16
Aug

8 Jahreszeiten. Liv Migdal & Deutsches Kammerorchester Berlin.

4260123642358Man kann manches kritisieren bei dieser CD. Dass eine Neueinspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ angesichts der Vielzahl an Aufnahmen nun wirklich keiner braucht. Dass das Deutsche Kammerorchester Berlin nicht, wie es bei Barockmusik Standard ist, auf historischen Instrumenten spielt. Dass Leonid Desyatnikovs Bearbeitung von Astor Piazzollas „Las Cuatro Estaciones“ – er flicht Motive aus Vivaldis gleichnamigem Werk in die Tangosätze ein – kaum im Sinne des Komponisten gewesen sein dürften. Und doch hört man diese CD ausnehmend gern, was in erster Linie am ungemein animierten Spiel der Solistin Liv Migdal liegt. Die 1988 geborene Geigerin spielt nicht nur technisch perfekt, sondern fesselt mit einer Intensität, die sich sowohl tonlich als auch gestalterisch vermittelt. Das Deutsche Kammerorchester Berlin spielt rhythmisch nicht immer auf den Punkt, lässt sich aber vom Feuer der Solistin anstecken.

Solo Musica SM235.

4
Aug

John Fields Nocturnes

Für Freunde der Frühromantik

roeDer Ire John Field, der selbst Schüler von Muzio Clementi war, gilt als Erfinder des Nocturnes, jener Form romantischer Charakterstücke, die Fréderic Chopin dann zu ihrer schönsten Blüte entwickelt hat. Freilich täte man Fields Preziosen unrecht, würde man sie direkt mit den Nocturnes von Chopin vergleichen. Auch wenn beide viele Ähnlichkeiten aufweisen, wie die häufig arabesk ausgezierte Melodieführung über weit gespannten Arpeggien der Linken, so sind Chopins Nocturnes doch harmonisch wie melodisch ungleich raffinierter. Dennoch besitzen auch die Stücke Fields ihre zwar schlichteren, aber gleichwohl anrührenden Qualitäten, die Elizabeth Joy Roe mit viel Sensibilität zum Ausdruck bringt. Der Grad zwischen beherztem Espressivo und Kitsch ist dabei schmal, doch überschreitet ihn Roe mit ihrem technisch profunden und delikaten Spiel nicht. Eine interessante Entdeckung für Freunde der Frühromantik.

 

John Field. Complete Nocturnes.Decca/Universal 478 9672

1
Aug

Mahlers Sinfonien mit Jonathan Nott und den Bamberger Symphonikern

Auf Leben und Tod

 

0812973016700In diesem Sommer verlässt Jonathan Nott die Bamberger Symphoniker, die er 16 Jahre geleitet hat. Eine lange Zeit, in der der Engländer das Orchester zu einem international gefragten Klangkörper geformt und sich dabei vor allem als hoch kompetenter Mahler-Dirigent profiliert hat. 2003 startete mit der Fünften die Einspielung sämtlicher Mahlersinfonien, die 2010 mit der Aufnahme der Sechsten und Achten abgeschlossen wurde; die beim Label Tudor bisher einzeln erschienenen Hybrid-SACDs sind nun als 12er-Box zum günstigen Preis erhältlich.

Die Anzahl der Mahler-Kompletteinspielungen insgesamt ist ja überschaubar – zu groß sind die Anforderungen, nicht nur was die Besetzung anbelangt, als dass sich ein solches Unternehmen im sinfonischen Routinemodus erledigen ließe. Und wenn man die Aufnahmen von Leonard Bernstein, Klaus Tennstedt, Pierre Boulez oder Michael Tilson Thomas gemeinhin zu den Referenzen zählt, so ist diese Neueinspielung geeignet, ihnen diesen Rang streitig zu machen. Die technische Brillanz der Bamberger, die mittlerweile auf Spitzenorchesterniveau spielen, ist dafür Voraussetzung, doch wäre bei Mahler damit allein noch nichts gewonnen. Entscheidend ist, dass es Jonathan Nott gelingt, in jedem Takt deutlich zu machen, dass es in Mahlers Musik immer um alles geht: um Leben und Tod, um Gott, Natur und die Unendlichkeit.

