Montag morgen um fünf Uhr war der Startschuss mit Platz 1070: Mike Oldfields „Shadow on the Wall“, und von nun an geht es nonstop durch bis zum kommenden Freitag, wenn bei der Finalparty der SWR1 Hitparade in der ausverkauften Schleyerhalle gegen 21.50 Uhr der Siegertitel bekanntgegeben wird. Das wird, wie immer, „Stairway to heaven“ von Led Zeppelin sein, gefolgt von Queens „Bohemian Rhapsody“ und „Child in time“ von Deep Purple. Alles andere wäre eine kleine Sensation. Nur einmal, 2013, landete Queen auf dem ersten Platz, knapp vor Led Zeppelin – was die Fans der bereits 1980 aufgelösten Band in den folgenden Jahren verstärkt zur Abstimmung angestachelt haben dürfte. Seitdem ist die alte Ordnung wieder hergestellt.
Der Ausgang der SWR1 Hitparade ist, zumindest was die Siegertitel anbelangt, ungefähr so spannend wie Tischtennisweltmeisterschaften mit chinesischer Beteiligung. Auch wenn saisonbedingt mal der ein oder aktuelle Hit wie Helene Fischers „Atemlos“ (in diesem Jahr vermutlich Luis Fonsis Sommerhit „Despacito“) in die oberen Ränge gespült wird: das Gros der Titel besteht aus jenem Basisrepertoire von Oldies, das von SWR1 tagein, tagaus in einer Art Endlosschleife durchgenudelt wird, von ABBA bis Billy Joel, von Phil Collins bis zu den Eagles. Der Hörerbegeisterung tut dies keinerlei Abbruch, im Gegenteil: In der Berechenbarkeit besteht die Attraktivität nicht nur der Hitparade, sondern des Senders SWR1 insgesamt. Das Publikum, so SWR1-Redakteur Maik Schieber, der auch öffentliche Veranstaltungen moderiert, reagiere regelrecht verwundert, wenn man einen Titel spiele, der kein bekannter Hit sei. Zwar werden seit Anfang Juli, wo das Programm für Baden-Württemberg nicht mehr aus Baden-Baden, sondern aus Stuttgart kommt, nach 20 Uhr auch vermehrt Stücke jenseits des Mainstreams gespielt. Dennoch bildet die Musik der 70er und 80er Jahre den Markenkern von SWR1, dessen avisierte Zielgruppe in dieser Zeit musikalisch sozialisiert worden ist. Es war die Zeit der alten Bundesrepublik, in der Popmusik für Heranwachsende eine viel größere Bedeutung hatte als heute. Eltern waren in der Regel spießig und nicht cool. Lange Haare galten ebenso als Zeichen der Rebellion wie Rockmusik, und wo sich heute Jugendliche in ihrer Freizeit mit Snapchat und Youtube die Zeit am Smartphone vertreiben, ging man damals ins Jugendhaus, wo man Selbstgedrehte rauchte. Es war die Generation der Babyboomer, die anders sein wollten als ihre Eltern, und Rock lieferte ihr dafür das Rollenmodell, wobei das Spektrum der musikalischen Stile zwischen John Denver und AC/DC für jeden Charakter etwas Passendes bereithielt.
Dass der Revoluzzergestus des Rock im Modus der SWR1 Dauerberieselung zur Pose verkümmert ist, dass, was einst gefährlich war, heute gemütlich ist, hat mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Wer in den 70ern und 80ern jung war, hatte praktisch eine Gewähr auf einen festen Job. Die Welt war überschaubar, der Eiserne Vorhang noch geschlossen, China war keine ökonomische Weltmacht und der Anpassungsdruck für den Einzelnen so schwach, dass man sich ein bisschen Rebellion gut leisten konnte. Wenn es schief ging, trampte man halt nach Berlin und lebte dort billig in einer WG.
Globalisierung und Digitalisierung haben damit gründlich aufgeräumt. Das Leben ist heute weniger berechenbar geworden. Wer nicht aufpasst, landet nach 18 Monaten Arbeitslosigkeit in Hartz 4 und läuft Gefahr, unter die Räder zu kommen.
