3
Apr

Evgeni Koroliov spielt Chopin

Man sollte sich Zeit nehmen für diese Platte. Am besten hört man sie am Abend, wenn alles still ist, vielleicht trinkt man ein Glas Rotwein dazu. Und am besten hört man sie auch komplett, vom ersten bis zum letzten Stück, denn nur dann erschließt sich die subtile Dramaturgie dieser Zusammenstellung chopinscher Werke, deren Atmosphäre der Titel „Feuilles nocturnes“, „Nächtliche Blätter“ trefflich widerspiegelt. Die von zwei Nocturnes zu Beginn etablierte, zauberisch somnambule Stimmung wird mal mit freundlichen Walzern, mal mit schillernd gespielten Etüden zeitweise verlassen, um dann in den rondoartig wiederkehrenden Nocturnes wieder aufgenommen zu werden. Dass ihn die Nachtseiten von Chopins Musik mehr interessieren als ihr Potential zu virtuoser Selbstdarstellung, hat ja Evgeni Koroliov schon mit der Einspielung von Chopins Mazurken gezeigt. Und auch auf dieser CD zeigt sich Koroliovs große Kunst vor allem in einer anschlagstechnischen Nuancierung, die ihn in die Lage versetzt, Chopins Werke auf eine Weise klanglich und atmosphärisch auszudifferenzieren, wie das derzeit vielleicht nur noch Grigory Sokolov gelingt.

Frédéric Chopin. Feuilles nocturnes. Evgeni Koroliov. TACET 257.

22
Mrz

Oper online – ein Selbstversuch

Wenn die Kultur coronabedingt Pause macht, dann bleiben auch dem Opernfan nur CDs oder DVDs. Wann die Häuser wieder öffnen weiß keiner. Doch die Staatsoper Stuttgart bietet, wie viele andere Opernhäuser auch, zur Überbrückung Mitschnitte aktueller Produktionen zum Streamen an. Mozarts „Le nozze di Figaro“ machte den Anfang, seit Freitag letzter Woche nun kann man bis zum 27. März Prokofjews „Die Liebe zu drei Orangen“ streamen. Aber wie ist das, Oper online? Wie fühlt es sich an, eine Aufführung vor dem Rechner oder dem Fernseher zu erleben? Wir machen den Selbstversuch.
Dass zum analogen Opernbesuch nicht nur die Aufführung selbst, sondern auch die damit verbundenen Vorbereitungen gehören, ist das erste, was einem als digitaler Konsument bewusst wird. Viele Entscheidungen sind plötzlich obsolet geworden: Was ziehe ich an? Wann gehen wir los? Wer hat das Opernglas eingepackt? Zuhause kann man sich kleiden, wie man will. Wir stellen uns sogar ein Glas Wein neben den Rechner auf den Tisch. Bis dahin unterscheidet sich der Onlinekonsum von Hochkultur nicht groß von einem Fernsehabend. Ob das so bleibt?
Auf der Webseite der Staatsoper ist der Link zum Streamen nicht zu übersehen. „Oper trotz Corona“ steht da in großen roten Lettern, darunter ist der Startbildschirm zum Aktivieren des Youtubelinks. Die Verbindung steht schnell. Das Orchester stimmt ein, die Kamera richtet sich erst mal auf die große, reich verzierte Deckenrosette im Littmannbau. Interessant, denkt man, so genau hat man sich die eigentlich noch nie angeschaut. Perspektivenwechsel. Die Kamera schwenkt nach unten, man schaut aus der Bühnenperspektive auf die voll besetzen Ränge. Offensichtlich ist das Haus ausverkauft. Blende auf die Bühne, ein Blick wie aus der ersten Loge. Als der Dirigent kommt, blickt man von oben in den Orchestergraben. Das Bild ist etwas grisselig, aber mit dem Einstellungsbutton ändern wir die Auflösung von 720p auf 1080p – deutlich schärfer! Die Bildschirmpixel sind nun zwar verschwunden, aber nachdem sich der Bühnenvorhang gehoben hat, sind auf dem knallbunten Bühnenbild plötzlich wieder welche da. Nanu. Was ist denn da los?
Ganz einfach: der Regisseur Axel Ranisch hat sich als Setting für die skurrile Handlung um einen traurigen Prinzen, der sich nach einem Lachanfall auf die Suche nach drei Orangen macht, die sich dann als drei Prinzessinen herausstellen, ein Computerspiel im Look der achtziger Jahre ausgedacht. „Orange Desert III“ heißt das Abenteuergame, das ein Junge da spielt. Doch das gerät im Verlauf der Handlung außer Kontrolle. Reale und virtuelle Welten vermischen sich, alle Ebenen geraten durcheinander, am Ende muss der Papa am Joystick die Sache wieder unter Kontrolle bringen. Es ist eine wunderbare Inszenierung, die den artifiziellen Charakter der Oper fantasievoll auf die Spitze treibt, seit ihrer Premiere im Dezember 2018 ist sie ein Highlight im Stuttgarter Repertoire.
Die Bildmächtigkeit des Originals freilich kann der Computerbildschirm nicht ersetzen, es bleibt, vor allem in der Totalen, Oper im Bonsaiformat. Dafür sind in den Nahaufnahmen Details zu erkennen, die sogar im Parkett kaum zu sehen sind, etwa, dass in der Krone des Königs eine Flüssigkeit schwappt. Die Textverständlichkeit allerdings ist besser als im Opernhaus. Die Tonmischung hat die Sänger gegenüber dem Orchester herausgehoben, dazu kommt die lesefreundliche Einblendung der Texte am unteren Bildrand.
Was den Klang anbelangt, so muss man bei einer üblichen PC-Ausstattung mit 2 Aktivlautsprechern massive Abstriche machen. Vor allem in den Tutti – und es wird richtig laut in dieser Oper – dröhnt und klirrt es. Zwar gewöhnt man sich im Lauf der Zeit etwas daran, doch nach dem ersten Akt wechseln wir die Hardware und rufen die Seite der Staatsoper auf dem Smart-TV auf. 55 Zoll, messerscharfes OLED-Bild. Dazu schließen wir einen hochwertigen Kopfhörer an. Und selbst wenn die 1080p Auflösung hier wieder vergleichsweise grobkörnig wirkt, wird man doch sofort in das Geschehen auf Bühne hineingezogen. Keine Nebengeräusche stören mehr, ja, das digitale Surrogat gewinnt derart an Suggestionskraft, dass man sogar das Weinglas vergisst.
Eine richtige Opernaufführung, so das Resumee, kann so ein Digitalangebot nicht ersetzen. Abhängig von der technischen Ausstattung aber kann man ihr immerhin etwas nahekommen. Und einen, gerade für Schwaben wichtigen Vorteil hat die Konserve ja auf jeden Fall: sie koschded nix.

