10
Dez

Das London Philharmonic Orchestra mit Sol Gabetta in Stuttgart

Ohne Zuckerguss

Für die Schallplattenindustrie ist Sol Gabetta ein Glücksfall: die Cellistin ist nicht nur jung, blond und attraktiv, sondern auch vielseitig. Ihre CDs verkaufen sich prächtig, ihr aktuelles Album „Prayer“ mit Werken jüdischer Komponisten steht hinter David Garrett und Lang Lang auf Platz 4 der Amazon-Verkaufscharts. Doch wenn es auch einigen Medienhype gibt um die 33-Jährige Argentinierin – etwaige Vorbehalte ihrer künstlerischen Kompetenz gegenüber sind unangebracht, wie nun ihr Konzert mit dem London Philharmonic Orchestra in der Meisterkonzertreihe zeigte. Mit Schostakowitschs zweitem Cellokonzert hatte sie sich dabei einiges vorgenommen. Nicht nur technisch zählt es zu den schwierigen Werken seiner Gattung, vor allem entzieht es sich jeder vordergründigen, auf Effekt kalkulierenden Annäherung. Ein introspektiver Tonfall durchzieht weite Teile des Werks, das sich immer wieder zu kurzen Ausbrüchen aufschaukelt, um dann wieder in den Grundzustand zurückzufallen. Wie bei Gustav Mahler finden sich Zitate aus Marsch- und Trivialmusik, aus dem torsohaft angelegten Orchestersatz melden sich Glockenspiel und Trommel prominent zu Wort. Doch nicht nur die heiklen Glissando-Doppelgriffe in höchsten Lagen gelangen Sol Gabetta dabei bewundernswert sicher – was vor allem berührte, war ihre spürbare Hingabe an dieses etwas kryptische Stück, ihr Verständnis für dessen versteckte Widerborstigkeiten und grüblerisch kreisende Melodik. Virtuosität bewies Gabetta vor allem durch klangliche und artikulatorische Differenzierung: sonor und etwas knurrig ist ihr Ton in der Tiefe, in höheren Lagen kommt eine berückende, samtene Brillanz dazu, die von dem Luxusklang der präzise spielenden Londoner perfekt ergänzt wurde. Viel Applaus, und als Zugabe eine Kostprobe aus ihrer aktuellen CD: „Prayer“ von Ernest Bloch.
Im Vergleich zu Schostakowitsch kommt das Grauen in Antonin Dvoráks Sinfonischer Dichtung „Die Mittagshexe“ vergleichsweise kulinarisch daher. Zwar kleidet Dvorák das Hohngelächter der Hexe, die der Mutter das unartige Kind entreißt, in donnernde Tuttischläge, doch bei einem Spitzenorchester wie dem London Philharmonic klingt auch das: einfach schön. Und noch schöner, sprich klangsinnlicher, wurde es nach der Pause mit Tschaikowskys Orchestersuite aus dem Ballett „Der Nussknacker“. Spätestens hier dürften auch jene Zuhörer, die mit Schostakowitsch fremdelten, wieder eingefangen worden sein: farbiger, leuchtender kann man diese Musik kaum spielen. Jurowski zeigte sich als Klangsensualist, der Tschaikowskys raffinierte Mixturen (einschließlich der Vokalisen singenden Stuttgarter Hymnus-Chorknaben) ohne Zuckerguss, aber äußerst delikat und aufs Genaueste abgestimmt servierte. (StZ)

