„Es kann nur besser werden“ schrieb ich gestern noch über das Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele, und nach dem Konzert am Sonntagabend mit Igor Levit könnte man anfügen:
Jetzt kann es eigentlich nur noch schlechter werden. Kurz: etwas Ähnliches wie Levits Interpretation von Rzewskis 36 Variationen über „The People United Will Never Be Defeated“ habe ich noch nicht gehört.
Pianistisch spielt Levit auf einem kaum fassbaren Niveau, und auch die Wucht von Rzewskis Werk, das so gut wie alle Ausdrucksbereiche der Musik einschließt, nimmt einem den Atem. Vielleicht kann man das Erlebnis mit einem der inspiriertesten Solorecitals von Keith Jarrett vergleichen, was die Intensität anbelangt. Aber eigentlich ist es unvergleichlich. Mein Gott, was ist dieser Levit für ein Musiker….
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Eigentlich sollte ja Stéphane Hessel persönlich die Rede zur Eröffnung der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele halten, aber ein gerade überstandener Herzinfarkt machte ihm die Reise unmöglich. Was sollte Thomas Wördehoff, der Intendant der Schlossfestspiele, also tun? Es war Hessel selbst, der ihm den Vorschlag machte, nach Paris zu fliegen, damit er dort wenigstens ein Grußwort zum 80-jährigen Bestehen der Schlossfestspiele aufzeichnen könne. Er, Hessel, komme dann eben im nächsten Jahr. Eine bemerkenswerte Aussage für einen 94-Jährigen, die auch Wördehoff, wie er in seiner kurzen Ansprache betonte, tief beeindruckte. Beeindruckend auch die Ausführungen Hessels, die zu Beginn des Eröffnungsabends auf eine Leinwand des Theaters im Forum projiziert wurden. „Wir müssen uns empören – aber nicht nur!“ – so nahm Hessel das Motto seines berühmten Essays auf und wendete es, ausgehend von der aktuellen europäischen Situation in eine Vision um, die um die Begriffe Hoffnung, Entwicklung und Fantasie kreiste und auch die Programmatik des Eröffnungskonzerts geschickt mit aufnahm.
Soweit das Positive dieses Abends. Nun zählen ja die vom Festspielorchester gestalteten Eröffnungskonzerte traditionell nicht immer zu den künstlerischen Höhepunkten des Festivals. Und dass Orchesterkonzerte in Wördehoffs Festspielkonzept kaum noch eine Rolle spielen, macht die Suche nach einer sinnvollen Programmatik für eine solche Veranstaltung – die ja auch Mottocharakter besitzt – nicht einfacher. Das Überschreiten von Genregrenzen gehört dabei zu Wördehoffs bevorzugten und erfolgreichen Methoden, wenn es darum geht, künstlerische Funken zu schlagen. Jazz spielt(e) dabei eine wichtige Rolle, und so könnte es zu der Idee gekommen sein, die Gil Evans-Bearbeitung des Adagios aus dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquin Rodrigo mit Mitgliedern des Festspielorchesters und einem Jazztrio aufzuführen. Zumal die Platte „Sketches of Spain“ nicht nur eine legendäre, millionenfach verbreitete Aufnahme ist, das Resultat einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Trompetengenius Miles Davis und dem Arrangeur Gil Evans. Sie ist auch ein frühes und überaus gelungenes Beispiel für stilistischen Crossover, ja, Weltmusik. Wer möchte das nicht gerne einmal live hören?
Aber Miles Davis ist tot, und gerade weil diese Platte eine Jazz-Ikone ist, man jeden Ton davon kennt, muss sich eine Aufführung am Original messen lassen. Und davon war man in Ludwigsburg weit entfernt. Nicht nur, dass Ron Miles zwar ein guter Trompeter, aber eben kein Miles Davis ist. Vor allem der Versuch, die Festspielbläser zu einer Gil-Evans-Revivalbigband zusammenzuschließen, mutet fast naiv an. Im Gegensatz zur gebändigten Energie des Originals plätscherte die Musik klanglich amorph und bar jeder rhythmischen Innenspannung dahin, und dass Dieter Ilg (Bass), Patrice Héral (Drums) und Ron Miles dazwischen gelegentliche Trioausflüge unternahmen, machte das Trauerspiel nicht besser.