13
Mrz

Wigald Boning im Renitenztheater

Ski Heul

Diaabend. Die älteren unter den Lesern wissen noch, was das ist, und wer einmal einen erlebt hat, dem dürfte sich dessen Atmosphäre eingebrannt haben. Das Einrastgeräusch des Magazins, wenn per – kabelgesteuerter – Fernbedienung ein neues Dia in den Lichtstrahl geschoben wurde. Das Summen der Projektorkühlung im verdunkelten Zimmer. Und natürlich die typischen Kommentare wie „Das rechts hinten ist Onkel Ebbi“, wenn wieder ein Urlaubsbild in grisseligen Farben auf der Raufaserwand erschien – sofern es nicht auf dem Kopf stand, weil Tante Hildegard es mal wieder falsch herum einsortiert hatte.
Einiges an dem Gastspiel von Wigald Boning im Renitenztheater erinnert an dieses ausgestorbene Ritual der vordigitalen Ära. „Worum geht’s hier heute abend? Sport!“ macht Boning zur Begrüßung klar, die Leidenschaft dafür habe er von „seinen Eltern in die Wiege gelegt“ bekommen. Als Beleg habe er „ein paar Bilddokumente“ dabei, doch als er diese auf die rechts oben am Bühnenhintergrund aufgebaute Leinwand projizieren will, streikt erst mal die Technik. Boning drückt vergeblich auf der Fernbedienung herum, „das ist die Coronakrise“. Ein Techniker kann helfen, und man sieht: Kinderbilder. Wigand als Baby, kopfunter an der Hand der Mutter hängend. So, feixt Boning, habe er die ersten Monate zugebracht. Dann Bilder des Knirpses im Kopfstand am Ostseestrand, in der Grundschule in Oldenburg, im Schwimmbad, beim Wandern mit Papa. Boning kommentiert das äußerst launig. Und auch wenn er mitunter vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, fühlt man sich gut unterhalten.
Ohne seinen Promistatus aber wären viele von Bonings biografischen Anekdoten deutlich weniger interessant. Etwa, dass sein Opa Eiergroßhändler war („er hat mit zwei Eiern angefangen und daraus ein großes Imperium gemacht“) und die Ernährung der Familie deshalb hauptsächlich aus „Knickei“, also beschädigten Eiern, bestanden habe. Irgendwann biegt Boning thematisch ab, schließlich soll sich der Abend, wie angekündigt, um Sport drehen. Er schildert seine kurze, erfolglos gebliebene Karriere als Diskuswerfer in der Schulzeit, nach der Sport einige Jahre keine Rolle spielte. Und wie sich das im Jahr 2000 auf einen Schlag geändert hat: als er im Fernsehen verfolgte, wie die zwei Jahre ältere Heike Drechsler bei der Olympiade in Sydney die Goldmedaille im Weitsprung gewann. Da, so Boning, sei es vorbei gewesen mit der Lethargie. Er begann mit Laufen. Zunächst kleine Runden um das Müllkraftwerk im heimischen Oldenburg, dann eine Stunde am Stück. Auf der Leinwand zeigt er dazu die Eintragungen in seinem Trainingstagebuch. Auch die täglich gerauchten Zigaretten sind darin vermerkt.
Richtig spannend wird der Abend, als Wigald Boning erzählt, wie sich der wachsende sportliche Ehrgeiz mit seinem Hand zu Skurrilität gepaart hat. Nach der mehrfachen erfolgreichen Bewältigung der Marathondistanz etwa kam er auf die Idee, die gut 42 Kilometer mal in Holzschuhen zu laufen. Oder die Alpen nicht mehr mit dem Fahrrad – das kann ja jeder -, sondern mit einem Tretroller zu überqueren. Ein anderes Mal joggte er 100 Kilometer im Dauerregen, wobei er sechs seiner Fußnägel einbüßte. Körperliche Strapazen, so scheint es, können ihn aber ohnehin nicht mehr schrecken. Im Gegenteil: Boning erfand neue Wettkämpfe wie den 24-Stunden-Skilanglauf „Skiheul“ – zu dem sich aber nur zwei Teilnehmer angemeldet hatten. Und selbst eine ihm ursprünglich verhasste Disziplin wie das Schwimmen trieb ihn zu kuriosen Rekordjagden an, kulminierend in der denkwürdigen Durchquerung des Bodensees, die dem Programm ihren Namen gab: „Wie ich Weltmeister im Langsamschwimmen wurde“. Von der ursprünglich avisieren Durchquerung des Ärmelkanals hat Boning abgesehen. Zunächst.

