19
Okt

Maria Bill singt Lieder von Edith Piaf

Große Kunst

piaf_4Das von Schickalsschlägen durchzogene Leben von Edith Piaf könnte als Beleg für die These gelten, dass große Kunst und großes Leid zusammengehören. Von der Cousine Ihrer Mutter, einer Bordellbesitzerin, in der Normandie aufgezogen, wird sie mit 17 schwanger, ihr (einziges) Kind stirbt zwei Jahre später. Mit 20 wird sie des Mordes an ihrem Vater verdächtigt, kommt in Untersuchungshaft, ihre Karriere scheint beendet. Doch sie rappelt sich wieder auf, wird zu einem gefeierten Weltstar. Yves Montand, Charles Aznavour und Jean Cocteau zählen zu ihren Liebhabern, doch die Liebe ihres Lebens, der Boxer Marcel Cerdan, kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Mit 47 stirbt sie, ausgebrannt und alkoholabhängig, in Paris. In Edith Piafs Aufnahmen, im Timbre ihrer Stimme klingt dieses Leben, das auf uns in seiner verzehrenden Intensität gleichermaßen abschreckend wie anziehend wirkt, heute noch nach. Wer kann das singen?
Maria Bill. Zum Auftakt des 13. Stuttgarter Chansongfests im Renitenz-Theater gelingt der gebürtigen Schweizerin, unterstützt von dem großartigen Akkordeonisten Krzysztof Dobrek und Michael Hornek am Klavier das Kunststück, gleichzeitig in die Figur der Edith Piaf zu schlüpfen und deren Lieder doch neu zu interpretieren. In ihrem schwarzen Kleid wirkt die aparte 65-jährige ähnlich zart und fragil wie die Piaf. Doch anders als die auf der Bühne eher verschlossen wirkende Französin ist Maria Bill ein Energiebündel, eine vor Lebenslust vibrierende Frau, die mit ihrer Aura sofort das Publikum im gut gefüllten Theater in ihren Bann zieht. Im Stil großer Diseusen, mit ungemein wandlungsfähiger Stimme und körperlicher Präsenz lässt sie mit berühmten Chansons wie „La vie en rose“, „Sous le ciel de Paris“ und natürlich „Je ne regrette rien“ die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit in Montmartre noch einmal aufleben. Zwei faszinierende, kostbare Stunden, die am Ende ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen. Sehnsucht? (StZ)

14
Okt

Der Saisonauftakt des Freiburger Barockorchesters in Stuttgart

Schwacher Start, starkes Finale

Am Ende wurde alles gut. Beim letzten Stück des Abends, Händels Concerto F-Dur HWV 333 trat das Freiburger Barockorchester im Mozartsaal so auf, wie man es von ihm erwartet (und wie es wohl auch seinem eigenen Anspruch entspricht): rhythmisch aus einem Guss, schlüssig phrasierend, auch technisch weitgehend sauber. Als ein echtes Ensemble, bei dem jeder Musiker mit dem Herzen bei der Sache war. Nun hatte Händel für dieses Werk nichts neu komponiert, sondern einige Preziosen aus seinen Oratorien herausgesucht und sehr geschickt für Orchester eingerichtet – zu spielen dürfte das mehr Spaß gemacht haben als die mitunter sehr formelhaft-konventionellen Sätze der anderen beiden der ingesamt drei „due cori“-Konzerte, bei denen Händel das Orchester, in Anspielung an die venezianische Mehrchörigkeit, in zwei korresponierende Sektionen aufgeteilt hat. Das allein aber erklärt nicht, warum das FBO bei seinem Konzert zum Saisonauftakt in der ersten Programmhälfte über weite Strecken einen derart unkonzentrierten, uninspirierten Eindruck gemacht hat – auch bei dem zwischen die Händelkonzerte geschobenen Concerto-F-Dur RV 569 Vivaldis. Anne Katharina Schreiber spielte dessen Violinsolopart eloquent und mit Verve, aber auch mit einigen intonatorischen Unschärfen. Dazu schien sie sich mit den Bläsersolisten im dritten Satz nicht einig darüber zu sein, welches Tempo nun das passende sei: während die Geige immer wieder davonzog, bremsten die Bläser regelmäßig wieder ab.
Nun bringen historische Blasinstrumente dem Spieler mehr technische Widerstände entgegen als moderne Instrumente – das gilt speziell für Naturhörner, aber auch für Holzblasinstrumente. Trotzdem zeichnet ein erstklassiges Alte-Musik-Ensemble aus, dass diese Widerstände aufgefangen und eingebunden werden in einen konzisen, von einem gemeinsamen rhythmischen Puls getragenen Gesamtklang. Zwar spielten gerade die Oboistinnen des FBO ihre mitunter sehr exponierten Soli mit bewundernswerter Akkuratesse und musikalischer Gestaltungskraft (die Bedeutung von concertare: wettstreiten, war hier durchaus wörtlich zu verstehen), darüber hinaus wirkte aber vieles merkwürdig unorganisch und spannungslos.
Nach der Pause nahm Petra Müllejans, die andere Konzertmeisterin des FBO neben Gottfried von der Goltz, dessen Platz am ersten Pult ein. Und man konnte förmlich zusehen, wie das Orchester nach und nach aus seiner Lethargie erwachte. Schon bei Johann Christoph Schmidts Partie à deux choeurs B-Dur agierte das FBO deutlich homogener, begann sich das bis dahin zerfaserte Spiel zu ordnen. In Vivaldis Concerto F-Dur RV 574 ließen sich dann auch die Solisten von Müllejans´ Impulsen einfangen – wunderbar ausgesungen das Oboensolo im Grave, und geradezu entfesselt das des Solocellisten im abschließenden Allegro. Gottfried von der Goltz setzte als Solist einige geigerische Akzente, wenngleich auch ihm die letzte intonatorische Sicherheit in hohen Lagen fehlte. Im letzten Händelkonzert passte dann – siehe oben – schließlich alles zusammen. Sie können es also doch noch, die Freiburger. „Liebesduell“ ist der Titel ihres nächsten Konzerts am 20. Dezember.