7
Dez

Das Stuttgarter Staatsorchester im zweiten Sinfoniekonzert

Das Subjekt meldet sich zu Wort

Die Frage, was Musik ausdrücken kann, ist wohl so alt wie die Musik selber. Während es im Barock vorwiegend es um stilisierte Affekte, um allgemeingültige Gefühle und Stimmungen ging, rückte in der Klassik zunehmend der einzelne Mensch in den Mittelpunkt der musikalischen Ästhetik. Auf die Spitze getrieben wurde der subjektive Ausdruck in der spätromantischen Musik – und es waren vermutlich deren Auswüchse, auf die sich Igor Strawinskys Aussage „Ich hasse Ausdruck“ bezieht. Mit dieser Haltung, die sich speziell gegen die deutsche Musik richtete, war Strawinsky nicht allein: gerade in Frankreich, wohin er 1920 auswanderte, war sie weit verbreitet. Drücken Werke, die in diesem Geist komponierte wurden wie Strawinskys „Sinfonie für Bläser“ oder seine „Sinfonie in drei Sätzen“, die das Staatsorchester bei seinem Sinfoniekonzert im Beethovensaal spielte, nun also gar nichts mehr aus? Oder ist es vielmehr so, dass sich durch die Verweigerung von Subjektivität die Kategorien des Ausdrucks verschieben?
Romantische Anklänge finden sich in dieser Musik jedenfalls kaum. Die Dissonanzen zu Beginn der Bläsersinfonie schneiden gehörig ins Ohr, und die jäh wechselnden Perspektiven der großen dreisätzigen Sinfonie erinnern eher an die Schnittästhetik des Kinos. Aber ist man auf der falschen Fährte, wenn man in deren Mittelsatz fast debussyhaften Klangzauber heraushört? Oder den herben Clustern der Bläsersinfonie melancholische Qualitäten zuschreibt? Das Hören dieser ungemein intelligent gemachten Musik war jedenfalls eine Freude, was am großartig spielenden, vom Gastdirigenten Ilan Volkov präzise geführten Staatsorchester lag.
In den Synkopen des ersten Kopfsatzthemas für Mozarts Sinfonie g-Moll KV 183 kündigt sich schon jener dringliche Tonfall an, den später Beethoven aufnehmen sollte und der ein Grundzug jener musikalischen Epoche wurde, die Strawinsky so verabscheute: Jenseits aller Konventionen meldet sich hier das Subjekt mit Nachdruck zu Wort. Ilan Volkov nun übertrieb es im Kopfsatz nicht mit dem geforderten Brio, sondern legte – wie im gesamten Werk – den Wert eher auf rhythmische und artikulatorische Prägnanz. Dem Stück bekam das gut.
In Carl Philipp Emanuel Bachs Flötenkonzert schließlich durfte der Soloflötist des Staatsorchesters, Nathanael (2 Punkte auf dem e!!) Carré, nach Herzenslust sein virtuoses Potential demonstrieren. Vor allem im dritten Satz legte der junge Schlaks nach Kräften los und zeigte auch bei den heikelsten Figurationen – im Gegensatz zu den etwas gestressten Streichern – keine Schwächen.
Und selbst wenn eine moderne Querflöte für spätbarocke Musik wie diese nicht ideal scheint – Carré machte mit seinem eher herben, kühlen Ton das Beste daraus, die Streicher unterstützten ihn im Stil eines Originalklangensembles: Senza vibrato. Ma con espressione. (StZ)

17
Nov

Konstantin Wecker im Hegelsaal Stuttgart

Alles im Griff

Willy lebt. Der aufrechte Revoluzzer aus Konstantin Weckers bekanntestem Lied wurde offenbar in den 70er Jahren nicht, wie es im Text heißt, in einer Kneipe von Rechtsradikalen erschlagen, sondern verkauft heute bei Weckers Konzerten CDs und Bücher. Dies verkündete Konstantin Wecker bei seinem Konzert im ausverkauften Stuttgarter Hegelsaal und dürfte damit wohl bei einigen Verwunderung ausgelöst haben: Taugte der Willy-Mythos doch trefflich, das Bild des Widerstandskämpfers Wecker auch biografisch zu untermauern. Weckers Eingeständnis, in der Willy-Ballade etwas dramatisiert zu haben, passt aber durchaus zu seinem Auftritt an diesem Abend. Nach diversen Abstürzen hat der 67-Jährige sein Leben, trotz der Trennung von seiner Frau Annik im letzten Jahr, offenbar wieder im Griff und setzt nun auf Ehrlichkeit – auch sich selbst gegenüber. Freimütig erzählt dem Publikum von seiner Zeit im Gefängnis und seinem Drogenkonsum und kann sich dennoch einen Seitenhieb auf den ihn damals verurteilenden Richter nicht verkneifen: der habe sich von Weckers Lied „Der Herr Richter“, indem es um einen Exhibitionisten geht, wohl persönlich angegriffen gefühlt, und – so Weckers Unterstellung – ihn deswegen besonders hart bestraft. Wie auch immer: nötig hätte Wecker derlei späte Abrechnungen nicht. Denn seine Fähigkeiten als Liedermacher- und sänger sind immer noch aller Ehren wert. Der größte Teil seines Programms „40 Jahre Wahnsinn“ besteht aus jenen Lieder aus den 70er und 80er Jahren, die ihn einst berühmt gemacht haben: „Was tat man den Mädchen“, „Der alte Kaiser“, oder eben „Willy“, mit dem er das Konzert eröffnete. Wecker war damals ein Sprachrohr für den kollektiven Wunsch nach einer grundsätzlichen Veränderung der Verhältnisse, für die Sehnsucht nach „echtem“ Leben und tiefen Gefühlen. Dafür fand er treffende Metaphern und Bilder wie kein anderer Liedermacher, wobei seine Selbstgewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, gelegentlich einherging mit einer gewissen Überheblichkeit gegenüber jenen, die das Feindbild markierten: Spießer, Kapitalisten, Militär, die „feine“ Gesellschaft.
Trotz der „Sag nein!“ und „Wehrt Euch!“- Appelle überwogen an diesem Abend eher die leisen, nachdenklichen Töne. Am stärksten ist Wecker als (Liebes-)Lyriker in Songs wie „Was mir der Wind erzählt“ oder „Weil ich Dich liebe“, berührend auch die Ode an seinen verstorbenen Vater und die zärtlichen Lieder, die er seinen beiden Kindern gewidmet hat. Und da Wecker stimmlich immer noch sehr gut in Form ist und zusammen mit seiner dreiköpfigen Band auch musikalisch einiges bot, zog er sein Publikum im Verlauf des Abends immer stärker in den Bann. Zugabe folgte auf Zugabe, bis sich Wecker, nach fast vier Stunden, endlich verabschiedete. Ein starkes Konzert. (StZ)