Nott ist ein Partiturdurchleuchter wie Boulez, aber mit dem Herzblut und der Leidenschaft eines Bernstein, ohne dabei zusehr in Pathos zu verfallen – so könnte man seinen Zugang zu Mahler charakterisieren. Dabei vermittelt er eine Unbedingtheit des Ausdrucks, die in Partiturkenntnis gründet: Alles ist hier klar strukturiert, noch die letzte Nebenstimme erscheint bewusst gestaltet. Die Dringlichkeit des Tons findet sich in jeder der neun Sinfonien (auf das Adagio der Zehnten hat Nott verzichtet). Den ersten Satz der Sechsten etwa entwirft Nott als erschütterndes Pandämonium, getragen von einem unerbittlich drängenden Marschrhythmus, den die Holzbläser mit giftigen Einwürfen spicken. Eine existenzielle Erfahrung von Bitternis und Leid, wie der Kopfsatz der Fünften, zu der die Transzendenz der zweiten oder dritten Sinfonie den Kontrapunkt bildet. Gerade im Finale der Dritten beweist Nott auch seine außergewöhnliche Fähigkeit, Phrasierungsbögen über knapp halbstündige Sätze zu spannen: inniger, verklärter metaphysischer hat man dieses Adagio (wie auch das Schlussadagio der Neunten) wohl nie gehört! Die insgesamt hochklassige Sänger- und Chorbesetzung und die exzellente Tontechnik runden das Bild ab.

Gustav Mahler. The 9 Symphonies. Bamberger Symphoniker. Jonathan Nott. TUDOR 1670. 12 CDS.

 

17
Jul

Die Jazz Open Stuttgart 2016

Weniger Jazz war wohl noch nie bei den Stuttgarter Jazz Open als in diesem Jahr – zumindest was die open air-Hauptbühne vor dem Neuen Schloss anbelangt. Standen dort im Vorjahr mit Gregory Porter und Dianne Reeves noch ausgewiesene Jazzinterpreten, so waren diesmal ausschließlich Vertreter der Pop-und Rockszene zu Gast. Ohne Publikumsmagneten lassen sich solche Festivals kaum mehr finanzieren, denn die Erfahrungen der letzten Jahre haben eines gezeigt: auch in seinen domestizierten Erscheinungsformen ist Jazz nach wie vor keine Musik für die Massen.
Trotzdem darf man die Jazz Open Stuttgart immer noch mit Fug und Recht als Jazzfestival bezeichnen, gab es doch auf kleineren Bühnen ein breites Spektrum an „echten“ Jazzkonzerten. Chick Corea spielte mit seinem Quintett gar im Beethovensaal der Liederhalle vor 2100 Hörern, ein Abend, den man freilich mit gemischten Gefühlen verfolgte. Corea hatte hier ein Ensemble von Spitzenkönnern der amerikanischen Jazzszene versammelt, deren technischer Brillanz zum Trotz alles mehr oder weniger gleich klang. Thema, Soli, Thema, das Ganze befeuert von einem enervierenden Dauergroove. Enttäuschend.
Im Gegensatz dazu zeigte das grandiose Konzert von Coreas ehemaligem Bassisten Avishai Cohen im Sparda Eventcenter, welches Niveau die Formation Jazz-Klaviertrio heute erreicht hat. Hier erlebte man Improvisation im Kollektiv, fesselnd und inspiriert, ein Konzert, das auch von der Nähe zu den Musikern lebte. Noch dichter dran ist man im Jazzclub BIX, der für viele seit Jahren das eigentliche Zentrum der Jazz Open darstellt. Auch hier gab es Jazz auf Weltklasseniveau, der sich auch gern mal jenseits des Mainstreams bewegte. Wie das Quartett der französischen Sängerin Cyrille Aimée, das sehr animierend traditionellen Jazz mit Gipsy-Elementen verbindet und diesen mit zu Herzen gehender Spielfreude präsentierte.
Dagegen wirkte selbst der Auftritt des Altstars Van Morrison reichlich saturiert, selbst wenn sich der 70-Jährige stimmlich nach wie vor in sehr guter Verfassung befindet und mit seinen ebenfalls recht betagten Bandkollegen einen so relaxtes wie inspiriertes Konzert hinlegte. Dazu stimmte der Sound, im Gegensatz zum Konzert von Santana: hier nervte lange der breiige und übersteuerte Klang, den die Techniker erst allmählich in den Griff bekamen. Lange war Konzert deshalb kein Vergnügen, obwohl die Band reichlich Druck machte und Meister Carlos seine Gitarre singen ließ wie eh und je. Doch spätestens bei „Black Magic Woman“ und „Oye como va“ tanzten auch die letzten Zuhörer im ausverkauften Schlosshof. Und alles war gut.