So sind Oldieparties wie die am Samstag in der Schleyerhalle auch eine Art Retroveranstaltung für die Generation 50plus, die dabei nostalgisch auf jene guten alten Zeiten zurückblickt, in denen ein Gitarrensolo noch eine unverhohlene Darstellung sexueller Potenz sein durfte und das Verwüsten von Hotelzimmern zu den Grundkompetenzen von Rockmusikern zählte. Auch wenn man selber wenig später den ersten Bausparvertrag abgeschlossen hatte und heute das Reihenhaus abbezahlt ist. Man hat da, im Rückblick gesehen, vielleicht doch ziemlich Glück gehabt.
Ungemütlich
Zusammen mit Teodor Currentzis zählt der Franzose Jérémie Rhorer derzeit zu den angesagtesten Mozartdirigenten. Beide sind gleich alt, und beide eint ein historisch informierter Ansatz, der auf Dramatik und klangfarbliche Kontraste setzt und jeden Anflug von Gemütlichkeit zu vermeiden trachtet. Wie Currentzis mit seiner „MusicAeterna“ verfügt auch Rohrer über ein eigenes Ensemble, das sich „Le cercle de l´harmonie“ nennt und exquisit besetzt ist – was auch nötig ist, denn Rohrer legt es in seiner Einspielung des „Don Giovanni“ mit forschen Tempi und blitzsauberer Artikulation merklich darauf an, verbliebenen Staub aus der Partitur zu fegen – wenngleich er dabei nicht ganz so radikal vorgeht wie Currentzis, der Sänger wie Musiker gern mal an ihre Grenzen (und darüber hinaus) treibt.
Keine Überraschung, dass diese Aufnahme ihre Stärken in der dramatischen Zuspitzung hat. Gleich in der Ouvertüre wird der Ton vorgegeben, vermittelt sich mittels kompakter Klanglichkeit und trocken dreinfahrenden Schlägen die Dringlichkeit dieser düstersten aller Mozartopern. Vom Pulsschlag des unter Hochspannung musizierenden Orchesters wird so die Handlung über drei Stunden weiter vorangetrieben, bis zum grandiosen, rückenschauererregenden Finale mit Don Giovannis Höllenfahrt. Das ist in jedem Moment spannend und schlüssig musiziert und dürfte vielen gefallen, selbst wenn die Sängerbesetzung nicht durchweg dem orchestralen Niveau entspricht: vor allem Julie Boulianne (Donna Elvira) passt mit ihrem vibratosatten Sopran nicht so recht zu den anderen wendig-schlanken Stimmen. Aufgenommen wurden die CDs live bei Aufführungen im Pariser Théatre des Champs-Èlysées, einschließlich dem Applaus am Ende der Akte und einzelner Arien – was für den einen Hörer vielleicht das Gefühl verstärkt, live dabeizusein, andere aber ebenso irritieren könnte wie der hörbare Umstand, dass sich die Sänger im Raum umher bewegen.
Mozart: Don Giovanni. Le cercle de l´harmonie, Ltg. Jérémie Rhorer. Alpha 379. 3 CDs.
Gefährliche Podeste
Hat man lange nicht gesehen, dass ein Musiker von der Bühne purzelt (wann passierte das überhaupt schon mal?), aber zum Glück, so beruhigte der Dirigent Iván Fischer am Ende des Konzerts das Publikum, sei dem Geiger nichts passiert. Wohl aus klanglichen Gründen hatte man die hinteren beiden Stuhlreihen der Geiger auf Podeste gestellt, und als der Unglücksrabe, auf diese Weise erhöht, nach dem ersten Satz von Dvoráks achter Sinfonie seinen Stuhl leicht verschob, war´s auch schon passiert: vermutlich rutschte ein Stuhlbein über die Kante und der Musiker flugs hinterher in Richtung Parkett. Die Sanitäter waren zum Glück rasch zur Stelle. Wem freilich der Applaus galt, als die Liege nach draußen gefahren wurde, bleibt ein Rätsel.