Da half auch das Taktschlagen des Dirigenten Christian Muthspiel nicht viel, der ja im übrigen auch ein Grenzgänger zwischen Jazz, E- und Weltmusik ist und anschließend die anspruchsvolle Aufgabe hatte, Hector Berlioz´ Symphonie fantastique aufzuführen. Vielleicht war dieses hochvirtuose Stück als musikalische Entsprechung zu Hessels Aufbruchsemphase gedacht – und tatsächlich ist die fünfsätzige „Episode aus dem Leben eines Künstlers“ ein revolutionäres Werk, das drei Jahre nach Beethovens Tod der Sinfonie neue Wege eröffnete und der romantischen Programmmusik den Weg ebnete. Es sind die Seelenwirrungen eines Künstlers, die im Mittelpunkt des Werkes stehen. Für deren Darstellung hat Berlioz auch instrumentatorisch die Grenzen des damals Üblichen ausgedehnt: Vier Harfen (in Ludwigsburg waren es nur zwei), vier Pauken und zwei Glocken fordert er neben einer großen Bläserbesetzung. Doch vor allem ging es ihm um das Entfesseln jener Leidenschaften und Sehnsüchte, die der Künstler im Ringen um seine Geliebte durchlebt.
In Ludwigsburg aber hörte man wenig von diesem Fieber, stattdessen einen zwar sauber durchgespielten, aber lauwarmen Berlioz. Die Ballszene, wo sich der Held in einen Rausch tanzt, klang hier wie ein braver Walzer, die katastrophischen Ausbrüche beim Gang zum Richtplatz oder beim Hexensabbat blieben nur angedeutet. Gleiches gilt für die Klangfarben-Raffinesse der Landszene mit ihrem bukolischen Zauber. Das war ebensowenig überzeugend wie das Stück, das den Auftakt des Abends markierte: die Orchesterbearbeitungen zweier Gymnopédien von Erik Satie. Dass es der große Debussy war, der die ätherisch-keuschen Klavierstücke in ein derart süßlich aufgeplustertes Klanggewand gekleidet hat, macht die Arrangements nicht besser: Sowas hört man sonst allenfalls im Klassikradio. In Wördehoffs Sinn kann das nicht sein. Es kann nur besser werden bei den Schlossfestspielen. (Stuttgarter Zeitung)
Mit derartigem Pomp ist lange keiner durch „Das große Tor von Kiew“ marschiert: Als würde da der Zar höchstselbst an der Spitze seiner siegreichen Garden einziehen, ließ Tugan Sokhiev, Chefdirigent des Orchestra Nationale du Capitole de Toulouse, seine Blechbläser mit geradezu majestätischer Klangentfaltung auftrumpfen, rückenschauererregend spätestens im Verbund mit den finalen Trommelschlägen. Wirkungsvoller geht es kaum, und der Jubel war anschließend entsprechend groß im Beethovensaal. Aber es ist nicht nur die effektvolle Opulenz der Ravelschen Orchesterfassung, wegen der Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ zu den Dauerbrennern des Repertoires gehört: die Betitelung der einzelnen Sätze macht das Hören auch für Klassikneulinge leichter, und viele haben vermutlich ähnliche Bilder im Kopf, wenn sie dem Treiben auf dem „Marktplatz von Limoges“ oder dem Rumpeln des Ochsenkarren in „Bydlo“ lauschen.
So beliebt das Werk aber ist, auf Konzertprogrammen ist es gar nicht häufig zu finden: erfordert es doch nicht nur eine große Besetzung, sondern ist auch, speziell für die Bläser, verflixt schwer zu spielen. Etwa die quicken Skalen im„Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“, – was dann aber auch die einzigen Stellen waren, bei denen die Musiker aus Toulouse technische Grenzen ahnen ließen. Ansonsten bot das südfranzösische Orchester eine formidable Vorstellung. Nicht, dass man beim Gang durch das altrussische Panoptikum unbedingt neue Aspekte erfahren hätte – wie aber Sokhiev (der seit diesem Jahr auch Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin ist) die Charaktere und Szenen hier zugespitzt und klanglich auf den Punkt gebracht wurden, das hatte großes Format. Da roch man förmlich den Moder in den verwunschenden Gängen beim „Alten Schloss“, gruselte in „Die Katakomben“ und erschrak angesichts des vorbeihumpelndem „Gnom“.
Typisch für französische Orchester, tendiert auch das aus Toulouse eher in die helle, transparente Richtung – durchaus passend für die Farbenpalette, die in Berlioz´Ouverture „Le carnaval romain“ gefragt ist: Auch dies ein effektvolles, virtuoses Stück. Die Toulouser bewältigten es mit Bravour.