(Mannheimer Morgen)

10
Jul

Bellinis Oper „I Puritani“ am Stuttgarter Opernhaus

Die Welt ist aus den Fugen

 

Viele Opernhandlungen entwickeln ihre Dynamik aus dem immergleichen Dreierkonflikt: Tenor liebt Sopran, Bass (oder Bariton) liebt Sopran aber auch und will die Verbindung der hohen Stimmen verhindern. Am Ende kriegt sich das Paar dann doch.

Das gilt auch für Vicenzo Bellinis Oper „I Puritani“, deren Neuinszenierung durch das Regieduo Jossi Wieler und Sergio Morabito nun am Stuttgarter Opernhaus eine zu Recht umjubelte Premiere gefeiert hat. Nun gehört es freilich zum Selbstverständnis vieler Regisseure, solch billigen Happy End-Klischees zu misstrauen – und auch Bellinis letzte Oper gibt solcher Skepis reichlich Nahrung. Dass Elvira (Sopran), die Tochter des puritanischen Gouverneurs Lord Valton, nach der Flucht ihres Geliebten Arturo (Tenor) und den anschließenden Zudringlichkeiten von Seiten Riccardos (Bariton) zunächst den Verstand verliert und ihn dann pünktlich zu Arturos Rückkehr zurückerlangt, zählt ebenso zu den Kruditäten des Librettos wie der Umstand, dass jener Arturo, ein Parteigänger der verfeindeten katholischen Stuarts, bei seinem ersten Auftritt im Kreise der Puritaner mit Glanz und Gloria empfangen wird. Nein, auf der realistischen Ebene ist dem Stück, das zur Zeit des englischen Bürgerkriegs nach der Ermordung Karls I. und dem Sieg Oliver Cromwells über die Katholiken spielt, schwerlich beizukommen. Deshalb haben Wieler und Morabito für ihre dritte Inszenierung einer Bellini-Oper nach „La Somnambula“ und „Norma“ ihr Analysebesteck ausgepackt und aus „I Puritani“ eine Charakterstudie entwickelt, die den Fokus weg von der Rahmenhandlung darauf lenkt, was die Protagonisten im Innersten bewegt.

Im Zentrum steht dabei Elvira, die von dem Stuttgarter Koloraturenwunder Ana Durlovski überwältigend gesungen und gespielt wird: als eine emotional unreife, in ihren Phantasmagorien gefangene Frau, die Heftchen liest und von jenem Märchenprinzen träumt, der in Arturo dann (Bühnen-)gestalt annimmt – großartig dessen Auftritt in roten Samtpluderhosen, degenschwingend wie ein Musketier in einer Hollywoodverfilmung. Nicht nur hier gelingt der Regie ein bildkräftiger, überraschende Einblicke ermöglichender Perspektivenwechsel, indem Bühnen- und Innenwelt symbolkräftig überblendet werden. Nachhaltig verstörend ist auch der Auftritt von Elviras Onkel Giorgio: eine im Stil des 19. Jahrhunderts gekleidete, aus dem zeitlichen Kontext fallende Figur, die wie ein Varietékünstler eine Handpuppe aus ihrem Requisitenkoffer zieht – ein alter ego Sigmund Freuds?

