23
Jul

Hohenlohe Brass in Indien 2014 – Helfen mit Musik!

11
Jul

Zum Auftakt der Jazz Open spielen RSO Stuttgart, SWR Vokalensemble und SWR Bigband

Brückenschlag zwischen Jazz und E-Musik

Fast drei Stunden Programm mit neuen Werken, und am Ende des gut besuchten, von Götz Alsmann launig moderierten Konzerts im Beethovensaal Ovationen des begeisterten Publikum – das ist doch mal was! Zum Auftakt der Jazz Open Stuttgart hatte der SWR seine Stuttgarter Ensembles, das Radiosinfonieorchester, die Bigband und das Vokalensemble zu einem Konzert unter dem Titel „SWR Classix goes Jazz“ zusammengespannt. Fünf Komponisten hatten Werke geschrieben, die deren musikalische Sphären vereinen sollten – Brücken zu bauen zwischen Jazz und E-Musik. Freilich gibt es solche Werke längst: nicht nur George Gershwin, dessen „Concerto in F“ auch auf dem Programm stand, auch Komponisten wie Leonard Bernstein oder Darius Milhaud haben Jazz-Elemente in ihre Musik aufgenommen. Und auch zeitgenössische Bigband-Komponisten wie Maria Schneider haben sich längst vom Swing-Klischee emanzipiert in Form und Klang an moderner E-Musik orientiert. Es ging wohl dem SWR vor allem darum, seine drei Klangkörper gemeinsam auf die Bühne zu bringen – und dafür brauchte man eben passende Stücke. Die Komponisten sahen sich nun nicht bloß vor das Problem gestellt, dass sich Sinfonieorchester und Bigband besetzungsmäßig (Trompeten, Posaunen) überschneiden, auch Klischees sollten nach Möglichkeit vermieden werden: verweben statt kombinieren, so lautete ihr Auftrag.
Das gelang mal mehr, mal weniger gut, doch langweilig war das Konzert nie. Nicht Gregor Hübners „Clockwork interrupted“, das dem Aufeinanderprallen der Klangwelten von Bigband und Orchester interessante Facetten abgewinnt. Auch nicht Steffen Schorns „Three Pictures“, das mit diesen klanglichen Signaturen subtil spielt, dem aber das Bestreben anzumerken war, Bigband und Orchester auch als Kollektiv zu behandeln – trotz gewisser Längen das avancierteste Werk dieses Abends.
Heikel war die Aufgabe auch für jene Komponisten, die Chor und Bigband vereinen sollten – denn nach Gospelchor sollte es auf keinen Fall klingen. Ralf Schmid griff dazu auf Lieder aus Edvard Griegs „Peer Gynt“ zurück, die er allerlei rhythmischen und harmonischen Modulationen unterzog, blieb aber weitgehend dem Jazz-Idiom treu (Dirigent: Morten Schuldt-Jensen). Helge Sund nahm sich drei deutsche Volkslieder vor, die er auf raffinierte wie ironische Weise dekonstruierte und dabei Verfahrensweisen der neuen Musik spielerisch mit einbezog. Die gewichtigste Aufgabe, nämlich Bigband, Orchester und Chor in einem Werk zusammenzubringen, hatte man dem RSO-Fagottisten und Jazzsaxofonisten Libor Sima anvertraut, der sie mit Bravour löste. „I am the drum“ skandierte der Chor den Werktitel wie ein Motto, und getragen von einem rhythmischen Puls setzte Sima im Verlauf des Stücks die Klangelemente in virtuoser Manier in vielfältige Beziehungen, wobei vor allem Blech und Rhythmusgruppe stark gefordert waren. Ein starkes Stück, das ebenso stark beklatscht wurde.
Den stärksten Eindruck aber hinterließ Gershwins „Concerto in F“. Denn Gershwin gelang der Brückenschlag zwischen Jazz und E-Musik nicht äußerlich über die Besetzung – er entwickelte ihn aus der Sprache der Musik selber. Und besser als an diesem Abend mit dem großartigen Wayne Marshall am Klavier – der auch dirigierte – hat man das Stück wohl auch noch nie gehört. Aber wie gesagt: unterhaltsam war der Abend allemal. (StZ)