8
Mrz

Das neue Programm „Tollhouse“ im Stuttgarter Varieté

Pas de deux mit Skelett

Das kann ja heiter werden. „Preußisches Entertainment“ kündigt der Moderator namens Hieronymus bei der Premiere des neuen Programms „Tollhouse“ im Stuttgarter Varieté an. Und das, so begreift man rasch, ist keine leere Drohung. „Haben Sie das verstanden?“ bellt er ins Publikum, wenn dessen Auffassungsgabe seiner Meinung nach mal wieder nicht schnell genug ist, der Lacher eines Besuchers wird mit „Weiß das der Heimleiter, dass Sie heute abend hier sind?“ quittiert. Wenn es so etwas wie impertinenten Charme gibt, dann beherrscht ihn dieser Herr mit dem übergroßen Zylinder jedenfalls ziemlich gut. Und dass Hieronymus´ fein dosierte Unverschämtheiten vom Publikum im Laufe des Abends mit wachsendem Vergnügen goutiert werden, hat wohl auch damit zu tun, dass sich der Zuchtmeister bei seinen Einlagen mit allerlei Spielkarten und Würfeln auch als begabter Taschenspieler erweist.
Zauberei ist eine Zutat eines typisches Varietemenus. Die anderen sind Comedy und Artistik, und gerade was letzere anbelangt bietet dieses Programm Spektakuläres. Wie der Auftritt von „The Amazing Other“, wie sich das Artistenduo aus dem Norweger Eivind Øverland und der Dänin Lalla La Cour nennt. Die kamen auf die Idee, eine Trapeznummer mit einer Wrestlingshow zu verbinden, bei der sich in beträchtlicher Höhe ein bärtiger Grobian im Wikingerlook und eine Kampfamazone abwechselnd in die Weichteile treten und sich im Duett durch die Luft schwingen.
Fliegen können, der ewige Traum. Tatsächlich besteht ein großer Teil der Anziehungskraft von Zirkus und Artistik schon immer darin, die dem Menschenkörper gesetzten Grenzen zu überschreiten und die Gesetze der Schwerkraft zumindest in der Illusion aufheben zu können. Helena Jans heißt da die muskelbepackte Lady, die sich scheinbar schwerelos mit Hilfe zweier Stoffbänder um die eigene Achse drehen kann und dabei so anmutig wirkt. Im zweiten Teil des Programms hat sie sich einen Kompagnon auf die Bühne geholt, ein klappriges Skelett namens Oscar. Nach einem Präludium auf dem Sofa schwingt sie sich mit dem Knochenmann in die Höhe und die beiden tanzen, begleitet von romantischer Musik, einen Pas de deux der Lüfte.
Ob man das nun poetisch oder kitschig findet, dürfte Geschmackssache sein. Spätestens hier zeigt sich aber ein grundsätzliches Problem, vor dem ein Regisseur wie Ralph Sun bei der Planung eines solchen Abends steht. Denn die Artisten sind ja nicht am Haus engagiert, sondern touren mit ihren Programmen um die Welt. Um den Eindruck eines bloßen Potpourris zu vermeiden gilt es also, die meist fest konzipierten Acts in einen thematischen Rahmen einzubinden. Auftretende Ecken und Kanten können gegebenfalls moderativ geglättet werden. Für „Tollhouse“ hatte Ralph Sun die Idee, die zehn Künstler als Mitglieder einer Wohngemeinschaft in ein dezent heruntergekommenes Wohnungsambiente zwischen Sofa und Küche zu stellen – was mal besser, mal weniger gut funktioniert. Wenn Hieronymus die gänzlich ironiefreie Luftnummer von Helena und Oscar mit den Worten abmoderiert, das Skelett sei ein „ehemaliger WG-Bewohner“, ohne dessen Rente „man sich das alles nicht leisten könnte“, knirscht es vernehmlich im dramaturgischen Getriebe.
Was dann aber insofern nicht nachhaltig stört, als die meisten Künstler allein für sich überzeugen. Kai Hou, der 2018 auch in der RTL-Show „Supertalent“ zu sehen war, ist ein Meister in der Disziplin des Hoop Diving: mit einem Anlauf springt der Chinese wie eine Art menschlicher Gummiball rückwärts durch einen in zwei Meter Höhe gehaltenen Reifen – und wer das nicht gesehen hat, kann es kaum glauben, zumal Hou, anders als die Hochspringer der Leichtathletik, von eher kleiner Statur ist. Man mag sich lieber nicht vorstellen, was passieren würde, wenn Hou – der auch den Guinessrekord im Rückwärtssalto hält: fünfzig in einer Minute – mal den Reifen verfehlen würde.
Da bewegt sich Taras Nadtochii, ebenfalls ein ehemaliger „Supertalent“-Kandidat, in sichereren Gefilden, wenn er die Beine derart hinterm Kopf verschränkt, dass er sich mit dem Schuhabsatz am Ohr kratzen könnte. So spektakulär das ist, Ähnliches hat man doch schon etliche Male gesehen, ebenso wie die Jonglagen mit Hüten und Keulen, die Guillermo León neben einigen durchwachsenen Comedyeinlagen zeigt. Wirklich lustig zu sein, das zeigen auch die etwas platten Auftritte von Faeble Kievman als dickem Quatschkopf, ist eben gar nicht so einfach. Am besten gelingt es an diesem insgesamt unterhaltsamen Abend dem fabelhaften Duo „Strange Comedy“. Shelly Kastner und Jason McPherson, die auch privat ein Paar sind, ironisieren dabei das klassische Duo „Artist und Assistentin“ auf so poetische wie witzige Weise, dass man aus dem Glucksen gar nicht mehr herauskommt. Das ist großes Können, gepaart mit dezentem Understatement. Die beiden würde man in jeder WG gerne als Mitbewohner haben.