Gespannt war man auf den Solisten des Abends. David Fray gilt als etwas exzentrischer, aber sensibler und ernsthafter Pianist, der nach eigenen Sichtweisen auch in bekannten Werken sucht. An diesem Abend war das Beethovens drittes Klavierkonzert, bei dem man aber nur selten den Eindruck eines wirklichen Miteinanders von Orchester und Solist hatte. Die gelegentlichen Asynchronitäten können dabei als Symptom gelten: Vor allem damit beschäftigt, nicht aus dem Tritt zu geraten, schien der merklich gestresste Fray erst in den Kadenzen aufzuatmen. Hier machte mit Temperament und Feinsinn deutlich, warum er zu den bemerkenswertesten jungen Pianisten zählt. Erst recht gilt das für die Zugabe: die wunderbar kontemplativ gespielte Busoni-Bearbeitung von Bachs „Nun komm, der Heiden Heiland.“ (Stuttgarter Zeitung)
Zwischen Divertissement und Kunstfertigkeit
Würde man die bachschen Partiten und Sonaten für Solovioline nicht so gut kennen, man könnte da beim Hören ins Grübeln kommen: dieses kunstvoll gesetzte Grave e-Moll mit seinen kontemplativen Linien, ist es nicht vielleicht doch ein Werk des Thomaskantors? Nein, Georg Philipp Telemann hat das Stück als ersten Satz seiner sechsten von insgesamt zwölf Fantasien für Violine solo komponiert. 1735 hat Telemann, selber ein hervorragender Geiger, diesen Zyklus veröffentlicht – etwa 15 Jahre nach Bachs epochalem Solowerk. Immer wieder findet man in den drei- oder viersätzigen Fantasien Sätze, in denen man bachsche Vorbilder herauszuhören meint, insgesamt aber sind diese Fantasien leichtgewichtiger, gefälliger angelegt – was nicht gegen ihre Qualität spricht. Dass man diese Platte mit so großem Vergnügen hört, liegt aber auch an dem Bratscher Ori Kam, der den Zyklus nun für sein Instrument transponiert und komplett eingespielt hat: mit golden lasiertem Klang, bestechender Intonation und viel Gespür für die ambivalente, zwischen Divertissement und Kunstanspruch changierende Haltung dieser Musik.
Telemann. 12 Fantasies for solo viola.
Berlin Classics. Vertrieb Edel.
Kunst gegen Mammon
Eines muss man dem SWR-Intendanten Peter Boudgoust zugestehen: er versteckt sich nicht. Von Anfang an hat er sich der Diskussion um die Fusionierung der beiden SWR-Orchester aus Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg offen gestellt. Doch wenn damit von seiner Seite vielleicht eine leise Hoffnung verbunden gewesen sein sollte, der Tonfall des zu erwartenden Protests würde sich im zivilisierten Rahmen halten, so hat er sich getäuscht. Als „Kulturbarbar“, der der „geistigen Verflachung“ Vorschub leiste, wurde er auch von durchaus prominenter Seite verunglimpft, der Komponist Helmut Lachenmann witterte gar schon „die Verblödung“ des Abendlands. Dass sich Boudgoust von derlei Angriffen persönlich verletzt fühlt, merkte man ihm auch bei der von Birgit Wentzien straff geleiteten Podiumsdiskussion an, die er nun zusammen mit dem SWR-Hörfunkdirektor Bernhard Hermann, der Leiterin der Fernsehkultur im SWR, Martina Zöllner, und den drei Journalisten Gerhard Rohde (Neue Musikzeitung), Alexander Dick (Badische Zeitung) und Götz Thieme (Stuttgarter Zeitung) in Baden-Baden geführt hat und die als Livestream im Internet zu verfolgen war. Als „Grobianismus“ bezeichnete Boudgoust gleich zu Beginn diese Ausfälle, anfügend, dass er immer versucht habe, die Diskussion sachlich zu führen. Seit langem ist seine Grundposition klar, und er machte sie gleich zu Beginn noch einmal deutlich: Auch er wolle, so Boudgoust, die Zusammenlegung der Orchester nicht, aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im SWR hätten sich nun mal geändert. Einfach weiter zu machen wie bisher, sei deshalb unverantwortlich. Die Alternative zur Fusion sei, die beiden existierenden Orchester zur künstlerischen Bedeutungslosigkeit herunterzusparen.