6
Nov

Grigory Sokolovs Klavierabend im Beethovensaal Stuttgart

Nicht mehr ganz von dieser Welt

PORTUGAL MUSICWie kann ein Flügel klingen? Wenn man vielen Pianisten zugehört hat, meint man es zu wissen: von gröberen Naturen traktiert, tönt er gerne wie ein Schlaginstrument (was er seiner Mechanik nach auch ist), sensiblere vermögen ihm auch sangliche Qualitäten zu entlocken. Manchen gelingt es sogar, den Vorgang des Aufpralls der Hämmer auf die Saiten so zu differenzieren, dass beim Zusammenklang der Töne unterschiedliche Klangfarben entstehen.
Um das Spiel des Pianisten Grigory Sokolov zu beschreiben, der am Mittwoch abend einen Soloabend in der Meisterpianistenreihe im Stuttgarter Beethovensaal gegeben hat, reichen diese Kategorien nicht aus. Ein Sokolov-Konzert ist auch eine Schule des Hörens: denn die Art, wie der russische Pianist den Flügel behandelt, weckt völlig andere musikalische Assoziationen.
Die fließende Polyfonie der Allemande aus Bachs Partita B-Dur etwa lässt an ein Ensemble aus Blasinstrumenten denken, in der frei ausschwingenden Melodiestimme der Sarabande scheinen instrumentale Gesten und Kantabiltät zu einer Einheit verschmolzen zu sein. Sokolov schöpft das artikulatorische Spektrum zwischen Staccato und Legato aus und erreicht hier eine Qualität polyfon-klanglicher Durchgestaltung, die einzigartig ist. Bei allen Stücken dieses denkwürdigen Abends gab es Stellen, die man so noch nie gehört hat – in Beethovens Sonate Nr. 7 D-Dur vor allem im „Largo e mesto“, das Sokolov als zentralen Satz interpretiert. Kalt, fast unbewegt spielt er die Achtelbewegung der ersten Takte, danach erhebt sich in der Oberstimme ein stockender, erschütternder Klagegesang, immer wieder unterbrochen von schwarzen Akkordschlägen. Endlich rieseln, über Akkordflächen der linken Hand, Dreiergruppen aus Zweiunddreißigsteln wie goldene, tröstliche Sternschnuppen herab – eine Stelle zum Atemanhalten, nicht mehr ganz von dieser Welt.
In Chopins 3. Sonate h-Moll wird das Klavier zum Orchester. Nach dem vehementen Auftakt spielt Sokolov das Seitenthema in einem brüchigen Espressivo, dem alle Zärtlichkeit der Welt eingeschrieben ist und dem nichts süß Sentimentalisches mehr anhaftet. Das Scherzo huscht wie ein freundlicher Spuk vorbei, das Largo und vor allem das zersplitterte Presto-Finale weisen in ihrer existenziellen Dringlichkeit schon auf das Spätwerk Franz Liszts.
Dass Sokolov freigiebig mit Zugaben ist, ist bekannt. An diesem Abend schenkt er dem beglückten Publikum insgesamt sechs, was nochmals einen eigenen Programmteil ergibt, der den Abend erst kurz vor 23 Uhr enden lässt. In den drei Klavierstücken Schuberts, den beiden Chopin-Mazurken und Alexander Gribojedows Walzer e-Moll zeigt sich noch einmal Sokolovs unvergleichliche Kunst, den Flügel wie ein Medium zu behandeln, das dem Hörer unbekannte Welten aufschließt. Manche nennen das Transzendenz. (StZ)