StZ

z

4
Okt

Susanne Lang spielt Klavierwerke von Evgenij Gunst

Lohnende Entdeckung

GunstEs ist keine Schande, den Namen Evgenij Gunst noch nie gehört zu haben. 1877 in Moskau geboren, wo er sich als Komponist und Musikschriftsteller in den Kreisen der Skrjabinisten bewegte, emigrierte Gunst nach der russischen Revolution nach Paris, wo er 1950 verarmt starb. Erst 2010 begann die Sichtung seiner hinterlassenen Manuskripte, darunter auch eine große Anzahl Klavierwerke. Die junge, aus Speyer stammende und in Basel lebende Pianistin Susanne Lang legt mit ihrer CD „Wanderer zwischen den Welten“ nun ein beeindruckendes Porträt des fast vergessenen Komponisten Gunst vor, dessen Biografie durchaus typisch ist für viele in die Emigration gezwungene russische Künstler. Eine Biografie, die in der Entwicklung von Gunsts kompositorischem Stils gespiegelt ist. Frühe Werke wie die beiden Sonaten op. 8 und op. 10 erinnern in ihrer vollgriffig-virtuosen Faktur an russische Zeitgenossen wie Rachmaninov und Skrjabin, in der „Romance sans paroles“ op. 2 scheint sogar etwas chopineske Melancholie durch. Die späteren, in Paris geschriebenen Werke wie die „Douze Miniatures“ op. 28 zeigen in ihrem luziden Satz und ihrer bildhaften Pointierung dagegen deutlich Einflüsse von Debussy und Ravel. Auch wenn pianistisch mit dieser Einspielung das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, so gestaltet Susanne Lang die technisch mitunter äußerst anspruchsvolle Musik Gunsts bravourös und mit großer Sensibilität. Ihr Klavierspiel ist weniger titanisch als differenziert, alles ist im Fluss und klanglich fein ausgehört. Eine lohnende Entdeckung.

Evgenij Gunst. Wanderer zwischen den Welten. Susanne Lang, Klavier. Oehms Classics 899.

