Orkan im Frühling
Vor 25 Jahren hätte man eine solche Aufnahme noch als das Werk von Verrückten abgetan. Der Beginn des Winters in dieser Neuaufnahme von Vivaldis „4 Jahreszeiten“ durch das spanische Ensemble Forma Antiqva etwa klingt in der Geräuschhaftigkeit, mit der die Streicher hier mehr auf als am Steg spielend die vor Kälte klirrende Landschaft evozieren, eher wie ein Stück neuer Musik als wie ein barockes Concerto grosso, der Frühlingssturm bläst gar als veritabler Orkan aus den Boxen. Man kann die Interpretationsgeschichte dieses Dauerbrenners unter den Vorzeichen historischer Aufführungspraxis durchaus als eine der Steigerung betrachten – mit immer extremeren Tempi und einer zunehmend naturalistischer werdenden Darstellung von Außermusikalischem wie Hundegebell oder Vogelrufen. Unter diesem Aspekt könnte diese Aufnahme nun das vorerst letzte Kapitel dieser Entwicklung sein, denn mehr Virtuosität und klangfarbliche Zuspitzung lässt sich dem Instrumentarium kaum noch abtrotzen. Auch was Agogik und Phrasierung anbelangt, dehnt das Ensemble um das spanische Brüdertrio Aarón, Daniel und Pablo Zapico hier die Partitur bis an die Grenzen aus – mitunter scheint sich der Rhythmus fast in freie, fast improvisatorisch wirkende Passagen aufzulösen. Eine in ihrer Radikalität und theaterhaft plastischen Darstellung nachhaltig faszinierende Einspielung. Möglich wurde sie durch eine extrem reduzierte Streicherbesetzung , kontrastiert von einem vergleichsweise üppig besetzten Continuo und gekrönt vom wie entfesselt spielenden Solisten Aitor Hevia. Streiten kann man sich über die musikalischen Einrichtungen der Sonette, die Vivaldi den einzelnen Sätzen vorangestellt hat und die von Uri Caine unter Zuhilfenahme elektronischer Klangerzeuger vertont wurden. Originell ist diese Aufnahme ohnehin.
Antonio Vivaldi: Die vier Jahreszeiten. Winter & Winter.
Transparent im dichtesten Gestrüpp
Eigentlich gibt es kaum einen Grund, weshalb man Bachs Cembalo- oder Violinwerke ausgerechnet auf der Gitarre spielen sollte. Die Zahl überzeugender Originalaufnahmen ist groß und Transkriptionen von fremder Hand haftet leicht der Verdacht des Epigonalen an. Andererseits sind in den letzten Jahren einige Gitarreeinspielungen von Bachs Werken für Solovioline entstanden, denen man durchaus künstlerische Autonomie bescheinigen kann, etwa die Aufnahmen von Frank Bungarten für das Label Dabringhaus&Grimm. So war es wohl nur eine Frage der Zeit, wann sich der erste Gitarrist an die bachschen Solokonzerte wagen würde. Die in China geborene und in London lebende Gitarristin Xuefei Yang hat nun gleich drei davon für ihr Instrument eingerichtet – ein heikles Unterfangen, das man aber insgesamt als gelungen bezeichnen kann. Zwar hat sie ihr im Programmhefttext formuliertes Ziel, die Stücke so klingen zu lassen, als seien es „eigenständige Gitarrenwerke“ in ihrer Einrichtung des Cembalokonzerts BWV1052 verfehlt: zuviel sträubt sich da unüberhörbar gegen die Idiomatik der Gitarre. Dennoch: Mit welch technischer Bravour Xuefei Yang die horrenden Schwierigkeiten dieser Bearbeitung meistert, ist spektakulär. Selbst im dichtesten polyfonen Gestrüpp bleibt ihr Spiel transparent und schlüssig durchphrasiert, die solistische Besetzung des Orchestersatzes mit dem Elias String Quartet trägt das ihre zum lichten Gesamteindruck bei. Deutlich entspannter gelingen ihr die Violinkonzerte BWV1041 und BWV 1042, die über weite Strecken tatsächlich klingen, als hätte Bach sie für sechs Gitarrensaiten geschrieben. Und nur im Presto der ebenfalls eingespielten Sonate BWV1001 erliegt Yang einer alten Gitarristenkrankheit: die irre flinken Finger laufen da mitunter schneller, als es das Metrum verträgt.
Xuefei Yang. Bach Concertos. EMI Classics.