Der Verlauf der Diskussion brachte kaum neue Argumente, sondern machte eher den grundsätzlichen Konflikt deutlich, der sich auf die Formel bringen lässt: Hier der (nicht in Geld zu beziffernde) Wert der Kunst, da die Sachzwänge eines (gebührenfinanzierten) Senders. Thieme stellte die regionale Struktur des SWR mit Außenstudios und Korrespondentenbüros in Frage, prophezeite für den Fusionsfall künstlerische Verwerfungen und beklagte die akute chronische Unterfinanzierung der SWR-Orchester. Rohde grantelte über kunstferne Unternehmensberater, brachte den Kulturbegriff ins Spiel und betonte die nachgeordnete Rolle der Medien, die selbst gar keine Kultur schaffen würden – eine Vorlage, die Boudgoust bereitwillig aufnahm: Auftrag des Rundfunks sei es eben nicht, Kultur zu produzieren, sondern sie zu verbreiten, womit er auch gleich die Gelegenheit erhielt, die Rundfunkorchester überhaupt in Frage zu stellen: Schließlich seien sie einst als Arbeitsorchester gegründet worden, um den Mangel an geeigneten Schallaufzeichnungen auszugleichen, eine Situation, die sich mittlerweile völlig geändert habe. Gleichwohl, so Boudgoust, fühle er sich dem Erbe der Orchestertradition verpflichtet. Dicks Verweis auf den geringen Anteil der Orchesterausgaben im Vergleich zum Gesamtetat setzte Boudgoust entgegen, dass 80% des Senderetats feste Ausgaben seien und nur 200 Millionen im Jahr als freie Programmmittel zur Verfügung stünden. Von Zuhörerseite wurde das Argument ins Spiel gebracht, warum man denn statt bei der Kultur nicht am Sport spare, Alexander Dicks Hinweis auf ein buntes SWR3-Heft mit Grillwerbung zielte in dieselbe Richtung. Martina Zöllner schließlich betonte den „Schutzwert der Kultur“ und räumte selbstkritisch ein, dass die Hochkultur im Fernsehen vielleicht doch ein bisschen unterrepräsentiert sei. Man müsse den Menschen zeigen, dass „Kultur Spaß macht“. Kultur als Spaßmacher: das ist dann vielleicht doch ein grundsätzliches Missverständnis. (Stuttgarter Zeitung)
Die ganze Diskussion im Netz unter http://www.swr.de/direkt/-/id=8760410/did=9659850/pv=video/nid=8760410/9q3ctq/index.html.
Früher war es das Nokia Tune, das in öffentlichen Räumen regelmäßig Verwirrung stiftete. Heute bimmelt es wieder wie in vordigitalen Zeiten.
Die Älteren erinnern sich: Sobald irgendwo in einem Raum mit mehreren Menschen das charakteristische Nokia-Dideldü zu hören war, ging das kollektive Genestel los. Einkaufstaschen wurden hektisch durchgewühlt, Jacken und Mäntel gefilzt, um nach einem Blick auf das Display meist festzustellen: war doch nicht meins. Das war in der Anfangsphase des mobilen Telefonierens. Nokia war damals mit weitem Abstand Marktführer, und die meisten Menschen verspürten noch keinerlei Bedürfnis, einen anderen als den voreingestellten Rufton zu verwenden, was auch daran lag, dass allein schon der Besitz eines Mobiltelefons als Ausweis von Fortschrittlichkeit galt. Bald aber besaßen fast alle ein Handy. Und als man damit nicht nur beliebig Klingeltöne herunterladen, sondern sogar individuelle Soundfiles aufspielen konnte, mauserte sich der individuelle Rufton zum Distinktionsmerkmal, er vermittelte, wie Kleidung oder Auto, plötzlich eine Botschaft. Mein Klingeln zeigt, wie ich wirken will: Technobeats (cool und jung!), Beethovens Fünfte (kulturbeflissen!) oder das Lachen der eigenen Sprößlinge (stolze Eltern!) – es galt, mit Bedacht auszuwählen. Doch mit diesem Stress ist jetzt Schluss, Gott sei Dank. Denn wie von einem kollektiven, unbewussten Selektionsprozess gesteuert hat sich seit einiger Zeit wieder ein Rufton in ähnlicher Weise flächendeckend durchgesetzt wie einst das Nokia tune. „Classic bell“ oder „Retro“ heißt der Klingelton, der an die alten analogen Haustelefone erinnert und nicht nur die Sehnsucht nach den guten vordigitalen Zeiten zum Ausdruck bringt, sondern auch wieder viele Menschen gleichzeitig nach ihren Handys suchen lässt. Ganz wie früher. (Stuttgarter Zeitung)

Rafal Blechacz Foto: Felix Broede
Tiefer Blick in die Musik
30 Jahre lang hatte nach Krystian Zimerman kein Pole mehr den Chopinwettbewerb gewonnen – bis Rafal Blechacz kam und 2005 nicht nur den ersten Preis, sondern auch alle vier Spezialpreise der Jury einheimste. Auch wenn es wohl Zufall ist: dass nun Blechacz das letzte Konzert der Meisterpianistenreihe gespielt hat und Zimerman im September die neue Saison eröffnen wird, ist eine beziehungsreiche Konstellation, verbindet die beiden doch mehr als der Wettbewerbserfolg. Nicht nur, dass beide am liebsten im eigenen Auto zu den Konzerten anreisen, sie gelten auch als eigensinnig. Bei Zimerman hatte das zeitweise sogar zu einem völligen Rückzug aus dem Konzertleben geführt, Blechacz besteht darauf, nicht mehr als 40 Konzerte im Jahr zu spielen. Er will genügend Zeit zur Vorbereitung zu haben.