Das war aber beileibe nicht das einzige Ungewöhnlich beim ersten Konzert der Meisterkonzertreihe im Beethovensaal. Denn es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ein klassisches Sinfonierorchester auf historischen Instrumenten spielt – wie das Budapest Festival Orchestra, das zu Beginn des Abends Bachs dritte Orchestersuite gemäß allen Regeln historischer Aufführungspraxis musizierte: im Stehen, dazu mit gehöriger Verve und kleinteilig rhetorischer Phrasierung und geleitet von einem Dirigenten, der nebenbei die Truhenorgel bediente. Mag sein, dass ein ausgewiesenes Barockorchester klanglich ausgefeilter spielt – aber für Nicht-Spezialisten war das aller Ehren wert, zumal man bachsche Orchesterwerke in Sinfoniekonzerten sonst kaum zu hören bekommt.
Anders als Mozarts Klavierkonzerte. Emanuel Ax war der Solist beim Konzert d-Moll KV 466, ob seines ungewöhnlich dramatischen Ausdrucksspektrums eines der berühmtesten Klavierkonzerte Mozarts. Dazu war das Orchester in beträchtlicher Besetzungsstärke angetreten, was dem Solisten einiges an Durchsetzungsfähigkeit abverlangte. Freilich ist Emanuel Ax ein so routinierter wie stilsicherer Mozartspieler, der es weder an virtuosem Impetus noch an Phrasierungseleganz gebricht, so war der Applaus am Ende herzlich. Ax bedankte sich mit „Des Abends“ aus Schumanns Fantasiestücken op. 12.
Zweifel, ob das Budapest Festival Orchestra wirklich das Spitzenorchester ist, als das es angekündigt wurde, lösten sich nach der Pause bei Dvoráks achter Sinfonie in Wohlgefallen auf. Packender musiziert und detailgenauer durchgearbeitet kann man sich diese Musik kaum vorstellen, zumal Iván Fischer es gerade im viertem Satz, wo die böhmischen Dorffeste aus Dvoráks Jugend ihre deutlichen Spuren hinterlassen haben, an musikantischem Schwung nicht fehlen ließ. Bei der Zugabe schlich sich dann wiederum Emanuel Ax auf die Bühne und zeigte zu den Klängen der Strauss´schen Pizzicato-Polka sein humoristisches Talent als dilettierender Mini-Beckenspieler. Wahrlich kein gewöhnliches Sinfoniekonzert. (STZN)
Seismograf der Seele
Es sei schade, meinten einige, dass Thomas Hampson nicht selber bei der Verleihung der Hugo-Wolf-Medaille singe. Aber man kann Hampson verstehen. Nicht nur gilt der Amerikaner als sensibel, ganz grundsätzlich erscheint die körperliche wie mentale Vorbereitung auf ein Liedkonzert schwer vereinbar mit dem Stress einer Preisverleihung und den damit verbundenen Pflichtübungen, sofern man den Liedgesang nicht bloß als Routineübung begreift. Und genau das widerspräche Hampsons Anliegen zutiefst, der sich seit den 80er Jahren neben seiner internationalen Karriere als Opernsänger intensiv dem Kunstlied widmet – wobei er von der landläufigen Trennung von Opern- und Liedsängern nicht viel hält. Schließlich, so sagte er in einem Interview, gehe es immer um Gesang: in der Oper sei er Teil einer großen Geschichte sei, beim Lied dafür Regisseur, Bühnenbildner und Sänger in einem. Hampson nimmt das Kunstlied ernst, und auch dafür wurde der 62-jährige Bariton nun ausgezeichnet, zusammen mit dem Pianisten Wolfram Rieger, der ihn seit 25 Jahren begleitet. Hansjörg Bäzner, der Vorstandsvorsitzende der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie, bezeichnete in seiner Rede beide als „außergewöhnliche Liedpartnerschaft“: zum ersten Mal in der Geschichte dieses zum siebten Mal verliehenen Preises habe man ein Liedduo ausgezeichnet.