Mit pochendem Herzen
„Schauernd kühlte jeder Tropfen / Tief bis an des Herzens Klopfen.“ Ob das Thema des Regenlieds nach einem Gedicht von Klaus Groth, das Brahms im Finale seiner G-Dur-Sonate anklingen lässt, dem Komponisten die Haltung für jenes Stück eingegeben hat, unter dessen freundlich-unbeschwerter Oberfläche man das Pochen eines nervösen Herzens hören kann? Brahms hat die Sonate op. 78 Clara Schumanns Sohn Felix gewidmet, der 1879 an Tuberkulose starb und dessen Tod in sehr getroffen hat: Felix war sein Patenkind. Auch in Brahms´ anderen beiden Violinsonaten liegt der musikalische Gehalt nicht immer offen zutage, sondern muss aus dem motivischen Dickicht, das Brahms über die Sätze spannt, freigelegt werden. Mit solistischen Attitüden ist hier wenig gewonnen, und so liegt die Qualität der Neueinspielung der drei Sonaten mit dem Geiger Daniel Gaede und der Pianistin Xuesu Liu vor allem in dem kammermusikalischen Gleichklang, mit dem sie den emotionalen Facetten dieser ungemein vielschichtigen Musik nachspüren – auf höchstem technischen Niveau und mit einer gestalterischen Souveränität, die immer die Musik selber sprechen lässt.
Brahms. Complete Sonatas for piano and violin. Tacet 193.
Noch eine Lisztplatte zum Lisztjahr, eingespielt von einem hübschen jungen Klaviergirl, clever eingefädelt von ihrer Plattenfirma. Doch so einfach ist es im Fall der 23-jährigen Khatia Buniatishvili nicht. Schon die Programmatik ihrer Debut-CD lässt aufhorchen, denn die Georgierin bündelt Liszts Sonate h-Moll mit dem „Liebestraum As-Dur“, dem „Mephistowalzer No.1“, „La Lugubre Gondola“ und einer Bach-Paraphrase zu einer konsistenten, um die Faust-Thematik kreisenden Dramaturgie. Doch auch pianistisch lässt sie einen Großteil nicht nur der weiblichen Klavierkonkurrenz ziemlich alt aussehen. Kein Wunder, dass gerade Martha Argerich sich begeistert über sie geäußert hat, denn auch Khatia Buniatishvilis Spiel nimmt mit einer funkensprühenden, niemals äußerlichen Virtuosität gefangen, die keine technischen Grenzen zu kennen scheint. Dazu kommt ein eminentes Klangbewusstsein und eine musikalische Hypersensibilität, die etwa in „La Lugubre Gondola“ auch die melancholisch verschatteten Seiten von Liszts Spätstil in überwältigender Manier zum Ausdruck bringt. Grandios.
Sony Classical.
(Stuttgarter Zeitung)
Die Norwegerin Vilde Frang mit Violinsonaten
Auf der Geige zu singen
Seit Hilary Hahn dürfte es keine junge Geigerin mehr gegeben haben, die über eine derartige musikalische wie technische Souveränität verfügt wie die 24 Jahre alte Norwegerin Vilde Frang. Auf ihrer zweiten CD zeigt sie mit den zwei Violinsonaten von Grieg und Strauss und der Solosonate von Bártok das ganze Spektrum ihrer eminenten Musikalität: berückend, wie sie in Edvard Griegs früher Sonate op. 8 die Umschwünge zwischen keuscher Erregtheit und grüblerischem Innehalten in Klang setzt, dabei jeder Nuance nachspürt. Noch das kleinste Motiv ist von Ausdruck beseelt, der deutsch-usbekische Pianist Michail Lifits ist ihr dabei Partner im Geiste. Frangs tonliches Spektrum scheint fast unerschöpflich, auch in Strauss´ einziger Violinsonate op.18 – allein für den überirdisch schön gespielten zweiten Satz würde sich diese CD lohnen. Imponierend auch, mit welch gestalterischer Kraft sie Bartóks aberwitzig schwere Solosonate nicht nur bewältigt, sondern in ihrer ganzen herben Drastik und formalen Stringenz ausspielt: ganz große Violinkunst. (Stuttgarter Zeitung)
Musikalischer Lustgarten
Die letzte Veröffentlichung der Musica Antiqua Köln