22
Sep

Die Spielzeiteröffnung der Stuttgarter Staatstheater

Wow, welche Power! Den Auftakt zur Spielzeiteröffnung des Stuttgarter Balletts im Opernhaus bildete eine fulminante Tanzeinlage: Jesse Fraser, Alexander McGowan und Matteo Crockard-Villa animierten mit einer an Streetdance und Musical erinnernden Performance das Publikum gleich zu Bravorufen. Danach waren die drei Tänzer ziemlich aus der Puste, die Stimmung im Saal aber gut, als Vivien Arnold die Mitglieder der Runde vorstellte, die einen Ausblick auf die kommende Spielzeit geben sollten. Neben Intendant Reid Anderson waren das der Choreograf Demis Volpi, der stellvertretende Intendant Tamas Detrich und die Tänzer Alicia Amatriain und Friedemann Vogel. Die meiste Zeit redete aber vor allem einer: Reid Anderson. Auf eine präzise Frage wie jene, wann er mit der Spielzeitplanung beginne, holte Anderson weit aus und kam dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen. Er gab Einblicke in seine Dramaturgie („Wie lange haben wir das nicht mehr gemacht? Wir sollten das mal wieder machen.“), die er mit unterhaltsamen Anekdötchen aus der Ballettwelt garnierte. Anfangs lauschte ihm das Publikum noch merklich amüsiert, verfügt er doch über Charme und Humor, doch nach einer Weile begann auf den Rängen der Exodus. Man erfuhr zwar ein bisschen, wer wann in welchem Stück tanzt und warum, aber insgesamt mangelte es der Plauderstunde doch an Struktur.
Das machte die Oper besser. Zur Vorstellung der neuen Saison kamen der Intendant Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito, Operndirektorin Eva Kleinitz, GMD Sylvain Cambreling, die Leiterin der Jungen Oper, Barbara Tacchini, und der Dramaturg Patrick Hahn zusammen, um eine Einführung zu den anstehenden Premieren und Konzerten zu geben. Und da gab es, neben den üblichen Gemeinplätzen und gegenseitigem Loben einiges Interessantes zu erfahren. Über die Hintergründe zur Oper „Jakob Lenz“ etwa, die Wolfgang Rihm 1978 komponierte und die im Rahmen eines Rihm-Wochenendes am 25. Oktober Premiere haben wird. Andrea Breth, die auch im Publikum saß, inszeniert das Werk, von dem man schon mal einen akustischen Eindruck bekommen konnte: Georg Nigl (Lenz) sang eine kurze Szene und hinterließ damit einen starken Eindruck.
Denn die kleine Saisontour wurde zum Glück nicht nur verbal unternommen. Zu jeder geplanten Premiere gab es einen kleinen musikalischen Ausschnitt, was nicht nur erhellend war, sondern auch das Publikum bei Laune hielt. Und man hatte sich damit Mühe gegeben: das Duett von Daniel Kluge und Ashley David Prewett aus Mussorgskys Oper „Chowanschtschina“ hatte man für diesen Anlass sogar szenisch ausgearbeitet. Sophie Marilley wurde bei ihrer Arie aus Niccolò Jommellis „Berenike, Königin von Armenien“ von einem feinen Streichquintett aus Mitgliedern des Staatsorchesters begleitet. Bei den Arien aus Mozarts „Così fan tutte“ und Verdis „Rigoletto“ (gesungen von Ronan Collett bzw. Atalla Ayan) war das nicht nötig: Gassenhauer wie „La donna è mobile“ wirken auch mit Klavierbegleitung. Merklich stolz ist man, dass in der neuen Saison auch einige sehr geschätzte Sänger wieder ans Stuttgarter Haus zurückkehren. Neben dem Tenor Matthias Klink, der Ensemblemitglied wird, sind das Angela Denoke (sie singt die Küsterin in Leoš Janáceks „Jenufa“) und Catherine Naglestad als Madame Butterfly. Da werden sich viele Fans freuen.
Eine Einführung in die einzelnen Premieren wäre beim Schauspiel schon allein wegen deren Anzahl gar nicht möglich, und so dürfte dem Intendanten Armin Petras die Entscheidung leicht gefallen sein, an den überaus erfolgreichen Spielzeiteinstand der vergangenen Saison anzuknüpfen. Mit „Hello! Look at me!“, stellten sich damals die neuen Schauspieler vor. „Hello! Look at us!“ lautete diesmal das Motto, bei dem die Schauspieler aufgefordert waren, ihren „Lieblings-Stuttgarter“ mit auf die Bühne zu bringen. Schließlich, dachte sich wohl Petras, sollte nach einem Jahr in Stuttgart auch ein Reingeschmeckter soweit mit der Bevölkerung in Kontakt gekommen sein, dass er einen Favoriten küren und mitbringen könnte – und vertraute dabei auf die Fantasie seiner Truppe, aus dieser Ausgangssituation theatralische Funken schlagen zu können. Und das tat sie. Und wie!
Es würde den Umfang dieser Zeilen sprengen, auch nur alle Höhepunkte dieses an Einfallsreichtum, Witz und Bühnenkunst geradezu überbordenden Abends zu beschreiben, der deutlich machte, welch enormes kreatives Potential Armin Petras am Stuttgarter Schauspiel versammelt hat. Einige seien doch genannt: da war zu Beginn Sebastian Röhrle, der in einer atemraubenden Suada erklärte, warum er seinen Lieblings-Stuttgarter leider gerade an diesem Abend nicht mitbringen konnte. Sebastian Wendelin, ganz neu im Ensemble, begann seine grandiose Performance im rosa Tanzanzug mit einem Pas de deux mit Aldi-Tüte, aus der er hernach (er kommt aus Wien) zwei panierte Schnitzel hervorzog und mit einem Freiwilligen aus dem Publikum verspeiste: der war dann selbstredend sein Lieblings-Stuttgarter. Herrlich auch die augenzwinkernden Verweise auf die Hochkultur: Horst Kotterba holte für seine Faust-Szene gleich sechs Gretchen aus dem Publikum auf die Bühne, die ihren Text auf sehr individuelle Weise interpretierten. Grandios auf den Hund gekommen war Wolfgang Michalek. Dessen Vierbeiner ist zwar sein Lieblings-Stuttgarter, aber kein Pudel, und in Mephisto verwandelte der sich in der berühmten Szene gleichfalls nicht. Dafür war es richtig große Schauspielkunst. (StZ)