Dass sich das auszahlt, war nun bei seinem umjubelten Klavierabend im Beethovensaal zu hören. Blechacz beginnt mit Bachs 3. Partita a-Moll. Hoch komplexe Musik, die von den überlieferten Tanzformen nur noch den Gestus und die Grundmetrik bewahrt hat und deren kontrapunktische Strukturen Blechacz mit einer Plastizität offenlegt, wie man sie nur von großen Bachinterpreten wie Perahia oder Schiff gewohnt ist. Jede Stimme erscheint konsequent durchartikuliert, wobei Blechacz immer wieder einzelne Stimmen hervortreten lässt. Wiederholungen tönt er neu ab, spielt mit Verzierungen. Der weich intonierte Steinway funkelt wie ein Juwel.
In Beethovens Sonate Nr.7 D-Dur op. 10/3 ist es vor allem das Largo e mesto, in dem Blechacz singuläre Begabung offensichtlich wird. Die metaphysische Dimension dieses Satzes bringt er dadurch zu ergreifendem Ausdruck, indem er auf die herkömmlichen Espressivowerkzeuge verzichtet, mit denen langsame Sätze gewöhnlich aufgeladen werden. Blechacz vertraut allein der Expression des Notentexts.
Nicht nur hier spürt man, dass da ein junger Pianist tiefer in die Musik hineinblickt als die meisten seiner Kollegen. In Debussys Suite bergamasque wandelt Blechacz auf den Spuren großer Klaviermagier wie Benedetti Michelangeli, indem er den poetischen Gehalt dieser Skizzen, ihre Gerüche, Bilder und Farben mittels einer stupenden Imaginationsfähigkeit zu Klang werden lässt. Das „Menuet“ erlebt man als zärtlich verklärte Apotheose des Tanzes, und in der Spieldosenmechanik des „Passepied“ lugt gar Debussys Kollege Ravel um die Ecke. Und dann Szymanowskis erste Sonate: Blechacz definiert sich als Anwalt für die immer noch unterschätzte Musik seines Landsmanns, die er mit pianistischer Bravour und jenem grenzsprengenden Impetus spielt, die den Komponisten als Seelenverwandten Skrjabins und Liszts ausweist. Als Zugaben spielt er noch zwei chopinsche Mazurken – in welcher Vollendung, lässt sich kaum beschreiben. Das muss man gehört haben. (Stuttgarter Zeitung)
Aufgebot an großen Namen
Nicht nur das Land Baden-Württemberg feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen, auch die Schwetzinger SWR Festspiele finden in diesem Jahr zum 60. Mal statt. Schwerpunkte der vom 27. April bis zum 16. Juni dauernden Veranstaltungsreihe bilden wie immer Opernproduktionen und Konzerte.
Dass dabei die Crème der Klassikszene in Schwetzingen gastiert, ist eigentlich nichts Neues. Ein derartig dichtes Aufgebot an internationalen Spitzenkräften wie in diesem Jahr ist aber auch für dieses renommierte Festival ungewöhnlich. Egal, welche Disziplin man betrachtet, ob Gesang, Klavier, Cello oder Streichquartett: viele der im Moment führenden Künstler ihres Fachs kommen im Frühling nach Schwetzingen. Der besseren Übersicht wegen hat man die Konzerte thematisch gebündelt. „Klavierissimo“ heißt etwa der Klavierzyklus, bei dem neben Nikolai Demidenko und Radu Lupu auch der charismatische Piano-Individualist Grigory Sokolov spielen wird. Allein um ihn zu hören dürften manche Fans von weit anreisen. In dieselbe Liga gehört auch der Ungar András Schiff, der ein reines Schubertprogramm spielen wird, ebenso wie der kanadische Hypervirtuose Marc-André Hamelin. Dessen Konzert mit eigenen Werken neben solchen von Ives und Gershwin steht im Kontext des sogenannten „Panamericana“-Zyklus. Analog zur gleichnamigen Straßenverbindung zwischen Feuerland und Alaska soll diese Reihe die Musikkulturen zwischen Nord- und Südamerika erschließen. Eine schöne, die musikalische Mittelmeerexploration vor zwei Jahren aufgreifende Idee, bei der neben Hamelin noch bekannte Solisten und Formationen wie Giora Feidman, Jordi Savall, das Emerson String Quartet und das Ensemble Al Ayre Espanol mitwirken werden.