2
Nov

Meshell Ndegeocello und das Terence Blanchard E-Collective im BIX

Freche Keyboardsounds und knurrender Bass

Diese Frau passt sich nicht an. Allein der Name – Meshell Ndegeocello – ist ja marketingmäßig ein Desaster – wie spricht man das aus? Und dann der Kurzhaarschnitt und das betont unweibliche Outfit….nein, das will so gar nicht passen zum Bild der sexy Singer-Songwriterinnen vom Schlag einer Norah Jones oder Katie Melua, die mit ihren Konzerten große Hallen füllen. Und dann spielt sie auch noch E-Bass, eigentlich eine klassische Männerdomäne.
Dennoch: das Konzert von im Jazzclub Bix am Samstag war gut besucht, was an Meshell Ndegeocellos Ruf als einer innovativen Musikerin liegen dürfte, die sich nicht ins Raster der Musikindustrie fügen will, sondern ihren eigenen Weg geht. Mitgebracht hatte sie mit Earl Harvin (drums), Jebin Bruni Keyboard) und Chris Bruce (Gitarre) jene Band, mit der sie auch ihr aktuelles Album „Comet, Come to me“ eingespielt hat. Nun ist das stilistische Spektrum von Meshell Ndegeocello groß: Funk, Rhythm ´n´ Blues, Jazz, Soul – sie hat eigentlich alles drauf, und so ist es immer ein bisschen überraschend, worauf sie gerade den Fokus legt. Bei ihrem aktuellen Projekt sind es eher die ruhigeren Töne: weniger jazzig, sondern eher im Stil klassischer Singer-Songwriter sind die meisten Stücke gehalten, wobei sie bei Titeln wie „Friends“ auch schon mal eine Prise Rap ins Spiel bringt. Einige der neuen Songs sind melodisch stark und interessant instrumentiert, andere eher simpel angelegt: recht monoton wiederholen sich da die Gesangslinien über eingängigen Akkordwechseln. Mit Leonard Cohens „Suzanne“ und „Don´t let me be misunderstood“ von Nina Simone bürstet sie auch zwei Klassiker geschmackvoll gegen den Strich, doch insgesamt wirkt vor allem der Schlagzeuger über weite Strecken unterbeschäftigt. Und obwohl der Keyboarder einige freche Sounds beisteuert, plätschert der Abend über weite Strecken etwas lau dahin. Spannend wird es, wenn Meshella zeigt, was als Bassistin drauf hat: da ist sie Weltklasse. Leider war das an diesem Abend selten der Fall.

Terence Blanchard

Terence Blanchard

Hoch dosierten Topklasse-Jazz gab es dafür am Abend zuvor im Bix beim Gastspiel des Terence Blanchard E-Collective. In den USA ist der Trompeter und fünffache Grammy-Gewinner längst eine Institution, hierzulande aber noch eher ein Geheimtipp, wie das längst nicht ausverkaufte Bix zeigte. Dieses Konzert war eine eindrucksvolle Demonstration des technischen und musikalischen Niveaus, das der zeitgenössische Jazz heute erreicht hat – zumindest in den USA. Mit seinem E-Collective etabliert Blanchard eine Qualität kollektiven Musizierens, das sich mit Begriffen wie „Solo“ oder „Begleitung“ nicht mehr adäquat beschreiben lässt. “Dichte“ oder „Spannungszustände“ wären Begriffe, die dem näher kommen, was während der ausgedehnten musikalischen Höhenflüge dieser Band passiert. Fast wie bei klassischen Kompositionen werden, in ständiger Kommunikation der Musiker, rhythmische und melodische Motive zunächst etabliert, dann aufgenommen und spielerisch variiert und verarbeitet, was aber zum Glück überhaupt nichts Akademisches hat – im Gegenteil. Denn mit spürbarer Lust am Zitieren würzt die Band ihr sehr avanciertes Spiel immer wieder mit augenzwinkernden Retroanklängen: da jault dann der Synthesizer wie einst bei Emerson, Lake & Palmer, groovt und knurrt der Bass wie der von Marcus Miller auf Miles Davis´ „Tutu“. Die fabelhafte Rhythmusgruppe mit Donald Ramsey (b) und Oscar Seaton (drums) wäre allein schon den Eintritt wert, doch wann hat man einen Gitarristen wie Charles Altura gehört, dessen harmonisch komplexe und melodisch ungewöhnliche Strukturen so gar nichts mit dem Skalengenudel zu tun haben, das die meisten Gitarristen gewöhnlich liefern? Auch der Keyboarder Fabian Almazan ist ein stilistischer Tausendsassa, der erst gegen Ende des Konzerts, bei dem Hendrix-Stück „Power of Soul“ seine kubanischen Wurzeln dezent einfließen lässt. Und frappierend die souveräne Coolness, mit der die Band hier auftritt, ohne im Mindesten arrogant zu wirken. Ach Amerika – zumindest beim Jazz hast du´s besser. (StZ)