Frank Armbruster

21
Sep

Das erste Abokonzert des Stuttgarter Kammerorchesters im Theaterhaus

Manches können Quartette besser

Drei der neun Abokonzerte wird das Stuttgarter Kammerorchester in der neuen Saison im Theaterhaus spielen, wofür es gute Gründe gibt. Denn vermutlich hofft man beim SKO, dass der personellen Verjüngung des Orchesters langfristig auch eine des Publikums folgen wird – und gerade Jüngere dürften sich in der offenen Atmosphäre des Kulturzentrums auf dem Pragsattel deutlich wohler fühlen als im doch etwas piefigen Mozartsaal.
Allerdings bezahlt man dafür einen Preis, der möglichweise zu hoch ist. Mag die Akustik im T1 für große Sinfonieorchester noch einigermaßen tauglich sein, so kommt ein Kammerorchester hier an seine Grenzen. Trocken und matt klingt das SKO in diesem Raum, der die Höhen dämpft und den Klang wenig trägt – wüsste man nicht von anderen Konzerten, welche Fortschritte das Kammerorchester gerade in klanglicher Hinsicht in der letzten Zeit gemacht hat, man würde es kaum glauben.
Insofern hatten es die Musiker an diesem Abend schwer, das Programmmotto adäquat umzusetzen: Um „Das Singen der Streicher“ sollte es gehen, wozu man mit Nils Mönkemeyer einen der besten jungen Bratscher als Solisten verpflichtet hatte. Der zeigte in Telemanns Konzert für Viola und Streicher G-Dur seine Kompetenz auch im barocken Genre. Technisch bravourös, mit behänden Verzierungen und sanft schimmerndem Bratschenklang spielte er sich in guter Abstimmung mit dem Orchester durch die vier immer wieder mit Überraschungen aufwartenden Telemann-Sätze, von denen nur das Largo unter einer gewissen Statik litt – hier übertrieb es der Chefdirigent Matthias Foremny mit barock-kleinteiliger Phrasierung.
Mit Mozarts Divertimento D-Dur KV 155, Puccinis „Crisantemi“ und Verdis e-Moll Quartett standen gleich drei Orchesterbearbeitungen nach Streichquartetten auf dem Programm. Die Versuchung ist groß für Streichorchester, sich aus dem riesigen Quartettrepertoire zu bedienen, doch selten nur bringt das chorische Aufzoomen der puren Vierstimmigkeit einen wirklichen Mehrwert. Auch sehr gute Ensembles können kaum verhindern, dass die empfindliche Ökonomie des Satzes gestört wird und die Klangbalance aus dem Gleichgewicht gerät. Kommen dann, wie an diesem Abend beim SKO, Intonationstrübungen der Violinen dazu, denkt man wehmütig an die Interpretation durch gute Quartette.
So blieb als herausragender Programmpunkt das Konzert für Viola und Kammerorchester des Litauers Vytautas Barkauskas. Wie viele Werken baltischer Komponisten ist auch dieses von einer eher introspektiven, meditativen Grundstimmung, innerhalb derer sich expressive Kantilenen der Viola über einem brüchigen, von Motivsplittern des Cembalos immer wieder dezent aufgerauten Klanggrund erheben. Nils Mönkemeyer spielte das klanglich variabel und mit einer spürbaren persönlichen Identifizierung mit dieser auratischen, nur manchmal ein wenig konventionellen Musik. (StZ)