Dass die althergebrachte Hierarchie zwischen Vokalsolisten und dienendem Begleiter überholt sei, betonte auch die Musikjournalistin Eleonore Büning in ihrer kurzweiligen Laudatio. Büning begann mit der so gewagten wie interessanten These, dass Musikpreise eigentlich immer zum falschen Zeitpunkt kämen. Vorschusslorbeeren für Kinder bedeuteten für diese eine schwere Hypothek, und Auszeichnungen für das Lebenswerk von Künstlern seien überflüssig, hätten die bis dahin den Hauptgewinn doch längst gezogen: das Publikum. Es folgten eine Würdigung der Verdienste beider Preisträger, und dann, ausgehend von Schumanns Diktum, Töne seinen „höhere Worte“, einige kluge Reflexionen über das Verhältnis von Sprache und Musik. Die mündeten in in das Bekenntnis, dass ein historisches Kunstwerk letztlich in einer fremden Sprache zu uns spräche, für die man Übersetzer brauche, womit Büning wieder beim Duo Hampson/Rieger war, für die der Preis genau zum richtigen Zeitpunkt käme – eine Vorlage, die Hampson launig aufnahm und seinen Kompagnon Rieger als „immer noch sehr vielversprechenden jungen Mann“ bezeichnete. Dazu betonte er die Verantwortung, die er als Mentor für junge Sänger habe, wobei er sich weniger um den künstlerischen Nachwuchs Sorgen mache als um Nachwuchs, was das Publikum anbetrifft.
In der Tat scheint es, dass das Interesse an der „fremden Sprache“ des deutschen Kunstlieds am Schwinden ist – doch was der Gesellschaft dabei verloren zu gehen droht, das zeigte die eben mit dem Titel „Sängerin des Jahres“ ausgezeichnete Anja Harteros zusammen mit Wolfram Rieger anhand einer Auswahl von Liedern Schuberts, Schumanns, Wolfs und Strauss´ auf eindringlichste Weise. Bei ihr kommt alles zusammen, was eine große Liedinterpretin auszeichnet. Scheinbar unerschöpflich in ihren vokalen Möglichkeiten, erscheint ihre Stimme wie ein Seismograf der Seele. Aus einem tiefen Verständnis heraus setzte Harteros, getragen von Riegers emphatischem Spiel, den poetischen Kern der Gedicht in Klang: berührend in Schuberts Ode „An die Laute“, mitreißend in Wolfs Vertonung von Mörikes „Er ist´s“ und nachhaltig erschütternd in Richard Strauss´ „Allerseelen“, einer Allegorie der Vergänglichkeit. Ovationen und zwei Zugaben: Richard Strauss „Zueignung“ und „Morgen!“.
Voll in der Spur
Nicht immer starten Orchester gleich mit vollem Elan in die neue Spielzeit – das haben sie mit Fußballteams gemeinsam, die manchmal ebenfalls etwas Zeit brauchen, um wieder zur gewohnten Harmonie zu finden. Das Stuttgarter Kammerorchester freilich, das zeigte das erste Abokonzert der neuen Saison, ist bereits wieder voll in der Spur: begeisternd war der Abend im Mozartsaal – und das, obwohl mit Frank Martins „Polyptyque“ und Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta gleich zwei Werke des 20. Jahrhunderts auf dem Programm standen. Oder vielleicht gerade deswegen?
Es ist ja eine komplizierte Sache mit moderner Musik. Die Werke der Nachkriegsavantgarde haben den Weg in die Konzertprogramme nach wie vor nicht gefunden (und werden es vermutlich nie), doch in deren Schatten gab und gibt es durchaus Komponisten, die ihre Zeitgenossenschaft nicht verleugnen, aber abseits von Neutönerdogmen einen persönlichen Stil gefunden haben. Dazu gehört der Genfer Frank Martin, zu dessen letzten Werken – er starb 1974 – „Polyptyque“ für Violine und zwei kleine Streichorchester zählt. Das Stück basiert auf einer Altartafel des Malers Duccio di Buonsinsegna von 1310 mit Szenen der Passionsgeschichte, die Martin auf hoch expressive Weise vertont hat. Gestenreich, beredt und tief von Spiritualität durchdrungen ist diese Musik, die sich mitunter diskret auf die Tonalität zurückbezieht: von enormer Wirkung ist der reine Durschluss am Ende des „Image de la chambre haute“ (Abendmahl). Damit dieses Meisterwerk seine Wirkung entfalten kann, braucht man Musiker, die nicht nur die nötige Einfühlung mitbringen, sondern die in der Partitur angelegte Farbigkeit auch in Klang setzen können. Beides war an diesem Abend gegeben. Von Seiten des präzise, wie aus einem Guss musizierenden Orchesters, aber auch von der Solistin Mirjam Tschopp, deren rotgolden abschattierter Geigenton sich ideal in den Gesamtklang einfügte.