19
Okt

Maria Bill singt Lieder von Edith Piaf

Große Kunst

piaf_4Das von Schickalsschlägen durchzogene Leben von Edith Piaf könnte als Beleg für die These gelten, dass große Kunst und großes Leid zusammengehören. Von der Cousine Ihrer Mutter, einer Bordellbesitzerin, in der Normandie aufgezogen, wird sie mit 17 schwanger, ihr (einziges) Kind stirbt zwei Jahre später. Mit 20 wird sie des Mordes an ihrem Vater verdächtigt, kommt in Untersuchungshaft, ihre Karriere scheint beendet. Doch sie rappelt sich wieder auf, wird zu einem gefeierten Weltstar. Yves Montand, Charles Aznavour und Jean Cocteau zählen zu ihren Liebhabern, doch die Liebe ihres Lebens, der Boxer Marcel Cerdan, kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Mit 47 stirbt sie, ausgebrannt und alkoholabhängig, in Paris. In Edith Piafs Aufnahmen, im Timbre ihrer Stimme klingt dieses Leben, das auf uns in seiner verzehrenden Intensität gleichermaßen abschreckend wie anziehend wirkt, heute noch nach. Wer kann das singen?
Maria Bill. Zum Auftakt des 13. Stuttgarter Chansongfests im Renitenz-Theater gelingt der gebürtigen Schweizerin, unterstützt von dem großartigen Akkordeonisten Krzysztof Dobrek und Michael Hornek am Klavier das Kunststück, gleichzeitig in die Figur der Edith Piaf zu schlüpfen und deren Lieder doch neu zu interpretieren. In ihrem schwarzen Kleid wirkt die aparte 65-jährige ähnlich zart und fragil wie die Piaf. Doch anders als die auf der Bühne eher verschlossen wirkende Französin ist Maria Bill ein Energiebündel, eine vor Lebenslust vibrierende Frau, die mit ihrer Aura sofort das Publikum im gut gefüllten Theater in ihren Bann zieht. Im Stil großer Diseusen, mit ungemein wandlungsfähiger Stimme und körperlicher Präsenz lässt sie mit berühmten Chansons wie „La vie en rose“, „Sous le ciel de Paris“ und natürlich „Je ne regrette rien“ die Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit in Montmartre noch einmal aufleben. Zwei faszinierende, kostbare Stunden, die am Ende ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen. Sehnsucht? (StZ)