19
Sep

Das “Dvorák-Experiment” der ARD

Rock me Antonin

Die Zahlen lesen sich beeindruckend. 363 Schulen mit über 22 000 Schülern haben mitgemacht beim „Dvorák-Experiment“ der ARD. Haben über die neunte Sinfonie des Tschechen Filmchen gedreht, Pantomimen einstudiert, gerappt und gerockt. In jedem Bundesland waren die Sender aktiv. Im Saarland tauchten Mitglieder des SR-Orchesters in „flashmob“-Manier in einer Schule auf, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin veranstaltete einen Remix-Wettbewerb “INTO A NEW WORLD – dvorák 24 loops”. Zum Abschluss nun wurde gestern ein Konzert des von Thomas Hengelbrock geleiteten NDR-Sinfonieorchesters mit Dvoráks Neunter von allen ARD-Anstalten und Kultursendern als Video-Livestream in die Klassenzimmer der Republik übertragen.
Und wozu das alles? Um, wie man sagt, Kinder und Jugendlichen klassische Musik „nahezubringen“. Denn die Orchester fürchten um ihre Zukunft. Nicht, was den Musikernachwuchs, aber was ihr Publikum anbelangt: denn Jugendliche gehen immer seltener in klassische Konzerte. Gegen gut gemeinte Veranstaltungen wie diese kann man also wenig sagen – gut möglich, dass der ein oder andere dadurch mit dem E-Musik-Virus infiziert worden ist. Schön wär´s.
Ob Dvoráks Musik aber Interesse weckt, weil sie, wie es die ARD-Berichterstattung suggeriert, „cool“ ist und „rockt“, darf man beweifeln. Man kann sich mit DJs und „Dvorák-Lounges“ noch so zeitgeistig geben, klassische Musik in puncto Hipness gegen Cro oder Tokio Hotel in Stellung zu bringen, wirkt ebenso peinlich wie Thomas Hengelbrocks Antwort auf die Frage der Moderatorin, warum die Musiker denn diese Fräcke trügen: Na, die wären eben so bequem! Sowas ist gefährlich – merken Kinder doch ganz genau, wenn Erwachsene versuchen, sich anzubiedern. Stattdessen könnte man darauf vertrauen, dass Kinder ein Sensorium dafür entwickeln können, was die Beschäftigung mit klassischer Musik so beglückend machen kann: Schönheit und Trost etwa. Am besten gelingt das, wenn sie selber ein Instrument spielen. Dazu brauchen sie auch keine Lounge. (StZ)

31
Jul

Mnozil Brass beim Abschlusskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele

Begnadete Spaßvögel

Auch der Ludwigsburger Festspielintendant war bei seiner kleinen Ansprache vor Beginn des Konzerts schon vom Humor-Virus angesteckt. Er bitte um Verständnis, ließ Thomas Wördehoff das Publikum wissen, dass störungsfreies Telefonieren aufgrund der zu erwartenden Lautstärke der Musik an diesem Abend leider nicht möglich sei. Leonhard Paul, der langhaarige Zottel unter den drei Mnozil Brass-Posaunisten, übersetzte Wördehoffs Rede parallel dazu in eine ziemlich lustige Gebärdensprache, was das Publikum im ausverkauften Theater im Forum gleich in die rechte Champagnerlaune brachte. Warming-up nennt man sowas im Showbiz.
Das Publikum liebt die schräge Bläsertruppe aus Wien. Ihre Konzerte sind regelmäßig ausverkauft und so lag der Gedanke nicht fern, auch das Abschlusskonzert mit Mnozil Brass zu gestalten – ein spektakulärerer Schlusspunkt lässt sich kaum setzen unter eine insgesamt ziemlich erfolgreiche Festspielsaison.
Doch auch wenn die Auftritte von Mnozil Brass in der Regel eine sichere Bank sind, so gab es diesmal einige Unwägbarkeiten – galt es doch, auch das Orchester der Ludwigsburger Festspiele mit zu beteiligen. Das hätte durchaus danebengehen können. Ging es aber nicht.
Das lag vor allem an der intelligenten Dramaturgie des Abends, die das Orchester humoristisch mit einband, ohne den Musikern Ungebührliches abzuverlangen. Zwar wurde die Dirigentin Julia Jones schon mal von Trompeter Robert Rother über die Schulter gelegt und strampelnd abtransportiert. Auch einer Geigerin wurde nachhaltig zum Verhängnis, dass sie bei Leonhard Pauls Orchesterbegehung im Weg saß. Ansonsten aber machte das Orchester, was es am besten kann, nämlich Musik – selbst wenn das an diesem Abend etwas anders ablief als sonst. Mit Gioacchino Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell begann das Programm zunächst ganz konventionell. Der Solocellist spielte ausdrucksvoll, molto vibrato, die Stimmung tendierte zur Besinnlichkeit. Doch alsbald waren erste Störtöne aus dem Off zu hören, ehe ein Mnozil Brassler nach dem anderen die Bühne enterte und sie im Kollektiv damit begannen, dem Orchester das Heft aus der Hand nehmen. Es ist wirklich so: wenn diese sieben Virtuosen, aufgereiht auf der Rampe, fortissimo in den Saal blasen, dann hat ein Orchester schon lautstärkemäßig kaum noch eine Chance.
Doch die fabelhaften Sieben sind eben auch begnadete Spaßvögel.
Manchmal sind ihre Nummern purer Slapstick: wie der Olympiawettkampf in slow motion mit der zwerchfellerschütternden Synchronschwimmeinlage zu den Klängen des Donauwalzers. Oder das Posaunenduell zwischen Zoltan Kiss als goldkettenbehängtem Macho und dem „braven“, von ihm in die Ecke geblasenen Gerhard Füssl. Doch wenn Leonhard Paul als Krönung eines großartig lakonischen Soloauftritts mit je einem Fuß einen Posaunenzug und je einer Hand die Trompetenventile seiner Kollegen bedient und ihm dann noch der Stuhl weggezogen wird, auf dass er, quasi freischwebend, mit jeder Extremität ein Instrument spielend, in der Luft hängt, dann hat das fast zirkusreife Qualitäten. Von den musikalischen Qualitäten ganz zu schweigen.
Denn da macht Mnozil Brass so schnell niemand was vor. Jeder ist ein Spitzenkönner auf seinem Instrument, und zusammen sind sie eine Wucht. Sensationell ihre Version von Zawinuls „Birdland“, in der auch das Orchester stimmig eingebunden ist, ein Kabinettstückchen das Arrangement des Queen-Klassikers „Bohemian Rhapsody“ mit den Falsett-Gesangseinlagen.
Klar, dass das Publikum am Ende aus dem Häuschen war. Und hoffentlich auch klar, dass Mnozil Brass im nächsten Jahr wieder verpflichtet wird. Gell, Herr Wördehoff?