Ins Unterbewusste zielt jedenfalls vieles in dieser grundklugen Inszenierung: das Puppenhaus, in das sich Elvira im zweiten Akt zurückzieht, nachdem sie von Riccardo betatscht (sollte man sagen: missbraucht?) wurde. Die abgeschlagenen Köpfe der Heiligenfiguren, die sie Arturo nach dessen Rückkehr vor die Füße wirft. Der stolpert wie blind darüber – will oder kann er die Realität nicht sehen? Nicht alles lässt sich da zweifelsfrei deuten, aber dass die Welt gründlich aus den Fugen ist, wird auch in Anna Viebrocks kongenialem Bühnenraum sichtbar, wo sich die Wände im zweiten Akt fast unmerklich zu verschieben beginnen. In den finalen Jubel über die Freilassung der Gefangenen kann das „hohe Paar“ Elvira und Arturo jedenfalls nicht einstimmen: am Ende bleiben sie isoliert, ja: zerstört zurück. Das Happy End fällt aus.

Zum Abschluss der Saison ist der Stuttgarter Oper noch einmal eine überragende Produktion gelungen, die das Niveau der Regie auch musikalisch hält. Bis auf Edgardo Rocha, der die mörderische hoch liegende Partie des Arturo fulminant meistert, sind alle Rollen aus dem Ensemble besetzt. Ana Durlovski (Elvira) festigt ihren Ruf als grandiose Darstellerin neurotischer Frauenfiguren, Diana Haller meistert die Partie der Enrichetta bravourös. Die Männerstimmen, vor allem Adam Palka als bassbeweglicher Giorgio und Gezim Myshketa als ruppig-viriler Riccardo stehen dem nicht nach, und auch der Dirigent Giuliano Carella trifft mit dem prächtig disponierten Staatsorchester den Charakter von Bellinis melodiensatter, immer aufs Gefühl zielenden Musik ideal.  (Südkurier)

 

Aufführungen am 11., 14.,17.,27. Juli

1
Jul

Ksenija Sidorova spielt Bizet

Nicht bloß femme fatale

 

Ksenija-SidorovaSchon wieder „Carmen“, mögen da manche meckern, und dann noch dieses peinliche Coverfoto, auf dem Ksenija Sidorova als laszive femme fatale posiert. Doch gemach: denn die Ohrwürmer aus Bizets Erfolgsoper, die die lettische Akkordeonistin auf ihrer ersten CD für die Deutsche Grammophon teils mit Orchester (dem Borusan Istanbul Philharmonic), teils mit dem neunköpfigen Ensemble „Nuevo Mundo“ aufgenommen hat, sind so geschmackvoll und interessant arrangiert wie glänzend gespielt. Man hört das, sozusagen, einfach gern. Sidorova ist nicht nur eine ausgewiesene Virtuosin mit beträchtlicher Bühnenausstrahlung, die schon mit Größen wie Sting und Rolando Villazon aufgetreten ist, sie hat auch musikalisch wenig Berührungsängste. Dazu sieht sie aus wie ein Model, was ebenfalls nicht schaden kann, wenn es darum geht, auch größere Hallen zu füllen. Ja, es erscheint gar durchaus möglich, dass Sidorova mit dem oft als Volksinstrument belächelten Akkordeon gelingen könnte, was David Garrett mit der Geige geglückt ist. Die Chancen dafür sind nicht schlecht.

Ksenija Sidorova. Carmen.
Deutsche Grammophon/Universal 4795224.

