Eigentlich ist es ja toll, dass es sie gibt: denn auch die Hifi-Welt braucht schließlich Fachblätter, in denen Audiophile Infos über neue Produkte finden, wichtige Termine mitbekommen, Fachartikel über Hifi-Themen lesen können. Denn der Markt ist heutzutage völlig unübersichtlich geworden: die Hersteller weiten ihre Portfolios ständig weiter aus, neben den etablierten Gerätegattungen drängen Medienserver; DACs und DSP-Geräte auf den Markt. Noch extremer ist es auf dem Zubehörsektor, wo selbst Profis mittlerweile keinen Überblick mehr haben.
Viele Hifi-Fans (ich eingeschlossen) haben in ihrer Jugend Audio, Stereoplay oder Stereo gekauft. Selbst wenn (oder gerade weil?) die meisten der darin vorgestellten Geräte und Lautsprecher nicht erschwinglich waren, bekam man große Augen angesichts wattstarker Monoblöcke oder riesiger Hornlautsprecher, für zuhause mussten es vorläufig der Dual-Plattenspieler und ein Paar Braun-Boxen tun. Dann kamen, euphorisch begrüßt, die ersten CD-Spieler, womit sich ein ganz neuer Markt auftat (ich erinnere mich, dass ein Magazin – war es Stereoplay? – eine ganze Zeit lang sämtliche CD-Player in die Rubrik „absolute Spitzenklasse“ einsortierte, das hat man dann irgendwann gelassen…), andere Gattungen, wie Kassettenrekorder, verschwanden vom Markt. Für mich zumindest besaßen die Magazine damals noch eine erhebliche Glaubwürdigkeit: Selbst wenn man wusste, dass sie sich überwiegend durch Anzeigen finanzierten, nahm ich die Tests doch weitgehend für bare Münze.
Doch auch wenn das Internet die Printmagazine mittlerweile einiges an Auflage gekostet hat, so spielen die Audiomagazine nach wie vor eine wichtige Rolle in der Szene – vor allem wegen der Testberichte, von denen sich der Leser Orientierungshilfen erwartet. Bei mir freilich ist es mittlerweile so, dass mein Misstrauen gegenüber den Audiomagazinen in den letzten Jahren beständig gewachsen ist. Das liegt sicher daran, dass ich mittlerweile einen ganz guten Überblick über die Szene habe und viele der getesteten Geräte schon selbst gehört habe. Und leider kann ich vieles von dem, was die Audioblätter so schreiben, nicht mehr nachvollziehen.
Es ist ganz egal, welches Heft man durchblättert, ob AUDIO, STEREO, Stereoplay oder Fidelity. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass Testberichte immer mehr im Stil von Werbeanzeigen verfasst werden. Die Produktbeschreibungen werden immer ausführlicher, die Klangcharakterisierungen dagegen immer knapper. Und am Ende findet sich in der Regel das Resümee, was für ein tolles Gerät das doch ist. Wenn überhaupt noch Kritik geübt wird, dann durch die Blume. Ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen hat sich eine Art sprachliche Camouflage etabliert, bei der man zwischen den Zeilen lesen muss, um die versteckte Botschaft zu entschlüsseln. Ein „zurückhaltender Hochtonbereich“ etwa heißt: Das Ding klingt matt, eine „angenehm warme Grundtonfärbung“ lässt auf tonale Unausgewogenheit schließen.
Aber ehrlich: muss das sein? Kann man als Leser nicht erwarten, dass, zumindest in gewissem Rahmen, Klartext gesprochen wird? Dass man für den Heftpreis ehrliche Informationen bekommt?
Aus dem Heftpreis freilich wären die Magazine nie und nimmer zu finanzieren. Denn die Verlage verdienen ihr Geld in erster Linie über die Anzeigen – würde man auf diese verzichten, wäre der Preis für ein Heft so hoch, dass es keiner kaufen würde. Die Hersteller und Vertriebe aber, die pro Heft mehrere Seiten für Zigtausende Euros buchen, machen das nicht ohne Gegenleistung: sie erwarten dafür wohlwollende Testberichte. Und die bekommen sie.
Denn ihre Macht ist groß, schließlich geht es um jährliche Anzeigenbudgets im sechsstelligen Bereich. Mit denen kann man den Verlagen mächtig Druck machen. Im Ergebnis bedeutet das, dass es kein Tester mehr wagen kann, ein Produkt von einer der teuer beworbenen Marken ernsthaft zu kritisieren. Bloß: will man das noch lesen?