6
Jul

Das RSO Stuttgart mit Werken von Schumann, Strauss und Schmitt

1:0 für Richard Strauss

Das hätte ein Dramaturg nicht besser einfädeln können. Gerade war das Viertelfinale der Fußball-WM zwischen Deutschland und Frankreich zu Ende, da trafen im Beethovensaal erneut Vertreter beider Länder zum gemeinsamen Spiel aufeinander: der Dirigent Stéphane Denève und der Pianist Éric Le Sage auf französischer, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR auf deutscher Seite. Doch damit nicht genug. Denn auch das Programm des „Faszination Klassik“-Konzerts konfrontierte Werke von deutschen und französischen Komponisten, wobei sich – um die Liaison noch enger zu machen – Robert Schumanns Ouvertüre zu „Hermann und Dorothea“ den Abzug der Franzosen aus dem Rheinland zum Thema hat und dabei die Marseillaise quasi als musikalisches Leitmotiv verwendet. Das hätte man, wie gesagt, kaum besser planen können und war doch reiner Zufall – standen doch erst vor wenigen Tagen die Viertelfinalpaarungen fest.
Ob es nun daran lag, dass Stéphane Denève ob der Niederlage seiner kickenden Landsleute ein wenig geknickt war, dass er die französische Nationalhymne in Schumanns Werk mit besonders patriotischer Inbrunst anstimmen ließ? Luftig und duftig ist das Stück jedenfalls instrumentiert, und genau so spielte es das RSO: mit schöner Balance zwischen den Streichern und den hier immer wieder prominent ins Licht gerückten Holzbläsern. Ein Werk, das auf Konzertbühnen selten zu hören ist, was auch für die anderen Werke dieses Abends galt, der sich programmatisch eher auf  Nebenwegen bewegte. Denn auch Schumanns „Introduktion und Allegro appassionato“ für Klavier und Orchester op. 92 und das „Konzert-Allegro“ op. 134 für dieselbe Besetzung stehen im Schatten des berühmten a-Moll Klavierkonzerts – was schade ist, besitzen sie doch eine durchaus vergleichbare lyrische Empfindungstiefe und behandeln das Verhältnis von Soloinstrument und Orchester auf jeweils individuelle Weise.
Vor allem das „Konzert-Allegro“ fordert darüberhinaus einen richtigen Virtuosen – was der Pianist Èric Le Sage zweifelsfrei ist: dank seiner eloquenten Technik muss ihm auch vor Höchstschwierigkeiten nicht bang sein. Dass der berühmte Funke aber gleichwohl nicht so recht überspringen wollte lag zum einen an der spürbaren emotionalen Zurückhaltung des Solisten, zum anderen daran, dass Solist und Orchester rhythmisch nicht immer auf einer Linie waren. Vielleicht hätte man noch ein paar Proben gebraucht.
Nach der Pause folgte ein deutsch-französisches Duell: Richard Strauss´ „Tanz der sieben Schleier“ aus der Oper „Salome“ gegen Florent Schmitts Ballettsuite „La Tragédie de Salomé“.  Und gerade bei Strauss lief das Orchester zu großer Form auf. Auch wenn die Melismen von Oboe und Flöte zu Beginn noch etwas spannungsvoller hätten sein können -  die erotische Faszination der Salome vermittelte sich hier nicht zuletzt durch die von Stéphane Denève sorgsam geschichteten Klangmischungen. Gegenüber diesem vielfarbig schillernden, raffiniert instrumentierten und mit rhythmischen Finessen gespickten Stück wirkte jenes von Florent Schmitt  trotz ähnlich großer Besetzung und zusätzlicher Aufrüstung durch einen Frauenchor (dem SWR Vokalensemble Stuttgart) pompös und bieder. Klares 1:0 für Strauss. Ohne Verlängerung.

23
Jun

Sophie Karthäuser singt Poulenc

Die ganze Welt in einem Lied

Das Kunstlied ist in der Krise. Konzerte sind oft schlecht besucht, das Repertoire ist längst abgesteckt, aufregend Neues nicht in Sicht. Oder doch? Hört man die neue, wunderbare CD der belgischen Sopranistin Sophie Karthäuser mit Lieder von Francis Poulenc, kann man durchaus Hoffnung haben für die ehrwürdige Gattung Sänger/in plus Klavier. Man kennt  Sophie Karthäuser vor allem aus der Alte-Musik-Szene: Bach, Haydn, Mozart, das ist gemeinhin ihre Welt. Dass sie aber auch eine großartige Liedinterpretin ist, zeigt sie mit den „Mélodies“ des hierzulande immer noch leider viel zu wenig bekannten Francis Poulenc. In einer Zeit, in der die Tonalität längst abgeschafft schien, hat ihr Poulenc noch einmal zu einer späten Blüte verholfen, und das enorm weite Spektrum seiner Tonsprache vermittelt die Liedauswahl auf dieser Platte eindrücklich: da steht Quasi-Naivität („La courte paille“) neben surrealistisch verrätselten Szenen in den Zyklen nach Gedichten von Paul Éluard oder Guillaume Apollinaire, übermütiger Witz („Fetes galantes“) neben Walzerpreziosen wie „Les chemins d´amour“.  Und wie Poulenc für jedes Gedicht einen anderen kompositorischen Zugang wählt, findet Sophie Karthäuser dafür den jeweils passenden Tonfall, bei dem sie ihr Begleiter Eugene Asti am Klavier kongenial unterstützt. Karthäusers Deklamation ist vorbildlich, die Palette ihrer Klangfarben scheinbar unerschöpflich, in erster Linie aber dient ihr vokale Technik als Mittel zum Zweck. Innerhalb weniger Minuten eine ganze Welt entwerfen: das gelingt ihr mit diesen Liedern.

Francis Poulenc. Les Anges musicien. Harmonia Mundi.

15
Jun

Der „Tag der Musik“ – alles bestens im Musikland Deutschland?

Anpfiff für Musik

Ein Tag kann mitunter lang sein, manchmal dauert er sogar ein verlängertes Wochenende: von heute bis zum Sonntag hat der Deutsche Musikrat den „Tag der Musik“ ausgerufen. Seit 2009 findet er jährlich statt, in diesem Jahr hat man ihn unter das Motto „Anpfiff für Musik“ gestellt und mit dem Beginn der Fußball-WM gekoppelt. Gefeiert wird er vor allem mitKonzerten. Allerorten trommeln die Kulturämter zusammen, was an Musikressourcen zur Verfügung steht. Opernhäuser, Orchester, Chöre, Musikschulen und Laienspielgruppen bespielen Marktplätze und Hallen, es gibt Tage der offenen Tür und Schnupperkurse, und manch einer wird vielleicht bemerken, welche musikalische Vielfalt es in Deutschland gibt.