2
Mrz

Die Staatsoper Stuttgart zeigt die „Winterreise“ von Hans Zender

Nabel, Nase, Anus

Dass Tradition, wie es so schön heißt, nicht die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers sein sollte, hätte Hans Zender sicher unterschrieben. Der im letzten Jahr verstorbene Komponist, der auch als Dirigent tätig war, wusste um die Abnutzungserscheinungen, die ein Werk im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte erfährt. Abgeschliffen durch den Konzertbetrieb wird, was einst revolutionär war, früher oder später im Kanon der sogenannten Meisterwerke eingefriedet. Gerade dem Kunstlied hat diese Domestizierung ganz besonders zugesetzt. „Zwei Herren im Frack, Steinway, ein meist sehr großer Saal“, beschrieb Hans Zender die Ausgangssituation für seine 1993 uraufgeführte „komponierte Interpretation“ von Schuberts „Winterreise“. Die hatte an der Staatsoper Stuttgart nun in einer durch Videoprojektionen des niederländischen Künstlers Aernout Mik erweiterten Aufführung Premiere.
Ein Opernhaus kann insofern für das Werk der passende Ort sein, als Zender in der Partitur festgelegt hat, dass sich einige der 25 Musiker im Raum bewegen müssen. Dadurch erhält jede Aufführung eine szenische Komponente, verstärkt noch durch den Einsatz von allerhand Perkussionsinstrumentarium samt einer veritablen Windmaschine, wie sie schon in der Barockoper verwendet wurde. Die Aufsplittung des Klaviersatzes in einen Orchestersatz bildet die Grundlage für die vielfältigen Methoden, mit denen Zender versucht hat, die ursprüngliche Brisanz des Liederzyklus nach Texten von Wilhelm Müller wieder herzustellen. Gleich im Vorspiel zum ersten Lied „Gute Nacht“ wird das Grundthema des Wanderns etabliert: zum gleichmäßigen Klopfen („wie Schritte“) der Trommel treten trockene, durch Schlagen mit dem Bogen gespielte Streicherklänge, die klirrende Winterkälte evozieren. Dann wirft die Klarinette ein Motiv in den Raum, das vom Orchester aufgenommen wird, und allmählich formt sich die Melodie des Liedthemas heraus, „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“, jene berühmten Zeilen, die als Motto der „Winterreise“ gelten können. Und als dann der Tenor Matthias Klink, der sich während des Orchestervorspiels langsam von hinten genähert hat, mit diesen Worten zu singen anhebt, wird jedem sofort klar, dass hier kein üblicher Liederabend zu erwarten ist, sondern eine existenzielle Auseinandersetzung mit jener Verzweiflung ansteht, die ein Mensch angesichts einer als abweisend erfahrenen Welt empfinden kann. Die im letzten Jahr verstorbene Pianistin Dina Ugorskaja schrieb über Schubert: „Die Zeit scheint in dieser Musik manchmal ganz stehen zu bleiben. Der Schmerz, das Unerträgliche, die Abgründe und die Ausweglosigkeit überwältigen uns.“ Genau um diese Ausweglosigkeit kreisen die Lieder der „Winterreise“, denen sich Matthias Klink mit totaler körperlicher Hingabe widmet. Meilenweit entfernt von allem bloßen Schöngesang taucht er er ein in die Psyche des Wanderburschen, lässt mit seiner Stimme die Brüche und Verletzungen spüren, die der Hoffnungslose auf seinem Weg durch die Winterlandschaft erleidet und wird dabei getragen von dem von Stefan Schreiber umsichtig geleiteten Instrumentalensemble.
Das setzt Zenders Intentionen genau in Klang, wobei dessen kompositorische Überschreibung die historische Perspektive von der Romantik gleichermaßen in beide Richtungen ausweitet. Mit dem Einsatz von Akkordeon und Gitarre lässt Zender das Wirtshaus und den Tanzboden als ästhetischen Resonanzraum anklingen, doch daneben tritt kompositorisch Avanciertes. Am eindrücklichsten im letzten Lied, dem „Leiermann“, wo die Musik dem Todeswunsch des Wanderers, seiner physischen Auflösung, mit dem Verlust der metrischen und tonalen Ordnung entspricht – polytonale, clusterartige Klangbänder ziehen dem Protagonisten den Boden unter den Füßen weg. Dabei ist Zenders Werk in seiner stilistischen Vielschichtigkeit autonom: Musik und Text stehen in einer engen Beziehung, und allein die vielfältigen Verflechtungen mitzubekommen, erfordert die volle Aufmerksamkeit des Hörers. Die Etablierung einer zusätzlichen visuellen Ebene ist deshalb ein fragwürdiges Unterfangen. Wenn sie gewagt wird, erfordert sie eine tragfähige ästhetische Idee.