Zuvor hatte sich das SKO einer anderen Art musikalischer Szenerie gewidmet: Heinrich Bibers Suite „La Batallia“, eine Art musikalische Kriegsgroteske, die mit ihren einkomponierten Dissonanzen sowohl die Kakophonien in Mozarts Dorfmusikantensextett vorwegnimmt als auch einige Spieltechniken moderner Musik, wie das später „Bartók-Pizzicato“ genannte Schnalzenlassen der Saiten aufs Griffbrett. Mit Bartók ging’s dann nach der Pause weiter, wobei Chefdirigent Matthias Foremny vor ihrer formidablen Aufführung dessen zwar weithin bekannte, aber eher selten aufgeführte „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ zunächst einer pointierten, mit Klangbeispielen unterfütterten Analyse unterzog. Recht hat er: nicht jeder weiß, was eine Engführung ist. Und man versteht allemal besser, was man hört, wenn man weiß, wie es aufgebaut ist. Chapeau, SKO! (STZN)
Fest für Vinylliebhaber

„Mahler: His Time Has Come.“ So lautete der Titel eines Essays, den Leonard Bernstein 1967 für das Magazin High Fidelity verfasste – und dass Mahlers Zeit damals gekommen war,
dafür hatte Bernstein selbst gesorgt. Für Bernstein bedeutete Mahlers Werk eine Mission, und die Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien mit dem New Yorker Philharmonic und dem London Symphony Orchestra,
die er Ende der 60er Jahre vorlegte, läutete nicht nur die bis heute ungebrochene Renaissance eines Komponisten ein, dessen Werke nach seinem Tod zunächst kaum mehr aufgeführt wurden.
Mit der etwa zeitgleich zur Praxisreife entwickelten Stereofonie bildet diese Sammlung auch einen Markstein in der Geschichte der Tonwiedergabe.
Dass nicht nur ihr künstlerischer Rang, sondern auch ihre Aufnahmequalität bis heute konkurrenzfähig sind, beweist nun diese audiophile Wiederauflage mit insgesamt 15 LPs in einer Box.
Nicht nur findet man darin die originalen, sehr originell gestalteten Covers, die Sony-Techniker haben auch die originalen Masterbänder von Columbia remastered und die Takes dann auf 180g-Vinyl gepresst.
Das Resultat ist ein Fest für Vinylliebhaber. Abgesehen von dynamischen, der Analogtechnik geschuldeten Limitierungen und einigen aufnahmetechnischen Merkwürdigkeiten – bei den ebenfalls enthaltenen
Kindertotenliedern ist die Harfe akustisch vor den Streichern platziert – besticht die Edition durch eine exzellente Tiefenstaffelung des Orchesters und einen direkten, unmittelbar ansprechenden Klang.
Analogfans dürfte das den mehrfachen Preis der (auch schon sehr guten) CD-Box wert sein.
Bernstein conducts Mahler. The Vinyl Edition. Symphonies 1-9, Kindertotenlieder. Sony Classical 15 LPs.
Fitte Jazz-Senioren
„Let the good times roll“ – der Rhythm & Blues Standard, den einst Ray Charles berühmt machte, bildete den Abschluss der Jazz Open in Stuttgart und könnte gut als Motto für das diesjährige Festival dienen. Denn nicht nur beim Schlusskonzert mit Quincy Jones, Dee Dee Bridgewater und George Benson wurden die guten alten Zeiten des Jazz beschwört, insgesamt dominierten die Senioren zumindest die Hauptacts auf der open air-Bühne auf dem Schlossplatz. „We play some vintage music“ bekannte etwa Steve Winwood, 69, bei seinem Auftritt innerhalb der Blues Rock Night am Freitag. Der ehemalige Frontmann von Traffic mag nicht mehr so virtuos Gitarrespielen wie einst, seine Stimme aber hat ihr charakteristisches Timbre nicht verloren, und so war sein Auftritt mit Titeln wie „Low Spark of High Heel Boys“ oder „Can´t Find my Way Home“ ebenso ein musikalischer Nostalgietrip in die 60er und 70er Jahre wie der folgende Auftritt der Bluesgitarrenlegende Buddy Guy. Der 80-jährige hatte merklich Spaß daran, das Publikum mit geschredderten Licks aus den höchsten Lagen seiner Fender Stratocaster zu traktieren und spielte ansonsten, was von ihm erwartet wurde: ehrlichen, erdigen Blues.