(StZ)

26
Jul

Das Sommerprogramm von Wommy Wonder in der Spardabank

Einfach die Sau rauslassen

Es ist was los im Bankenviertel. Neben der Spardabank stehen Tischchen draußen, gut gelaunte Menschen trinken Apero und genießen den lauen Sommerabend. Drinnen, im sogenannten SpardaWelt EventCenter (muss es eigentlich immer gleich eine ganze Welt sein?), wird Michael Panzer alias Wommy Wonder an dem Abend sein neues Programm „Wonder-Bar 3D – jetzt auch mit Anfassen!“ vorstellen, wo es bis einschließlich 31. August täglich außer Montag zu sehen sein wird. Im Saal sitzt das Publikum an kleinen Tischen, ein bisschen wie im früheren Renitenztheater. Auf der Bühne steht ein Flügel für den Begleiter Tobias Becker, rechts ist die schillernde Wonder-Bar aufgebaut.
An der steht die meiste Zeit des Abends Fräulein Wommys Bühnenassistentin: Schwester Bärbel nennt sich die schrille Kunstfigur mit den schlechten Zähnen, hinter der sich Marcelo Pivoto verbirgt. Nach Angaben im Programmheft ist der ein ausgebildeter Artist – Fähigkeiten, von denen er im Wonder-Programm aber wenig zeigen kann, denn viel mehr als umherschlurfen und Grimassen schneiden darf er nicht. Dabei würde dem Programm ein bisschen handwerkliche Grundkompetenz ganz gut tun. Denn wer sich als Conférencier auf die Bühne stellt, sollte wenigstens gut sprechen können. Und schon damit hapert es bei Michael Panzer, der sich immer wieder im Redefluss verstolpert, nuschelig artikuliert und damit manchen Gag, sofern es einer ist, leichtfertig versenkt. Aber Panzer singt auch, und das ziemlich häufig. Nicht dass Travestiekünstler professionelle Sänger sein müssen (auch wenn es die gibt) – aber auch Sprechgesang sollte gelernt sein. Dass Tobias Becker beim Singen genauso selten die Töne trifft, macht es nicht besser. Wenigstens ist der aber ein zuverlässiger Pianist.
Nun weiß, wer zu Wommy Wonder geht, in der Regel, worauf er sich einlässt.
Umgangsformen und Kultur sind eine Frage von gesellschaftlich verbindlichen Vereinbarungen. Die Wonder-Show nun lebt davon, dass sie es dem Publikum erlaubt, für einen Abend über Kategorien wie guten Geschmack oder political correctness hinwegzusehen. Michael Panzer provoziert die Enthemmung sehr geschickt: man mag sich fragen, wo Panzer in seinem engen Paillettenkleid wohl sein primäres Geschlechtsteil versteckt hat. Indem Panzer diese Frage aber direkt ins Publikum richtet, signalisiert er mit einem verschwörerischen Zwinkern: Ich weiß, was Ihr denkt. Lasst sie einfach raus, die Sau.
Beim ersten anzüglichen Witz – und daraus besteht der Großteil des Programms – mögen sich einige noch genieren, beim dritten aber lachen dann die meisten mit. Und es wird immer zotiger: „Willst Du dass die Liebe glückt, suche jemand, der sich bückt“, sagt Panzer in so einer „Huch, ist mir jetzt rausgerutscht“-Attitüde. Als das Wort „französisch“ fällt, leckt er mit der Zunge, und was man bei „Eiern“ denken soll, wird auch schnell klar.
Da der Reiz der Tabuverletzung mit der Zeit nachlässt, erhöht Panzer nach der Pause die Dosis. Die Schwäbische-Hausfrau-Nummer als Elfriede Scheufele mit Morgenrock und einer nochmal drastisch aufgerüsteten Oberweite ist ein Dauerkokettieren um Sex, Aussehen und Gewicht, bei der die Ankündigung im Programmtitel („mit Anfassen“) denn auch tatkräftig umgesetzt wird.
Mit der Kunst der Travestie hat das alles wenig zu tun. Die spielt mit geschlechtlichen Rollen und Definitionen, lebt von der Irritation und davon, dass Männer – wie etwa Conchita Wurst – weiblich-erotische Anziehungskraft haben. Davon kann bei Wommy Wonder keine Rede sein. Die monströse Plastikfrisur, die sein Markenzeichen ist, die gigantisch ausgestopfte Oberweite – das bedient eher die Ästhetik des Rummelplatzes.
Doch wie immer lädt Michael Panzer sich zu seinem Sommerprogramm auch Gäste ein, an diesem Abend war es der Heidelberger Kabarettist Thomas Schreckenberger. Und der zeigte in seinem kurzen, aber mitreißenden Auftritt, wie Pointen zünden können, wenn sie auf Intelligenz, Sprachwitz und scharfer Beobachtung der Realität gegründet sind. Bis einschließlich Sonntag ist er noch im Wommy Wonder-Programm dabei. Am 10. August tritt er im Renitenztheater auf. (StZ)