Denn Deutschland ist ein Musikland – vielleicht ist es sogar das Musikland auf der Welt. In keinem anderen Land gibt es so viele Opernhäuser (84) und Berufsorchester (130). Über zwei Millionen Menschen singen in einem der über 60 000 Chöre, weit über eine Million, vor allem Kinder, lernen an einer der knapp 1000 deutschen Musikschulen ein Instrument. Alles bestens also? Nicht ganz. Denn der Kern der deutschen Musiklandschaft mag intakt sein, an manchen Ecken und Enden aber bröselt es.

Beispielsweise an den Musikschulen. Mehr als die Hälfte der dort beschäftigten Musiklehrer werden nicht mehr nach den Tarifen des öffentlichen Dienstes, sondern stundenweise bezahlt. 11500 Euro beträgt nach einer Erhebung der Künstlersozialkasse das durchschnittliche Einkommen eines Musikers in Deutschland. Mit der stetigen Erhöhung des Ausbildungsniveaus an den Musikhochschulen – die immer noch viel mehr Bewerber als Studienplätze haben – geht eine schleichende Prekarisierung der Absolventen einher, die so gar nicht passen will zum jährlichen Jubel über „Jugend Musiziert“-Preisträger.

Unglaublich erscheint auch, dass viele Kinder hierzulande gerade in jenem Alter, in dem sie für musikalische Prägung am empfänglichsten sind, kaum Anregungen bekommen. Musikunterricht an Grundschulen – so es überhaupt welchen gibt – wird in der Regel fachfremd erteilt. Damit sind viele Kinder auch dem Casting-Irrsinn der Musikindustrie wehrlos ausgesetzt, die ihnen einreden will, sie könnten, wenn sie nur die Stars gut genug imitierten, selber zu einem werden. Die am besten ausgebildeten Musiklehrer findet man in Deutschland am Gymnasium – dort, wo sie auch am meisten verdienen. In Finnland geht man den umgekehrten Weg. Dort unterrichten die besten Lehrer, wo sie am meisten bewirken können: an den Grundschulen.

Von außen betrachtet ist auch die deutsche Orchesterlandschaft noch weitgehend intakt, trotz mancher Einsparungen und Fusionen. Das künstlerische Niveau wird sogar tendenziell besser, da die Bewerber für die wenigen freien Orchesterstellen immer höher qualifiziert sind. Das Problem besteht eher darin, Nachwuchs für jenes aussterbende Bildungsbürgerpublikum zu finden, das bisher den Kern der Abonnenten ausgemacht hat. Doch das wird immer schwieriger. Kinder und Jugendliche werden zunehmend mit Pop und Rock sozialisiert, und anders als im Theater, das durch einen stetigen Nachschub an attraktiven zeitgenössischen Stoffen am Puls der Zeit bleibt, ist der klassische Musikbetrieb weitgehend der Musealisierung anheim gefallen. Die Gründe dafür sind vielfältig: die vielen befremdlich erscheinenden Rituale des Konzertbetriebs spielen genauso eine Rolle wie das Versagen der totalsubventionierten zeitgenössischen E-Musik, die, den Mechanismen von Angebot und Nachfrage entledigt, Werke produziert, die kaum jemand hören will. Noch weitaus stärker leidet unter dem Mangel an attraktiven aktuellen Stücken der hoch subventionierte Opernbetrieb, der nicht zuletzt deshalb vor allem in finanzschwachen Kommunen mächtig unter Druck geraten ist.

Vielleicht besteht die größte Gefahr für die Musikkultur aber in etwas ganz anderem. Nämlich darin, dass uns allmählich die Fähigkeit verlorenzugehen droht, wirklich zuzuhören. Musikhören als eine Konzentration fordernde Tätigkeit scheint auf dem Rückzug. Es ist eine schleichende Erosion, ein beständiges Nachlassen von Aufmerksamkeit, die mit der Dauerbeschallung zu tun hat, der wir von morgens bis abends ausgesetzt sind: im Auto, im Supermarkt, im Fahrstuhl, im Fitnessstudio, sogar auf der Toilette – überall dudelt es. Für viele ist Musik eine Art Wellnessfaktor, ähnlich wie ein Duftspender oder ein Luftbefeuchter. Vielleicht sollten wir mal damit anfangen, nicht reflexhaft das Radio einzuschalten, wenn wir im Auto sitzen oder nach Hause kommen. Stattdessen das wahrnehmen, was um uns herum ist – pfeifende Vögel, brummende Autos, was auch immer. Und dann in Ruhe eine CD einlegen und wirklich zuhören. Oder, noch besser – selber musizieren. Das wär doch was. (StZ)

14
Jun

Igor Levit und die Kremerata Baltica bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Gott am Klavier

Ohne Dirigenten zu spielen, ist eine zweischneidige Sache. Zwar fördert der Verzicht auf einen äußeren Bezugspunkt die Kommunikation innerhalb des Orchesters, doch oft bezahlt man dafür mit einem Verlust an Gestaltungsdifferenzierung – musiziert dann sozusagen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Das ist tendenziell sogar bei Weltklasseensembles so, und umso überraschender war am Mittwochabend das Konzert der Kremerata Baltica im Ludwigsburger Forum, bei dem sich alle Vorbehalte, die man gegen das dirigentenlose Spiel haben kann, in Wohlgefallen auflösten. Noch nicht beim Eröffnungsstück, Schuberts c-Moll Quartettsatz D 703. Das orchestrale Aufblähen von Quartettstücken bringt meist Verluste an Präzision, und das war auch hier so, wo schnelle Violinfigurationen eine leichte Tendenz zum Verschwimmen hatten. Welch differenziertes, bis auf die kleinste Nuance ausgefeiltes Musizieren aber ohne Dirigent möglich ist, zeigte das von Gidon Kremer gegründete Ensemble bei Tschaikowskys Streicherserenade C-Dur op. 48 auf spektakuläre Weise. Man mag sich kaum vorstellen, welche Probenarbeit dahinter steht, im Kollektiv derart flexibel agogisch zu musizieren, jeden Akkord, jede Phrase dynamisch abzustimmen und klanglich abzutönen. Was sich hinter der serenadenhaften Oberfläche an Abgründen verbirgt, brachte das Ensemble jedenfalls eindringlich zum Ausdruck.