Körperlich wirkte er dabei fast so fit wie Herbie Hancock. Dessen Auftritt im heimeligen Ambiente des Alten Schlosses war gerade deshalb ein Highlight des Festivals, weil er nicht bei seinen Wurzeln stehengeblieben ist, sondern mit seiner hochkarätig besetzten Band (darunter Ex- Frank Zappa-Drummer Vinnie Colaiuta) den aktuellen Stand des elektrifizierten Jazz eindrucksvoll demonstrierte.
Ebenfalls Größe bewies ein anderer 77-Jähriger: Tom Jones. Sein umjubeltes Konzert war nicht nur eine Reminiszenz an die goldenen Zeiten des Pop der 60erJahre mit Hits wie „Delilah“ oder „It´s Not Unusual“, vor allem machte er mit seiner starken Band klar, was dem Pop heutzutage meist fehlt: Können, Stil und Geschmack. Denn Jones sang nicht nur mit einer nach wie vor warmen, ausdrucksstarken Stimme, sondern präsentierte sich dabei als Entertainer von internationalem Format, der sein Schaffen aus fünf Jahrzehnten Revue passieren ließ und dabei auch en passant Blues, Gospel und Country streifte.
War bei seinem Auftritt die Generation 50plus weitgehend unter sich, hatte zwei Tage zuvor Jan Delay mit seiner Band Disko No.1 ein junges Publikum auf dem Schlossplatz zum Tanzen gebracht. Partystimmung allenthalben, ähnlich wie am Montag bei Jazz Open-Dauergast Jamie Cullum, den das Stuttgarter Publikum offenbar ins Herz geschlossen hat – wobei man es als zumindest unglücklich bezeichnen darf, dass der grandiosen Norah Jones an dem Abend nur die undankbare Rolle einer Quasi-Vorgruppe geblieben war. Und auch wenn die großen Namen naturgemäß am meisten Beachtung fanden, gab es doch auch im Jazzclub BIX den ein oder anderen Höhepunkt: von der hypertalentierten, gerade mal 20-jährigen polnischen Bassistin Kinga Glyk etwa dürfte man noch hören. (Südkurier)
Von Liebe und Schmerz
„Airs de cours“ heißen die Strophenlieder, die ihre Blütezeit im 17. Jahrhundert hatten, wo sie am französischen Hof von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. intensiv gepflegt wurden. Begleitet von der Laute, handeln sie meistens von der Liebe, die hier selten glücklich, dafür in ihrer Klage umso beredter ist. Komponisten wie Michel Lambert, Kapellmeister am Hof Ludwigs XIV., aber auch Gabriel Bataille und der berühmte Jean-Baptiste Lully übten sich in dieser feinen Kunst, die im Vergleich zum italienischen Madrigal diskreter und weniger direkt erscheint, was die Darstellung von Affekten anbelangt. Heute sind die höfischen Gesänge weitgehend vergessen, doch damit dies nicht so bleibt, haben die französische Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis und der italienisch-schweizerische Lautenist Luca Pianca einige der schönsten aufgenommen. „Sous l´empire d´ Amour“, („Unter der Herrschaft der Liebe“) ist dabei ein treffender Titel für diese Lieder, die das Duo stilistisch profund und klanglich delikat eingespielt hat. Für Kenner und Liebhaber.
Sous l´empire d´ Amour. Marie-Claude Chappuis (Mezzosopran). Luca Pianca (Laute).
Deutsche Harmonia Mundi 88985452312.