Der niederländische Künstler Aernout Mik, den die Staatsoper mit dern Inszenierung beauftragt hat, beschäftigt sich in seiner Arbeit vor allem mit den Auswirkungen, die das Internet und die sozialen Netzwerke auf das Selbstverständnis des modernen Menschen haben. So zeigt er neben Videosequenzen, die sich am Text festhalten – Schnee, wenn es um den Winter geht, ein Flüchtlingsheim, wenn es im Lied „Die Wetterfahne“ heißt „…sie pfiff den armen Flüchtling aus“ – vor allem Phänomene der Massenkultur: Gelbwestenproteste, Verkehrsstaus, Shopping Malls, alles getreu seiner (schwer belegbaren) Ansicht, es gehe in Zenders Werk um den „Einzelnen in der Masse“. In Müllers Texten jedenfalls geht es vor allem um Einsamkeit und Obdachlosigkeit, ein Thema, das leider für viele auch in unserer Zeit bittere Realität ist. Vielleicht hätte man ja das aufgreifen können, anstatt, wie Mik es gegen Ende der Aufführung tut, den Körper in den Fokus zu nehmen. Dessen Individualität, so Miks These, begänne sich durch das permanente Changieren zwischen realer und virtueller Welt im digitalen Raum aufzulösen, und wohl deshalb nimmt er Matthias Klink am Ende durch Kameras in den Fokus und lässt dessen Haut bis in die kleinste Falte auf die Leinwand projizieren. Das kulminiert im Lied „Die Nebensonnen“, wo man neben Klinks Nasenloch je einen – immerhin anonymen – Nabel und Anus quasi als Ersatzgestirn prangen sieht, um dann in letzteren endoskopisch einzutauchen. Fraglich nur, ob solch tiefe Einblicke auch tiefe Einsichten mit sich bringen. Viele im Publikum scheinen nicht dieser Meinung gewesen zu sein: neben den Ovationen für Matthias Klink musste das Regieteam einen Buhsturm über sich ergehen lassen, wie man ihn in Stuttgart lange nicht erlebt hat.

1
Mrz

Die Stuttgarter Philharmoniker mit Musik von Beethoven

Verirrung der Muse

Beethoven war stinksauer. „Ach du erbärmlicher Schuft“, schrieb er dem Kritiker Gottfried Weber, „was ich scheiße ist beßer, als was du je gedacht.“ Der hatte es gewagt, sich despektierlich über Beethovens Schlachtenmusik „Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria“ zu äußern. Gerade wer Beethoven schätze, so Weber, müsse wünschen, dass „bald die Vergessenheit den versöhnenden Schleier über solche Verirrung seiner Muse“ werfen möge.
Vergessen wurde das Werk, mit dem Beethoven damals in weiten Kreisen populär wurde und das ihm enorme Einnahmen bescherte, zwar nicht. Aufgeführt wird es dennoch eher selten, und so war man froh, es beim Konzert der Stuttgarter Philharmoniker unter Christian Zacharias im Beethovensaal wieder einmal hören zu können. Vermutlich um seine musikalische Dürftigkeit wissend, hatte man es effektvoll inszeniert: die Trommler und Blechbläser marschierten durch die seitlichen Türen auf die Bühne ein, die Nationalflaggen Englands und Frankreich symbolisierten die sich bekämpfenden Orchestergarnisonen. Warum vor dem Orchesterpult die Europaflagge hing, erschloss sich nicht, aber dafür ging es musikalisch ordentlich zur Sache mit dem Kanonendonner der Trommeln und dem lautstark ausgetragenen Wettstreit der Hymnen, gipfelnd im finalen Sieg von „God, save the King“.
Lässt sich das Stück als ein Zugeständnis Beethovens an die napoleonkritische Stimmung im Jahr 1813 hören, so spricht aus der acht Jahre zuvor uraufgeführten 3. Sinfonie„Eroica“ noch Beethovens Bewunderung für den Imperator Bonaparte. Christian Zacharias, der zuvor Beethovens zweites Klavierkonzert in einer Doppelrolle als Solist und Dirigent mit einer wunderbar austarierten Mischung aus geistiger Durchdringung und Emotionalität gespielt hat, tat alles, um den heroischen Impetus adäquat zur Geltung zu bringen: rhythmisch spannungsvoll und detailgenau artikuliert, trat nur der Trauermarsch manchmal ein wenig auf der Stelle. Am Ende gleichwohl Begeisterung im Saal.