25
Jul

Richard Wagners „Tristan und Isolde“ an der Staatsoper Stuttgart

Isolde am Spinnrad

Wie fühlt es sich wohl an, wenn das Gift langsam eindringt ins Nervensystem? Spürt man Schmerzen, bevor man die Besinnung verliert? In diesen Sekunden, nachdem Tristan und Isolde von dem (vermeintlich) tödlichen Balsam getrunken haben und der „Todestrotz der Liebesglut weicht“ (wie Wagner in der Regieanweisung schreibt), hält die Musik quasi den Atem an – bis ein F-Dur- Harfenakkord den Bann bricht und beide begreifen, dass sie weiter leben können – und lieben.
In der letzten Stuttgarter Neuinszenierung der aktuellen Spielzeit spielt diese Szene, wie der gesamte erste Akt, getreu nach Wagners Anweisung auf einem Schiff. Der Bühnenbildner Bert Neumann hat es gebaut, solide aus Holz, mit Mast und Ruder. Um das Schiff herum wogen die Wellen bis zum Horizont mittels gemalter, am Schnürboden aufgehängter Bühnenelemente. Das hat etwas Putziges in seinem naiven Illusionismus, ist aber auch eine starke Metapher für den schwankenden Grund, auf dem sich die Protagonisten von Anfang an bewegen: Wie ein Seismograf bildet der wankende Kahn die seelischen Erschütterungen der Figuren ab.
Die enge Beziehung zwischen Bühnenraum und dem Innenleben der Figuren zählt wie die akribisch genaue Personenführung zu den Stärken dieser Inszenierung. Neumanns Räume sind dabei nie statisch, sondern entwickeln sich mit der Handlung weiter. Gegen Ende des ersten Akts deuten sich im Hintergrund schon die Bilder des zweiten an, und solange der Fortgang der Szene offen ist, bleiben es auch die Bilder – erst im dritten Akt, wenn das Schicksal unabwendbar ist, bleibt die Bühne in ein erbarmungslos gleißendes Neonröhrenlicht getaucht. Bis dahin sind die Räume Assoziationsräume, die der Regie vielfältige szenische Möglichkeiten eröffnen. Denn anders als in den meisten Tristan-Inszenierungen bleibt bei Wieler und Morabito vieles bewusst in der Schwebe.
Auch die Frage, wie es eigentlich um die Liebe zwischen Tristan und Isolde steht. Zeitgenössische Opernregisseure begegnen ihr meist mit Skepsis. Heiner Müller hat in seiner Bayreuther “Tristan”-Inszenierung 1993 das Stück als Geschichte einer Entfremdung gelesen. Christoph Marthaler setzte 2005 an derselben Stelle an, und auch im Stuttgarter Tristan von Luk Perceval 2004 fanden Tristan und Isolde nicht wirklich zueinander.
Bei Wieler/Morabito nun ähnelt der zweite Akt einem Spiel, das sich um Liebe dreht. Der nächtliche Kunstwald mit den herabhängenden schwarzen Glitterbahnen bildet den Schutzraum, in dem Tristan und Isolde ihre Vergangenheit aufarbeiten und dabei in verschiedene Rollen schlüpfen. Aggressionen kommen dabei zum Vorschein, sexuelle Begierden – aber auch Regression in kindliche Verhaltensweisen: einmal wird Tristan zu einem verliebten Affen, der sich von Isolde streicheln lässt und dann den Kopf in ihre Schoß bettet. Am Ende küssen sie sich. Ob sie sich damit auch meinen, bleibt offen.