Dringlicher Tonfall
Dass viele Mitglieder des neuen SWR Symphonieorchesters seltener zum Einsatz kommen als früher liegt daran, dass die Fusion zu Überbesetzungen geführt hat – bis die Sollstärke an Spielern erreicht ist, gilt das Prinzip der Rotation. Dennoch, so dürften die Verantwortlichen beim SWR gedacht haben, wäre es schön, wenn zum Abschluss der ersten Konzertsaison möglichst viele dabei sein könnten – und setzten folgerichtig Mahlers zweite Sinfonie aufs Programm, für die neben einer üppigen Besetzung auch noch ein kleines Fernorchester benötigt wird. Üblicher Konzertroutine entziehen sich Mahlers Sinfonien allerdings nicht nur durch die Zahl der Musiker. Denn Mahler komponierte nicht bloß Musik, sondern Weltentwürfe – insbesondere gilt das für die „Auferstehungssinfonie“, in der die christliche Kernbotschaft eines Lebens nach dem Tod verhandelt wird. Vielen Mahlerfans galt eine Aufführung der Zweiten als Erweckungserlebnis, was freilich nur möglich ist, wenn Dirigent und Musiker den extremen Anforderungen des Werks gerecht werden. Das war am Donnerstag abend im gut gefüllten Beethovensaal der Fall.
Der Dirigent Christoph Eschenbach gab gleich mit dem ersten Einsatz den dringlichen Tonfall vor und machte deutlich, dass hier kein sinfonischer Schönklang gefragt ist. Dabei versuchte er gar nicht erst, das Disparate in Mahler Musik zu glätten (wie es viele Dirigenten tun), sondern ließ die Brüche konsequent ausspielen. Musik als emotionale Grenzerfahrung, bei der Himmel und Hölle, Abgrund und Verklärung ihre klangliche Entsprechung fanden in den spinnwebfeinen Texturen der hohen Streicher wie in den grellen Eruptionen des Blechs. Das Orchester musizierte auf der sprichwörtlichen Stuhlkante – ein überzeugender Saisonabschluss, nicht zuletzt, da mit Christiane Karg (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), dem SWR Vokalensemble und dem Chor des Bayerischen Rundfunks auch die Vokalpartien überragend besetzt waren. Allein das grelle Saallicht hätte man etwas dimmen können.
Triumph des Willens
Große Kunst ist nicht immer leicht zu haben. Ein Castorf-Theaterabend kann Schauspieler wie Zuschauer an ihre Grenzen bringen, und dass auch klassische Musik mitunter anstrengend ist weiß jeder, der eine Aufführung etwa von Bachs Matthäuspassion oder einer Mahlersinfonie miterlebt hat. Auf der anderen Seite kann, wer sich darauf einlässt und mit allen Sinnen anwesend ist, Erfahrungen machen, wie sie nur die Kunst zu bieten hat. Dmitri Schostakowitsch schrieb seine 24 Präludien und Fugen zwischen Oktober 1950 und Februar 1951, nachdem er beim Leipziger Bachfest 1950 die Pianistin Tatjana Nikolajewa gehört und auch mit ihr musiziert hatte. Das Werk ist gleichzeitig eine Hommage an Bachs „Wohltemperiertes Clavier“ wie dessen Neuinterpretation aus dem Geist der Moderne, vor allem aber ist es ein Kompendium menschlicher Gefühlszustände. Verzweiflung und Sarkasmus sind vielen von Schostakowitschs Sinfonien eingeschrieben (und finden sich auch hier), doch welche Facetten von Verspieltheit, Glück, Rausch und freundlicher Sanftmut in seiner Musik ebenfalls stecken, zeigte der Pianist Igor Levit nun an einem denkwürdigen Abend im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses. Außergewöhnlich war dabei, dass Levit den kompletten Zyklus an einem Abend spielte – das bedeutet gut 140 Minuten reine Spielzeit plus Pause, was nicht nur eine gewaltige Herausforderung für den Pianisten darstellte, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit der Hörer aufs Äußerste beanspruchte. Doch wer hörte, wurde reich belohnt. Levits eminentes technisches Können ist bekannt, doch vor allem musizierte er die Stücke mit geradezu körperlich spürbaren Emphase und einer nie nachlassenden inneren Spannung, dabei schlug er einen grandiosen Bogen vom zarten Choral des C-Präludiums bis zur weltumspannenden finalen D-Moll-Fuge. Ein Triumph des Willens und der Imagination, am Ende Glück und Erschöpfung auf allen Seiten. (STZN)