24
Feb

Die Gaechinger Cantorey mit Werken von Mozart

Kalkuliert wirkungsvoll

Einen wirkungsvolleren Auftritt kann man einer Sopranistin kaum bereiten, als ihn Mozart im Kyrie seiner Messe c-Moll komponiert hat. Nach dem dramatisch-erdverbundenen Beginn weitet sich der Klangraum nach oben in ein sphärenhaftes Es-Dur, eine absteigende Violinlinie leitet den Einsatz der Solostimme ein, die sich hernach über einer schlichten Streicherbegleitung strahlend exponieren darf. Ein Gänsehautmoment – sofern alles gutgeht. Und das tat es am Sonntagabend beim Konzert der Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademann, wo die famose Sopranistin Sarah Wegener (nicht nur) diesen Satz mit ihrem golden schimmernden Sopran adelte.
Mozart freilich hat diese Stelle vermutlich nicht ohne Kalkül derart wirkungsvoll gestaltet. Denn bei der Uraufführung der Messe in der Salzburger Kirche St. Peter war es seine frisch angetraute Gattin Konstanze, die diesen Sopranpart sang – und sich damit möglicherweise zum ersten Mal überhaupt Mozarts Familie einschließlich Vater Leopold zeigte, der sich lange Zeit gegen die Ehe mit Konstanze gesträubt hatte. Erst am Tag nach der Hochzeit war die Einwilligung des Vaters eingetroffen. Mozart zeigte sich erleichtert. „Und ich wette“, schrieb er an Leopold, „Sie werden sich meines Glückes erfreuen, wenn Sie sie werden kennengelernt haben“. Ob Konstanzes Auftritt die gewünschte Wirkung hatte, ist ungewiss. Mozarts Schwester Nannerl, die ebenfalls wenig von ihrer Schwägerin hielt, bleibt darüber in ihren Briefen einsilbig.
Und wenn fraglich ist, ob Mozart komplexe Fugen wie das „Cum sancto spirito“ auch wegen Konstanzes Fugenbegeisterung komponiert hat – derart rhythmisch beweglich und durchhörbar wie nun im Beethovensaal wurde das damals mit größter Wahrscheinlichkeit nicht gesungen. Die Vertrautheit von Rademann und der Gaechinger Cantorey mit historischer Aufführungspraxis kam bei diesem, von barocken Elementen stark geprägten Werk großartig zur Geltung. Und da man mit Ulrike Mayer, die kurzfristig für die erkrankte Sophie Harmsen eingesprungen war, nebst den beiden wenig beschäftigten, gleichwohl tadellos singenden Herren (Patrick Grahl und Kresimir Strazanac) einen ebenso geschmeidig-koloraturenversierten zweiten Sopran zur Verfügung hatte, geriet diese Aufführung insgesamt glanzvoll – ja, referenzverdächtig.
Auf ähnlichem Niveau nach der Pause Mozarts „Jupiter“-Sinfonie: tänzerisch, schwungvoll, elastisch-federnd. So soll es sein.