Ursprünglich hätte auch Heinrich Schiff innerhalb des sogenannten Cello-Gipfels ein Konzert spielen sollen. Doch ließ der Österreicher vor kurzem vermelden, dass er seine Konzertkarriere beendet hat, weshalb die Veranstalter als Ersatz kurzerhand Gautier Capuçon verpflichtet haben. Der 31-jährige Franzose zählt ebenso zu den herausragenden jüngeren Cellisten wie der ein Jahr jüngere Nicolas Altstaedt, den man im Kontext der sonntäglichen Schwetzinger Matineen im Jagdschloss hören kann. Innerhalb dieser Reihe werden Nachwuchskünstler vorgestellt, die auf dem Sprung zur internationalen Karriere sind. Wie die Pianistin Khatia Buniatishvili. Ihr im vergangenen Jahr auf den Markt gekommene Debutalbum mit Werken von Liszt erregte großes Aufsehen in der Musikwelt, manche fühlen sich angesichts der Technik und des Temperaments der Georgierin sogar an die große Martha Argerich erinnert.
Noch illustrer ist der Zyklus Schwetzingen Vokal besetzt. In jeder Stimmlage treten hier einige der weltweit führenden Sängerinnen und Sänger auf. Dazu zählen die Sopranistinnen Dorothea Röschmann und Magdalena Kozená ebenso wie die große bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova, die Liedsängerlegende Christophe Prégardien und die beiden deutschen Baritone Christian Gerhaher und Matthias Goerne. Auch das Aufgebot an Vokalensembles ist erstklassig: es gastieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, das Hilliard Ensemble und das Ensemble Stile Antico.
Traditionell gehört der Auftrag zur Komposition einer neuen Oper zum Kern der Schwetzinger Festspiele. Mehr als 40 Werke zählt die Liste der hier im Lauf der sechs Jahrzehnte uraufgeführten Werke, unter den Komponisten sind fast alle großen Namen der zeitgenössischen Musik wie Hans Werner Henze, Salvatore Sciarrino, Adriana Hölszky oder Wolfgang Rihm.
2012 ist diese Ehre dem 42-jährigen Enno Poppe zuteil geworden, der für Schwetzingen ein Werk mit dem Titel „IQ“ nach einem Text von Marcel Beyer geschrieben hat. Der Titel ist Programm: das Libretto basiert auf Originaltönen von Menschen, die bei Intelligenztests mitgewirkt haben. Die Instrumentalisten sollen dabei, so Poppe, zu „integralen Bestandteilen eines hermetischen Versuchssystems“ werden. Inszenieren wird das Stück die wohl bedeutendste Bühnenbildnerin unserer Zeit, Anna Viebrock, die seit einigen Jahren auch selber Regie führt. Die musikalische Umsetzung übernimmt eines der besten Ensembles für neue Musik, das Klangforum Wien.
Ebenfalls zur Schwetzinger Operntradition zählt die Wiederbelebung eines (zu Unrecht) wenig bekannten historischen Werks. In diesem Jahr wird es „Rosamunde“ sein, eine Oper des Komponisten Anton Schweizer nach dem Libretto von Christoph Martin Wieland. Der im 12. Jahrhundert angesiedelte Plot dreht sich um Liebe, Eifersucht und Hass: Eleonore, die ehemalige Königin von Aquitanien verübt einen Giftanschlag auf Rosamunde, die Geliebte ihres Gatten, Heinrichs II.. In Szene gesetzt wird die Oper, eine Koproduktion mit dem Theater Dortmund und dem Weimarer Nationaltheater, (Anton Schweizer war einst am Weimarer Hoftheater engagiert) von Jan Willem de Vriend.
Eine weitere Veranstaltungsreihe ist die dem 76-jährigen Komponisten Aribert Reimann gewidmet, der im letzten Jahr mit dem Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet wurde. Auch für die Aufführung seiner Werke wurden namhafte Solisten und Ensembles verpflichtet: Unter anderem die Sopranistinnen Christine Schäfer und Mojca Erdmann sowie den Klarinettisten Jörg Widmann.