14
Okt

Der Saisonauftakt des Freiburger Barockorchesters in Stuttgart

Schwacher Start, starkes Finale

Am Ende wurde alles gut. Beim letzten Stück des Abends, Händels Concerto F-Dur HWV 333 trat das Freiburger Barockorchester im Mozartsaal so auf, wie man es von ihm erwartet (und wie es wohl auch seinem eigenen Anspruch entspricht): rhythmisch aus einem Guss, schlüssig phrasierend, auch technisch weitgehend sauber. Als ein echtes Ensemble, bei dem jeder Musiker mit dem Herzen bei der Sache war. Nun hatte Händel für dieses Werk nichts neu komponiert, sondern einige Preziosen aus seinen Oratorien herausgesucht und sehr geschickt für Orchester eingerichtet – zu spielen dürfte das mehr Spaß gemacht haben als die mitunter sehr formelhaft-konventionellen Sätze der anderen beiden der ingesamt drei „due cori“-Konzerte, bei denen Händel das Orchester, in Anspielung an die venezianische Mehrchörigkeit, in zwei korresponierende Sektionen aufgeteilt hat. Das allein aber erklärt nicht, warum das FBO bei seinem Konzert zum Saisonauftakt in der ersten Programmhälfte über weite Strecken einen derart unkonzentrierten, uninspirierten Eindruck gemacht hat – auch bei dem zwischen die Händelkonzerte geschobenen Concerto-F-Dur RV 569 Vivaldis. Anne Katharina Schreiber spielte dessen Violinsolopart eloquent und mit Verve, aber auch mit einigen intonatorischen Unschärfen. Dazu schien sie sich mit den Bläsersolisten im dritten Satz nicht einig darüber zu sein, welches Tempo nun das passende sei: während die Geige immer wieder davonzog, bremsten die Bläser regelmäßig wieder ab.
Nun bringen historische Blasinstrumente dem Spieler mehr technische Widerstände entgegen als moderne Instrumente – das gilt speziell für Naturhörner, aber auch für Holzblasinstrumente. Trotzdem zeichnet ein erstklassiges Alte-Musik-Ensemble aus, dass diese Widerstände aufgefangen und eingebunden werden in einen konzisen, von einem gemeinsamen rhythmischen Puls getragenen Gesamtklang. Zwar spielten gerade die Oboistinnen des FBO ihre mitunter sehr exponierten Soli mit bewundernswerter Akkuratesse und musikalischer Gestaltungskraft (die Bedeutung von concertare: wettstreiten, war hier durchaus wörtlich zu verstehen), darüber hinaus wirkte aber vieles merkwürdig unorganisch und spannungslos.
Nach der Pause nahm Petra Müllejans, die andere Konzertmeisterin des FBO neben Gottfried von der Goltz, dessen Platz am ersten Pult ein. Und man konnte förmlich zusehen, wie das Orchester nach und nach aus seiner Lethargie erwachte. Schon bei Johann Christoph Schmidts Partie à deux choeurs B-Dur agierte das FBO deutlich homogener, begann sich das bis dahin zerfaserte Spiel zu ordnen. In Vivaldis Concerto F-Dur RV 574 ließen sich dann auch die Solisten von Müllejans´ Impulsen einfangen – wunderbar ausgesungen das Oboensolo im Grave, und geradezu entfesselt das des Solocellisten im abschließenden Allegro. Gottfried von der Goltz setzte als Solist einige geigerische Akzente, wenngleich auch ihm die letzte intonatorische Sicherheit in hohen Lagen fehlte. Im letzten Händelkonzert passte dann – siehe oben – schließlich alles zusammen. Sie können es also doch noch, die Freiburger. „Liebesduell“ ist der Titel ihres nächsten Konzerts am 20. Dezember.

StZ

z

4
Okt

Susanne Lang spielt Klavierwerke von Evgenij Gunst

Lohnende Entdeckung

GunstEs ist keine Schande, den Namen Evgenij Gunst noch nie gehört zu haben. 1877 in Moskau geboren, wo er sich als Komponist und Musikschriftsteller in den Kreisen der Skrjabinisten bewegte, emigrierte Gunst nach der russischen Revolution nach Paris, wo er 1950 verarmt starb. Erst 2010 begann die Sichtung seiner hinterlassenen Manuskripte, darunter auch eine große Anzahl Klavierwerke. Die junge, aus Speyer stammende und in Basel lebende Pianistin Susanne Lang legt mit ihrer CD „Wanderer zwischen den Welten“ nun ein beeindruckendes Porträt des fast vergessenen Komponisten Gunst vor, dessen Biografie durchaus typisch ist für viele in die Emigration gezwungene russische Künstler. Eine Biografie, die in der Entwicklung von Gunsts kompositorischem Stils gespiegelt ist. Frühe Werke wie die beiden Sonaten op. 8 und op. 10 erinnern in ihrer vollgriffig-virtuosen Faktur an russische Zeitgenossen wie Rachmaninov und Skrjabin, in der „Romance sans paroles“ op. 2 scheint sogar etwas chopineske Melancholie durch. Die späteren, in Paris geschriebenen Werke wie die „Douze Miniatures“ op. 28 zeigen in ihrem luziden Satz und ihrer bildhaften Pointierung dagegen deutlich Einflüsse von Debussy und Ravel. Auch wenn pianistisch mit dieser Einspielung das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, so gestaltet Susanne Lang die technisch mitunter äußerst anspruchsvolle Musik Gunsts bravourös und mit großer Sensibilität. Ihr Klavierspiel ist weniger titanisch als differenziert, alles ist im Fluss und klanglich fein ausgehört. Eine lohnende Entdeckung.

Evgenij Gunst. Wanderer zwischen den Welten. Susanne Lang, Klavier. Oehms Classics 899.