Es muss Spaß machen, in diesem Orchester zu spielen, umso mehr, wenn man einen Solisten wie Igor Levit begleiten darf. In Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271 war es ein funkensprühender Dialog zwischen Solist und Orchester, wie man ihn in dieser Weise kaum je gehört hat. Der vor Spiellaune nur so sprühende Levit verortete Mozart hier nicht als moderaten Klassiker, sondern zeigte die ungeheure Originalität und Tiefe seiner Musik, ihren Reichtum an überraschenden Wendungen. Beredter, inniger, kann man das Andantino wohl nicht spielen als Levit, der jeden Ton auf die Goldwaage legte. Und die funkenstiebende Virtuosität, mit der hier Solist und Orchester durch das Rondeau fegten – das lässt sich eigentlich kaum beschreiben.

Und doch gab es noch eine Steigerung, und zwar mit Brittens Klavierkonzert „Young Apollo“. Ein Geniestreich des 28-jährigen Britten, das gleichzeitig als augenzwinkernde Karikatur des Virtuosenkonzerts gehört werden kann wie als musikalische Charakterisierung des jungen Gottes Apoll. Völlig überdrehte Musik, eine siebenminütige Tour de force über die Klaviatur, bei der sich Levit fast in einen Rauschzustand spielte. Und als wäre das noch nicht genug, spielte Levit als Zugabe noch die mindestens genauso grenzensprengende Ballade „Which Side are you on?“ seines Lieblingskomponisten Frederic Rzewski. Was ist dieser Levit für ein Teufelskerl!

11
Jun

Anna Netrebkos Arienabend im Baden-Badener Festspielhaus

Packende Dramen

Es fängt gleich gut an in Baden-Baden. Man könnte natürlich fragen, warum man zum Auftakt die Sinfonia zu Bellinis Oper „Norma“ spielt, wenn es danach mit Verdi-Arien weitergeht, aber so rhythmisch trocken, schwungvoll und elegant wie die von Pavel Baleff geleitete Baden-Badener Philharmonie das hier musiziert, ist das Hören ein ziemliches Vergnügen.
Und dann kommt sie. Anna Netrebko. In einem schwarzen Kleid mit Schleppe  schreitet sie auf die Bühne, lächelt. Dann setzt das Orchester ein, „Tacea la notte placida“ aus Verdis „Il trovatore“. Die Kavatine beginnt ruhig, Leonore erzählt von dem nächtlichen Sänger, an den sie ihr Herz zu verlieren droht, und schon in den melodischen Aufschwüngen teilt sich die Erregung mit, die sich im zweiten Teil mit weiten Intervallsprüngen und Koloraturen Bahn bricht. Nicht nur diesen Umschlag gestaltet die Netrebko mitreißend.

Nun besteht die Herausforderung bei solchen Potpourri-Programmen für die Sänger darin, sich in dramatische, aus dem Opernkontext gelöste Situationen einzufühlen und diese zu fokussieren. Meist aber hört man bei solchen Anlässen nur schöne Melodien, abgesungen im Stil einer Operngala. Das war bis vor einigen Jahren auch bei Anna Netrebko gelegentlich so (wenngleich sie stimmlich schon immer viel zu bieten hatte). Doch das hat sich mittlerweile geändert.

Zu hören in der Arie der Macbeth „La luce langue“. Beim Orchestervorspiel steht Anna Netrebko steif da, die Hände an die Oberschenkel gepresst, den Blick starr zur Seite gewendet. Sie singt von der Wollust der Macht, von der Nacht, die die schuldige Hand der Mörderin verbirgt, und auch wenn ihr der Furor der Callas noch fehlen mag, deren Spitzentöne wie kalter Stahl ins Herz stießen, so gestaltet sie die kurze Arie doch wie ein packendes Drama, verkörpert für wenige, kostbare Minuten eine von Mordlust Besessene. Dass ihr das derart überzeugend gelingt, liegt auch an ihren gesteigerten vokalen Möglichkeiten. Zu den berühmten, golden schimmernden Tönen und der apart verhangenen mezza voce sind mittlerweile auch die Fähigkeit zu expressiver Schärfung und ein größeres Stimmvolumen gekommen, was ihr die Gestaltung dramatischer Partien erleichtert.

Einen gewichtigen Anteil am Gelingen kam an diesem Abend aber auch der Philharmonie Baden-Baden zu. Ihre Dirigent Pavel Baleff nahm nicht nur die Begleitung in den Arien ernst, sondern gestaltete auch die eingestreuten Intermezzi mit einer Verve und spannungsvollen Emphase, wie man sie auch in großen Opernhäusern eher selten erlebt. Abgesehen vom Eingangsstück war auch die Programmdramaturgie stimmig: das Preludio zu „I Masnadieri“ mit dem ausdrucksvollen Cellosolo bereitete das Duett Desdemona/Otello aus Verdis Oper „Otello“ atmosphärisch vor, in dem das Cello ebenfalls ein prominente Rolle spielt.