Der Schwerpunkt der Konzerte liegt zwar auf Kammermusik, aber auch die Liebhaber von Orchestermusik gehen nicht leer aus. Natürlich ist das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR mit von der Partie, Freunde alter Musik dürften sich aber besonders auf das Gastspiel des Freiburger Barockorchesters freuen, das mit dem Hammerklaviersolisten Kristian Bezuidenhout Mozartkonzerte spielen wird. Mozarts berühmtes Requiem werden das Ensemble Anima Eterna zusammen mit dem Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Jos van Immerseel aufführen.
Dazu gibt es diverse Einzelveranstaltungen. Literarisch-musikalische (u.a. mit Bruno Ganz), Lesungen (mit Alfred Brendel), es gibt aber auch Angebote für kulinarisch Interessierte. Im Mittelpunkt steht dabei: Spargel.
Veröffentlich mit vielen Fotos auf http://www.kulturfinder-bw.de/index.php?id=255

Tzimon Barto
Etwas lau begann das Konzert des Dänischen Nationalorchesters unter ihrem langjährigen Chefdirigenten Thomas Dausgaard im Beethovensaal. Schumanns dritte Sinfonie, die „Rheinische“ hatte Dausgaard schon vor einigen Jahren mit dem Schwedischen Kammerorchester aufgenommen – klein besetzt und, was Phrasierung und Tempowahl anbelangt, durchaus an den Maximen historischer Aufführungspraxis orientiert. Zwar wählte Dausgaard auch mit den Dänen durchweg zügige Tempi und bemühte sich vor allem in den Ecksätzen um organische Durchformung und tänzerischen Schwung, aber die klangliche Übermacht der groß besetzen Streicher machte alle Bemühungen um Durchhörbarkeit und Klanggestaltung weitgehend zunichte. Die Holzbläser hatten kaum eine Chance, gehört zu werden, selbst das Blech musste sich mächtig ins Zeug legen. Dazu kam, dass auch der Streicherklang selbst eine deutliche Tendenz zum Pastosen offenbarte, was nicht zuletzt daran lag, dass offenbar jeder Musiker selber über den Einsatz von Vibrato bestimmen konnte. Das setzte vor allem dem langsameren Mittelsätzen schwer zu: deren fragile Linien verschwammen wie hinter einer Nebelbank.
Zwei Tage zuvor hatte das Orchester Griegs Klavierkonzert a-Moll in Essen noch mit der Pianistin Alice Sara Ott aufgeführt, an diesem Abend übernahm der Amerikaner Tzimon Barto den Solopart. Nicht nur optisch ist der kraftstrotzende Hüne Barto der größte denkbare Kontrast zu der zarten Klavierfee Ott, auch pianistisch trennen die beiden Welten. Barto setzte an diesem Abend auf die Wirkung extremer Kontraste: reizte die Agogik in den lyrischen Passagen bis an die Grenze zum Überphrasieren aus, um kurz darauf den Steinway wieder mit massiven Bassattacken zu traktieren. Zwar lebt Griegs Konzert von abrupten Stimmungswechseln und Kontrasten – die sollten aber nicht, wie hier, als abrufbare Register einfach gezogen, sondern als Haltungen einer zerrissenen romantischen Seele erlebbar werden. Exemplarisch wurde Bartos Vorstellung von musikalischer Tiefe dann in seiner Zugabe: dem agogisch zerfaserten, prätentiös hingetupften chopinschen Nocturne cis-Moll op. posthum.
Welch großartigen Eindruck hinterließ im Vergleich dazu Richard Strauss´ musikalische Posse „Till Eulenspiegels lustige Streiche“! Hier, wo es um musikalische Deskription geht, um das Ausformulieren von Charakteren und Situationen, brillierten die Dänen mit meisterlicher instrumentaler Virtuosität und einem kompakten, ausbalancierten Klang, bei dem sogar die Streicher jene Konsistenz bewiesen, die man bei Schumann noch so schmerzlich vermisst hatte. Nämliches galt für die Zugaben: zuerst das kontemplativ zelebrierte „Nimrod“ aus Edward Elgars Enigma-Variationen, dann das schmissig hingelegte wagnersche Lohengrin-Vorspiel zum 3. Akt. (Stuttgarter Zeitung)
Keine Zigaretten, kein Alkohol, dafür Wandern und Radfahren – so beschreibt Hugo Strasser sein persönliches Gesundheitsprogramm. Neben dem Musizieren, natürlich. Das mag etwas langweilig klingen, scheint bei ihm selber aber gewirkt zu haben. 90 Jahre alt ist er am vergangenen Samstag geworden, und Strasser ist nicht bloß als rüstig zu bezeichnen – nein, wie er da tadellos gekleidet auf der Bühne des ausverkauften Beethovensaals steht, wirkt er wie ein eleganter Herr in den besten Jahren- fast wie zu seinen Zeiten als Leiter seines legendären Tanzorchesters, das jahrzehntelang den Ton angab auf den Tanzbällen der alten Bundesrepublik. Mit 65 Jahren gründete Strasser das Quintett Hot-Five, mit dem er bis heute unterwegs ist, und seit nunmehr zwölf Jahren tourt er mit seinen Kollegen Max Greger und Paul Kuhn als Swing-Legende durchs Land.