17
Feb

„Pornosüchtig“ in der Rosenau

Kekse, Milch und Vaseline

„Mal ehrlich“, fragt Boris Rosenberger ins Publikum, „wer schaut regelmäßig Pornos?“ Eine Hand hebt sich zaghaft in der voll besetzten Rosenau. Das, so Rosenberger, sei ja verständlich, vor allem, wenn man mit einem Mädchen da sei, und fordert die Männer auf, ihm im Zustimmungsfall diskret zuzuwinkern – was dann offenbar viele tun. Pornografie, Statistiken belegen es, ist ein Massenphänomen. Mehr als die Hälfte aller männlicher Jugendlichen konsumiert mindestens einmal in der Woche Pornofilme. Sind sie aber damit auch pornosüchtig?
Der 11-jährige Michael ist es auf jeden Fall, seitdem er im Keller die 96 Videokassetten seines Vaters entdeckt hat, der nach der Scheidung ausgezogen ist. In dem Ein-Personen-Stück „Pornosüchtig“, das seit einigen Jahren erfolgreich im Hamburger Schmidt Theater läuft und nun in der Rosenau Premiere hatte, spielt Boris Rosenberger diesen Michael, für den das Pornogucken rasch zu einem Ritual wird. Mit einem Glas Milch, Keksen und Vaseline ausgestattet, setzt er sich nach der Schule vor den Videorekorder und sieht sich Sexfilme an. Stundenlang. Dass dies, vor allem, was sein Verhältnis zu Frauen anbelangt, nicht ohne Folgen bleibt, liegt auf der Hand. Sex, so Michaels feste Überzeugung, kann man jederzeit und mit allen Frauen haben, egal ob es Krankenschwestern, Lehrerinnen oder Bauerntöchter sind. Folgerichtig versucht er als 12-Jähriger, Frau Rodriguez, seine spanische Putzfrau, zu verführen – nach der Methode, die er durch seine Filme gelernt hat. Er räkelt sich entkleidet auf dem Sessel und ruft der staubsaugenden Putzfrau zu, bitte nicht hereinzukommen: „Ich bin nackt!“. In den Pornofilmen, so der permanent die Rolle wechselnde Rosenberger, seien sie die derart gewarnten Damen dann immer eingetreten, mit lustvollen Konsequenzen. Frau Rodriguez aber widersteht den erotischen Avancen des Knaben. Und putzt das Zimmer halt später.
Rosenberger spielt diese Szene zum Schreien komisch, und es gibt viele dieser Art an diesem Abend, dessen Thema zwar ernst ist, bei dem aber – der Titel „Comedy-Show“ unterstreicht es – die Unterhaltung im Vordergrund steht. Zum Beleg seiner These, dass niemand „als Perverser zur Welt kommt“, liefert Rosenberger reichlich Anschauungsmaterial, wobei es der Widerspruch zwischen Pornofiktion und (Beziehungs-)realität ist, aus dem das Stück die meisten Pointen schlägt.
Der gereifte Michael jedenfalls findet, nach einigen missglückten Versuchen, in einer freizügigen Austauschstudentin aus Schweden dann doch noch das geeignete Pendant, um seine aufgestauten Fantasien endlich in die Realität umzusetzen. Dass er dann irgendwann alle Videokassetten wegschmeißt, liegt auch an einer Frau: mit Nuria, die er schließlich heiratet, wird ihm angeblich klar, dass Frauen nicht Sexobjekte, sondern Menschen sind. Dann wird Nuria schwanger, Michael verliert die Lust am Sex und schaut am Ende mit dem Töchterlein Pippi Langstrumpf- Filme. Dass diese überraschende Volte aber vielleicht doch nicht ganz ernst gemeint ist, zeigt der Videonachspann. Tami Erin, die einstige US-Darstellerin von Pippi, hat einen Sexfilm gedreht. Man findet ihn: im Internet.

14
Feb

Das SWR Symphonieorchester mit Teodor Currentzis

Der Anspruch, den Mahlers Sinfonien an Dirigenten wie an Orchester stellen, ist enorm, und – leidgeprüfte Mahlerfans wissen das – gerade im tarifregulierten Abokonzertbetrieb schwer einzulösen. In Stuttgart fällt einem Manfred Honeck ein, dem mit dem Staatsorchester einige denkwürdige Aufführungen gelangen. Beim einstigen Radio-Sinfonieorchester des SWR fanden zuletzt weder Stéphane Dénève noch davor Roger Norrington einen rechten Zugang zu Mahlers sinfonischem Welttheater. Nein, es braucht da einen Dirigenten, der wirklich brennt für die Kunst und mit diesem Feuer auch die Musikern entflammen kann. Einen wie Teodor Currentzis.
Das Credo des Chefdirigenten des SWR Symphonieorchesters lautet, grob gesagt, nicht zu trennen zwischen Kunst und Leben. Und mag auch der Habitus, mit dem er sich stilisiert und in Szene setzt, dem ein oder anderen übertrieben vorkommen – was zählt, ist, um eine alte Fußballerweisheit abzuwandeln, im Konzert. Und dort, im restlos ausverkauften Beethovensaal, ereignete sich am Donnerstagabend Bedeutendes.
Auf dem Programm stand Gustav Mahlers erste Sinfonie, und in Takt 657 des vierten Satzes istes dann soweit: die gesamte Horngruppe erhebt sich, um dem Schlussteil mit der Choralapotheose den größtmöglichen Nachdruck zu verleihen – laut Mahlers Partituranweisung sollen die Hörner „Alles, auch die Trompeten übertönen“. Ob dabei die entsprechende Wirkung erzielt wird, hängt aber weniger von der schieren Lautstärke ab als davon, ob es dem Dirigenten gelingt, diese letzte Kulmination als Finale einer sinfonischen Entwicklung begreifbar zu machen, bei der zuvor essentielle Fragen des Menschseins verhandelt wurden. Denn selbst wenn Mahler das Programm zu dieser Sinfonie wieder zurückgezogen hatte – das Thema der Heimatlosigkeit des modernen, von der Natur und sich selbst entfremdeten Menschen, der Erlösung erst im Tod findet, kann sich durchaus rein musikalisch vermitteln. Schlüssig herausgearbeitet, ist dem triumphalen Gestus des Choralfinales dann die Tragik eingeschrieben, der blechsatte Jubel ein gebrochener, teurer: nämlich mit dem Leben bezahlter.
Und das war an diesem Abend so. Die Schläge der großen Trommel waren nicht tieffrequentes Dröhnen, sondern Zeichen einer grundsätzlichen Erschütterung der gesamten Existenz, die Posaunen und Trompeten schallten gleichsam aus dem Jenseits herüber. Nach dem Schlussakkord war man sekundenlang wie paralysiert, ehe der Jubel hereinbrach.
Die Grundlage für diese überwältigende Wirkund hatte Currentzis zuvor gelegt. Im ersten Satz, wo er mit den flirrenden, entmaterialisierten Flageoletten der Streicher den Rahmen aufspannte für den Reigen der Naturlautzitate. Dem folgten die derbe Collage aus Walzern und Ländlern im zweiten Satz und schließlich, großartig ausgespielt in seiner hybriden Doppelbödigkeit, der dritte Satz mit den vorbeiziehenden Kapellen. Aus den Gegensätzen formte Currentzis das ganze Bild: dem zu Beginn des vierten Satzes einbrechenden Inferno stellte er das bittersüße Seitenthema als Antithese in größter Zerbrechlichkeit gegenüber – und dass er dabei die Violinen zu noch größerer Zurückhaltung mahnte, während die Hörner sie schon zu übertönen begannen, mag man ihm nachsehen.
Das Thema des Übergangs vom Leben zum Tod liegt auch Richard Strauss´ fast zeitgleich entstandener Tondichtung „Tod und Verklärung“ zu Grunde. Doch wenn Mahler in seiner ersten Sinfonie die Auflösung der bis dahin gebräuchlichen sinfonischen Mittel betrieben hat, so erscheinen diese bei Strauss noch in vollem Umfang gültig: schlüssig also, dass Currentzis dieses Stück vor Mahler gesetzt hat. Und während bei Mahler der gebrochene Ton der Schlüssel zum Gelingen war, zelebrierte Currentzis bei Strauss, dramaturgisch ebenso stringent aufgebaut, die unbeschädigte Schönheit eines glanzvoll sich verströmenden, bis in feinste Verästelungen ausgehörten Orchesterklangs. Klang das SWR Symphonieorchester schon jemals so gut? Currentzis jedenfalls, das hat dieser Abend gezeigt, kann beides, Mahler und Strauss. Auf alles weitere kann man gespannt sein.