Ja, es gab auch zwei Duette an diesem Abend, und die waren wohl die einzige, leichte Enttäuschung – was nicht an Anna Netrebko lag. Doch der Tenor James Valenti war an diesem Abend kein adäquater Gegenpart zu Netrebko, weder stimmlich noch darstellerisch. In Duett „Già nella notte densa“ singt er von den Glücksgefühlen zu Desdemona, der er tief in die Augen blickt – allein, man spürt nichts davon. Zwar besitzt der Amerikaner ein angenehmes Timbre, doch wirkt er merkwürdig befangen – und das nicht nur wegen seines eindeutig zu engen Smokings. Seine Klangentfaltung in der Höhe ist bemüht, was auch seine rollenden Rs bei „Amorrrr“ nicht kompensieren können. Statt sich im körperlichen Ausdruck der Rolle anzupassen, bedient er sich tenoraler Standardgesten: Hände ineinanderlegen, ans Herz greifen. Dabei hätte es so schön werden können, gerade im letzten Stück des Abends, dem Duett „Oh, sarò la più bella…“ aus Puccinis Manon Lescaut, wo Anna Netrebkos Stimme herzzerreißend den Raum flutet. Das Publikum jedenfalls applaudiert stehend, womit es recht hat, und es gibt eine Zugabe: das Lied an den Mond aus Dvoráks Rusalka. Ach… (StZ)

9
Jun

Messebericht High End 2014

 

Noch nie war ich so gespannt auf eine Hifi-Messe wie dieses Mal, hatten sich doch noch nie so viele interessante Aussteller angekündigt. Ich hatte mir sogar 3 Tage Zeit genommen, um auch einen großen Teil davon abklappern zu können – geschafft habe ich dann doch nicht alles. Aber der Reihe nach.

Bevor ich mich an die Liste meiner Pflichtbesuche machte, ging ich erstmal so auf gut Glück los – schließlich stößt man ja manchmal auch aus Zufall auf interessante Sachen. Also rein in den
Raum von

Estelon

Estelon Extreme

Estelon Extreme

Wie der Firmenname schon andeutet (Estonia), stammt die Boxenschmiede aus Estland. Nach München hatten sie ihr Topmodell Extreme mitgebracht, ein mannshohes, aus 2 Modulen zusammengesetzes Trumm, das optisch etwas gewöhnungsbedürftig war und von Vitus Elektronik befeuert wurde. Die Chassis stammen von Accuton, und wie der Vorführer betonte, konnte man je nach Musikgeschmack die Raumabbildung in der Höhe verändern: Klanglich nachvollziehen konnte ich es nicht so richtig, dafür fiel mir auf, dass die Lautsprecher trotz ihrer Imposanz dynamisch irgendwie gedeckelt, nicht wirklich frei klangen. Die Stimme einer Sängerin war eindeutig zu hell timbriert, dafür fuhren einem bei einem Stück mit elektronischer Musik die (Sub-)Bässe mächtig in den Magen. Nun ja.

Dann ein kleiner Abstecher zu

dCS

dcs mit Wilson

dcs mit Wilson

Der Digitalspezialist führte seine Komponenten mit Endstufen von D´Agostino und Lautsprechern von Wilson vor. Eine Anlage, die sicher mehrere Hunderttausend Euro kostet, deren verwaschenes, belegtes Klangbild aber sehr enttäuschte. Hoher monetärer Aufwand ist kein Garant für guten Klang.

Sonus Faber

Sonus Faber Amati

Sonus Faber Amati

Ebenfalls mit Elektronik von D´Agostino, dem neuen Vollverstärker nämlich, spielte in der Vorführung von audio components die Sonus Faber Amati. Ich habe hier ziemlich lange zugehört, da ich dem Erfolg dieser Lautsprecher, die mir rein optisch gut gefallen, ein bisschen mehr auf die Spur kommen wollte: ich kann tatsächlich gut verstehen, warum das vielen gefällt. Es ist ein angenehmer, durchaus hoch aufgelöster  Klang, den man vielleicht als süffig bezeichnen könnte. Die Bässe sind rund, (etwas zu füllig für mein Empfinden), dafür die Höhen etwas gemildert, ohne matt zu sein. Es gibt zweifellos neutralere Lautsprecher, die die Musik unverfälschter transportieren. Aber nicht alle mögen das.

Big is beautiful

Big is beautiful

Gespart wurde nur am Kabel

Gespart wurde nur am Kabel

Nur den Kopf schütteln konnte man freilich bei der wohl befremdlichsten Vorführung der gesamte Messe: hier liefen insgesamt sieben (!) fette  McIntosh Endstufen an einer Sonus Faber, ich glaube der AIDA, in der Mitte ein Bigscreen. Darauf liefen einige Musikvideos, manchmal auch nur Musik, sofern man den ohrenbetäubenden Krach so bezeichnen möchte. Angeschlossen waren die Lautsprecher allem Anschein nach mit Kabel-Meterware – was letzlich auch konsequent war, klang es doch wie eine miese PA-Anlage. Mich packte nach ein paar Minuten der Bloß-raus-hier-Reflex.

Tannoy/Straussmann

Boom, boom!

Boom, boom!