22
Sep

Die Spielzeiteröffnung der Stuttgarter Staatstheater

Wow, welche Power! Den Auftakt zur Spielzeiteröffnung des Stuttgarter Balletts im Opernhaus bildete eine fulminante Tanzeinlage: Jesse Fraser, Alexander McGowan und Matteo Crockard-Villa animierten mit einer an Streetdance und Musical erinnernden Performance das Publikum gleich zu Bravorufen. Danach waren die drei Tänzer ziemlich aus der Puste, die Stimmung im Saal aber gut, als Vivien Arnold die Mitglieder der Runde vorstellte, die einen Ausblick auf die kommende Spielzeit geben sollten. Neben Intendant Reid Anderson waren das der Choreograf Demis Volpi, der stellvertretende Intendant Tamas Detrich und die Tänzer Alicia Amatriain und Friedemann Vogel. Die meiste Zeit redete aber vor allem einer: Reid Anderson. Auf eine präzise Frage wie jene, wann er mit der Spielzeitplanung beginne, holte Anderson weit aus und kam dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen. Er gab Einblicke in seine Dramaturgie („Wie lange haben wir das nicht mehr gemacht? Wir sollten das mal wieder machen.“), die er mit unterhaltsamen Anekdötchen aus der Ballettwelt garnierte. Anfangs lauschte ihm das Publikum noch merklich amüsiert, verfügt er doch über Charme und Humor, doch nach einer Weile begann auf den Rängen der Exodus. Man erfuhr zwar ein bisschen, wer wann in welchem Stück tanzt und warum, aber insgesamt mangelte es der Plauderstunde doch an Struktur.
Das machte die Oper besser. Zur Vorstellung der neuen Saison kamen der Intendant Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito, Operndirektorin Eva Kleinitz, GMD Sylvain Cambreling, die Leiterin der Jungen Oper, Barbara Tacchini, und der Dramaturg Patrick Hahn zusammen, um eine Einführung zu den anstehenden Premieren und Konzerten zu geben. Und da gab es, neben den üblichen Gemeinplätzen und gegenseitigem Loben einiges Interessantes zu erfahren. Über die Hintergründe zur Oper „Jakob Lenz“ etwa, die Wolfgang Rihm 1978 komponierte und die im Rahmen eines Rihm-Wochenendes am 25. Oktober Premiere haben wird. Andrea Breth, die auch im Publikum saß, inszeniert das Werk, von dem man schon mal einen akustischen Eindruck bekommen konnte: Georg Nigl (Lenz) sang eine kurze Szene und hinterließ damit einen starken Eindruck.
Denn die kleine Saisontour wurde zum Glück nicht nur verbal unternommen. Zu jeder geplanten Premiere gab es einen kleinen musikalischen Ausschnitt, was nicht nur erhellend war, sondern auch das Publikum bei Laune hielt. Und man hatte sich damit Mühe gegeben: das Duett von Daniel Kluge und Ashley David Prewett aus Mussorgskys Oper „Chowanschtschina“ hatte man für diesen Anlass sogar szenisch ausgearbeitet. Sophie Marilley wurde bei ihrer Arie aus Niccolò Jommellis „Berenike, Königin von Armenien“ von einem feinen Streichquintett aus Mitgliedern des Staatsorchesters begleitet. Bei den Arien aus Mozarts „Così fan tutte“ und Verdis „Rigoletto“ (gesungen von Ronan Collett bzw. Atalla Ayan) war das nicht nötig: Gassenhauer wie „La donna è mobile“ wirken auch mit Klavierbegleitung. Merklich stolz ist man, dass in der neuen Saison auch einige sehr geschätzte Sänger wieder ans Stuttgarter Haus zurückkehren. Neben dem Tenor Matthias Klink, der Ensemblemitglied wird, sind das Angela Denoke (sie singt die Küsterin in Leoš Janáceks „Jenufa“) und Catherine Naglestad als Madame Butterfly. Da werden sich viele Fans freuen.
Eine Einführung in die einzelnen Premieren wäre beim Schauspiel schon allein wegen deren Anzahl gar nicht möglich, und so dürfte dem Intendanten Armin Petras die Entscheidung leicht gefallen sein, an den überaus erfolgreichen Spielzeiteinstand der vergangenen Saison anzuknüpfen. Mit „Hello! Look at me!“, stellten sich damals die neuen Schauspieler vor. „Hello! Look at us!“ lautete diesmal das Motto, bei dem die Schauspieler aufgefordert waren, ihren „Lieblings-Stuttgarter“ mit auf die Bühne zu bringen. Schließlich, dachte sich wohl Petras, sollte nach einem Jahr in Stuttgart auch ein Reingeschmeckter soweit mit der Bevölkerung in Kontakt gekommen sein, dass er einen Favoriten küren und mitbringen könnte – und vertraute dabei auf die Fantasie seiner Truppe, aus dieser Ausgangssituation theatralische Funken schlagen zu können. Und das tat sie. Und wie!
Es würde den Umfang dieser Zeilen sprengen, auch nur alle Höhepunkte dieses an Einfallsreichtum, Witz und Bühnenkunst geradezu überbordenden Abends zu beschreiben, der deutlich machte, welch enormes kreatives Potential Armin Petras am Stuttgarter Schauspiel versammelt hat. Einige seien doch genannt: da war zu Beginn Sebastian Röhrle, der in einer atemraubenden Suada erklärte, warum er seinen Lieblings-Stuttgarter leider gerade an diesem Abend nicht mitbringen konnte. Sebastian Wendelin, ganz neu im Ensemble, begann seine grandiose Performance im rosa Tanzanzug mit einem Pas de deux mit Aldi-Tüte, aus der er hernach (er kommt aus Wien) zwei panierte Schnitzel hervorzog und mit einem Freiwilligen aus dem Publikum verspeiste: der war dann selbstredend sein Lieblings-Stuttgarter. Herrlich auch die augenzwinkernden Verweise auf die Hochkultur: Horst Kotterba holte für seine Faust-Szene gleich sechs Gretchen aus dem Publikum auf die Bühne, die ihren Text auf sehr individuelle Weise interpretierten. Grandios auf den Hund gekommen war Wolfgang Michalek. Dessen Vierbeiner ist zwar sein Lieblings-Stuttgarter, aber kein Pudel, und in Mephisto verwandelte der sich in der berühmten Szene gleichfalls nicht. Dafür war es richtig große Schauspielkunst. (StZ)