Für die Redaktionen ist es ein Spagat: auf der einen Seite steht der Leser, der seriöse und ehrlich recherchierte Berichte erwartet. Auf der anderen Seite stehen die Firmen, die mit guten Tests werben wollen und dafür eine Menge Geld in Anzeigen stecken. Bleiben die Leser weg, verpuffen auch die Anzeigen, bleiben die Anzeigen weg, geht das Blatt pleite. Eine verfahrene Situation, die auch für jene Hersteller von großer Bedeutung ist, die sich diesem Spiel verweigern wollen: Denn wer in den Magazinen gar nicht inseriert, wird entweder gar nicht „getestet“ oder läuft – noch schlimmer – Gefahr, bei Vergleichstests mit renommierteren Konkurrenten als Kanonenfutter zu dienen. Und dann wird es besonders schwer, gerade auf dem dicht besetzten deutschen Markt. Denn auch die Händler nehmen lieber Produkte ins Programm, die bekannt sind: „Vorverkauft“ lautet der Fachterminus für Geräte, die vom Kunden nach vorausgegangenen, massiven Joint Ventures von Audiopresse und Hifi-Firmen quasi blind gekauft werden. Für Händler wie Hersteller der Idealzustand.
Immerhin: es gibt Magazine wie etwa „Fidelity“, denen man zugutehalten muss, dass sie wenigstens den Unsinn mit den Bestenlisten nicht mitmachen. Und auch wenn sich Kritik in deren Tests nur in homöopathischen Dosen findet, so spüre ich in deren Berichten doch eine fundiertere Beschäftigung mit der Materie. Das gilt auch für Onlinemagazine wie fairaudio oder hifistatement, selbst wenn diese grundsätzlich den gleichen Zwängen unterliegen wie ihre Printkollegen.
Ohne Zuckerguss
Für die Schallplattenindustrie ist Sol Gabetta ein Glücksfall: die Cellistin ist nicht nur jung, blond und attraktiv, sondern auch vielseitig. Ihre CDs verkaufen sich prächtig, ihr aktuelles Album „Prayer“ mit Werken jüdischer Komponisten steht hinter David Garrett und Lang Lang auf Platz 4 der Amazon-Verkaufscharts. Doch wenn es auch einigen Medienhype gibt um die 33-Jährige Argentinierin – etwaige Vorbehalte ihrer künstlerischen Kompetenz gegenüber sind unangebracht, wie nun ihr Konzert mit dem London Philharmonic Orchestra in der Meisterkonzertreihe zeigte. Mit Schostakowitschs zweitem Cellokonzert hatte sie sich dabei einiges vorgenommen. Nicht nur technisch zählt es zu den schwierigen Werken seiner Gattung, vor allem entzieht es sich jeder vordergründigen, auf Effekt kalkulierenden Annäherung. Ein introspektiver Tonfall durchzieht weite Teile des Werks, das sich immer wieder zu kurzen Ausbrüchen aufschaukelt, um dann wieder in den Grundzustand zurückzufallen. Wie bei Gustav Mahler finden sich Zitate aus Marsch- und Trivialmusik, aus dem torsohaft angelegten Orchestersatz melden sich Glockenspiel und Trommel prominent zu Wort. Doch nicht nur die heiklen Glissando-Doppelgriffe in höchsten Lagen gelangen Sol Gabetta dabei bewundernswert sicher – was vor allem berührte, war ihre spürbare Hingabe an dieses etwas kryptische Stück, ihr Verständnis für dessen versteckte Widerborstigkeiten und grüblerisch kreisende Melodik. Virtuosität bewies Gabetta vor allem durch klangliche und artikulatorische Differenzierung: sonor und etwas knurrig ist ihr Ton in der Tiefe, in höheren Lagen kommt eine berückende, samtene Brillanz dazu, die von dem Luxusklang der präzise spielenden Londoner perfekt ergänzt wurde. Viel Applaus, und als Zugabe eine Kostprobe aus ihrer aktuellen CD: „Prayer“ von Ernest Bloch.
Im Vergleich zu Schostakowitsch kommt das Grauen in Antonin Dvoráks Sinfonischer Dichtung „Die Mittagshexe“ vergleichsweise kulinarisch daher. Zwar kleidet Dvorák das Hohngelächter der Hexe, die der Mutter das unartige Kind entreißt, in donnernde Tuttischläge, doch bei einem Spitzenorchester wie dem London Philharmonic klingt auch das: einfach schön. Und noch schöner, sprich klangsinnlicher, wurde es nach der Pause mit Tschaikowskys Orchestersuite aus dem Ballett „Der Nussknacker“. Spätestens hier dürften auch jene Zuhörer, die mit Schostakowitsch fremdelten, wieder eingefangen worden sein: farbiger, leuchtender kann man diese Musik kaum spielen. Jurowski zeigte sich als Klangsensualist, der Tschaikowskys raffinierte Mixturen (einschließlich der Vokalisen singenden Stuttgarter Hymnus-Chorknaben) ohne Zuckerguss, aber äußerst delikat und aufs Genaueste abgestimmt servierte. (StZ)
Einfach die Sau rauslassen
Es ist was los im Bankenviertel. Neben der Spardabank stehen Tischchen draußen, gut gelaunte Menschen trinken Apero und genießen den lauen Sommerabend. Drinnen, im sogenannten SpardaWelt EventCenter (muss es eigentlich immer gleich eine ganze Welt sein?), wird Michael Panzer alias Wommy Wonder an dem Abend sein neues Programm „Wonder-Bar 3D – jetzt auch mit Anfassen!“ vorstellen, wo es bis einschließlich 31. August täglich außer Montag zu sehen sein wird. Im Saal sitzt das Publikum an kleinen Tischen, ein bisschen wie im früheren Renitenztheater. Auf der Bühne steht ein Flügel für den Begleiter Tobias Becker, rechts ist die schillernde Wonder-Bar aufgebaut.