Ebenfalls eher was für Hartgesottene war die Vorführung der Tannoy Westminster mit Elektronik von Straussmann. Diese Vorführung war quasi der Gegenentwurf zum zeitgeistigen Design-Hifi von Devialet & Co: eine Wucht die mächtigen Holzaltare von Tannoy mit dem prominent angebrachten Riesenwoofer im Zentrum, dazu passten die nach industrieller Frühzeit  aussehenden  Art Déco-Geräte von Straussmann. Ein auf seine Art konsequentes Retro-Fest mit Lautstärke im gefühlten dreistelligen db-Bereich. Boom, boom! Aber Achtung: Nur für harte Männer!
Weicheier wie ich verzogen sich da schnell in agreablere audiophile Zonen, etwa in den Raum von

Franco Serblin

Franco Serblins "Ktema"

Franco Serblins “Ktema”

Der Gründer von Sonus Faber, im letzten Jahr verstorben, baute nach dem Verkauf seiner Firma in eigener Regie weiter Lautsprecher: die Modelle Ktema und Accordo. Erstere, eine wunderschön gemachte Vier-Wege-Box in ungewöhnlicher, nach hinten konkav zulaufender Form, wurde mit super-exklusiver Röhrenelektronik der Schweizer Firma Amati betrieben und zählte für mich zu den herausragenden Vorführungen dieser Messe. Bemerkenswert war nicht bloß, dass auch das vorgeführte Musikmaterial abseits des üblichen Messe-Mainstreams war: das war endlich mal kein verfärbtes, auf Effekt getrimmtes Hifi, sondern eine ungemein realistische, klangfarbentreue und extrem hoch aufgelöste Wiedergabe, die mir sehr gut gefiel.
Der Preis für die Ktema ist beachtlich: 27.500 – in Relation zu manch völlig überteuertem Zeug auf der Messe aber durchaus angemessen.

Grimm

Einen ebenfalls guten Eindruck hatte ich von Grimm. Der holländische Hersteller baut Aktivboxen, die etwas merkwürdig altbacken aussehen, deren Design aber ausschließlich akustische Gründe hat. Nun bin ich, zugegeben, eigentlich kein großer Aktiv-Fan, und wenn ich DSP höre, gehen bei mir die Alarmlampen an, denn in der Regel ist das klangliche Ergebnis technisch und künstlich. Die Entwickler der Grimm LS1 aber scheinen es hingekriegt zu haben, den Frequenzgang so zu harmonisieren, dass es sehr natürlich, räumlich, gut aufgelöst und feindynamisch klingt. Einzig die Bassqualität empfand ich auf eher durchschnittlichem Niveau, und etwas körperhafter geht es sicher auch noch. Der Preis ist mit 25.000 Euro hoch, aber für das Gebotene durchaus angemessen.

MBL

Edelelektronik, goldbeknöpft

Edelelektronik, goldbeknöpft

Reingeschaut, bzw. -gehört habe ich wieder mal bei MBL. Ich kenne ja ziemlich viele, für die die MBL-Vorführungen immer die absoluten Messe-Highlights darstellen, nicht zuletzt deshalb wollte ich mir einen aktuellen Eindruck verschaffen. Meine Einschätzung von deren Produkten, zumindest von den vorgeführten, hat sich aber auch nach dieser Hörsession nicht geändert: Das ist gutes Hifi zu absurden Preisen, das bei mir keinerlei Haben-Wollen Reflex auslöst. Am überzeugendsten war die Vorführung einer Orgelaufnahme, das brauste schon sehr imponierend und füllte mächtig den Raum – wie in einer Kirche. Nun benötigt eine Orgel aber auch wenig räumliche Definition, und die folgende Solocelloaufnahme brachte dann die Defizite dieser Kette schonungslos ans Licht. Der Bass einfach viel zu dick aufgetragen, vor allem die Höhen nicht gut aufgelöst – die typischen Anstreichgeräusche des Bogens waren kaum zu hören. Noch unrealistischer klang eine Trompete: fett und viel zu groß, fast mit dem Timbre eines Tenorsaxofons.
Was die Preisgestaltung und die Optik anbelangt, so schein man bei MBL aber ohnehin weniger den typischen Audiophilen im Visier zu haben, sondern eher auf gut betuchte russische, bzw. arabische Kundschaft zu setzen. Die Radialstrahler kosten allein 190.000.-, die weißen Elekronikkomponenten  zwischen 20.000.- und 40.000.-. Dafür haben sie auch Goldknöpfe.

Soulution/Magico

Nervig: Magico

Nervig: Magico

Auch die Vorführung des Schweizer Herstellers von Edelelektronik Soulution zusammen mit Lautsprechern von Magico beeindruckte vor allem mit hohen Preisen. Die Qualität der Elektronik war allerdings kaum zu beurteilen: denn an diesen in der Fachpresse völlig überbewerteten Lautsprechern klingt wahrscheinlich keine Elektronik gut: die Box nervt einfach mit zischeligen S-Lauten, den Schärfen im Hochton und dem merkwürdig gedeckelten Klangbild, das sich nicht von den Membranen lösen will.  Ob´s vielleicht auch an der Vovox-Kabeln lag?

En passant

Hier wie immer noch ein paar Kurzeindrücke.
Wie immer auf hohem Niveau war die Vorführung bei TAD: extrem sauber, detailliert, dass ich davon dennoch nach kurzer Zeit genug hatte, lag vermutlich an dem etwas technischen, leicht sezierenden Grundklang. Obwohl es eigentlich objektiv nichts zu meckern gab war das eine Anlage, bei der ich nicht wirklich entspannen konnte.  Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass das menschliche Ohr sehr sensibel auf Störungen reagiert – selbst wenn der Verstand nichts auszusetzen hat, besitzt der Gehörsinn sein eigenes Verständnis von tonaler Wahrheit.