Meist war es Max Greger, der dabei den ersten Auftritt hatte, an diesem Abend ist es das Geburtstagskind Strasser, dem zu Ehren die SWR-Bigband zunächst mal eine kleines Ständchen spielt. Er sei froh, meint Strasser, dass er immer noch dabei sei, und fange deshalb auch gleich an zu spielen: „Danny Boy“, „Bei mir bist du schön“, der Ton mag etwas brüchig sein, aber das Timing, wie man die Synkopierungen setzt, das hat er noch immer drauf. Und das ist schließlich das Wichtigste beim Swing.
Dann kommt Max Greger. Wie Strasser ist auch er in München geboren, doch im Gegensatz zum Gentleman Strasser hat er in diesem Trio die Rolle des Entertainers übernommen. Der 86-jährige ist immer noch eine Rampensau, die das Publikum braucht, um zur Hochform aufzulaufen. Die meisten seiner Sprüche kennt man schon – „Wie kann ein Mensch so schön Saxofon spielen?!“ – aber das Publikum quittiert sie dankbar mit Applaus. Greger trägt ein weinrotes Sakko zur dunklen Hose, scherzt ein wenig über sein nachlassendes Kurzzeitgedächtnis und gibt der SWR-Bigband den Einsatz zu Sidney Bechets Klassiker „Petite Fleur“. Er spielt mit dem bekannt rotzigen Ton: alles ein wenig übertrieben, die Backen aufgeblasen, den Oberkörper soweit nach hinten gebeut, wie es die Wirbelsäule noch zulässt. Dazwischen stellt er sich fingerschnippend vor die brillante SWR-Bigband und dirigiert mit, eine alte Bandleadergewohnheit. Die lassen es gerne geschehen, denn ihre Liaison mit dem Altherrentrio ist eine Verbindung zum gegenseitigen Nutzen: eine ausverkaufte Tournee durch große deutsche Konzertsäle wäre für sie ohne die betagten Zugpferde kaum realistisch.
Sogar Paul Kuhn ist in Stuttgart wieder mit dabei. 2008 musste er absagen, und viele haben nicht daran geglaubt, dass der 84-jährige, schon seit langem gesundheitlich angeschlagene Kuhn jemals wieder mit auf Tour gehen könnte. Man erschrickt auch zunächst ein wenig, so schmächtig und blass wirkt Paul Kuhn, als er da von links, ganz langsam und vorsichtig, die Bühne betritt. Fast hat man Angst, die geballte Kraft der Bigbandbläser würde ihn gleich wegfegen. Das Klavier lässt er zunächst links liegen und greift zum Mikrofon. Und es hat etwas ungemein Berührendes, wie dieser alte kleine Mann, einer des Pioniere des deutschen Jazz, mit zunächst etwas wackliger, aber dann doch immer klangvoller werdenden Stimme „Come fly with me“ anstimmt, einer der großen Hits Frank Sinatras. Bei „You don´t mean a thing“ leistet sich Kuhn sogar eine Scateinlage – aber was da, angesichts seiner eingeschränkten vokalen Fähigkeiten zunächst tollkühn anmutet, das biegt der alte Fuchs souverän um ins Humoristische, indem er das Scatten ins Brabbeln und das in ein trocken hingelegtes „Haben Sie eigentlich schon was gegessen?“ münden lässt. Er ist und war kein Sinatra, und das weiß er ganz genau. Aber dass er noch immer ein guter Pianist ist, beweist er gleich darauf in einem entspannten Duett mit Greger zu „In a Sentimental Mood“.
So geht der Abend aufs Kurzweiligste dahin. Die Musiker der SWR-Big-Band setzen die solistischen Highlights, die drei Herren zeigen in verschiedenen Besetzungen bei Klassikern wie „Honeysuckle Rose“, „Tequila“ oder „Moonlight Serenade“ ihr immer noch beträchtliches Können, und am Ende klatschen zu „O when the Saints“ alle mit. Von einer „Abschiedstournee“ ist übrigens, anders als vor vier Jahren, überhaupt keine Rede mehr. „Wir kommen wieder!“ Aber gerne. (Stuttgarter Zeitung)