27
Jun

Das Markus Geiselhart Orchestra in Ludwigsburg

Bigbandmusik auf der Höhe der Zeit

Dass es im Nachkriegsdeutschland Bigbands wie die von Max Greger oder Hugo Strasser waren, die sozusagen die musikalische Grundversorgung übernommen hatten – wobei die Grenzen zwischen Tanzmusik und Jazz fließend waren – dürfte einiges zum konservativen Image der Bigband beigetragen haben. Waren ihre Vorbilder, also Count Basie, Duke Ellington oder Glenn Miller stilistisch noch auf der Höhe ihrer Zeit, so blieben deren Nachfolger auch dann noch größtenteils dem gepflegten Swing verhaftet, als sich der Jazz schon längst dramatisch weiterentwickelt hatte. Das Konzert in der Reithalle der Karlskaserne mit dem Markus Geiselhart Orchestra war nun ein Beweis dafür, dass sich mit einer klassischen Bigbandbesetzung höchst zeitgenössische Musik machen lässt, ohne dabei die Tradition gänzlich zu verleugnen.
Schon im vorigen Jahr gastierte der in Fellbach geborene Posaunist und Bandleader Geiselhart im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit dem Don Ellis Tribute Orchestra, damals mit dem Wiener Trompeter Thomas Gansch. Auch die Mitglieder seines Orchesters hat sich Geiselhart aus der Wiener Jazzszene herausgepickt und konnte – der Festspieletat macht´s möglich – als special guest noch die amerikanische Posaunenlegende Ray Anderson verpflichten.
Die Stücke des Abends stammten bis auf zwei von Geiselhart selbst, der mit seinem Vorbild Don Ellis die Vorliebe für komplexe Rhythmen teilt. Geiselhart verarbeitet dabei verschiedene Einflüsse zu einer sehr eigenständigen Musik, beispielhaft zu hören im ersten Stück des Abends, „My instrument is the orchestra“. Schneidende Fanfaren gemahnen an Gladiatorfilme, quasi-orchestrale Arrangements an modernen Bigbandstil à la Maria Schneider, dazwischen gibt es die Möglichkeit zur Improvisation. Bemerkenswert ist, dass Geiselharts Stücke bei aller Komplexität – permanente Taktwechsel! – niemals akademisch klingen, sondern immer einen gewissen Groove bewahren: Musik, die Kopf und Herz gleichermaßen anspricht und schlicht Laune macht.
Solistisch stand an diesem Abend natürlich Ray Anderson im Mittelpunkt. Der New Yorker ist ein ebenso begnadeter Posaunenvirtuose wie verspielter Kindskopf, dessen permanente Aufgekratztheit auch nerven könnte, aber zum Glück durch einige mitreißende Soli von Geiselharts Bandkollegen im Zaum gehalten wurde: vor allem der Gitarrist Martin Koller konnte sich dabei als herausragend innovativer Vertreter seiner Spezies profilieren. Geiselhart moderierte so unterhaltsam wie hemdsärmelig sympathisch, und so ging der Abend in der voll besetzen Reithalle wie im Fluge vorüber. Einziger Wermutstropfen blieb der zu laute und harte Sound der Verstärkung: die konnte den farbenreichen Klang der Band nur andeutungsweise abbilden. Schade.      (STZN)

 

19
Jun

Das Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart mit Alisa Weilerstein