An der steht die meiste Zeit des Abends Fräulein Wommys Bühnenassistentin: Schwester Bärbel nennt sich die schrille Kunstfigur mit den schlechten Zähnen, hinter der sich Marcelo Pivoto verbirgt. Nach Angaben im Programmheft ist der ein ausgebildeter Artist – Fähigkeiten, von denen er im Wonder-Programm aber wenig zeigen kann, denn viel mehr als umherschlurfen und Grimassen schneiden darf er nicht. Dabei würde dem Programm ein bisschen handwerkliche Grundkompetenz ganz gut tun. Denn wer sich als Conférencier auf die Bühne stellt, sollte wenigstens gut sprechen können. Und schon damit hapert es bei Michael Panzer, der sich immer wieder im Redefluss verstolpert, nuschelig artikuliert und damit manchen Gag, sofern es einer ist, leichtfertig versenkt. Aber Panzer singt auch, und das ziemlich häufig. Nicht dass Travestiekünstler professionelle Sänger sein müssen (auch wenn es die gibt) – aber auch Sprechgesang sollte gelernt sein. Dass Tobias Becker beim Singen genauso selten die Töne trifft, macht es nicht besser. Wenigstens ist der aber ein zuverlässiger Pianist.
Nun weiß, wer zu Wommy Wonder geht, in der Regel, worauf er sich einlässt.
Umgangsformen und Kultur sind eine Frage von gesellschaftlich verbindlichen Vereinbarungen. Die Wonder-Show nun lebt davon, dass sie es dem Publikum erlaubt, für einen Abend über Kategorien wie guten Geschmack oder political correctness hinwegzusehen. Michael Panzer provoziert die Enthemmung sehr geschickt: man mag sich fragen, wo Panzer in seinem engen Paillettenkleid wohl sein primäres Geschlechtsteil versteckt hat. Indem Panzer diese Frage aber direkt ins Publikum richtet, signalisiert er mit einem verschwörerischen Zwinkern: Ich weiß, was Ihr denkt. Lasst sie einfach raus, die Sau.
Beim ersten anzüglichen Witz – und daraus besteht der Großteil des Programms – mögen sich einige noch genieren, beim dritten aber lachen dann die meisten mit. Und es wird immer zotiger: „Willst Du dass die Liebe glückt, suche jemand, der sich bückt“, sagt Panzer in so einer „Huch, ist mir jetzt rausgerutscht“-Attitüde. Als das Wort „französisch“ fällt, leckt er mit der Zunge, und was man bei „Eiern“ denken soll, wird auch schnell klar.
Da der Reiz der Tabuverletzung mit der Zeit nachlässt, erhöht Panzer nach der Pause die Dosis. Die Schwäbische-Hausfrau-Nummer als Elfriede Scheufele mit Morgenrock und einer nochmal drastisch aufgerüsteten Oberweite ist ein Dauerkokettieren um Sex, Aussehen und Gewicht, bei der die Ankündigung im Programmtitel („mit Anfassen“) denn auch tatkräftig umgesetzt wird.
Mit der Kunst der Travestie hat das alles wenig zu tun. Die spielt mit geschlechtlichen Rollen und Definitionen, lebt von der Irritation und davon, dass Männer – wie etwa Conchita Wurst – weiblich-erotische Anziehungskraft haben. Davon kann bei Wommy Wonder keine Rede sein. Die monströse Plastikfrisur, die sein Markenzeichen ist, die gigantisch ausgestopfte Oberweite – das bedient eher die Ästhetik des Rummelplatzes.
Doch wie immer lädt Michael Panzer sich zu seinem Sommerprogramm auch Gäste ein, an diesem Abend war es der Heidelberger Kabarettist Thomas Schreckenberger. Und der zeigte in seinem kurzen, aber mitreißenden Auftritt, wie Pointen zünden können, wenn sie auf Intelligenz, Sprachwitz und scharfer Beobachtung der Realität gegründet sind. Bis einschließlich Sonntag ist er noch im Wommy Wonder-Programm dabei. Am 10. August tritt er im Renitenztheater auf. (StZ)