Man weiß nur wenig über Johann Friedrich Meister, schon das Geburtsdatum 1638 ist nicht gesichert. Sicher ist, dass er Kapellmeister am Hofe von Ferdinand Albrecht zu Braunschweig-Lüneburg war und nach einem Zerwürfnis mit dem Herzog nach Lübeck flüchtete, später kam er als Organist in Lüneburg unter. Dort dürfte er auch die 12 Triosonaten komponiert haben, die das Ensemble Musica Antiqua Köln nun quasi posthum, d.h. fünf Jahre nach seiner Auflösung auf den Markt bringt. Dessen Leiter Reinhard Goebel hat ja während seiner über dreißigjährigen Karriere so manch vergessenen Repertoireschatz ans Licht befördert, mit den sechs der bereits 2004 vom WDR aufgenommenen Meister-Sonaten ist ihm aber nun nochmal ein echter Coup geglückt. Dies ist betörende, stilistisch höchst individuelle Musik, in der deutsche Kontrapunktkunst und mediterrane Klangsinnlichkeit aufs Schönste zueinander finden. „Il giardino di piacere“, Lustgarten, hat Meister seinen Zyklus betitelt, und das passt wunderbar. Spielerisch leichthändig geht Meister mit den etablierten Satzformen um: man findet da geradezu lakonisch knappe Fugen, kaum eine Minute lang – als wolle er beweisen, dass er den Kontrapunkt beherrscht, den Hörer aber nicht mit langen Durchführungen quälen will. Dafür kann sich Meister siebeneinhalb Minuten in der Ausschmückung des harmonischen Gerüsts einer Sarabande verlieren, von denen man keine Sekunde missen möchte. Und auch die drei Streicher der Musica Antiqua samt Cembalist zeigen, warum sie nicht ohne Grund lange Jahre eine Referenz unter den Alte-Musik-Ensembles waren: feiner und klangsinnlicher kann alte Musik kaum klingen. (Stuttgarter Zeitung)
Johann Friedrich Meister: Il giardino del piacere.
Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel.
Berlin Classics
Vorlaute Triller
Es sei ihm, sagt Alexandre Tharaud im Booklet, nach seinen Aufnahmen mit Bach, Rameau und Couperin einfach folgerichtig erschienen, nun auch Sonaten von Domenico Scarlatti einzuspielen. Warum nicht? könnte man denken. Denn zum einen gibt es nicht so viele Klavieraufnahmen der Cembalowerke des nach Spanien übergesiedelten Neapolitaners, und zum anderen ist Tharaud einer jener jungen Pianisten, die sich durch technisches Können und kluge Programmatik einen festen Platz in der Klavierszene erspielt haben. Und doch: so richtig glücklich will man beim Hören dieser Auswahl von 18 der insgesamt 555 Sonaten Scarlattis nicht werden. Wer etwa die Einspielungen von Christian Zacharias kennt, der vermisst bei Tharaud vor allem artikulatorische Finesse und Rhythmusgefühl, ja überhaupt eine dezidierte Haltung zu diesen vielgestaltigen Preziosen. Vieles ist da auf eine pauschale Art schön gespielt, aber Tharaud versteht es selten, den Charakter der Stücke zu pointieren, dazu stören mitunter vorlaute Triller wie übermäßiges Pedalisieren. Und auch klanglich vermag er kaum Akzente zu setzen, was vielleicht auch an dem etwas konturlos klingenden Yamahaflügel liegt.
Alexandre Tharaud plays Scarlatti. Virgin Classics 5099964201603.
Midori Seiler spielt Bach
Körniger Klang
An Aufnahmen der Violinpartiten von Johann Sebastian Bach herrscht wahrlich kein Mangel – kaum ein Geiger von Rang, der sich nicht im Laufe seines Lebens daran versucht hätte, schließlich zählen sie zu den ultimativen Herausforderungen, sowohl was technische Beherrschung als auch was musikalische Ausgestaltung anbelangt. Dass die von deutsch-japanischen Barockgeigerin Midori Seiler nun vorgelegte Neueinspielung innerhalb der einschüchternd großen Konkurrenz dennoch mehr als nur bestehen kann, liegt vor allem daran, dass sie nicht zuletzt mittels ihres historischen Ansatzes tatsächlich in der Lage ist, neue Facetten des Werks offenzulegen. Das beginnt mit der Tongestaltung: der leicht körnige, aufgeraute Klang, den Seiler auf ihrer darmbespannten Guarneri-Geige evoziert, korrespondiert aufs Schönste mit der artikulatorischen Beredtheit der stilisierten bachschen Tanzsätze. Dazu ist sie eine Meisterin im Gestalten von Strukturen: Die Variationen der berühmten Chaconne d-Moll breitet sie mit großer Ruhe aus, und den motorischen Impetus des e-Moll-Préludes hält sie unter beständiger Spannung, ohne in bloße Mechanik abzugleiten. Erfrischend. (Stuttgarter Zeitung)
Midori Seiler. Bach, Partiten BWV 1002,1004,1006.
Berlin Classics Vertrieb Edel.