Klirrend kalte Klänge

Spürbar bewegt war Pascal Dusapin nach der Aufführung seines Cellokonzerts „Outscape“. Erst küsste er die Solistin Alisa Weilerstein und herzte hernach die Konzertmeisterin Elena Graf. Nun hatte Dusapin auch allen Grund für Glücksgefühle, war diese europäische Erstaufführung seines Konzerts, einem Auftragswerk des Staatsorchesters Stuttgart und des Chicago Symphony Orchestra, doch ein außergewöhnlich eindrucksvolles Konzerterlebnis. Dusapins Werk ist von der nordischen Landschaft inspiriert, die „Idee einer Schneewüste“ soll ihm bei der Komposition vorgeschwebt haben. Doch unabhängig von außermusikalischen Assoziationen hat Dusapin hier eine ungemein atmosphärische wie bildmächtige Musik geschrieben, in der sich die Klänge aus einer symbiotischen Einheit von Solocello und Orchester heraus naturhaft entwíckeln und dabei immer wieder neue, faszinierende Strukturen bilden. Gerade im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Werken ist diese Musik von großer Sinnlichkeit und in ihrer frostigen Herbheit auch schillernd schön: das Bild einer klirrend kalten Schneelandschaft vermittelt sich vor allem durch eisige, wie mit Raureif überzogene Linien des Solocellos. Der Beifall des Publikums war herzlich, die zugegebene Sarabande aus Bachs 3. Cellosuite rundete den Eindruck aufs Schönste.
Auch Bruckners vierte Sinfonie ist von Naturbezügen durchdrungen, wobei die Schwierigkeit für den Dirigenten vor allem darin besteht, die Prozesshaftigkeit der Musik bruchlos darzustellen. Organisch, wie von selbst sollte sich Bruckners Sinfonik entwickeln, was freilich nur durch akribische Probenarbeit zu erreichen ist und deshalb für einen Gastdirigenten vielleicht auch gar nicht zu schaffen. Der bei Dusapin sehr überzeugende Markus Stenz tat sich damit jedenfalls deutlich schwerer. Muss es denn überhaupt so oft Bruckner sein? (STZN)

3
Jun

Johannes Harneits Kinderoper „Alice im Wunderland“ hatte im Kammertheater Premiere

Opa im Strampelanzug

Warum sich in der Oper Menschen singend unterhalten, ist eine durchaus berechtigte Frage. Weil sich durch die Musik eine zweite Bedeutungsebene eröffnet, könnte man antworten. Oder weil Singen überhaupt etwas Schönes ist, und wenn man es schon auf der Straße nicht tut, dann doch wenigstens auf der Bühne. Freilich hat das Singen auch seine Tücken: „Ich denke,“ sagt Alice im dritten Akt zum Hutmacher, „das hätte ich besser verstanden, wenn ich es aufgeschrieben hätte“, und trifft damit so ganz nebenbei den wunden Punkt dieser Inszenierung der Kinderoper „Alice im Wunderland“, die am Donnerstagabend im Kammertheater Premiere hatte. Denn das gesungene Wort ist nun mal rein akustisch schwerer verständlich als das gesprochene, und wenn das Begreifen des Stücks – wie in diesem Fall – stark vom Text abhängt, kann man leicht den Faden verlieren. Um es klipp und klar zu sagen: über weite Strecken versteht man an diesem Abend nicht, worum es da eigentlich auf der Bühne gerade geht, selbst wenn man die Romanhandlung kennt. Als Basis ihres Librettos hat Lis Arends die Dialogpassagen aus Lewis Carrolls Kinderbuch genommen, ergänzt durch Monologe, in denen die Protagonistin über sich selbst reflexiert. Doch das nachzuvollziehen ist äußerst mühsam, vor allem dann, wenn Sopranistinnen in hoher Lage singen. „Wer ist das?“ oder „Was macht die da?“ hörte man denn auch einige Kinder ihre erwachsenen Begleiter flüsternd fragen, die es wohl selber auch nicht immer verstanden haben. Übertitel wären da möglicherweise hilfreich gewesen.
Dass die Komponisten lange Zeit einen Bogen um das berühmte Buch gemacht haben (erst 2007 gab es eine erste Vertonung von Unsuk Chin) könnte aber auch daran liegen, dass Fantasieräume, wie sie sich beim Lesen auftun, auf einer Theaterbühne nur schwer zu entwerfen sind – der (Trick-)Film hat es da wesentlich leichter. Nun sind die Kostüme von Vesna Hiltmann zwar überaus originell wie liebevoll gemacht, tragen aber manchmal eher zur Verwirrung bei. Dass die grün gekleidete Frau mit dem üppigen Kopfschmuck eine Raupe sein soll, macht erst ein Blick ins Programmheft klar. Und warum trägt der verwirrte Opa im Rollstuhl da einen Strampelanzug? Ach so, das soll ein Baby sein! Wenigstens Hutmacher und Kaninchen sind leicht zu identifizieren.
Die Chance für eine Opernadaption liegt in der Musik. Die müsste fesseln, verzaubern und mitreißen und jene Imaginationsebenen aufreißen, die der Bühne verschlossen bleiben. Und wenngleich der Musik von Johannes Harneit eine wirklich sinnliche Verführungskraft fehlt, hat der Komponist hier doch eine vielschichtige Theatermusik geschrieben, die ein weites stilistisches Spektrum umfasst und sich dabei weder anbiedert noch neutönerisch verweigert. Das kleine Instrumentalensemble unter Leitung von Stefan Schreiber setzt sie animiert um, wie überhaupt hier alle mit Feuereifer bei der Sache sind. Das gilt speziell für den Kinderchor der Staatsoper, aber auch für die Solisten, von denen Victoria Kunze (Alice) am Ende verdientermaßen den größten Applaus bekommt. Ein wenig gerädert fühlt man nach diesem langen Abend (inklusive Pausen 160 Minuten) freilich trotzdem. (StZN)