Frank Armbruster

21
Sep

Das erste Abokonzert des Stuttgarter Kammerorchesters im Theaterhaus

Manches können Quartette besser

Drei der neun Abokonzerte wird das Stuttgarter Kammerorchester in der neuen Saison im Theaterhaus spielen, wofür es gute Gründe gibt. Denn vermutlich hofft man beim SKO, dass der personellen Verjüngung des Orchesters langfristig auch eine des Publikums folgen wird – und gerade Jüngere dürften sich in der offenen Atmosphäre des Kulturzentrums auf dem Pragsattel deutlich wohler fühlen als im doch etwas piefigen Mozartsaal.
Allerdings bezahlt man dafür einen Preis, der möglichweise zu hoch ist. Mag die Akustik im T1 für große Sinfonieorchester noch einigermaßen tauglich sein, so kommt ein Kammerorchester hier an seine Grenzen. Trocken und matt klingt das SKO in diesem Raum, der die Höhen dämpft und den Klang wenig trägt – wüsste man nicht von anderen Konzerten, welche Fortschritte das Kammerorchester gerade in klanglicher Hinsicht in der letzten Zeit gemacht hat, man würde es kaum glauben.
Insofern hatten es die Musiker an diesem Abend schwer, das Programmmotto adäquat umzusetzen: Um „Das Singen der Streicher“ sollte es gehen, wozu man mit Nils Mönkemeyer einen der besten jungen Bratscher als Solisten verpflichtet hatte. Der zeigte in Telemanns Konzert für Viola und Streicher G-Dur seine Kompetenz auch im barocken Genre. Technisch bravourös, mit behänden Verzierungen und sanft schimmerndem Bratschenklang spielte er sich in guter Abstimmung mit dem Orchester durch die vier immer wieder mit Überraschungen aufwartenden Telemann-Sätze, von denen nur das Largo unter einer gewissen Statik litt – hier übertrieb es der Chefdirigent Matthias Foremny mit barock-kleinteiliger Phrasierung.
Mit Mozarts Divertimento D-Dur KV 155, Puccinis „Crisantemi“ und Verdis e-Moll Quartett standen gleich drei Orchesterbearbeitungen nach Streichquartetten auf dem Programm. Die Versuchung ist groß für Streichorchester, sich aus dem riesigen Quartettrepertoire zu bedienen, doch selten nur bringt das chorische Aufzoomen der puren Vierstimmigkeit einen wirklichen Mehrwert. Auch sehr gute Ensembles können kaum verhindern, dass die empfindliche Ökonomie des Satzes gestört wird und die Klangbalance aus dem Gleichgewicht gerät. Kommen dann, wie an diesem Abend beim SKO, Intonationstrübungen der Violinen dazu, denkt man wehmütig an die Interpretation durch gute Quartette.
So blieb als herausragender Programmpunkt das Konzert für Viola und Kammerorchester des Litauers Vytautas Barkauskas. Wie viele Werken baltischer Komponisten ist auch dieses von einer eher introspektiven, meditativen Grundstimmung, innerhalb derer sich expressive Kantilenen der Viola über einem brüchigen, von Motivsplittern des Cembalos immer wieder dezent aufgerauten Klanggrund erheben. Nils Mönkemeyer spielte das klanglich variabel und mit einer spürbaren persönlichen Identifizierung mit dieser auratischen, nur manchmal ein wenig konventionellen Musik. (StZ)

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