Offen bleibt auch die Bedeutung des Panopticons, das vor jedem Akt als transparentes Bild die Bühne verhüllt. Michel Foucault hatte das architektonische Prinzip mit dem mittig angeordneten Wachtturm, von dem aus alle Gefängniszellen eingesehen werden können, ohne dass der Wächter selber sichtbar wird, als Metapher für die moderne Gesellschaft westlich-liberaler Prägung interpretiert. Überwachungsdruck wird nicht mehr von außen ausgeübt, sondern entsteht durch die Offenlegung des Privaten selber. Ist entgrenzende, totale Liebe in einer quasi-öffentlichen Welt wie der unseren nicht mehr möglich? Darauf könnte der Wachturm deuten, der sich im zweiten Akt im Wald verbirgt und wie ein dräuender Schatten hinter der Zweisamkeit des Liebespaares lauert.
Nicht alles lässt sich hier restlos dechiffrieren, was aber gerade eine Stärke dieser Inszenierung ist. Denn umso stärker wirken ihre Bilder. Etwa das mit Isolde am Spinnrad am Beginn des zweiten Akts: wie bei Goethes Gretchen ist auch ihre Ruh dahin, bis sie den Geliebten trifft, dem sie am Ende den (Ariadne?-)Faden für die Reise in die ewige Nacht reicht. Oder das grandiose Schlussbild des dritten Aktes: Der Kahn ist hier gestrandet, ein Loch klafft in seinem Bauch. Fast alle sind tot, doch dann steht Tristan als Imagination Isoldes wieder auf und bewegt sich zu ihrem Abschiedsgesang in einem verklärten, bewegenden Tanz. Danach muss man sich erst mal wieder fangen.
Dem Rang der Inszenierung entspricht die musikalische Qualität in weiten Teilen.
Der Stuttgarter GMD Sylvain Cambreling dirigiert einen klanglich entschlackten und durchsichtigen Tristan, den Fokus eher auf harmonische Entfaltung und Gestaltung der Linien gerichtet als auf schiere Klangentladung. Das erste Vorspiel bleibt noch etwas statisch, mit einigen Asynchronitäten auf Seiten der Holzbläser, aber dann klinken sich Dirigent und Orchester in den Fluss der Musik ein. Streicher und Bläser wirken gleichberechtigt, was der Durchhörbarkeit der Partitur entgegenkommt. Und Cambreling dirigiert sängerfreundlich.
Das nutzt vor allem Christiane Iven, die, abgesehen von ihrer darstellerischen Präsenz, vor allem durch gestalterische Fantasie besticht. Iven singt ihr Debut als Isolde mit der Differenzierungskunst einer Liedsängerin: mit wunderbaren Pianoabtönungen und einer reichen Palette an Farben – geradezu durchglüht der bebende „Tristan!“-Ruf mit der absteigenden Septime im ersten Akt. Freilich kommt sie schon gegen Ende des zweiten Akts an ihre Grenzen, als ihre Stimme Glanz und Sitz verliert, die Intonation verrutscht – ganz reicht ihre Kondition für diese mörderische Partie wohl noch nicht. Im Gegensatz zum Tenor Eric Caves, der die kraftraubende Tristan-Partie, ebenfalls ein Rollendebut, bravourös bewältigt. Er gestaltet aus dem Lyrischen heraus, und was ihm an heldentenoraler Durchschlagskraft fehlt, gleicht er aus mit feiner Phrasierung. Bravourös auch Shigeo Ishino, der einen ungemein profunden wie textverständlichen Kurwenal singt. Attila Jun verleiht dem König Marke tragische Größe und auch die klangschön-expressive Brangäne von Katarina Karnéus entspricht dem hohen Niveau des Ensembles.
Am Ende Bravi und einige Buhs, vor allem für die Regie. Wagner schrieb über seinen Tristan, „vollständig gute“ Aufführungen müssten die Leute „verrückt“ machen, nur „mittelmäßige“ könnten ihn retten. So ein bisschen verrückt konnte man schon werden an diesem Abend. (StZ)

Aufführungen am 23. und 27. Juli, sieben weitere bis 21. Dezember.

23
Jul

Hohenlohe Brass in Indien 2014 – Helfen mit Musik!

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