13
Feb

Das Gstaad Festival Orchestra mit Seong-Jin Cho

Schweizer Präzisions

Es kann auch eine Bürde sein, den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewonnen zu haben. Alle wollten nun Werke Chopins von ihm hören, so beklagte sich Seong-Jin Cho in einem Interview, nachdem er 2015 den 1. Preis beim wohl wichtigsten Klavierwettbewerb der Welt errungen hatte. Doch habe er eigentlich immer mit Vorliebe vor allem Mozart, Beethoven und Brahms gespielt. Und mit welcher Kompetenz er das tut, hat der 25-Jährige Südkoreaner – in seiner Heimat mittlerweile auf ähnliche Weise ein Star wie sein Kollege Lang Lang in China – nun auf eindrucksvolle Weise beim Meisterkonzert im Beethovensaal gezeigt.
Das fünfte gilt als Beethovens technisch anspruchsvollstes Klavierkonzert wie auch als jenes, bei dem Solo- und Orchesterpart am engsten verzahnt sind – eine Art konzertante Symphonie, getragen von einem emphatischen Gestus, wie man ihn in der Geschichte dieser Gattung bis dahin nicht gekannt hat. Gleich in der Eingangskadenz mit dem rauschenden Einstieg des Solisten kündigt sich dieser neue Tonfall an, der freilich auch von seiten des Orchesters getragen werden muss. Und das war an diesem Abend im gut gefüllten Beethovensaal in idealer Weise gegeben. Als wollten sie sich gegenseitig übertrumpfen, stürmten Cho und das vom Stuttgarter Ex-GMD Manfred Honeck geleitete Gstaad Festival Orchestra gleich im Kopfsatz los. Mal zärtlich, mal kämpferisch, aber immer leidenschaftlich warfen sie sich die motivischen Bälle zu, in der Plastizität der Darstellung war das ein schon fast theatral auftrumpfender Beethoven, der das revolutionäre Potential dieser gern als klassisch verharmlosten Musik mitreißend offenbarte.
War hier schon deutlich geworden, dass das aus Orchestermusikern und ausgewählten Studenten formierte Orchester ein gut geöltes Schweizer Präzisionsensemble ist, dann nutzte Manfred Honeck nach der Pause in Dvoráks neunter Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ dessen Qualitäten noch extremer aus. Honeck hielt das Orchester hier an der ganz kurzen Leine, jeden Reibungsverlust unterbindend. Eine ähnlich durchgeformte, metrisch bewegliche Phrasierung hört man allenfalls gelegentlich von amerikanischen Toporchestern – insgesamt war das bezwingend und nur manchmal wirkte es ein bisschen eitel, nach dem Motto: hört her, was wir können. Am Ende Jubel und Brahms´ Ungarischer Tanz Nr. 1 als Zugabe.

 

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