22
Mai

Das sechste Sinfoniekonzert des Staatsorchesters

Gruselgeschichte mit Trommelgetös

Schon interessant, dass mit Stéphane Denève und Sylvain Cambreling derzeit zwei Franzosen die Chefposten von Stuttgarter Orchestern besetzen. Während aber Denève im Sommer seinen Hut nimmt, wird der GMD des Staatsorchesters noch zwei Jahre bleiben. Interessante Akzente setzen beide: beim 6. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters hat Cambreling nun „La Tragédie de Salome“ seines hierzulande wenig bekannten Landsmanns Florent Schmitt dirigiert. Typische Fin-de-siècle-Musik, in der die Orientbegeisterung ihrer Zeit ebenso ihren Niederschlag gefunden hat wie Schmitts Verehrung für Wagner und Strauss. Wobei Schmitt im Gegensatz zu diesen oberflächliche Effekte nicht scheut: das Wüten der Elemente am Ende der Gruselgeschichte um erotische Verführung und Blutrausch ist ein Getös mit Trommel- und Beckenschlägen, wie es Filmmusikkomponisten nicht plakativer hinbekommen würden. Groß mag diese Musik nicht sein, gehört hat man sie dennoch gern, nicht zuletzt aufgrund des rückenschauerregenden Säuselns und Raunens der Meergeister – Kompliment an die Damen des Staatsopernchors!
Auch György Ligetis „Clocks and Clouds“ ist ein eminent klangsinnliches Stück, das seine Faszination aus dem Übergang von rhythmisch und harmonisch definierten zu offenen, fluiden Zustände gewinnt. Seine ungeheure Suggestionskraft kann es allerdings nur freisetzen, wenn die motivisch-rhythmischen Verschiebungen mit der nötigen Genauigkeit ausgeführt und die Klanggruppen entsprechend austariert werden. Einige zusätzliche Proben hätten da in diesem Fall nicht geschadet.
Zu Konzertbeginn hatte der Pianist Till Fellner mit einer technisch makellosen und musikalisch rundum überzeugenden Interpretation von Beethovens viertem Klavierkonzert beglückt. Fellner sieht sich in der Tradition von Pianisten wie Brendel oder Kempff, und so musiziert er auch: uneitel und hoch reflektiert, mit vielfältigsten Anschlagsnuancierungen. Lyrischer und feiner hat man dieses Konzert selten gehört.  (STZN)

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