintergrundmusik gedacht ist liefert die Programmatik: langsame Stücke von Komponisten wie Chilly Gonzalez, Brahms, Grieg, Bach, Chopin und sogar Ludovico Einaudi folgen hier aufeinander. Der CD-Titel „Melody“ darf dabei als kleinster gemeinsamer Nenner für diesen Stilmix gelten, der wohlmeinend als niederschwelliges Angebot für Klassikneulinge durchgehen könnte.

4
Apr

Asya Fateyeva: Carneval

Ist das jetzt ein Fagott? Oder eine Flöte? Solche Fragen kann sich der aufs klassische Instrumentarium geeichte Hörer beim Hören dieser CD des öfteren stellen, denn die Vielfalt an Klangfarben, die Asya Fateyeva ihren verschiedenen Saxofonen entlockt, ist so irritierend wie berückend. Das Saxofon nimmt ja in der E-Musik eine ähnliche Exotenrolle ein wie die Geige im Jazz, was vor allem mit seiner relativ jungen Geschichte zu tun hat: erst 1840 hat der Belgier Adolphe Sax das Instrument erfunden, das im 20. Jahrhundert im Jazz eine grandiose Karriere gemacht hat. Und wenn das Programm der 28-Jährigen auf den ersten Blick etwas willkürlich zusammengewürfelt anmutet: beim Hören offenbart das Potpourri aus Originalwerken wie Glasunows Saxofonkonzert und opernaffinen Arrangements doch einen inneren roten Faden, der darin besteht, die quasi-vokalen wie stilistischen Qualitäten des Instruments aufs Allerschönste zu demonstrieren.

 

4
Apr

Hommage to José Rolón

Es könnte recht unterhaltsam sein, mal ein Ratespiel mit Musikliebhabern zu machen. Von wem könnte wohl dieses „Träumerei“ betitelte Stück sein, das in seinem Sehnsuchtston die deutsche Romantik so prägnant heraufbeschwört? Und wer hat diese „Valse intime“ geschrieben mit ihrer bezaubernden, französisch anmutenden Fin de siècle-Melancholie? Und erst dieses „Madrigal tapatio“, das klingt wie ein historisierendes Werk eines spanischen Komponisten – von Enrique Granados vielleicht?‘
Die Antwort in allen Fällen lautet: José Rolón. Ein mexikanischer Komponist, der von 1876 bis 1945 gelebt hat und den nicht zu kennen insofern keine Schande ist, als seine Werke bisher nicht einmal verlegt sind und deswegen auch nicht auf Konzertprogrammen auftauchen. Angesichts der Qualität der Werke ist das schade – und so hat sich die in Mexiko geborene und seit 1994 in der Nähe von Freiburg lebende Pianistin Claudia Corona zum Ziel gesetzt, Rolóns relativ schmales, vor allem aus Klaviermusik bestehendes Werk bekannter zu machen. Auch sie hatte noch nie etwas von dem Komponisten gehört, als ihr der mexikanische Dirigent Luis Herrera de la Fuente 2002 eine Partitur von Rolóns Klavierkonzert schenkt. „Nach dem ersten Durchlesen war ich von der Musik verblüfft und beeindruckt“, sagt Claudia Corona. Sie beginnt zu üben und führt das Konzert ein Jahr später in Mexiko auf, mit dem Sinfonieorchester von Guadalajara, das Rolón einst gegründet hatte. Danach ist ihr Interesse an Rolóns Musik erst richtig geweckt, sie beginnt zu recherchieren und macht schließlich in Mexiko Rolóns Enkelinnen ausfindig – zwei betagte Damen, beide über 90 Jahre alt, die ihr den Kontakt zu einem Musikwissenschaftler herstellen, der Autographe und Dokumente des Komponisten besitzt und ihr diese für Abschriften zur Verfügung stellt.
Aus diesem Material ist nun die „Hommage to José Rolón“ entstanden. Ein hochinteressantes CD-Doppelalbum, das man nicht nur mit Freude hören kann, sondern an dem sich auch die Entwicklung von Rolóns kompositorischem Schaffen gut nachzuvollziehen lässt – und das beispielhaft für die sich damals in vielen Ländern etablierenden „Nationalen Schulen“ stehen kann. Orientieren sich Rolóns frühe, mit Titeln wie „Petite Mazurka“, „Arabesque“ oder „Canzonetta“ überschriebenen Klavierstücke noch an spätromantischen Vorbildern wie Schumann, Chopin oder Liszt, bezieht er sich in seinen späteren Werken wie den „Tres danzas indigenas mexicanas“ deutlich auf die Folklore seiner Heimat. Damit trägt er entscheidend zur Entwicklung einer technisch hochstehenden, national geprägten Kunstmusik bei – ähnlich wie in Argentinien, wo Astor Piazzolla den Tango als Kunstform neu definiert, oder in Spanien, wo Manuel de Falla, Enrique Granados und Isaac Albéniz ebenfalls ein völlig neues Idiom erschaffen.All diesen Komponisten gemeinsam ist, dass sie ihre entscheidenden künstlerischen
Impulse in Paris erhielte, dem damaligen Zentrum der europäischen Kunst. Das war auch bei José Rolón nicht anders, der sich gar zweimal zum Studium nach Paris aufmachte: zum ersten Mal im Jahr 1904, als er drei Jahre blieb, um unter anderem bei dem Pianisten Moritz Moszkowski zu studieren. Rolón sah sich damals in erster Linie als Konzertpianist. Nach seiner Rückkehr gründete Rolón in Mexiko eine Musikschule und ein Orchester, doch das Komponieren ließ ihn nicht los. So machte er sich 1927, als 51-Jähriger, erneut auf nach Paris, um bei der berühmten Nadia Boulanger zu studieren. Rolóns Musik wurde danach persönlicher, moderner – wie etwa in den „Dos estudios“ von 1935, hochvirtuose Werke, die Claudia Coronas virtuoses Potential ebenso zeigen wie ihr Temperament.
Und dass sie auch eine exzellente Kammermusikerin ist, beweist sie in Rolóns fast brahmsisch anmutendem Klavierquartett, das sie mit drei befreundeten Musikern eingespielt hat. Selbst Musikkenner würden da – blind gehört – niemals auf einen Mexikaner tippen.

Hommage to José Rolón. Tyxart TXA 18120

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