Sauber, aber technisch: TAD

Sauber, aber technisch: TAD

 

 

 

 

 

 

Ähnliches würde ich von Nubert sagen, deren Hörraum einer der am besten besuchten der gesamte Messe war. Ja, der Schorndorfer Hersteller hat sich ein treues Stammpublikum erarbeitet, was nicht von ungefähr kommt: denn das ist zwar nicht der audiophile Traum, aber gutes Hifi ist es allemal – und das, anders als bei TAD, zu sozialverträglichen Preisen.

Nichts Wertendes werde ich über die Vorführungen von TIDAL und Brodmann Acoustics schreiben, biete ich doch die Produkte beider Firmen in meinem Studio an. Allenfalls sei erwähnt, dass TIDAL sein neues Lautsprechermodell Contriva G2 vorgestellt hat und Brodmann seine Lautsprecher mit der sehr avancierten Elektronik von Thrax präsentierte. Auf die Neuauflage der Piano Cera von TIDAL (die dann Piano G2 heißen wird) muss man dagegen offiziell noch bis nächstes Jahr warten – mit etwas Glück aber ist sie bereits im Herbst in meinem Studio zu hören.

Große Boxen, kleiner Raum: Marten

Große Boxen, kleiner Raum: Marten

Eine superteure Anlage hatte auch der schwedische Hersteller Marten in einem viel zu kleinen Raum aufgebaut. Über die Qualität kann man ehrlicherweise nicht viel sagen, da die Monsterlautsprecher Coltrane Supreme 2 (Preis über 230.000.-) wohl einen weitaus größeren Hörabstand benötigt hätten als hier möglich war. Die Elektronik kam von darTZeel, verkabelt war mit Strippen von Jorma Design, und den Strom lieferte ein Power Conditioner von Gigawatt.

Ordentlich klang auch die Vorführung von Devialet mit Lautsprechern von B&W, wenn man mal von den bekannt aufgedickten Bässen dieser Lautsprechermarke absieht.

The Vario`s

Hifi macht Spaß: The Vario´s

Hifi macht Spaß: The Vario´s

Und auch was richtig Lustiges gab es auf dieser High End, das ich keinesfalls unter den Tisch fallen lassen möchte: The Vario´s nennt sich die italienische 3-Mann-Firma, die die wohl originellsten und lustigesten Lautsprecher der Welt baut – eigentlich eher Designobjekte, die darüberhinaus aber gar nicht mal schlecht klingen. Diese Skulpturen vermitteln sogar eine Botschaft, die sich manch verbissener High End Fanatiker mal hinters gestresste Ohr schreiben könnte (da will ich mich selber gar nicht ausnehmen…): Letztendlich geht es darum, Freude zu haben an der Musik. Und etwas Spaß kann nie schaden.

5
Jun

Dieter Schnebels „Utopien“ zum Auftakt von „Der Sommer in Stuttgart“

Menschliche Befindlichkeiten im Schnelldurchlauf

Zu lachen gibt es im Allgemeinen wenig in Konzerten mit zeitgenössischer Musik. Meist dominiert ein heiliger, gern von kryptischen Programmhefttexten unterfütterter Kunst-Ernst, und insofern steht Dieter Schnebels dadaistisch angehauchtes Musiktheaterstück „Utopien“, das nun im Rahmen der Reihe „Sommer in Stuttgart“ im Stuttgarter Theaterhaus aufgeführt wurde, auf sympathische Art außerhalb des aktuellen Avantgarde-Mainstreams. Nun gilt der 84-jährige Schnebel zusammen mit Mauricio Kagel und John Cage als ein Mitbegründer jener Ästhetik, die das theatrale Element der Klangerzeugung ins Zentrum gerückt hat. Auch „Utopien“, vor wenigen Wochen bei der Münchner Biennale uraufgeführt, steht in dieser Tradition. Das Publikum im gut gefüllten T2 sieht zu Beginn nur ein von weißen Tüchern verhängtes Karree, eine Bassklarinette steuert schnarrende Töne bei zum dumpfen Gegrummel der Pauke, eine Sopranistin singt die Worte „Glaube Liebe Hoffnung“: eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich die im Verlauf des Stückes gelesenen und gesungenen Texte von René Descartes, Thomas Morus, Sebastian Brant und Joseph Conrad bringen lassen, die von Glaubenszweifeln (Descartes) und gesellschaftlichen Utopien (Morus) handeln. Auch bilden diese Texte so etwas wie das hochkulturelle Rückgrat des Stücks, das ansonsten in spielerischer, fast assoziativer Manier immer wieder neue, auf menschliche Grundbefindlichkeiten weisende Szenen und Situationen entwickelt. Den Mitgliedern der Neuen Vocalsolisten werden dabei blitzschnelle Rollen- und Perspektivwechsel zugemutet. Vom aufrührerischen Gegen-die-Wand-laufen bis zum entmutigten Kriechen ist es oft nur ein Wimpernschlag, insgesamt weist das Programmheft an die 40 Situationen aus, die die Sänger bravourös bewältigen. Wenn es dabei gar zu ernst und getragen zu werden droht, wird der hohe Ton auch schon mal durch einen flapsigen Spruch gebrochen – hier zeigt sich Schnebels Nähe zur ideologiekritischen Fluxusbewegung der 60er Jahre. Musikalisch scheint Schnebel in seinem Alterwerk nichts mehr am Hut zu haben mit überkomplexem Klanggetüftel. Längst bestellt ist sein musikalisches Feld, über das er nun fern stilistischer Scheuklappen souverän verfügt. Manche Patterns des fünfköpfigen Instrumentalensembles erinnern an Steve Reich, dazwischen sind auch mal Zitate (Wagner, Mahler, Beethoven) versteckt. Schnebels vokale Mittel schließen die der neuen Musik mit ein, ohne sie in den Vordergrund zu stellen – insgesamt klingt die Musik fast alterweise in ihrer bewussten Reduziertheit. Offen bleibt freilich, was das alles mit Utopien zu tun hat. Der Abend ist unterhaltsam, aber so wie die 75 Minuten im Fluge vergehen, bleibt von dem szenisch-musikalischen Schnelldurchlauf auch wenig hängen. Utopisches Musiktheater – gar selber eine Utopie?

(StZ)

1
Jun

Puccinis Oper „La Bohéme“ an der Staatsoper Stuttgart

Gefühle in der Spätzlespresse

Manchmal ist es schon ein Elend mit dem Regietheater. Aktuell zu erleben an der Staatsoper Stuttgart, wo die Regisseurin Andrea Moses Giacomo Puccinis „La Bohème“ neu inszeniert hat und dabei vor lauter aktuellen Verweisen völlig vergaß, die (Liebes-)Geschichte von Mimi und Rodolfo zu erzählen. Nun haben es die Regisseure aber auch nicht leicht. Aus Mangel an attraktiven aktuellen Stücken (hier wäre auch mal über das Elend der neuen Musik zu reden) müssen sie die immergleichen, tausendfach befragten Werke des Opernkanons immer wieder aufs Neue abklopfen, in der vagen Hoffnung, ihnen bislang übersehene, verborgene Facetten abgewinnen zu können. Im Falle von „La Bohéme“ hat Andrea Moses die Tendenz zur Selbstvermarktung in der aktuellen Kunstszene in den Mittelpunkt gestellt: während die Künstler der Pariser Bohéme des 19. Jahrhunderts, wo die Oper spielt, ihre prekären Lebensbedingungen noch als Gegenentwurf zur Bürgerlichkeit inszenierten, hat in der Stuttgarter Inszenierung der Kommerz auch das Private restlos durchdrungen. Jeder verkauft sich hier selbst, so gut er kann – das geht so weit, dass die Sänger bei ihren Arien in ein Mikrofon singen, als wären sie Kandidaten einer Casting-Show. Am Ende der Oper wird sogar die tote Mimi abfotografiert und das Bild an die schon bereit stehenden Kunsthändler verkauft: zack, schon ist ein roter Punkt drauf. Abgesehen davon, dass der Einfall mitnichten ganz neu ist, so hat er ernsthafte Konsequenzen für das Grundverständnis der Oper: denn auf diese Weise werden auch die Emotionen in Anführungszeichen gesetzt. Wenn Mimi und Rodolfo bei ihren Duetten händchenhaltend ins Publikum schmachten, als wären sie bei einer Operngala, treten sie quasi aus dem Stück aus, das sie selber spielen. Alles hier ist Simulation, falsches Gefühl. Der Kommerz hat die Unschuld getilgt.

Die Regie verletzt damit auch, was für viele die Faszination dieser Oper vor allem ausmacht: die Authentizität ihrer verzehrend schönen Musik, die sich aus der Spannung von Liebe und Tod speist.

Nein, unberührter ging man lange nicht aus einer „La Bohéme“- Aufführung, zumal sich auch Simon Hewitt am Pult des Staatsorchesters der Auffassung angeschlossen zu haben schien, es mit dem Gefühl nicht zu übertreiben: Unorganisch, eckig, mit wenig Eleganz und noch weniger Klangsinnlichkeit dirigierte der Amerikaner die Premiere. Sängerisch konnte die Künstlerriege mit André Morsch (Schaunard), Bogdan Baciu (Marcello) und Adam Palka (Colline) trotz manchmal etwas rustikaler Tonbildung mit gesunden, kräftigen Stimmen überzeugen. Im Gegensatz zu der in Stuttgart merkwürdig gehypten Sopranistin Pumeza Matshikiza: eng, gaumig, in der Höhe belegt und intonatorisch unsicher war die südafrikanische Sängerin mit ihrer Rolle als Mimi sowohl sängerisch als auch darstellerisch überfordert. Als einziger wirklicher Glanzpunkt blieb der fabelhafte Tenor Atalla Ayan als Rodolfo: mit weit geformten Phrasen, einer strahlenden, dabei niemals forcierenden Höhe, konzentrierter Tongebung und vor allem einer spürbaren Identifikation mit seiner Rolle widersetzte er sich der allgemeinen Tendenz zur Relativierung.

Ach ja, und dann war ja noch das Bühnenbild von Stefan Strumbel. Der Schwarzwälder Künstler, nach eigenem Bekenntnis bisher kein Opernfan, umkreist in seinen Arbeiten meist den Begriff Heimat, den er auch gern ironisch aufs Korn nimmt – Stichwort bunte Kuckucksuhren. Die Stuttgarter Bühne stattete er folgerichtig mit einigen aufs Lokale weisenden Requisiten aus. So wurde der zweite Akt (ein sinnfrei überdrehtes, grellbuntes Fest der Kostüme, mit denen die Schneiderei wohl einige Wochen beschäftigt war) von einem Plakat mit einer gigantischen Spätzlespresse Marke „Heiligs Blechle“ überwölbt, aus deren Löchern aber keine Teigwaren, sondern rotes Fleisch gedrückt wurde. Die Spätzlespresse prangte auch als Logo auf den Einkaufstüten der flanierenden Kunden, was man dann wohl gesellschaftskritisch verstehen soll: der Kapitalismus fordert seine Opfer! Das wusste man aber auch schon vorher.

Aufführungen am 4., 15., 18., 20., 24. und 30. Juni.

(Südkurier Konstanz)

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